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Full text of "Die Onanie [Diskussionen der Wiener psychoanalytischen Vereinigung, Heft 2]"

ONANIE. 



Vierzehn Beiträge zu einer Diskussion der 
«Wiener Psychoanalytischen Vereinigung» 

Dr. B. Dattner / Dr. Paul Federn / Dr. S.Ferenezi 

Professor Dr. Freud / Dr. Josef IC. Friedjung 

Dr. E. Hitschmann / Dr. Otto Rank 

Dr. Rud. Reitler / Gaston Rosenstein 

Dr. Hanns Sachs / Dr. J. Sadger 

Dr. Maximilian Steiner/ Dr. W. Stekel 






Dr. Viktor Tausk. 




** 



Verlag von J. F. BERGMANN 
Wiesbaden / 1912. 



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. -i Diskussionen 

der 

■ I 

Wiener psychoanalytischen Vereinigung. 









Herausgegeben 
von der Vereinsleitung. 






Heft 2. 

INTERNATIONAL 

PSYCHÖANALYTIC 

UNIVERSITY 

DIE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN 




Nachdruck verboten. 

Übersetzungsrecht in alle Sprachen vorbehalten. 

Copyright by J. F. Bergmann 1912. 



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Zur Einleitung. 



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Die Diskussionen in der „Wiener psychoanalytischen Vereinigung" 
verfolgen niemals die Absicht, Gegensätze aufzuheben oder Entschei- 
dungen zu gewinnen. Durch die gleichartige Grundauffassung der 
nämlichen Tatsachen zusammengehalten, getrauen sich die einzelnen 
Redner der schärfsten Ausprägung ihrer individuellen Variationen ohne 
Rücksicht auf die Wahrscheinlichkeit, den anders denkenden Hörer 
zu ihrer Meinung zu bekehren. Es mag dabei viel vorbeigeredet und 
vorbeigehört werden ; die Endwirkung ist doch, dass jeder Einzelne den 
klarsten Eindruck von abweichenden Anschauungen empfangen und 
selbst anderen vermittelt hat. 

Die Diskussion über Onanie, von der hier eigentlich nur Bruch- 
stücke veröffentlicht werden, dauerte mehrere Monate und spielte sich 
in der Weise ab, dass jeder Redner ein Referat erstattete, an welches 
sich eine ausführliche Debatte anschloss. In diese Publikation sind 
nur die Referate aufgenommen worden, nicht auch die an Anregung- 
reichen Debatten, in denen die Gegensätze ausgesprochen und ver- 
fochten wurden. Dies Heft hätte sonst einen Umfang annehmen 
müssen, das seiner Verbreitung und Wirkung sicherlich im Wege 
gestanden wäre. 

Die Wahl des Themas bedarf in unserer Zeit, in der endlich der 
Versuch gemacht wird, auch die Probleme des menschlichen Sexual- 
lebens wissenschaftlicher Ergründung zu unterziehen, keiner Entschul- 
digung. Mehrfache Wiederholungen derselben Gedanken und Behaup- 
tungen waren unvermeidlich; sie entsprechen ja Übereinstimmungen. 
Die vielen Widersprüche zwischen den Auffassungen der Vortragenden 
zu lösen konnte ebensowenig eine Aufgabe der Redaktion sein wie ein 



IV 



Zur Einleitung. 



Versuch, sie zu verheimlichen. Wir hoffen, dass weder die Wieder- 
holungen noch die Widersprüche das Interesse der Leser abstossen 
werden. 

Unsere Absicht war diesmal zu zeigen, auf welche Wege die 
Forschung über die Probleme der Onanie durch das Auftauchen der 
psychoanalytischen Arbeitsweise gedrängt worden ist. Wieweit uns 
diese Absicht gelungen ist, wird sich aus dem Beifall und vielleicht 
noch deutlicher aus dem Tadel der Leser ergeben. 

Wien, im Sommer 1912. 



Die Redaktion 

der „Wiener psychoanalytischen Diskussionen". 



T. 
Dr. E. Hitschmann: 

Es ist selbstverständlich, dass seit durch Freud, Ellis u. a. die 
Allgemeinheit der Onanie, namentlich im Kindesalter, bekannt geworden 
ist, die Stellung der Ärzte und Pädagogen zur Onanie eine andere 
werden musste. Die Ubiquität der Säuglings- und Kinderonanie, das 
Vorkommen der Onanie bei Tieren, infolge gezwungener Abstinenz, 
ferner auch bei Naturvölkern, musste von derselben das Odium des 
Krankhaften nehmen, wodurch die allgemeine Auffassung berechtigter- 
weise eine mildere geworden ist, sozusagen vielfach nur „Temperen/," 
gegenüber der früher geforderten strengen „Abstinenz" als Forderung 
aufgestellt wird. Vereinzelte Stimmen haben es sogar gewagt, in 
gewissen Fällen und Situationen von einem Nutzen der Onanie zu 
sprechen und auch Schäden der plötzlichen Angewöhnung- sind bekannt 
geworden. Wir befinden uns daher in einer Übergangszeit, wo Eltern 
und Erzieher viellacht gelegentlich allzu ängstlich und streng sind und 
durch Üherstrenge schaden, während im Bewusstsein der Arzte nur die 
Schädlichkeit der exzessiven Onanie feststeht und der Patient oft genug 
beruhigt werden muss, der alle seine nervösen Beschwerden auf seine 
Pubertätsonanie zurückführt. 

Die Säuglings- und Kinderonanie in dem von Freud in seinen 
„Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie'' geschilderten normalen Aus- 
maße, die also durch das Latenzstadium bald unterbrochen wird, 
scheint nicht belanglos zur Festlegung des Primats der Genitalzone und 
gerade unter psychisch Impotenten und sexuellen Schwächlingen finden 
wir nicht selten solche, die niemals onaniert zu haben angeben. Auch 
in der Pubertätszeit scheint die Onanie nicht immer ganz vermeidbar, ja, 
für gewisse Veranlagungen als Notventil am Platze und in maßvoller, 
nicht von übertriebenen Schuldgefühlen beunruhigter 
Weise, als Provisorium betrieben, von relativem Vorteil zu sein, dem 
Betreffenden Geld, Gefahr der sexuellen Infektion, sowie das Aufsuchen 
schlechter Gesellschaft ersparend. Es scheint ferner unzweifelhaft, dass 
vereinzelte Individuen durch die schwer realisierbare Art ihrer Phan- 
tasien oder durch äussere Umstände, wie Kontrolle, Geldmangel und 

Wiener Diskussionen. (Heft II.) 1 






9 „Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

ähnl. sich gezwungen sehen, die Masturbation weiter fortzusetzen, ohne 
in ihrer körperlichen Gesundheit Folgen merken zu lassen. 

Freilich dürfte für die meisten Fälle einer über die Pubertätszeit 
oder in übertriebener Weise fortgesetzten Selbstbefriedigung das Indi- 
viduum bedeutsame psychische Folgen davontragen, worauf Freud 
nachdrücklich hingewiesen hat. Die Betreffenden sind durch das Phan- 
tasieideal verwöhnt und werden bei der Wahl eines realen Liebes- 
objektes leicht enttäuscht. Sie sind selten ohne den Selbstvorwurf der 
Willensschwäche, Neigung zu Schuldgefühlen anzutreffen und leben iso- 
lierter, da sie sich den energischen Kampf um das Liebesobjekt ersparen, 
der vorbildlich ist für den übrigen Lebenskampf; das bequeme Ventil 
lässt eine heroische Sexualität bei ihnen nicht aufkommen. Dem Ideal 
eines männlichen Kämpfers, eines gesellschaftlichen Eroberers stehen sie 
sicherlich fern. Dass sie den Übergang zur normalen Sexualität, zum 
Weibe, insbesondere zur Ehe, nur unter Schwierigkeiten finden, ist 
begreiflich; mancher Selbstmord eines Bräutigams oder Hochzeiters 
gehört hierher. 

Der Übergang zum normalen Geschlechtsverkehr unter ärztlicher 
Beratung, die über die Angst vor Impotenz hinweghilft, bedeutet den 
einzigen Ausweg und oft die Heilung. Denn die Unfähigkeit zur Ab- 
stinenz (wie auch zum Coitus interruptus) ist manchmal ein Kennzeichen 
des Onaniemissbrauchs. Dass sich ein noch weiter detailliertes Charakter- 
bild aufstellen lässt, das ganz allgemein bestehendem oder bestandenem 
Missbrauch entspricht, glaube ich nicht. Wie die ursprünglich seelische 
Anlage auf die Masturbation und deren Probleme reagiert, wie sie mit 
ihnen fertig geworden ist, oder nicht, dürfte sehr verschieden ausfallen. 
Sehen wir zunächst vom Zusammenhang der Onanie mit den 
Psj'choneurosen und davon ab, dass der seiner infantilen Sexualbefrie- 
digung treu Bleibende der Neurose viel leichter verfällt, worauf wir 
später zurückkommen, so sei im Gegensatz zum bisherigen vor allem 
darauf hingewiesen , dass eine ex zessivedurch Jahre fortgesetzte 
Onanie sicherlich körperlich gesundheitliche Folgen hat. Die Ursachen 
für diese auch schon im frühen Alter exzessiv auftretende Onanie sind 
jedenfalls zum Teil konstitutionelle und vererbbare, sei es, dass der Trieb, 
sei es, dass das Phantasievermögen abnorm stark sind, sie wird aber gewiss 
durch eine vernachlässigte Erziehung im Umsichgreifen gefördert und ist, 
zumal sie als Zeichen einer abnormen Anlage gelten muss, der Behand- 
lung nur schwer zugänglich. Dass diese Individuen mangelnde Kon- 
zentration beim Studium, vielleicht auch Gedächtnisschwäche zeigen, 
mag richtig sein. Bekanntlich führen die exzessive Onanie wie die 
gehäuften Pollutionen zuweilen zur echten sexuellen Neurasthenie (im 
engern Sinne), wie sie Freud beschrieben hat. Der inadäquate, viel- 
leicht auch unvollkommene Ablauf des Sexualaktes führt zu Kopfschmerz, 



— 



Über Onanie. o 

Spinalirritation, Dyspepsie, Obstipation, Flatulenz, ferner: Herzerschei- 
nungen (Masturbanten-Herz), Magenschmerz, Augenflimmern, Geruchs- 
haUuzinationen, in manchen Fällen auch zu anatomischen Veränderungen 
am caput gallinaginis, zu Prostatitis, Atonia prostatae, Spermatorrhoe 
und Impotenzerscheinungen. Unter den angeführten Symptomen sind 
namentlich die Ejaculatio praecox wie die gehäuften Pollutionen nicht 
sowohl auf die Onanie als solche, als auf die exzessive, sog. geistige 
Onanie, d. h. das Hingeben an Phantasien bis zur Ejakulation, sowie 
auf sog. frustrane Erregungen zurückzuführen, die es bei exzessiver 
Bestätigung auch zu Tagespollutionen kommen lassen. Inwieweit eine 
organische Anlage oder angeborene Defekte der betreffenden Organe die 
Disposition zu all diesen Erscheinungen ergeben, darüber sind die Akten 
noch nicht geschlossen. — Es sei speziell hervorgehoben, dass ein 
grosser Teil der neurasthenischen Symptome — sei es toxischer, sei es 
psychogener Natur — in ganz analoger Weise gelegentlich bei der Frau 
zu beobachten ist. Es wäre hier die Frage aufzuwerfen, ob die Pollution 
überhaupt als rein physiologischer und notwendiger Vorgang aufzufassen 
ist, da es ja auch zahlreiche Menschen gibt, die trotz Einhaltung der 
Abstinenz nie eine Pollution gehabt haben. Es scheint eben ungezählte 
Übergänge von der Onanie über Onanie im Schlafe und unbewusste 
Onanie bis zur Pollution zu geben. Der Zusammenhang mit der 
Urethralerotik sowie mit mancher Enuresis (= Pollution des Unreifen), 
die ebenfalls von Freud mit der Masturbation in Zusammenhang 
gebracht wurde, ist noch nicht genügend geklärt. Empirisch genommen 
ist die Pollution bis zu einem gewissen Alter, wenn sie selten auftritt, 
neben voller Gesundheit möglich, jedoch in vielen Fällen wenig befrie- 
digend und macht neurasthenische Beschwerden. Die Ejaculatio praecox, 
die den raschen Ablauf der Sexualerregung bedeutet, spielt eine unglück- 
selige Rolle in der Ehe, weil die Frau im Koitus nur erregt und nicht 
befriedigt wird, was zur Störung des Eheglücks oder zur Neurose 
führen kann. 

Was die weibliche Onanie anbelangt, die bei erwachsenen Individuen 
meist noch schwerer eruierbar ist, als beim männlichen Geschlecht, so 
ist sie gewiss auch überaus häufig. Sie wird in der Kinderzeit nach 
Freud häufiger an der Klitoris vorgenommen, später vielfach in der 
Scheide, an den kleinen Labien und zwar wird die linke Seite bevorzugt, 
vermutlich weil die rechte Hand dazu benützt wird. Auch ist die 
Kompression der Schenkel bei weiblichen Individuen häufiger als beim 
Mann. Indem wir hier der oben erwähnten Neurasthenie, sowie des 
die Onanie gelegentlich begleitenden Fluor albus nur Erwähnung tun, 
sei als eine bedeutsame Folge die sexuelle Anästhesie der Frau hervor- 
gehoben. Es handelt sich dabei nicht um die vollkommene Anästhesie, 
welche etwa mit Genitalhypoplasie einhergeht, auch nicht um jene 



„Wiener psychoanalytische Diskussionen.' 



fakultative, die aus gewissen psychischen Anlässen bei einem Mann 
vorhanden ist, beim andern nicht, sondern um jene Unbefriedigung, 
welche von Freud darauf zurückgeführt wurde, dass die seinerzeit 
übertrieben betätigte Klistorissexualität (eine Art infantiler Männlich- 
keit) nicht überwandert auf die Scheide, welche ja allein beim Koitus 
der Friktion ausgesetzt ist. Dazu kommt, dass die Onanie die Frau 
einerseits in der Phantasiewahl ihres Objektes, andererseits vielleicht 
in Art, Rhythmus und Dauer des Befriedigungsaktes verwöhnt hat. Die 
Onanie wird dann nicht nur als Ursache der Anästhesie auftreten, son- 
dern sie wird erst recht als Folge der Unbefriedigung im Koitus geübt 
werden. So wird vielfach von Frauen angegeben, dass sie gezwungen 
sind, den unbefriedigenden Koitus durch Selbstbefriedigung zur Vollend- 
ung zu bringen. In manchen Fällen wird sich diese Art sexueller 
Anästhesie durch die sogenannte Titillatio vulvae, die Berührung des 
Genitales durch die Hand des Mannes vor dem Koitus beheben lassen, 
ein Rat, der schon in den alten indischen Schriften der Liebeskunst, 
und in der ars amandi Ovids etc. gegeben wird. Auch eine Änderung 
der Stellung im Koitus mag manchmal Erfolg haben ; die gute Potenz 
und Liebeskunst des Mannes bleibt jedenfalls Voraussetzung. Ob nicht 
in manchen Fällen eine durch Einrisse bei der Geburt geschädigte Scheide 
durch Kolporaphie ihre engere Form und damit Empfindung wieder- 
erhält, muss erst durch eine grössere Statistik bewiesen werden. 

Wir haben uns früher, von einigen Bemerkungen über das 
Charakterbild des Masturbanten abgesehen, vorbehalten, die Folgen für 
die Gesundheit der Psyche auszuführen. Die Schädlichkeit der Onanie, 
ihre Bedeutung für die Psychoneurosen , ist nach Freud 
„nur zum geringen Anteil eine autonome, durch ihre eigene Natur 
bedingte. Der Hauptsache nach fallt sie mit der pathogenen Bedeutung 
des Sexuallebens überhaupt zusammen." Infolge ungünstiger Sexual- 
konstitutionen oder gestörter Entwicklung erkranken gewisse Indivi- 
duen, weil sie „die Anforderungen zur Unterdrückung der Sublimierung 
der sexuellen Komponenten nicht ohne Hemmungen und Ersatzbildungen 
erfüllen können." Schon die Kinderonanie hinterlässt „die tiefsten Ein- 
druckspuren im (unbewussten) Gedächtnis der Person, bestimmt die 
Entwicklung ihres Charakters, wenn sie gesund bleibt, und die Sympto- 
matik der Neurose, wenn sie nach der Pubertät erkrankt. Der psychische 
Anteil des onanistischen Aktes, der Inhalt der ihn begleitenden bewussten 
oder unbewussten Phantasien ist hier von der grössten Bedeutung. 
Die Phantasien enthalten kindliche Incest-, Perversions- oder Inversions- 
neigungen angedeutet, die sich in gewissen Fällen später auch manifest 
äussern können. Die Produktion von Phantasien in mehr weniger 
nahem Zusammenhang mit dem Masturbationsakt ist ja dann das Vor- 
bild der Tagträume, die infolge missglückter Verdrängung zur Vorstufe 



Über Onanie. 5 

der hysterischen Symptombüdung werden. Gewisse „hysterischen Traum- 
zustände" wurden von Abraham in Zusammenhang mit Masturbation 
gebracht. Die Onanie als psychisches Erlebnis, häufig kompliziert durch 
ein imponierendes Verbotstrauma, bildet den häufigsten Inhalt des frühen 
sexuellen Vorwurfs und wird so zur Ursache mancher Zwangsvorstel- 
lungen, wie sie auch bei der Zwangsneurose und paranoiden Demenz oft 
eine grosse Rolle spielt. Es gibt wohl keine andere „Sünde 1 ' für das 
Kind, die mit einem solch dauernden Schuldgefühl und Angst vor Be- 
strafung, mit so bedeutsamen psychischen Reaktionen verbunden ist, wie 
die sexuelle .Sünde", besonders die Onanie. Es bildet dies einen wichtigen 
Anhaltspunkt für den spezifischen Zusammenhang der Neurosen mit dem 
Sexualleben. Dass die bekämpfte oder plötzlich unterbrochene Onanie- 
betätigung durch die einsetzende Unbefriedigung zur Angst führt, hat 
ebenfalls Freu d betont. Ferner sei noch der Verstimmungen, aller 
möglichen hypochondrischen Angstgefühle (Angst vor Paralyse, Tabes, 
Säfteverlnst etc.), des Waschzwangs und der Erythrophobie Erwähnung 
getan, da es nicht in der Absicht des Referenten liegt, dieses Gebiet 
des Onanieproblems und seine psychoanalytische Bedeutung diesmal 
ausführlich zu erledigen. 

Aus allem früheren ergibt sich, dass sowohl die Fortsetzung der 
wahrscheinlich als normal rezidivierenden Pubertätsonanie sowie auch 
jede exzessive Betätigung irgend einer Onanie in milder und aufklärender 
Weise zu inhibieren ist, nachdem wir bisher die vielfach möglichen 
Schäden einer pathologischen Onanie ausgeführt haben. Die Prophylaxe 
wird natürlich die idealere Forderung sein. Sollen Arzte und Erzieher 
hier Erfolgreiches leisten, so ist die erste Forderung die nach aus- 
reichendem Sexualwissen dieser Faktoren. Die häusliche wie die öffent- 
liche Erziehung wird vor allem durch genügende Aufmerksamkeit auf 
die Anfänge, durch vorsichtige Ausscheidung jeder Verführung, durch 
frugale, den Sport fördernde Erziehung zu wirken haben. Die Erziehung 
im Hause wird auf volle Aufrichtigkeit zwischen Kind und Erzieher 
hinarbeiten, sie wird eine liebevolle, robuste, frohe und ablenkende sein 
müssen. Indem das Kind möglichst wenig sich selbst und seinen 
Träumereien überlassen ist und durch rechtzeitige sexuelle Aufklärung 
gewarnt wurde, wird es, wenn die Belastung keine allzuschwere ist, 
gelingen, die Onanie zu vermeiden oder doch nicht krankhaft werden 
zu lassen. Voraussetzung ist dabei jedenfalls, dass eine übertriebene 
körperliche Zärtlichkeit der Eltern etc. vom Kinde fern gehalten wird. 
Anderseits ist wahrscheinlich ein sich ungeliebt und vernachlässigt 
fühlendes, vereinsamtes Kind eher der Hingabe an das Phantasieleben 
und dem Trost der Selbstbefriedigung verfallen. In Erziehungsinstituten 
muss besonders auf die Onanie geachtet werden, weil sie in der nicht 
selten mutuell ausgeübten Form der Homosexualität Vorschub leisten 



g „Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

kann, und sind also auch hier die betreffenden Faktoren genügend zu 
informieren. Auf unglückselige Folgen besonders brüsker und strenger 
Verbote sei noch ausdrücklich hingewiesen, so insbesondere auf das 
Schwörenlassen, die beliebte Drohung mit dem Abschneiden des Gliedes, 
mit den verschiedenen Folgen geistiger Unfähigkeit, Sterbenmüssens, u.dgl. 
Solche beängstigende Verbote finden wir nicht selten am Grunde einer 
Neurose als unheilbringend vor. Das Dringendste ist vielmehr, den 
Zögling von dem drückenden Schuldgefühl, der Sorge vor drohenden 
schweren Gesundheitsfolgen zu entlasten ; er ist zunächst zur Mäßigkeit 
anzuhalten und zur allmählichen Überwindung des Bedürfnisses. Die 
Behandlung einer durch mangelnde Obhut bereits exessiv gewordenen 
Onanie bereitet allerdings grössere Schwierigkeiten ; es dürfte vor allem 
auch hier die psychische Beeinflussung und Entfernung aus dem Milieu 
nicht unterschätzt werden, gegenüber den meist im Stiche lassenden 
Apparaten und Medikamenten. 

Zum Schlüsse seien aber neuerlich die Schatten gebannt, die in 
einer von Krankenbeobachtungen ausgehenden Schilderung dieser vom 
physiologischen ins pathologische Gebiet reichenden sexuellen Übung 
auftauchen. Die Onanie führt selten zu organischen krankhaften 
Schäden und meist nur bei konstitutioneller Disposition. Auch die 
psychischen Folgen sind rechtzeitig durch Aufklärung und Beruhigung 
oder psychische Behandlung zu beheben. Viel mehr Schaden stiftet das 
übergrosse Schuldgefühl und die grundlose Angst vor schweren Folgen. 



IL 

Dr. S. Ferenczi (Budapest): 

Ein Teil der durch die Onanie verursachten neurotischen Störungen 
ist sicher rein psychischer Natur und lässt sich aus der Angst ableiten, 
die in der ersten Kindheit, zur Zeit der Kindermasturbation, mit der 
Selbstbefriedigung in unlösbare assoziative Verknüpfung gebracht wurde 
(Kastrationsbefürchtung bei Knaben, Angst vor Abschneiden der Hände 
bei Mädchen). Eine grosse Anzahl von Hysterien und Zwangsneurosen 
erweist sich bei der Analyse als psychische Folge dieser infantilen 
Angst, die sich — beim Erwachen der Objektliebe — mit der Angst 
vor inzestuösen Onanie-Phantasien vergesellschaftet. Die Angst des 
Erwachsenen vor der Masturbation ist also aus der infantilen 
(Kastrations-) Angst und aus der juvenilen (Inzest-) Angst 
zusammengesetzt und die diese Angst konvertierenden und substituierenden 
Symptome lassen sich durch Analyse beseitigen. 

Es ist mir aber nicht zweifelhaft, dass die Onanie auch unmittelbar 
gewisse nervöse und psychische Störungen hervorzurufen imstande ist, 



Über Onanie. 7 

wenn auch nicht oft genug darauf hingewiesen werden kann, dass 
diese ihre Bedeutung meist viel geringfügiger ist, als die der durch 
rohe Abschreckung und Verdrängung verursachten psychoneurotischen 
Symptome. 

In einer Reihe von Fällen, in denen die Analyse die Angst vor 
Kastrations- und Inzestgedanken bewusst gemacht und dadurch psycho- 
neurotische Symptome beseitigt hatte, in denen aber die Onanie-Abstinenz 
auch während und nach der Behandlung keine totale war, zeigten die 
Patienten am Tage nach der Masturbation eine typische Störung in 
ihrem psychischen und somatischen Befinden, die ich als Ei n tags - 
Neurasthenie bezeichnen möchte. Die hauptsächlichen Klagen der 
Patienten waren : starke Ermüdbarkeit und bleierne Schwere in den 
Beinen, die sich besonders in der Früh beim Aufstehen zeigte; Schlaf- 
losigkeit oder gestörter Schlaf; Überempfindlichkeit Licht- und Schall- 
reizen gegenüber (manchmal förmliche Schmerzempfindungen in Auge 
und Ohr) ; Magenstörungen ; Parästhesien in der Lendenwirbelgegend 
und Druckempfindlichkeit längs der Nervenstränge. In der psychischen 
Sphäre: grosse gemütliche Reizbarkeit, Missmutigkeit und Nörgelsucht. 
Unfähigkeit oder verminderte Fähigkeit zur Konzentration (Aprosexie). 
Diese Störungen hielten am ganzen Vormittage an. wichen allmählich 
in den ersten Nachmittagsstunden, und erst gegen Abend war das 
körperliche Empfinden, die Ruhe in der Gefühlssphäre und die intellek- 
tuelle Leistungsfähigkeit wiederhergestellt. 

Ich bemerke ausdrücklich, dass diese Symptome mit keiner 
Rezidive oder Verschlimmerung der psychoneurotischen Symptome ein- 
hergingen und dass es in keinem einzigen Falle gelang, diesen Symp- 
tomen psychoanalytisch beizukommen oder sie auf diesem Wege zu 
beeinflussen. Die Ehrlichkeit gebietet also, hier von psychologischen 
Spekulationen abzusehen, und die beschriebenen Symptome als physio- 
logische Folgen der Onanie anzuerkennen. 

Diese Feststellung stützt aber, wie ich glaube, die Anschauung 
Freuds über die Genese der Neurasthenie. Man kann eben die masturba- 
torische Aktualneurose aLs ein Chronischwerden, eine Summierung der 
Symptome der ouanistischen Eintags-Neurasthenien auffassen. 

Dass aber die masturbatorische Betätigung wirklich imstande ist 
physiologische Wirkungen, die dem normalen Koitus- Akte nicht zukommen, 
herbeizuführen, dafür spricht manche Beobachtung und es widerspricht 
dem auch die theoretische Überlegung nicht. 

Es gibt Männer, die mit ihren Frauen, trotz der Abnahme der 
Libido, häufig sexuell verkehren, dabei aber in der Phantasie die Person 
der Frau durch eine andere ersetzen, die also gleichsam in vaginam 
onanieren. Wenn solche Männer zeitweise mit einer anderen, sie voll 



8 



,. Wiener psychoanalytische Diskussionen." 



befriedigenden Person verkehren, so bemerken sie einen sehr grossen 
Unterschied zwischen ihrem Befinden nach dem durch Phantasie unter- 
stützten und nach dem an sich zufriedenstellenden Koitus. Erfüllte die 
Person die Bedingungen ihrer Libido, so fühlten sie sich nach dem 
Koitus erquickt, verfielen in einen, wenn auch kurzdauernden Schlaf, 
und waren sowohl am selben, wie auch am darauffolgenden Tage 
ungewöhnlich leistungsfähig. Dem onanistischen Koitus folgte aber 
sicher eine Eintagsneurasthenie, mit allen oben beschriebenen Symp- 
tomen. Besonders typisch stellten sich in solchen Fällen unmittelbar 
nach dem Verkehr Augenschmerzen bei Lichteinfall, Schwere in den 
Beinen und — nebst der psychischen Reizbarkeit — eine ausgesprochene 
Hyperästhesie der Haut, besonders Empfindlichkeit gegen Kitzelreiz ein. 
Die Schlaflosigkeit musste ich auf Grund des begleitenden Hitzegefühls 
und der Pulsationsgefühle als Folge vasomotorischer Reizzustände deuten. 

Auch die theoretische Überlegung ergibt keinen stichhaltigen Ein- 
wand gegen die Annahme, dass der normale Koitus und die Masturbation 
nicht nur psychologisch, sondern auch physiologisch verschieden zu 
wertende Vorgänge sind. Ob die Onanie mit Reibung durch die Hand 
oder durch Friktionen des Gliedes an der Vagina eines nichtbefriedigenden 
Sexualobjektes vorgenommen wird: zwei Vorgänge sind im Vergleich 
zum normalen Verkehr wesentlich verändert. Bei der Onanie, 
bleibt die normale Vorlust aus, dagegen ist der Anteil 
der Phantasie beim Akt gewaltsam gesteigert. Ich glaube 
nun nicht, dass die Vorlust ein rein psychologischer Vorgang ist. 
Wenn man ein befriedigendes Sexualobjekt ansieht, betastet, küsst, 
umarmt, so kommt es zu heftiger Erregung der optischen, taktilen, 
oralen und muskulären erogenen Zonen, die einen Teil dieser Erregung 
automatisch der Genitalzone abgeben; der Prozess spielt sich also 
zunächst in den Sinnesorganen, resp. den Sinneszentren ab und die 
Phantasie wird nur sekundär in Mitleidenschaft — richtiger in Mit- 
freude — gezogen. Bei der Onanie schweigen aber alle Sinnesorgane 
und die ganze Erregungssumme muss die bewusste Phantasie und der 
Genitalreiz aufbringen. 

Das gewaltsame Festhalten eines oft mit halluzinatorischer Schärfe 
vorbestellten Bildes während des normalerweise fast ganz unbewussten 
Sexualaktes ist aber keine geringe Aufgabe, sicherlich gross genug, um 
eine nachfolgende Ermüdbarkeit der Aufmerksamkeit zu erklären. 

Die Reizbarkeit der Sinnesorgane nach der Onanie (und bei der 
Neurasthenie) kann man sich allerdings nicht ohne weiteres erklären. 
Dazu weiss man noch von den nervösen Vorgängen beim normalen 
Koitus zu wenig. Durch die Reizung der erogenen Zonen wird beim 
Koitus zunächst die Bereitschaft des Genitalorgans geweckt: bei den 
darauffolgenden Friktionen spielt dann der genitospinale Reflex die 



Über Onanie. 



Hauptrolle; es kommt zu einer Summation der Genital-Reize, und zu- 
letzt — • gleichzeitig mit der Ejakulation — zu einer explosionsartigen 
Ausstrahlung der Erregung in den ganzen Körper. Ich vermute, dass 
die Wollust, die wie die Gemeingefühle überhaupt, nicht lokalisierbar 
ist, dadurch entsteht, dass wenn der Genitalreiz sich gehörig summiert 
oder eine gewisse Spannung erreicht hat, er explosionsartig über das 
spinale Zentrum hinaus in die ganze Fühlsphäre, also auch in die 
Haut- und Sinnes-Zentren ausstrahlt. 

Ist dem so, so mag es nicht gleichgültig sein, ob die Wollustwelle 
durch Vorlust vorbereitete, oder aber unerregte, gleichsam kalte Fühl- 
sphären vorfindet. Es ist also zu mindest nicht selbstverständlich, dass 
die nervösen Vorgänge beim Koitus und bei der Masturbation physio- 
logisch identisch seien, ja, die erwähnten Überlegungen geben sogar 
einen Fingerzeig dafür, wo man die Ursachen der nach der Onanie 
verbleibenden vasomotorischen, sensiblen, sensorischen und psychischen 
Überreizung zu suchen hätte. Es ist möglich, dass die Wollustwelle 
normalerweise restlos abklingt, bei der Masturbation aber ein Teil 
der Erregung sich nicht ordentlich ausgleichen kann ; diese restliche 
Erregungssumme gäbe die Erklärung der Eintagsneurasthenie — vielleicht 
der Neurasthenie überhaupt '). 

Auch die Entdeckungen von Fliess über die Beziehungen zwischen 
Nase und Genitale darf man nicht vergessen. Die vasomotorische Über- 
reizung bei der Masturbation kann chronische Störungen im erektilen 
Gewebe der Nasenschleimhaut verursachen, die dann die verschiedensten 
Neuralgien und funktionellen Störungen nach sich ziehen mag. — In 
einigen Fällen von Masturbationsneurasthenie besserte sich das Befinden 
zusehends nach Ätzung der Genitalpunkte der Nase. — Es müssten 
hierüber Untersuchungen in grossem Maßstabe vorgenommen werden. 

Während ich mit dem Gesagten davor warnen wollte, die Folgen 
der Masturbation ausschliesslich vom psychologischen Standpunkte zu 
betrachten, fürchte ich. dass man bei der Frage der ejaculatio 
praecox den entgegengesetzten Fehler begeht. Nach meinen Erfahr- 
ungen tritt die vorzeitige Samenentleerung oft bei Leuten ein, denen 
der Koitus aus einem oder dem anderen Grunde peinlich ist, die also 
ein Interesse daran haben ihn je rascher zu erledigen. Wir wissen nun, 
dass die Onanisten — durch ihre Phantasien verzogen — nur zu bald 
mit dem Sexualobjekt unzufrieden sind und es ist anzunehmen, dass sie 
den Verkehr in unbewusster Absicht verkürzen möchten. Damit will 



U „Eintagsneurasthenic " kommt manchmal auch nach ganz normalem 
Koitus zustande, z. B. wenn der Beischlaf ausnahmsweise am Vormittag ausgeübt 
wird, wo die Libido gewöhnlich geringer ist. Die Libido steigert sich erst in den 
späten Nachmittagsstunden, was gewiss nicht ohne Beziehung zu den abendlichen 
Besserungen im Befinden der Neurastheniker ist. 



10 



..Wiener psychoanalytische Diskussionen." 



ich nicht gesagt haben, dass lokale Ursachen (Veränderungen um die 
ductus ejaculatorii herum) für die ejaculatio praecox in keinem Falle 
verantwortlich zu machen sind. 

Ich möchte nur noch über die Genese der Zahnreiss-Symbolik 
der Onanie in Träumen und Neurosen eine Bemerkung vorbringen. Es 
ist uns allen bekannt, dass in Träumen das Zahnreissen symbolisch 
Onanie bedeutet. Freud und Uank haben das mit einwandfreien 
Beispielen belegt und auch auf den deutschen Sprachgebrauch, der der- 
selben Symbolik huldigt, hingewiesen. Nun kommt aber dasselbe Symbol 
sehr häufig bei Ungarn vor, die jene deutschen Ausdrücke ') ganz sicher 
nicht kannten ; und doch hat die ungarische Sprache kein ähnliches 
Synonym der Masturbation. Hingegen konnte in allen Fällen die sym- 
bolische Identifizierung von Zahnreissen und Kastration durch 
die Analyse wahrscheinlich gemacht werden. Der Traum setzt 
Zahnreissen symbolisch für Kastration (d. h. die Strafe an 
Stelle der Onanie). 

Für die Bildung dieses Symboles der Onanie mag — nebst der 
äusserlicben Ähnlichkeit von Zahn und Penis, Zahnreissen und Penis- 
abschneiden — ein zeitliches Moment nicht ohne Bedeutung sein. 
Kastration und Zahnreissen (Herausfallen der Zähne) sind eben die 
ersten operativen Eingriffe, deren Möglichkeit an das Kind ernstlich 
herantritt. Es fällt dann dem Kinde nicht schwer, das Unlustvollere 
der beiden Eingriffe (Kastration) aus der Phantasie zu verdrängen, das 
ihm ähnliche Zahnreissen hingegen symbolisch aber zu betonen. So etwa 
mag die Sexualsymbolik überhaupt Zustandekommen. 

Es gibt übrigens auch eine eigene Zahn -Neurose (übermäßige 
Angst vor jedem Eingriffe an den Zähnen ; fortwährendes Herumbohren 
und Stochern in den Kavitäten hohler Zähne ; Zwangsvorstellungen, die 
sich mit den Zähnen beschäftigen, etc.). Bei der Analyse erweist sich 
diese als Abkömmling der Onanie — resp. der Kastrationsangst. 



III. 

Dr. Sadger: 

Es gibt wohl kaum eine Abweichung vom normalen Geschlechts- 
leben, die derart allgemein verbreitet ist wie die Masturbation. Man 
darf ruhig behaupten, dass die Zahl der Onanisten, männlichen sowie 
weiblichen Geschlechtes, d. h. von Menschen die irgend einmal in ihrem 
Leben sich länger oder kürzer selbst befriedigten, eine ganz ungeheuer 
grosse ist. Die Gründe hierfür sind neben der Allgemeinheit und Intensität 



!) „Sich einen herunteri-eissen' etc. 



Über Onanie. 



11 



des Geschlechtsempfindens vornehmlich zwei: dass die Masturbation ein 
allzeit parates Ausdrucksmittel ist für jegliche Art sexueller Gelüste, 
und dass sie ferner das grosse Trost- und Beruhigungsmittel, zu welchem 
man gerne in jeglicher Not und Ungemach flüchtet, 

Freud wies schon nachdrücklichst darauf liin, dass Onanie kein 
einheitlicher Begriff ist, nicht eine bestimmte Perversion bedeutet, 
sondern nur einen exekutiven Akt, eine lustvolle Handlung, in die man 
den jeweils gewünschten Sinn durch seine Phantasie erst hineinlegen 
muss. Was immer auch peripher getan wird, ist nicht die Hauptsache, 
sondern was man beim Masturbieren sich denkt. Die wahre und ominöse 
Bedeutung erhält der einförmige onanistische Akt durch die ihn be- 
gleitenden geschlechtlichen Vorstellungen oder Phantasien. Man kann 
z. B. masturbieren mit sadistischen oder sodom istischen Gedanken, mit 
der Vorstellung eines normalen Koitus oder homosexueller Akte, in 
fetischistischer Verzückung oder der Einbildung andrer Perversionen. 
Immer jedoch bleibt Kern und Hauptsache nicht das Pressen und Reiben, 
so man gewöhnlich Onanie betitelt, sondern die begleitende Phantasie, 
der gegenüber alle physische Betätigung vollständig zurücktritt. 

Ein bedeutsamer Einwand scheint nahe zu liegen. Gibt es nicht 
auch eine Masturbation rein somatischer Art ohne Phantasie? Drauf 
dünkt mich die Antwort: es ist durchaus möglich, dass ganz zu Beginn 
onanistischen Tuns, etwa beim Säugling, oder auch bei einer frischen 
Verführung nur ein Körperliches geleistet wird. Doch sehr bald wird 
dem äussern Vergnügen sich eine erlebte Lust verknüpfen, die nach 
steter Wiederholung drängt, Auch kommt es oft vor, dass Begleit- 
phantasien den Betreffenden nicht ans Bewusstsein dringen, oder, wenn 
schon einmal, die kräftigste Unterdrückung erfahren, dieweil sie allzu 
anstössi»- erscheinen. Es gibt ganz zweifellos nicht oder unbewusste 
Phantasien. Je mehr man nach solchen, bewussten wie unbewussten, 
bei jeglichem Masturbationsakte forscht, desto seltener wird man sie 
je vermissen. Und es kann, wie ich später am Beispiel der sog. geistigen 
Onanie ausführen werde, weit eher geschehen, dass das peripher exekutive 
Tun in Wegfall kommt, als die begleitende Phantasie. 

Ich dringe vielleicht am raschesten ins Herz der Onanieprobleme, 
wenn ich von einem praktischen Falle ausgehe, den ich der Analyse 
unterwerfen konnte. Ein 32 jähriger Mann laboriert an psychischer 
Impotenz, welche er auf langjährige Masturbation zurückfuhrt, die er 
trotz aller guten Vorsätze und regelmäßigen Sexualverkehrs mit Prosti- 
tuierten nicht aufzugeben imstande sei. Im 14. Lebensjahr sei er durch 
einen Vetter verführt worden, der im Ganzen ihn etwa dreimal miss- 
brauchte. Da das Vergnügen nur sehr bescheiden, so trieb Patient in 
den ersten Jahren nur selten und immer solitäre Onanie, auch nicht 
mit der Vorstellung eines Mannes, sondern stets eines vollen Frauen- 



12 



..Wiener psychoanalytische Diskussionen." 



busens. Als mit 18 Jahren die Pubertät machtvoll durchbrach, liub er 
nicht nur öfters zu niasturbieren, sondern auch ganz regelmäßig mit 
Dirnen zu verkehren an. Doch gewahrte das letztere ihm so wenig 
Befriedigung, dass er immer wieder zur Onanie zurückkehrte, trotzdem 
sich darnach stets tiefe Depressionen einstellten. In den 20 er Jahren 
beginnt nun eine andere Phantasie. Abends im Bette, wo er gewöhnlich 
masturbierte, malte er sich eine Entkleidungsszene aus, sei es, dass er 
da ein Mädchen auszog, oder dieses sich selber, ohne dass er jemals an 
einen Koitus auch nur gedacht hätte. Den letzteren übte er gesundheits- 
halber mit käuflichen Weibern, doch galt er ihm stets nur als schlechtes 
Surrogat der Masturbation. Nach mehreren Wochen fortgesetzter 
Psychoanalyse kam eine Reihe wichtiger Ergänzungen. Der Verführung 
durch den Vetter, erinnert er nun ganz genau, kam er selber auf halbem 
Wege entgegen, so dass ihm das Technische nicht unbekannt gewesen 
sein konnte. Ja richtig, zwei Jahre zuvor habe er auch schon onaniert, 
und zwar gemeinsam mit einem Kollegen, doch jeder für sich und auch 
schon mit Sperma, Das Technische habe er auch schon damals weg- 
gehabt. Hier unterbricht er sich plötzlich: „Herr Dr., gibt es auch eine 
Masturbation ohne Samen?" — „Gewiss". - „Dann werde ich schon 
früher onaniert haben. Denn ich weiss, mich beschäftigten immer die 
weiblichen Brüste besonders, die ich mir beim Masturbieren stets vor- 
stellte, während ich ein Gesicht eigentlich niemals sah. Mit 8 Jahren 
las ich in Schillers ,llüubern' die Stelle: ,aus den Armen der Wollust 
zu reissen', was ich mir auslegte als ,von einem weiblichen Busen weg', 
den ich also schon früher gesehen haben musste." Patient war Bräutigam, 
der sich alltäglich frustran erregte. Besonders drückte ein Umstand 
ihn nieder, dass ihm bei der Braut keine Erektionen kamen. Erwachte 
er dann morgens mit einer solchen, so onanierte er manchmal aus Trost- 
bedürfnis. Das Verhältnis war also jetzt umgekehrt wie früher. Hatte 
er in der Pubertät Depressionen nach dem Masturbieren, so onanierte 
er jetzt als Bräutigam, um der Niedergeschlagenheit zu entgehen. Und 
noch eine Änderung liess sich nachweisen. Nach einer achtwöchentlichen 
Analyse bemerkte Patient, dass seine Phantasien, wenn er jetzt mastur- 
bierte, sich ausschliesslich auf den Koitus mit der Braut bezogen, nicht 
mehr auf den Busen oder eine Entkleidung. 

Überblicken wir den vorstehenden Fall, so regt er eine Reihe von 
Fragen an. Warum wird anfangs die Masturbation erst vom 14. Lebensjahr 
ab gerechnet, so dass erst die fortgesetzte Analyse den früheren Beginn 
aufdecken musste? Warum Avird sie immer von neuem entdeckt und 
von neuem vergessen? Warum kommt dem Kranken, soweit er auch 
zurückdenkt, das Technische bekannt vor? Warum verbindet es sich 
mit Phantasien, die jedes Zusammenhangs mit der Verführung entbehren, 
dafür aber anzuknüpfen scheinen an eine ehedem erlebte Lust? Und 



Über Onauie. 13 

warum trat ein Wechsel in den Phantasien ein, bis endlich die Analyse 
sie sozusagen normal werden liess ? Warum hört man nicht zu onanieren 
auf, sobald man den regelmäßigen Sexualverkehr aufnimmt? Was ist 
schliesslich der Zusammenhang zwischen Depression und Masturbation? 
Am leichtesten dünkt mich die erste Frage zu beantworten. Die 
meisten rechnen die Selbstbefriedigung erst von dem Zeitpunkt, da sie 
fortlaufend weiter geübt Avird, oder wohl auch nicht eher, als bis sie 
Sperma produzierten. Diejenigen, welche ehrlich bestreiten, je gefehlt 
zu haben, denken nur an die Pubertätsonanie, nicht an die unterdrückte 
und längst vergessene ihrer Kindheit. Tiefer leiten die anderen Fragen. 
Dass bei der Verführung durch den Vetter keine homosexuelle Beziehung 
entstand und auch kein Verlangen nach wechselseitiger Masturbation, 
wie man a priori vermuten könnte, begreift sich daraus, dass unser 
Patient zuverlässig bereits im 8. Jahre die Masturbation und ihre 
Technik kannte. Doch kann dies unmöglich das letzte sein, da tausend- 
fältige Erfahrung lehrt, dass Kinder regelmäßig vor der sexuellen 
Latenzzeit onanieren, nicht selten sogar bereits als Säuglinge. Gut 
stimmt in unserem Falle dazu, dass die primäre Onaniephantasie vom 
vollen Busen, die wohl von allem Anfang bestand, unschwer als die 
Brüste der säugenden Mutter zu erraten sind J ). Ähnlich erklärt sich 
die stete Bekanntschaft mit der Technik sofort, wenn wir uns erinnern, 
dass ein männlicher Säugling von den Endprodukten seines Stoffwechsels 
kaum anderswie zu säubern ist, als indem die Pflegerin seine Genitalien, 
testes wie membrum, in die Hand nimmt, sie wäscht und trocken reibt, 
und so mit dem Penis ähnlich verfährt, wie der Masturbant später. 
Dies liess sich in unserem Fall direkt erweisen. Patient war nämlich, 
in seiner Kindheit recht wasserscheu und sträubte sich gegen das täg- 
liche Waschen durch seine Mutter. „Am ehesten liess ich es noch zu, 
wenn bloss der Oberkörper dran kam. Von den Zwanzigerjahren fiel 
mir auf, dass ich keine Lust mehr davon verspürte, wenn z. B. eine 
Dirne mir Scrotum und Hoden in ihre Hand nahm. Ich dachte mir 
noch, woran das wolü Hegt. Denn ich hatte die Empfindung, 
irgendeinmal, in einer sehr frühen Kindheit muss mir diese Berührung 
von einem weiblichen Wesen grosse Lust erzeugt haben, es war irgend 
etwas, was ich konkret nicht zu benennen wüsste". Dann nach einer 
Weile intensiven Nachdenkens: „Das kann doch nur beim Waschen in 
der Kindheit so gewesen sein!" Um es kurz zu sagen und in einem 
Satze: Die letzten Wurzeln jeder Selbstbefriedigung ruhen 
in der notwendigen Säuglingspflege!" Und dieser Quelle 
zur Masturbation entgeht kein Kind, wie trefflich auch sonst Erziehung 
und Wartung! 

i) Das Fehlen .jeder Gesichtsvorstellung begreift sich aus dem schweren Inzest 
und der dadurch gesetzten Verdrängung. 



14 



..Wiener psychoanalytische Diskussionen.' 



Neben der ursprünglichen Phantasie vom vollen Busen stellt sich 
in den Zwanzigerjahren unseres Kranken eine andere ein, die gleich- 
falls infantilen Charakter besitzt: Das Entkleidungsmotiv. Man könnte 
dran denken, dass die Mutter sich oft genug vor dem kleinen Knaben 
ohne irgendwelche Skrupel ausgezogen habe, doch dünkt mich nach 
meiner analytischen Erfahrung eine andere Lösung noch viel wahr- 
scheinlicher. Das derart entkleidete oder sich entkleidende Mädchen 
seiner Phantasie ist vermutlich er selber. Die lustvolle Erinnerung an 
das Ausziehen durch die Mutter und die dabei üblichen Liebesbezeug- 
ungen werden dauernd fixiert und dann auf ein geliebtes Mädchen nur 
überschrieben. Der Erfolg der Analyse erwies sich darin, dass zu- 
nächst noch mit der Masturbation die normale Koitus-Phantasie ver- 
knüpft wurde, bis endlich dieser selbst mit Genuss gelang. 

Wir lernen aber aueb, dass sich die Onanie gemeinhin an eine 
schon erlebte Lust heftet, in der Regel aus der allerersten Kindheit, 
und verstehen sofort, warum der Koitus ein meist sehr schlechtes 
Surrogat für die Masturbation ist. Ist doch jene uralte Kinderlust um 
vieles stärker als die spätere Übertragung auf irgend ein Weib. Nur 
was dieser oder ähnlicher in zarteste) - Kindheit erlebten Lust recht 
nahe kommt, kann gleiches oder ähnliches Entzücken wecken. Wer 
z. P>. koitusähnliche Handlungen mit der Mutter phantasiert, weil diese 
ihn einst im Bette auf sich hinanfzulegen und anzudrücken pflegte, dem 
wird der Übergang zum normalen Verkehr unschwer gelingen. Wo 
aber konstitutionelle Umstände oder Erziehungssünden eine später 
schwer oder gar nicht zu lösende Verlötung mit der Lust aus der 
Kinderpflege ergaben, dort Avird die Onanie zeitlebens fortgesetzt, oft 
selbst in einer glücklichen Ehe und bisweilen sogleich nach jedem Ge- 
schlechtsakt. 

Wenn die Natur auch dafür sorgt, das Primat der Genitalzone 
durch die bei der Säuglingspflege unerlässlichen Manipulationen für alle 
Zeiten festzulegen, so muss doch andererseits die Erziehung bestrebt 
sein und ist es auch wirklich, jene künstlich gesteigerte Reizbarkeit 
wieder vergessen zu machen. Stets hält man das Kind von neuem an, 
sich jeder sexuellen Regung zu enthalten, schlägt ihm die Hand weg, 
verbietet mit Strenge und strafender Rede, ad genitalia hinzugreifen, 
kurz, man setzt alles dran, damit es jene geschlechtlichen Reizungen 
von seiten der Pflegerin sowie alle anderen durch die Sexualentwicklung- 
bedingten wieder vergesse. Das ist ganz zweifellos unbedingt nötig. 
Doch weil dies bereits zu einer Zeit geschieht, da noch Avenig oder gar 
keine Sublimierung stattfindet, hat diese Unterdrückung wie jede von 
geschlechtlichen Regungen auch grossen Nachteil. Der Zwang auf das 
Kind, alles Sexuelle, das Hauptlustbetonte jener frühen Jahre total zu 
vergessen, bedingt nämlich nach dem Gesetz der Vorbildlichkeit der 



Über Onanie. 15 

geschlechtlichen Entwicklung, dass auch alles andere, was damit innigst 
verbunden ist, ganz ebenso prompt vergessen wird. Das ist die Er- 
klärung, warum uns für unsere prähistorische Lebenszeit bis etwa zum 
Beginn der Elementarschule fast absolut die Erinnerung mangelt. 

Ob jene Bemühungen auf Unterdrückung der Masturbation von 
Erfolg gekrönt sind oder diese mehr weniger persistiert, hängt einer- 
seits von der jeweiligen sexuellen Konstitution ab, andererseits von der 
Fähigkeit der Eltern und Erzieher, die Liebe der Kinder entsprechend 
zu nützen, was ein wichtiger Punkt jeder guten Erziehung. Wer 
Säuglinge beobachtet, wird häufig genug wahrnehmen können, dass es 
unter ihnen solche gibt, die auch bei vorsichtigster und zartester 
Reinigung der Genitalgegend ganz eigen lachen, in einer Weise, die 
unverkennbar auf Geschlechtslust hindeutet. Die Knaben bekommen 
hierbei auch nicht selten Erektionen zum Schreck ihrer Mutter und 
werden wie die Mädchen ihrer Urethral-Erotik durchaus nicht Herr 
trotz aller Ermahnungen, ja bitterer Schläge. Das sind sichere Zeichen 
konstitutionell verstärkter Sexualität, weshalb solche Kinder sehr früh, 
sehr lang und oft exzessiv Onanie betreiben 1 ). Hier kann einzig die 
Liebe noch helfend eingreifen, was wichtige therapeutische Perspektiven 
eröffnet. Wenn Kinder die Masturbation aufgeben, geschieht es in der 
Kegel einzig aus Liebe, so, was am häufigsten, aus Liebe zur Mutter, 
dann zu Spielgefährten uud Lehrpersonen. In meiner Kasuistik der 
Urethralerotik (Jahrb. f. psychoanalyt. und psychopath. Forsch., 2. Bd., 
S. 938—950) beschrieb ich eine hochgradig harnerotische Familie: 
Vater und Mutter, Tochter und Sohn. Von den Kindern zeigte das 
zweijährige Bübchen ganz unverkennbare, von den Eltern bestätigte 
Verliebtheit in die Mutter, die vierjährige Tochter in den Vater. Die 
Liebe zur Mutter ermöglichte es, dass das Söhnchen, welches als Säug- 
ling schon öfters Erektionen zeigte und auch masturbierte, dem letztern 
sowohl wie dem häufigen Nässen im 3. Lebensjahr entsagte, nur um 
die Mutter zufriedenzustellen, während seine Schwester, die dieser kühler 
gegenüberstand, noch im 5. Jahre beides fortsetzte. Aber auch in 
späteren Lebensepochen ist Liebe hetero- wie homosexueller Art das 
häufigste Heilmittel zu wirklicher Beseitigung der Masturbation. Be- 
fragt man die Kranken: „ Warum gaben Sie eigentlich die Selbst- 
befriedigung auf?», so erhält man zur Antwort: „Es ist mir zu dumm 
geworden". Hat man jedoch Gelegenheit, diesem Zudummwerden 
analytisch an den Leib zu rücken, dann stellt sich heraus, dass zu 
jener Zeit eine Liebe aufflackerte, die erst jenen Lust-Verzicht möglich 
machte. 



2 ) Spätere Stigmata dieser sexuellen Belastung sind die Leichtigkeit, mit 
welcher die Onanie eine Erschöpfungsneurasthenic herbeiführt, oder nach deren Auf- 
geben die Angstneurose. 



16 



. , Wiener psychoa na 1 y tische Disk ussionen." 



Im Grunde genommen ist jede primäre Onaniephantasie eine in- 
zestuöse, zunächst auf die Eltern, manchmal auch auf die Geschwister 
gerichtet. Wenn wir an diesem Grundsatz festhalten, so wird eine 
Reihe schwer oder gar nicht verständlicher Phänomene uns alsbald 
durchsichtig. So beispielsweise, dass die meisten Menschen sich der 
Masturbation weit stärker schämen, als bei deren allgemeiner Ver- 
breitung gerechtfertigt scheint. Ebenso schaut die überwiegende Mehr- 
heit mit Verachtung auf den Masturbanten herab. Hinter beiden steckt 
das unbewusste Wissen, dass die ursprünglichen Begleitvorstellungen 
aufs ärgste verpönt sind. Was freilich gemeinhin unbekannt bleibt, 
ist, dass diese Inzestphantasien zumindest im Anfang die Kegel dar- 
stellen fast für alle Menschen. 

Auch das schwere Schuldbewusstsein so vieler Neurotiker wurzelt 
in jener unbewussten Kenntnis. Freud hob schon hervor, dass solche 
Menschen fast immer bereit sind, ihre Hysterie oder Zwangsneurose der 
Selbstbefriedigung anzukerben im Gegensatz zu den meisten Ärzten. 
Und die Kranken haben Recht, wenn auch nicht die blosse periphere 
Befriedigung Ursache ist, sondern die begleitenden Inzestvorstellungen. 
Ja, es kann geschehen, dass das Exekutive, der rein körperliche Akt, 
schon seit Jahren aufgegeben wurde und der Kranke gleichviel von 
seinen Selbstvorwürfen nicht ablässt. Ich behandelte z. B. einen 
Hysteriker wegen schwerer Herzangst, die er auf langjährige Mastur- 
bation mit Grund zurückführte. Trotzdem er seit drei Jahren schon 
die periphere Reizung aufgegeben hatte, machte er sich noch immer 
schwere Vorwürfe wegen seiner Onanie. Die Erklärung war, dass er 
zwar jede äussere Berührung ad membrum sorgfältig unterdrückt hatte, 
nicht aber die begleitende Phantasien auf seine Mutter. Die setzte er 
unbewusst in Gedanken und Handlungen stetig fort, obgleich er, wie 
gesagt, seit mehreren Jahren die körperliche Selbstbefriedigung ver- 
lassen hatte. Man begreift auf der Stelle, wie scharfsinnig die alten Ärzte 
waren, die die geistige Onanie als weit schlimmer betrachteten, denn die 
somatische. Wenn manche die Folgen der Selbstbefriedigung so über- 
hoch w r erten. andere wieder sie gering einschätzen , trotzdem ja beide 
ursprünglich die gleichen Phantasien hatten, so hängt dies einfach von 
dem Zeitpunkte ab, da jene inzestuöse Phantasie mit einer andern 
dauernd vertauscht ward. Geschieht dies in verhältnismäßig frühen 
Jahren, überträgt man z. B. noch in der Kindheit auf ein anderes 
geliebtes, doch nicht verpöntes Wesen, dann ist das Schuldbewusstsein klein 
oder gar nicht vorhanden. Ganz anders jedoch, wenn diese Übertragung 
erst spät gelingt oder, wie bei manchen Psychoneurotikern, niemals oder 
nur unvollkommen. Dann wächst das Schuldbewusstsein in den Himmel 
und ist durch keine Beruhigung des Arztes aus der Welt zu schaffen. 
Selbst die Worte der grössten Autoritäten helfen nur kurz; bald wieder 
brechen die alten Selbstvorwürfe durch und mit vollem Rechte. 



Über Onanie. 17 

Von dieser Seite scheint mir auch die Frage unschwer zu lösen, 
warum habituelle Masturbanten oft so deprimirt sind. Ich verschliesse 
mich natürlich den anderen Ursachen keineswegs. Ich begreife beispiels- 
weise sehr gut, was schon Griesinger betonte, dass „der beständige 
Kampf gegen einen Trieb, der übermächtig ist und dem das Individuum 
schliesslich immer wieder unterliegt, die heimliche Scham, die Reue, die 
guten Vorsätze und die Aufregung, die die Handlung mit sich bringt", 
dass solche Dinge recht niederdrückend wirken, wie wohl auch ver- 
schiedene somatische Folgen der Onanie. Doch all dies scheint mir 
keineswegs erschöpfend, sondern nur an der Oberfläche zu schwimmen. 
Entscheidend dünkt mich, dass die ursprünglichen Inzest-Phantasien un- 
erfüllbar sind, dem Kranken also gar keine Hoffnung lassen. Dass er 
sich ihrer obendrein auch noch zu schämen hat und darum jeder Ge- 
sellschaft ausweicht, macht die Sache noch schlimmer. 

War hier die Depression eine leidige Folge der Selbstbefriedigung, 
so ist sie in sehr häufigen Fällen ein direkter Sporn zur Masturbation. 
Es ist ein Flüchten aus der unbefriedigenden Gegenwart in die Lust 
der Kindheit und zwar die höchste, so auszudenken: die Lust mit der 
Mutter. Wie so viele Menschen die Sorgen des Alltags im normalen 
Geschlechtsakt zu vergessen suchen, so der habituelle Onanist in steter 
Rückkehr zur Masturbation. Ist sie doch das Trost- und Beruhigungs- 
mittel uar i^o/ijv, das einzige, welches allzeit parat ist und niemals 
versagt, zu dem man in jeglichem Notstand greift. 1 ) Das weiss schon 
der Schuljunge, der vielleicht kurz zuvor sich zugeschworen hatte, nicht 
mehr zu onanieren. Eine schlechte Note, ein häuslicher Verdruss, eine 
kleine Dummheit, die er begangen, genügen, ihn rückfällig werden zu 
lassen. In jeglichem Notstand, jeglicher Angst, flüchtet er dann schleunigst 
zu jener zurück, die dereinst jede Not ihm behob : zur eigenen Mutter. 

Gehen wir nunmehr auf die Symptome der Masturbation ein, so 
fällt zunächst auf, wie wenig eigentlich die Zeichen einer derart häufigen 
Abirrung zur Stunde festliegen. Was wir da wissen, findet man bei 
Hohle der 2 ), noch besser bei Ell is 3 ) zusammengestellt. Im folgenden 
möchte ich nicht längst Gesagtes nochmals wiederholen, sondern nur 
einige Symptome vorbringen, die wenig oder gar nicht bekannt geworden, 
vornehmlich solche psychischer Art. Die meisten sind direkt patho- 
gnostisch, d. h. bei ihrem Vorhandensein darf man getrost Onanie 



J ) Kleine Kinder vor der Latenzzeit ersetzen das durch ein sich Benässen. 
Hier tritt die Urethralerotik für die Masturbation ein, die noch nicht systematisch 
geübt wird; Vergl. hierzu meinen Aufsatz über Urethralerotik 1. c. 

2 ) „Die Masturbation', 2. verbesserte Aufl. 1902. 

3 ) , Geschlechtstrieb und Schamgefühl", übers, v. Kutscher, 3. erweit. 
Aufl. 1907, Würzburg, A. St üb er. 

Wiener Diskussionen. (Heft II.) 2 



18 



„Wiener psychoanalytische Diskussionen.' 



diagnostizieren, doch gibt es selbstredend wieder andere Fälle von 
Masturbation, bei denen die genannten Symptome fehlen. 

Um da zunächst an schon Geläufiges anzuknüpfen, so wissen wir 
seit Langem, dass der Masturbant meist gesellschaftsscheu ist und sich 
am liebsten der Einsamkeit ergibt. Wie sollte er auch anders? Kann 
er sich doch nirgends so zeigen, wie er ist, muss lügen, sich verstellen 
und heucheln vor andern, da er nur in der eigenen Gesellschaft wahr 
sein darf. Kein Wunder weiters, dass er übertrieben misstrauisch wird 
und zu jeglicher Handlung eine allzu menschliche Ursache wittert. 
Weil er aus ureigenster Erfahrung weiss, dass niemand zu trauen, in 
punkto Onanie nicht einmal ihm selber, drum projiziert er unsaubere 
Motive in die Aussenwelt, legt allen anderen, sogar wenn sie scheinbar 
vornehm bandeln, ganz niedere, unlautere Beweggründe unter. Oft 
zeichnet ihn ein Mangel an Wohlwollen aus, dieweil er im Innersten 
empfindet, wie wenig er selber eines solchen würdig. 

Die notgedrungene Unaufrichtigkeit erzeugt dann aber im Über- 
ausgleich ein fast krankhaftes Streben nach Wahrhaftigkeit. Wenn in 
den treffend sogenannten Flegeljahren die Heranwachsenden lieben, 
allen Leuten die Wahrheit ins Gesicht zu schleudern, natürlich stets 
nur Wahrheiten unangenehmster Art, so liegt dies begründet in der 
regelmäßigen Masturbation der Reifeperiode. Die extreme Wahrhaftig- 
keit gehört zum Bilde der Onanie. Selbstredend nicht jene, die das 
Kind auszeichnet, dem einfach das Lügen widerlich ist. Oder jener hohe 
Gesinnungsadel, der den Wirt an der Mahr in den Tod gehen liess, 
weil er sein Leben nicht durch eine Lüge erkaufen mochte. Einem 
jeden honetten Menschen liegt es, die Wahrheit zu sagen, und er ist 
nicht selten innerlich empört, wenn er durch äussere Umstände gezwungen 
wird, von jener irgendwie abzuweichen. Von dieser selbstverständlichen 
Anständigkeit ist die Wahrheitssucht des typischen Masturbanten durch- 
aus verschieden. Dieser trägt seine Wahrheitsliebe zur Schau, zeigt 
aller Welt, er könne nicht anders, als ehrlich und durchaus aufrichtig 
sein, wirft ihr seine Tugend förmlich vor die Füsse , sodass sie gar 
nicht ausweichen kann, sie muss über seine Wahrhaftigkeit stolpern. 
Am liebsten führt er die Worte im Mund: „Ehrlich gesagt" oder 
„Offen gesprochen". Wie hat nur Lessing einmal geäussert: „Man 
spricht sehr selten von der Tugend, die man hat, aber desto häufiger 
von der, die uns fehlt". Der Masturbant würde weniger Wahrheits- 
fanatiker sein, wenn er damit nicht seine eigene Unaufrichtigkeit zu- 
decken müsste. Es ist erfreulich, dass, wenn er später die Verirrung 
überwunden, das Wahrsein ihm gleichwohl häufig verbleibt, doch ohne 
den scharf zelotischen Charakter. 

Fast kennzeichnend ist für die Masturbation der Pubertäts- und 
folgenden Jahre das Streben nach „wahrer und echter Freundschaft". 



Über Onanie. 19 

Nicht .selten gehen Schuljungen die meisten Kollegen an, sogar halbe 
Feinde, sie möchten ihnen „wahre und echte Freunde" werden. Von 
diesen aber heischt der richtige Masturbant Vertrauen, Offenherzigkeit 
und absolute Aufrichtigkeit. Kein Geheimnis dürfe zwischen ihnen 
bestehen, nicht die kleinste, verborgene Seelenfalte. Und gleichwohl 
hat er selber eins Hehl: die eigene Selbstbefriedigung nämlich. Über- 
haupt ist Versteckensspiel und überflüssige Geheimkrämerei ein typisches 
Stigma der Masturbation. Hier erkennt man wieder deutlich die Vor- 
bildlichkeit des sexuellen Tuns für das ganze Leben. Weil der Mastur- 
bant seine Selbstbefriedigung mit tiefem Geheimnis umgeben muss, soll 
ihn nicht allgemeine Verachtung treffen, drum liebt er das Geheimnis 
auch sonst anzuwenden, z. B. selbst seinen Namen zu verbergen, 
anonym oder pseudonym zu schreiben, Geheimbünde zu stiften oder 
schon bestehenden beizutreten. Wenn er sich verlobt, verlangt er nicht 
selten die strengste Geheimhaltung, bisweilen sogar vor den Eltern der 
Braut. Gern zweifelt er aus dem obenerwähnten Misstrauen heraus an 
der Liebe der andern und hält eine Täuschung für möglich, ja direkt 
wahrscheinlich. Endlich lebt er oft innerlich in steter Angst, durch 
Reden im Schlaf oder Fieberdelir sein wohlbehütetes Onaniegeheimnis 
verraten zu können. 

Ihn zeichnet meist Scheu vor der Öffentlichkeit aus, was unver- 
kennbar darauf zurückgeht, dass niemand ihm zuschauen, kein Mensch 
erfahren soll, dass er masturbiere. Nur an und für sich trifft er es gut. 
So klagte mir einer: „Wenn ich etwas noch so gut kann und soll mich 
dann öffentlich produzieren, dann geht es nicht. Beim Militär z. B. 
konnte ich den Parademarsch sehr gut exerzieren. Aber wenn mich 
alle Leute ansahen, fiel es mir auf die Beine, als wenn ich lahme Läufe 
hätte, und ich machte es elend. Ich kann auch Affekte nicht ganz aus- 
toben, weil ich das Gefühl habe: wie schaust du dabei aus? Der Ver- 
stand kontrolliert also sehr intensiv meine Gefühle. Ich habe einen 
Doppelgänger in mir, z. B. bei sehr intensiver Freude und Schmerz. 
Als mein Vater starb, empfand ich aufrichtigen Schmerz und, wie ich 
mitten drin versunken war, kam mir doch wieder das Gefühl : wie 
schaust du jetzt aus? Was müssen die Leute für einen Eindruck von 
dir haben, die da herumstehen!" Wenn Kinder und Heranwachsende 
die natürliche Unbefangenheit verlieren, dann sei man versichert, es 
handle sich um einen Durchbruch ihrer Masturbation. Klassisch hat 
uns dies Goethe geschildert im 6. Buche von „Dichtung und Wahrheit" : 
„Auch waren mir (nach der Gretchenkatastrophe) die gleichgiltigsten 
Blicke der Menschen beschwerlich. Ich hatte jene bewusstlose Glück- 
seligkeit verloren, unbekannt und unbescholten umherzugehen und in 
dem grössten Gewühle an keinen Beobachter zu denken. Jetzt fing der 
hypochondrische Dünkel mich an zu quälen, als erregte ich die Auf- 



20 „Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

merksamkeit der Leute, als wären ihre Blicke auf mein Wesen gerichtet, 
es festzuhalten, zu untersuchen und zu tadeln." Drum suchte er sich 
„einen ernsten Platz in der grössten Tiefe des Waldes aus", um sich 
dort der Einsamkeit zu ergeben. 

„Der hypochondrische Dünkel", den Goethe hier so ausgezeichnet 
malt, leitet mählig hinüber zum Beachtungs- und Verfolgungswahn so 
mancher Masturbanten. Nicht bloss, dass diese sich von aller Welt ob 
ihrer Verirrungen angeschaut glauben, so kommt es bisweilen auch zu 
recht weitgehenden Trugvorstellungen, von anderen missachtet, ja ver- 
folgt zu werden. Was solche Gedanken von dem echten Verfolgungs- 
wahn der Paranoia und Dementia paranoides unterscheidet, ist die spätere 
vollkommene Korrigierbarkeit. Immerhin gibt es Fälle von Masturbation, 
die eine Zeitlang eine echte Paranoia vortäuschen können. 

Wie zum Streben nach Wahrheit und Aufrichtigkeit, so führt die 
Onanie auch noch zu andern scheinbar sehr lobenswerten Bemühungen. 
Man findet nicht selten ein Trachten nach absoluter Vollkommenheit, 
nach Tugend und moralischer Schönheit, gelegentlich wohl auch ein 
Suchen nach dem „sicheren Weg zum Glück.* 1 ) Natürlich ist all dies 
nur Reaktion auf die schmerzlich bewusste Untugend der Selbst- 
befriedigung, die den Masturbanten unglücklich macht, ja, jene Reaktion 
kann sogar die Berufswahl entscheidend beeinflussen. Wirft sich doch 
mancher, wie ich aus Analysen weiss, nur darum aufs Studium der 
„reinen" Mathematik und „reinen" Philosophie, weil er den unreinen 
Gedanken im Busen so am ehesten entfliehen zu können vermeint. Auch 
die peinliche und übertriebene Sauberkeit im Reden, und zwar nicht 
etwa ein blosses Venneiden, sondern direkt Abscheu vor einem zynischen 
Wort, so dass wie bei Kleist „der geringste Verstoss gegen die Sittlich- 
keit, ein Blick, eine Miene ausser Fassung bringen", ist Wirkung der 
Überkompensation und geradezu für Onanie pathognostisch. Kein Nor- 
maler wird besonderes Gefallen an irgend welchen Zoten finden, nur 
wird er sich darob nicht bass entrüsten. Die überheftige Reaktion ist 
Verdacht erregend. Sie beweist besondere Hyperästhesie wider das 
Unzüchtige und findet sich beinahe ausnahmslos als Übergutmachung 
einer früher geschehenen eigenen Unzucht, fast immer früherer Mastur- 
bation. Nimmt man zu den oben genannten „Tugenden" noch weiter 
den Umstand, dass chronische Masturbanten gewöhnlich kleinmütig und 
verzagt sind, sich nicht mehr als ein „Glück im Winkel" -) erhoffen, 



*) Vgl. hiezu meine Studie über „Heinrich von Kleist" (Grenzfragen des 
Nerven- u. Seelenlebens, herausgeg. v. Loewenfeld, Wiesbaden 1910, J. F. Berg- 
mann, bes. S. 17—22), der überhaupt eine Fundgrube für Masturbations- 
phänomene ist. 

2 ) silicet: wo man onanieren kann. 



Über Onanie. 21 

was gemeinhin als „Bescheidenheit" ausgelegt wird, so begreift sich 
sofort, dass sie zukünftigen Schwiegermüttern als Ideal des jungen 
Mannes erscheinen. 

Noch ein paar Symptome seien kurz berührt: die häufige Termin- 
setzung, die Furcht vor Impotenz, die Unfähigkeit, seine Hände unbe- 
fangen zu gebrauchen, und endlich noch die Opferwütigkeit. Wir 
wissen, der Masturbant fasst immer wieder gute Vorsätze : an dem und 
dem Tage werde ich zu onanieren aufhören, wozu er in Wirklichkeit 
die Kraft nie aufbringt. Das schlägt dann gern in allgemeine Termin- 
setzung um. Bei Heinrich von Kleist soll sich z. B. das Verlöbnis mit 
der Kunze einzig darum zerschlagen haben, weil der Dichter verlangte, 
die Braut solle ihm ohne Vorwissen ihres Vormunds schreiben, aus der 
oben berührten Geheimniskrämerei heraus. „Sie schlug es ab, er wieder- 
holte seine Bitte nach drei Tagen, in denen er sie nicht besuchte, darauf 
nach ebensovielen Wochen und Monaten und löste zuletzt das Verhältnis 
auf diese Weise völlig". Ein andermal beschloss er, sein Zimmer nicht 
eher zu verlassen, als bis er sich über einen Lebensplan entschieden 
hätte, was er freilich nicht länger als acht Tage aushielt. Bei Psycho- 
neurotikern findet man nicht selten, dass sie stets Termine für das 
Sterben oder den Eintritt eines Unglückfalls setzen. Z. B. : „Am 
29. November muss ich sterben," „Weihnachten erleb 7 ich so nicht 
mehr," „morgen muss ein Unglück geschehen" und dgl. Beden. 

Ebenso pathognostisch ist die stete Furcht vor Impotenz, die 
gemeinhin völlig unbegründet ist. Soviel ist ja richtig, dass jahrelang 
fortgesetzte Masturbation die Potenz herabsetzt. Nur ist zu beachten, 
dass Individuen, die dazu neigen, meist konstitutionell erheblich gesteigerte 
Sexualität aufweisen, so dass selbst nach einer entsprechenden Herab- 
setzung noch genügend verbleibt, um alle ehelichen Pflichten zu erfüllen. 
Nicht selten erlebt man, dass exzessive Masturban ten in der Ehe mehr 
leisten, als ihren Frauen lieb ist. Auch nach der analytischen Behandlung 
psychisch Impotenter stellt sich oft heraus, dass die vermeintlich Impo- 
tenten eigentlich sexuelle Athleten sind und leistungsfähiger als die 
Normalen. Immerhin ist festzuhalten, dass die meisten männlichen 
Masturbanten in der Sorge leben, an ihrer Zeugungsfähigkeit eingebüsst 
zu haben — wie wir oben sahen, nicht ganz unbegründet — oder gar 
impotent geworden zu sein. Auch überschätzen sie gar nicht selten 
die Familiengründung, das hehre Bewusstsein, Weib und Kind ihr eigen 
zu nennen. Ein Lenau z. B., sagt auf der Höhe seines Ruhms, „Ehe 
und Kinder, das ist die einzige Realität auf Erden. Max (von Löwenthal) 
mit seinen drei lieben Kindern ist einer der glücklichsten Menschen. 
So ein Produkt wie Artur (dessen jüngster Sohn) ist mehr als jedes 
Trauerspiel und jedes Epos." Andererseits wähnen Mädchen, die exzessiv 
onanierten, hinterdrein oft, keine Jungfrauen mehr zu sein, worüber sie 



22 „Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

erst die Blutung in der Hochzeitsnacht beruhigt, oder fürchten in Ana- 
logie mit dem Manne, keine Kinder mehr gebären zu können, bis sie 
dann auch in diesem Punkte die erste Entbindung eines Bessern belehrt. 

An manchen Menschen, zumal an Schauspielern, fällt es auf, dass 
sie mit ihren Händen nichts anzufangen wissen. Sie haben eigentlich 
zwei Arme zuviel. Immer wieder geben sie diesen eine andere Stellung, 
sind nie zufrieden, nehmen jetzt mit den Händen eine Tätigkeit auf, um 
sie alsbald wieder fallen zu lassen. Forscht man nach den Gründen 
dieses Gebarens, so stellt sich heraus, dass jene Menschen Masturbanten 
waren, oder wohl auch noch sind, die ihre Hände gern ad membrum 
führten. Müssen sie diese Tätigkeit lassen oder mindestens hehlen, dann 
wissen sie mit den Händen fürderhin nichts anzufangen und verraten so 
durch die typische Symptomhandlung, was sie im tiefsten Busen bergen. 

Nicht selten führen Versuche, Masturbation zu verdrängen, zu 
scheinbar hohem Altruismus. Es gibt einen beinahe typischen Zustand 
den ich als Opferwütigkeit bezeichne. Am häufigsten, in der Pubertät, 
den klassischen Jahren der Onanie, erwacht in der Seele jener Kranken 
ein heisses, fast unwiderstehliches Sehnen, sich für einen Menschen oder 
eine Sache aufopfern zu dürfen. Nur selten gelingt es, dies glutvolle 
Verlangen in greifbare Wirklichkeit umzusetzen. Für gewöhnlich leisten 
jene Leute bloss in der Phantasie ganz Ausserordentliches. Bisweilen 
jedoch gelingt eine wirklich hochwertige Umwandlung. Eine Tochter 
freit z. B. einen alten Mann, um Vater und Geschwistern zu helfen, 
ein Junge opfert ein grosses Stück seiner Oberhaut, um einem Freunde 
das Leben zu retten, und ähnliche „Helden des Alltags" mehr. Eine 
jede grosse politische oder religiöse Bewegung kennt solche Helden der 
Masturbation. Man sieht hier deutlich, wie ausserordentlich kultur- 
befördernd der Geschlechtstrieb wirkt, selbst dort, wo er zu Aus- 
schreitungen führt. 

Wenn man die Onaniephantasie bis zum letzten Ursprung zurück- 
verfolgt, wird man erstaunt sein, mit welcher Deutlichkeit die sexuelle 
Anlage des Menschen und seine spezifische Erregbarkeit ans Tageslicht 
treten. So schrieb mir eine Korrespondentin, die sich bestimmt erinnert, 
schon mit 3 Jahren durch Zusammenpressen der Schenkel masturbiert 
zu haben: „Ich hatte dabei immer die Vorstellung, dass eine Puppe oder 
Kind geprügelt werde. Eine andere Phantasie hatte ich dabei bestimmt 
nicht. Später, als ich in Büchern von Prügelszenen las, traten diese 
Schilderungen an die Stelle der selbst erfundenen Phantasien.' 1 Wie hier 
die sadistische Phantasie gleich von Anfang an entscheidend durchbricht, 
so in anderen Masturbationsvorstellungen die jeweils spezifische Art 
des Einzelnen. Willkürlich beeinflussen lässt sich die nicht, da sie ver- 
mutlich in konstitutionellen Besonderheiten ihren Ursprung hat. Als 
z.B. der genannten Korrespondentin in ihrem 11. Jahre eine geliebte 



über Onanie. 23 

Kousine den Vorschlag- machte: „Wenn ich im Bette liege, nehme ich 
eine Falte der Decke zwischen meine Schenkel, di-ücke diese zusammen 
und denke dabei an etwas Nacktes. Das ist dann ein grossartig angenehmes 
Gefühl. Mach es auch so!" Da tat zwar jene wie ihr geheissen, doch 
verspürte sie nicht die geringste angenehme Sensation dabei, so dass sie 
den Versuch nie mehr wiederholte. 

Die Verschiedenheiten des anatomischen Baues scheinen in der 
Regel zwischen beiden Geschlechtern typische Differenzen in der Art der 
peripheren Heizung zu setzen, so zwar, dass das männliche sich meist 
durch Auf- und Abwärtsziehen des Membrums onanistische Befriedigung 
verschafft, das weibliche dagegen durch Zusammenpressen der Ober- 
schenkel oder Einführung eines Fingers oder Gegenstandes in vulvam 
oder urethram. Als durchgreifend freilich sind diese Unterschiede nicht 
zu bezeichnen. Denn auch die mehr weibliche. Reizung durch Zusammen- 
pressen ist bei Männern nicht gar so selten zu finden, in einzelnen 
Fällen auch die Einführung länglicher Gegenstände in die Harnröhre, 
während andererseits recht viele Frauen existieren, die an ihrer Klitoris 
ähnlich reiben wie der Mann ad membrum. Immerhin scheint die erst- 
beschriebene Art um vieles häufigerer, was schon dadurch erklärlich, 
dass die weiblichen Genitalien nach innen gehen und nur durch Zu- 
sammenpressen oder Einführung eines Gegenstandes zu reizen sind. 
Bloss einzig die Klitoris ragt hervor, die dann ebenso Reibeempfindlichkeit 
zeigt wie der Penis des Mannes, dem sie im Baue ja auch entspricht, 

Ich habe oben angeführt, dass die Masturbation in letzter Linie 
auf die Säuglingspflege zurückzuführen ist. Das erklärt im Zusammen- 
hang mit dem konstitutionellen Faktor die Verschiedenheiten der peripheren 
Betätigung. Der kleine Knabe wird notwendig ad membrum et scrotum 
gereizt, das kleine Mädchen wieder ad vulvam, aussen und innen. Bei 
manchen ist die Lust von Haus aus so stark, dass sie immer wieder 
Erneuerung heischt und dann zur aktiven Masturbation schon des Säug- 
lings drängt, die Abgewöhnung äusserst erschwert und später bei der 
ersten Verführung das Übel leicht habituell werden lässt. Die Konstitution 
können wir vielleicht jeweils noch spezialisieren, etwa im Sinne einer 
erhöhten Reizbarkeit der Klitoris aut membri, der Disposition zur Urethral- 
und Analerotik, oder allgemein gesteigerter Haut-, Schleimhaut- und 
Muskelsexualität, sowie endlich der Neigung zur Homosexualität. Eine 
junge Mutter erzählte mir z. B. von ihrem zweiten Kinde, dass das 
Knäblein jedesmal, wenn sie es aussen am Gliede wusch, in einer so 
eigenartigen Weise lache, dass sie dies anders nicht bezeichnen könne, 
denn als sexuell (vom Manne bestätigt). Bei dem um 14 Monate älteren 
Mädchen sei dies bestimmt nicht so gewesen. Die gleichzeitig erhöhte 
Reizbarkeit der Urethra und ihrer Umgebung bedingte dann beim Knaben 
eine erheblich gesteigerte Harnerotik inklusive frühzeitiger, in den ersten 



24 „Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

Lebensmonaten schon sichergestellter Erektion. ') Ähnliche konstitutionelle 
Momente bedingen in letzter Linie auch die verschiedenen Masturbations- 
pliantasien, so beispielsweise die verstärkte Haut- und Muskelerotik 
sadistisch-masochistische Phantasien, die dann an irgendwelcher Prügel- 
szene ansetzen u. dgl. mehr. Erwähnen will ich noch, dass auch die 
sog. „ausgezeichnete Kinderpflege" oft eine gewisse Mitschuld trifft. 
Nicht wenige gelernte Pflegerinnen glauben ihre Pflicht besonders gut 
zu tun, wenn sie den Säugling recht kräftig säubern. Ich kenne eine 
ganze Reihe von Fällen, wo dies (noch in die Kinderjahre als Waschen 
fortgesetzt) im Vereine mit der konstitutionellen Anlage sehr früh aktive 
Daueronanie auslöste. Es dünkt mich nach meinen Erfahrungen möglich, 
dass jene intensive Pflege im Verein mit angeboren verstärkter Reizbarkeit 
des Kitzlers eine bedeutsame Wurzel für die Anästhesia sexualis der 
Frau wird. 

Andere konstitutionelle Momente, wie beispielsweise die erhöhte 
Reizbarkeit der Sinnesorgane und der Haut ihrer Umgebung führen 
dann oft zur Masturbation an ungewohnten Stellen. Die häufigsten 
sind : Das Nasenbohren mit dem charakteristischen verzückten Gesichts- 
ausdruck, ein ähnliches Bohren im äusseren Gehörgang und das direkt 
wollustbetonte, immer wieder erneute Reiben der Lider.-) Auch ad 
anum et mammillas, an Lippe und Zunge, kurz an jeder erogenen Zone 
kann durch geeignete periphere Reizung, gewöhnlich durch Reiben, 
Onanie geübt werden mit allen somatischen und psychischen Folgen. 

Man ist geAvohnt, in der Onanie die praktisch häutigste Betätigung 
des Autoerotismus zu erblicken. Das ist, rein äusserlich genommen, 
sicher zutreffend. Anders jedoch, wenn man auch die Masturbations- 
phantasien in Anschlag bringt, die wohl nur in seltensten Fällen mangeln. 
Da scheint mir der onanistische Akt ganz regelmäfäig eine Handlung 
aus der Kindheit darzustellen, und zwar eine solche spezifischer Art, 
anknüpfend an die ursprüngliche Reizung bei der Säuglingspflege. Um 
es kurz zu sagen : Ich fand so ziemlich in jedem Falle, dass der 
Masturbant bei seinem Tun zwei Personen mimt, sich selbst und die 
erste Pflegerin, oder sagen wir allgemeiner seine Mutter 3 ). Dabei aber 
findet eine ganz charakteristische Verschiebung statt. Wohl agiert der 
Masturbant zwei Personen an dem eigenen Körper, den handelnden wie 
den leidenden Teil, doch aber scheint mir der männliche Onanist mehr 



') Ich bemerke, dass beim ganz kleinen Kinde bis zum Beginn der sexuellen 
Latenzzeit die Onanie oft vertreten wird durch Betätigungen der Harnerotik wie 
später in der Pubertät gelegentlich durch jene der Hysterie und Zwaugsneurose. 

2 ) Vergl. dazu meine Studie „Haut-. Schleimbaut- und iluskelerotik'' im Jahr- 
buch f. psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen, III. Band. 2. Hälfte. 

3 ) Auch dort, wo die Mutter die Säuglingswartung nicht besorgt, werden doch 
die späteren Pflegerinnen unter ihrem Namen zusammengefasst. 






Über Onanie. 25 

in die Stapfen seiner Mutter zu treten, als in «lie des Säuglings, wenn 
bei der solitären Onanie dies auch weniger klar wird. Da spielt er 
bloss aktiv die Holle der Mutter, das Kind hingegen wird in der ursprüng- 
lichen Phantasie dann hinzugetan. Dass dem so ist, erweist sich deutlich, 
wenn die solitäre Masturbation mit der mutuellen vertauscht -wird, denn 
dann mimt er regelmäßig die aktive, handelnde Mutterrolle, während 
er dem anderen die leidende zuteilt, und zwar gilt dies ebenso für die 
einfache wechselseitige Masturbation als für die homosexuelle Betätigung, 
die ja auch in 90 °/ in gegenseitigem Onanieren besteht. Beim weib- 
lichen Geschlechte scheint dies, soweit meine immerhin kleinere Er- 
fahrung reicht, umgekehrt zu liegen. Da spielen die Frauen fast immer 
das Kind und phantasieren die Mutter hinzu. 

Dieser Vorgang, an sich selber Mutter sowohl als Kind zu spielen, 
dürfte eine weit über die blosse Onanie hinaus sich erstreckende Be- 
deutung haben. Er dünkt mich äusserst häufig zu sein, ja vielleicht 
sogar typisch für das Liebesleben überhaupt, das normale wie das 
krankhafte. Im 12. Heft des Zentralblatts für Psychoanalyse (1. Jahrg., 
S. 589) publizierte ich eine einschlägige Beobachtung, wo ein Mann 
stets wieder phantasierte, mit der Geliebten das Nämliche aufzuführen, 
was einst die Mutter mit ihm getan; sie also auszuziehen, ins Bett zu 
tragen, dort zurecht zu betten, dann vor dem Bette niederzuknien, 
worauf die Geliebte ihn hätte zu sich emporheben sollen. 

Die Mädchen hinwieder malen sich die Hochzeitsnacht oft derart 
aus, dass der Geliebte sie langsam ausziehe, Hülle für Hülle, dann sie 
endlich aufnehme und ins Ehebett trage, wobei also jener durchsichtig 
die Rolle der Mutter spielt, sie selber des Kindes. Ein 47 jähriger 
Ehemann hatte Zeit seines Lebens heiss und ausschliesslich eine Blonde 
ersehnt und nur bei solchen geschlechtlichen Genuss empfunden. Da 
er wie seine Eltern und acht Geschwister schwarzhaarig war, in der 
ganzen Familie nichts Blondes existierte, dieser lichte Typus auch nie 
in sein Leben eingegriffen hatte, schien ein solches Verlangen durchaus 
rätselhaft, bis sich herausstellte, dass er selbst in seiner zartesten Kind- 
heit blond gewesen und darum von der Mutter vorgezogen wurde. In 
späteren Jahren, da er diese Tatsache aus seinem Bewusstsein längst 
schon verdrängt hatte, spielte er in seiner Sexualobjektwahl doch sichtlich 
die Mutter, die ihn selbst begehrte, den reizenden Blondkopf. Bei 
päderastischen Gelüsten hetero- wie homosexueller Art fand ich fast 
immer die lustvolle Erinnerung an das Klystierrohr (seltener das Fieber- 
thermometer) schuld tragend, das einst die Mutter dem Kinde in rectum 
eingeführt hatte '). Der Erwachsene kennt dann kein heisseres Ver- 
langen als die Päderastie, wobei er durchsichtig sich wieder die Rolle 



') Natürlich bei konstitutionell verstärkter Analerotik. 



26 „Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

der Mutter zuteilt und dann nach seiner weiteren Artung ein männ- 
liches oder weibliches Geschlechtsobjekt wählt, doch in beiden Fällen 
nur immer sich selber. Ähnlich fand ich bei der Homosexualität in 
allen Fällen, die ich psychoanalytisch nachprüfen konnte, den Narzismus 
maßgebend. Der männliche Geliebte ist nämlich kein anderer als der 
Kranke selber, der sein Ich in einem Zweiten sucht — u. z. wieder als 
Mutter. Auch in meinen Beobachtungen von reinem Narzismus, d. h. 
Verliebtheit in die eigene Person, konnte ich ganz ausnahmslos den 
Nachweis führen, dass da die Bewunderung des Kindes durch die Mutter 
vorausgegangen war. Später übernahm das Kind selbständig die 
Rolle der letzteren, eventuell mit peripherer Masturbation. Immer, wo 
eine direkte Befriedigung unmöglich erscheint oder schwer zu erreichen, 
schwelgt man in Onanie mit entsprechenden Vorstellungen, dem Aller- 
weltshilfsmittel für mangelnden adäquaten Sexualgenuss. Kannte man 
alle Onaniephantasien eines Menschen, so wüsste man auch sein 
ganzes Geschlechtsleben und warum sein Dasein eine bestimmte Ent- 
wicklung nehmen musste. 

Die bisherige Therapie der Masturbation war ziemlich trostlos. 
Alle kleinen Mittelchen, welche man vorschlug, waren doch stets nur 
äusserlicher Art, dieweil nur gegen das Exekutive gerichtet, nie wieder 
die Phantasien selber. Und man kann im Allgemeinen nur sagen, dass 
sie in der Begel weit mehr an Schaden als Nutzen stifteten? Wirk- 
same Mittel gegen die Onanie kenne ich nur zwei: die Benutzuno- der 
hetero- wie homosexuellen Verliebtheit des Masturbanten und zweitens 
die psychoanalytische Methode. Am häufigsten, wenn auch meist un- 
bewusst wird die Liebe therapeutisch verwendet und dürfte für die 
Mehrheit der Fälle noch das praktisch wichtigste Heilmittel darstellen. 
Nur aus Liebe verzichtet man freiwillig und völlig inklusive Phantasien 
auf die grosse Befriedigung der Masturbation. Im Grunde wissen dies 
kluge Eltern und gewiegte Erzieher bereits seit langem, doch ohne sich 
freilich bewusst darüber Rechenschaft zu geben. So kann die auf- 
flammende Neigung zur Mutter oder zu einem neuen von den Schülern 
hochgeschätzten Lehrer oder einem klugen, erfahreneren Kameraden 
den Anstoss zu dauerndem Verzichte geben. Besonders bezeichnend ist 
das Verhalten in der Pubertät, "Wie häufig geschieht es, dass ein Jüno-- 
lmg in seiner sexuellen Not allüberallhin seine Fühlhörner ausstreckt. 
Zunächst sucht er bei der Mutter Hilfe, die diese nicht gewähren kann. 
Dann etwa beim Vater, der eigentlich der Berufenste wäre, ihn aufzu- 
klären und in die richtige Bahn zu lenken. Da erlebt er jedoch in der 
Regel eine schwere Enttäuschung, weil dieser in den meisten Fällen sich 
geradezu schämt, mit seinem Sohn Sexuelles zu besprechen. Am 
häufigsten sieht er dessen Not überhaupt nicht oder will sie nicht sehen, 
und naht sich ihm jener wirklich einmal zu vertrautem Gespräch, so ist 



Über Onanie. 27 

sein Lohn im besten Falle wohlmeinend oberflächlicher Trost, doch fast 
nie ein Eingehen bis zum Tiefsten. Und doch blühte hier dem Vater 
die beste, nie wiederkehrende Gelegenheit, sich Freundschaft und Liebe 
seines Kindes für alle Ewigkeit zu sichern. Es ist noch das Klügste, 
wenn solch ein Vater, der den Mut nicht aufbringt, Geschlechtliches 
offen mit dem Sohn zu bereden, diesen mindestens an den Hausarzt 
weist. Ja, mich dünkte dies fast die trefflichste Lösung, wenn es nur 
mehr wirkliche Hausärzte gäbe, zumal mit psychosexueller Schulung. 
Mitunter findet der suchende Jüngling endlich einen Helfer in einem 
altern, erfahreneren Kollegen. In den allermeisten Fällen jedoch ist 
nirgends ein Kettungstau zu erblicken, so dass er sich selber über- 
lassen bleibt samt allen Gefahren, die daraus entspringen. 

Der zweite Weg zur Heilung der Onanie, u. z. einer wirklichen 
Dauerheilung ist die Psychoanalyse. Man erschrecke nicht, dass ich für 
ein so verbreitetes Leiden wie die Masturbation eine derart zeitraubende 
und kostspielige Kur anzuraten wage. Mindest in allen schwereren 
Fällen bleibt gar nichts sonst übrig. Ist doch die habituelle Onanie 
eine Psychoneurose, die häufigste Form einer wirklichen Zwangshand- 
lung. Die gewohnheitsmäßige Selbstbefriedigung hat unzweifelhaft 
zwangsartigen Charakter und kann wie jede Zwangsneurose nur durch 
Psychoanalyse ausgerottet werden. Von selber heilt sie gar niemals 
aus, auch ist sie weder durch Verstandesgründe noch durch blossen 
regelmäßigen Beischlaf, den man zur Heilung immer auch noch heran- 
ziehen muss, je zu beseitigen. Bestenfalls können sein- willensstarke 
Menschen die physische Masturbation aufgeben, doch niemals die geistige. 
Auch kommen sie im normalen Verkehr vielleicht zu einer geringen 
Lust bei der Entladung, doch nie und nimmer zu voller Befriedigung. 
Sind doch auch alle Sexualan ästhetische männlichen und besonders 
weiblichen Geschlechtes zum mindesten gewesene Onanisten, meist aber 
solche, die diese Abirrung fortdauernd treiben. Auch hier muss erst 
eine Psychoanalyse die Möglichkeit schaffen, am normalen Geschlechts- 
akt Lust zu empfinden. 

Wie verläuft nun die Heilung unter dieser psychoanalytischen 
Behandlung? Eine wichtige Regel ist zu beachten. Man verschone den 
Kranken mit allen Ermahnungen zur Abstinenz. Nie habe ich einem 
meiner Patienten das Masturbieren ausdrücklich verboten. Denn nicht 
nur, dass solches Verbot nichts nützt, solange man die Vorstellungen 
nicht weggeschafft hat, so schadet es direkt, indem es das Schuld- 
bewusstsein des Kranken oft noch wesentlich steigert. Man verhalte 
sich also durchaus passiv und selbst, wenn Patient geradezu fragt, er- 
widere man nur, er solle es zu meiden versuchen, doch gelänge es 
nicht, so habe es auch nichts weiter auf sich. Wenn die Analyse 
ihrem Ende zugehe, käme er von selber ins normale Geleise. In den 



28 ..Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

minder schweren Fällen, wo etwa neben der ununterdrückbaren Onanie 
auch noch der normale Geschlechtsverkehr mit Lust geübt wird, fallen 
doch im Laufe der Psychoanalyse leidige Begleiterscheinungen weg. 
Die Kranken, welche durch die Masturbation ihr Selbstbewusstsein ver- 
loren hatten, oder mindestens anderen gegenüber stets befangen, scheu, 
ja gedrückt erschienen, werden durch die Aussprache mit dem Arzte 
wieder unbefangen, wagen mit ihrer Ansicht hervorzutreten und in der 
Öffentlichkeit zu reden. Auch merken sie häufig, dass die Masturbation 
ihnen nicht mehr dieselbe sinnliche Befriedigung wie früher gewährt, 
nicht mehr das nämliche Lustgefühl bei der Ejakulation. Einer meiner 
Kranken, der beim Onanieren stets einen Nebel im Kopf verspürte, 
verlor den sofort, als wir die begleitende Phantasie in Gelüsten auf 
die frühverstorbene Schwester nachgewiesen hatten. Ein anderer wieder, 
der die Masturbation fast bis gegen das Ende der Psychoanalyse fest- 
zuhalten wusste, trotzdem er mit seinem Eheweibe einen durchaus ge- 
nussvollen Koitus übte, erklärte schliesslich: „Mir kommt vor, als wäre 
ich die Lust, die mir auftaucht, zu bekämpfen imstande. Es kommt 
mir so vor". Und tatsächlich ward er nach Schluss der Kur derselben 
ganz Herr, u. z. spontan, ohne irgend ein Gebot von meiner Seite. 
Als ich ihn befragte, warum er die Masturbation aufgegeben, erklärte er, 
es sei ihm zu dumm geworden. Damit es ihm freilich „zu dumm werden"' 
konnte, musste ich vorher die Phantasien abbauen, sonst hätte das zu 
Dummwerden so wenig genützt als in früheren Abgewöhnungsversuchen. 
In ganz schweren Fällen, wo z. B. die Onanie die normale Be- 
tätigung unmöglich macht, oder, wenn schon der Akt mit Mühe ge- 
lingt, jede Lust davon nimmt, geschieht der Wandel meist in solcher 
Art, dass zunächst die Masturbationsphantasien wieder normal werden, 
auf den korrekten Geschlechtsakt gerichtet, bis dieser selbst unter 
steter Aneiferung von seiten des Arztes endlich gelingt. Vielleicht am 
schwersten zu bekämpfen ist die sog. -geistige Onanie" der Psycho- 
neurotiker, die gar nichts Peripheres mehr treiben. Bei diesen ist es 
direkt ein Gewinn, wenn sie wieder zu masturbieren anheben, was nicht 
eher eintritt, als bis man den Kern ihrer Phantasien aufdecken konnte. 
Dann freilich erfolgt der Übergang von der Masturbation mit normalen 
Vorstellungen zum regelrechten Beischlaf häufig sehr rasch. 

Bei der Bekämpfung der Onanie ist zum Schlüsse auch immer 
darauf zu dringen, dass der normale Geschlechtsverkehr nicht bloss auf- 
genommen , sondern in den üblichen Intervallen fortgesetzt werde. 
Dem steht nun bei dem männlichen Geschlechte meist keine Seh wierio-- 
keit im Wege, wohl' aber beim weiblichen, weshalb die Heilung der 
Masturbation bei diesem weit schwerer, ja nicht so selten ganz un- 
möglich wird. Ist doch der ärztliche Rat zu heiraten für viele Frauen 
aus den bekannten sozialen Missständen einfach nicht gangbar. 



. 



Über Onanie. • 29 



IV. 

Dr. Wilhelm St ekel: 

Die Ansichten Ober das Wesen der Onanie sind so verschieden, 
dass ich zuerst feststellen muss, was für mich Onanie bedeutet. Ich 
halte dafür, dass der Ausdruck von Havelock Ellis „Autoerotismus" 
dem veralteten und missbräuchlich angewendeten „Onanie" vorzuziehen 
wäre. Denn Onanie ist für mich im strengsten Sinne des Wortes nur 
Autoerotismus. Die Onanie ist ein asozialer Geschlechtsakt. Das ist 
ihr wesentliches Merkmal. Es gibt für Männer keine Onanie beim 
Weibe, wenn sie ohne besondere Libido kohabitieren , wie z. B. 
Ferenczi und viele andere Autoren annehmen. Es gibt für mich auch 
keine mutuelle Onanie zwischen zwei Männern oder Frauen. Meine 
Definition lautet also: Jeder sexuelle Akt. der ohne Mithilfe 
eines Anderen vollzogen wird, ist Onanie. 

Dabei kommen die Vorgänge der Phantasie nicht in Betracht. 
Denn in der Phantasie gibt es eigentlich sehr selten einen „ autoero- 
tischen " Akt, weil man ja dabei meistens eine oder mehrere Personen 
als Objekte der Befriedigung zur Verfügung bat. (Die selteneren Fälle 
ausgenommen , in denen der eigene Körper zum Sexualobjekt wird. 
Narzissimus und Sadgers „Sekundärer Autoerotismus".) Eigentlich ist 
jeder onanistische Akt Narzissimus. Denn die Lust wird am eigenen 
Körper gewonnen. Überdies zeigt eine genauere psychologische Unter- 
suchung der Liebesbeziehungen, dass jeder Menseh sein Ich in der Um- 
gebung sucht und dass jede Liebe im gewissen Sinne eine „Ichliebe" 
ist. Wir lieben uns in Anderen und hassen uns in Anderen. 

Wir kommen jetzt zur Beantwortung der wichtigen Frage: Ist 
diese autoerotische Betätigung schädlich oder nicht?" In dieser allge- 
meinen Fassung Hesse sich die Frage kaum beantworten. Wir könnten 
ebenso fragen: Ist die Sexualität schädlich oder nicht? 

Jeder „normale" Akt kann unter bestimmten Umständen und in 
bestimmter Ausführung eine Schädlichkeit werden. Ein Übermaß von 
Essen, Trinken, Schlafen und vieler anderer physiologischen Funktionen 
kann durch falsche Anwendungsweise und durch Übermaß schädlich 
werden. Meiner Erfahrung nach steht die Onanie an Schädlichkeit, 
(wenn wir von den sekundären seelischen Begleiterscheinungen absehen) 
in gleicher Linie wie der sogenannte „normale" Akt. Es gibt ver- 
schiedene Variationen des autoerotischen Aktes die zu einer Reizung der 
Geschlechtsdrüsen und zu Störungen der inneren Sekretion führen. 
Wir müssen uns daher einen flüchtigen Überblick über die verschiedenen 
Formen der Onanie verschaffen. 






30 



„Wiener psychoanalytische Diskussionen." 



Wir können da unterscheiden: 

A. Die Onanie ohne mechanische Reizung. 

1. Durch die Produktion autochthoner Phantasien. 

2. Durch obszöne Reden. 

3. Durch Lektüre. 

4. Durch verschiedene Affekte — hauptsächlich durch Angst- 
produktion. 

Der vierte Punkt bedarf einer kleinen Erläuterung. Es gibt 
Onanisten. die sich in Situationen bringen, in denen sie Angst empfinden, 
worauf unter grossem Lustgefühl eine Ejakulation eintritt. Ein Mann 
meiner Beobachtung machte einen kaum angedeuteten exhibitionistischen 
Akt. Dieser führte nur eine allgemeine Spannung herbei. Dann kam 
die Phantasie, er würde von einem Wachmanne beobachtet werden. 
Er ergriff nun die Flucht, wobei es zur Ejakulation kam. Ein anderer 
onanierte mit der Vorstellung des „Nicht Erreichens". Er richtete es 
•so ein, dass er z. B. sich zu einem Zuge sehr viel Zeit liess, so dass 
er sich im letzten Momente sehr „hetzen" musste. Dann kam die Vor- 
stellung : D a s w i r s t d u n i c h t e r r e i c h e n ! Sofort setzte eine Angst 
ein, die sich allmählich steigerte, bis es zum Orgasmus mit allen seinen 
Begleiterscheinungen kam. Dasselbe konnte er auch durch die Lektüre 
eines beliebigen Buches erzielen. Der Leser sagte sich plötzlich: Du 
musst m zehn Minuten mit dem Buche fertig werden. Damit du dich 
aber nicht beschwindeln kannst, musst du laut lesen und jeden Vokal 
genau und deutlich betonen. Er legte die Uhr vor sich hin und bald 
hatte er wieder die gesuchte psychische Spannung des „Nicht Erreichen» 
durchgesetzt, die zum Auslösen des Orgasmus führte. Dieser Mann 
konnte durch eine gewöhnliche Friktion kaum einen Orgasmus erzielen. 
Auch m solchen Fällen wirkte die Phantasie des „Nicht Erreichens" 
hinzu, um den Orgasmus durchzusetzen. Ähnliche Erscheinungen kann 
man bei anderen Affekten beobachten. (Zorn, Hass, Mitleid, Scham usw.) 
Wir können ferner unterscheiden: 

B. Onanie mit mechanischer Reizung. 

1. Mechanische Reizung ohne Zuhilfenahme der Phantasie. (Diese 
Form ist sehr selten, da die Phantasie meist „unbewusst" bleibt 
worüber wir noch ausführlich sprechen werden. 

2. Mechanische Prozeduren am . Schlüsse der Phantasie. 

3. Die Masturbatio prolongata. Die Ejakulation wird durch Auf- 
hören der Friktionen oder Einschieben anerotischer Phantasien zurück- 
gehalten. Nach einer Pause, kommt es zu neuen Friktionen oder Lust- 
produktionen, die aber wieder vor dem Eintreten des Orgasmus ein- 
gestellt werden, sodass eine Verlängerung des sexuellen Aktes bis zu 
einer Stunde und darüber hinaus durchgesetzt werden kann. 



über Onanie. 



31 



4. Eine besondere Form ist auch die von Rohleder zuerst 
beschriebene Masturbatio interrupta. Bei dieser Form wird der Orgasmus 
überhaupt nicht herbeigeführt. Der Onanist oegnügt sich mit der Vor- 
lust und verzichtet aus hygienischen oder e mischen Motiven (Samen- 
verlust, Angst vor Schmutz) auf den Orgasmus und die Ejakulation. 

C. Endlich haben wir den .Unbewussten Autoerotismus" 
zu erwähnen. Die verschiedenen Formen der Spermatorrhoe (z. B. 
beim Defäzieren) und die Pollutionen, manche rätselhafte Krampfanfälle 
mit darauffolgender süsser Erschlaffung (bei Kinder und Erwachsenen), 
kleinere und längere Absenzen sind versteckte autoerotische Akte. Bei 
den Pollutionen macht der Träumer entweder Friktionen oder die 
charakteristischen Bewegungen, welche den Orgasmus herbeiführen. 
Auch die Defäkation wird bei solchen Menschen unter Begleitung un- 
bewusster analerotischer Phantasien ausgeführt. Die Spermatorrhoe 
geht unter schwachem Lustgefühl oder leichtem Kitzelgefühl vor sich. 
Übrigens ist zu erwähnen , dass es vielen Menschen gelungen ist, die 
grosse Endlust dadurch zu maskieren , dass sie die Vorlust in 
kleinen Libidoteilen gemessen. Sie kommt nicht mehr als Libido zum 
Bewusstsein. 

Solche autoerotische Vorgänge sind sehr häutig und meistens sehr 
geschickt maskiert. Die Erwachsenen haben dabei z. B. keine Erektion. 
Sie halten den infantilen Typus der Lustgewmnung fest, so dass eine 
Urinabsonderung die Ejakulation ersetzt. (Enuresis !) Ahnliche Vorgänge 
sind beim Lutschen und beim Hutschen und bei verschiedenen Muskel- 
aktionen nachzuweisen. Diese Prozeduren sind in praxi nicht so 
scharf geschieden, als ich sie hier geschildert habe. Denn es gibt un- 
zählige Kombinationen und Übergänge. So kenne ich einen Mann, 
der zuerst mit phantastischen Vorstellungen einer Orgie ohne Friktion 
onaniert. Dann spannt er seine Muskeln auf das Ausserste an und setzt 
so erst den Orgasmus durch. Andere können beim Turnen, Schwimmen, 
Radfahren, Reiten durch Kombinantion mechanischer und seelischer Reize 
zur Befriedigung gelangen. 

Alle Menschen onanieren. Von dieser Regel gibt es keine Aus- 
nahme, wenn man einmal weiss, dass es eine unbewusste Onanie gibt. 
Man könnte sie auch die maskierte oder larvierte Onanie, nennen. Einige 
dieser Formen habe ich bereits erwähnt. Aber es gibt deren unzählige. 
Der eine hat die Gewohnheit mit dem Finger in den Anus zu fahren, 
angeblich weil er den harten Stuhl herausbringen muss. Denn die 
Lustgewinnung auf dem maskiert autoerotischen Wege wird immer 
, rationalisiert". Der Zweite fühlt ein heftiges Jucken im Mastdarm, 
sodass er immer kratzen muss. (Bekanntlich der Fall Martin Luthers, 
der auch die „süssen Lustgefühle" bei diesem Jucken und Kratzen 
mehrfach erwähnt). Die Dritte leidet an einem Pruritus vaginae, der 



32 



„Wiener psychoanalytische Diskussionen." 



sie zum Kratzen zwingt. Nach dem Orgasmus hört das Jucken all- 
mählich auf. Diverse Spiele mit der Zunge, das Kratzen der Haut, das 
Nasenbohren. manche Tics, gehören in dieses Gebiet. Charakteristisch 
ist dabei immer, dass der Charakter der Lust so mitigiert erscheint, 
dass er dem Beteiligten gar nicht als „erotisch" zum Bewusstsein kommt. 
Beim Manne wird die Detumeszenz ganz ausgeschaltet. Die Erektion 
würde ja den sexuellen Charakter der Lustgewinnung sofort verraten. 
Selbst die Arzte kennen noch nicht den erotischen Charakter dieser 
Lustgewinnung ohne Erektion. Die Spermatorrhoe wird als besondere 
Schwäche des Sexualapparates aufgefasst. Merkwürdig ist nur der 
Umstand, dass das beste Mittel gegen Spermatorrhoe noch immer 
regelmäßiger Geschlechtsverkehr ist. Wenn eben eine andere Form 
der Lustgewinnung zur Verfügung steht, ist die Spermatorrhoe über- 
flüssig. 

Schon der Umstand, dass alle Menschen onanieren oder onaniert 
haben, sollte uns überzeugen, dass die Onanie vollkommen unschädlich 
ist und keine Angstneurose erzeugt. Und schliesslich müssen wir 
zugeben — wenn wir die unbewusste (larvierte) Onanie in Rechnung 
stellen — dass alle Menschen onanieren, oder einmal onaniert haben. 
Gerade unter den Menschen, die angeblich nie im Leben onaniert haben, 
findet man massenhaft maskierte Onanisten. Aber alle diese Onanisten 
stehen im Kampfe gegen die Onanie. Der Wegfall der Ejakulation dient 
schon hypochondrischen Tendenzen, um das lebenswichtige Sperma zu 
ersparen. (Eine Sparsamkeit, die in vielen Fällen einer Verschwendung 
von Lebenskraft gleichzustellen ist !) Und doch sehen wir eine Reihe 
von Schädlichkeiten, die immer nach onanistischen Akten auftreten. 
Wir hören, dass die Leute gleich darnach oder am nächsten Tage sich 
matt und müde fühlen, dass sie über Kopf- und Kreuzschmerzen klagen, 
unfähig zur Arbeit scheinen usw., eine Erscheinung, die Ferenczi 
„Eintagsneurasthen ie" genannt hat. Ich kann jedoch den Beweis 
führen, dass diese Eintagsneurasthenie ein psychogenes Gebilde ist. Ich 
habe viele Menschen gesehen, welche diese sogenannte Eintagsneu- 
rasthenie sofort verloren haben, nachdem sie von mir belehrt wurden, 
dass der onanistische Akt als solcher vollkommen unschädlich und 
harmlos ist und dass nur ihre Angst ihnen einen Schaden vorgetäuscht 
und dadurch auch erzeugt hat. 

Man bedenke den schweren psychischen Kampf, den die Onanisten 
auskämpfen müssen, ehe es zum Akte kommt. Sie binden sich mit 
tausend Eiden, mit Gebeten, mit Versprechungen usw. Sie haben sich 
fest vorgenommen, nicht mehr zu fallen. Das letzte Mal sollte es das 
letzte Mal sein. Und trotz aller Eide und Vorsätze erliegen sie wieder 
dem Triebe und werden rückfällig. Der seelische Katzenjammer der 
Niederlage erzeugt selbstverständlich eine schwere Depression. Dazu 



über Onanie. 33 

kommt der Einfluss der bekannten Abschreckungsbücher und der wohl- 
gemeinten Erziehungseinflüsse der Lehrer, Eltern und des Hausarztes. 
Es gehört beute zur sorgfältigen Erziehung des Kindes, es vor den 
Schäden der Onanie zu warnen. Diese Warnungen haben sicherlich 
viel mehr Schaden angestiftet, als die Onanie selbst. Alle diese Hem- 
mungen bilden beim Onanisten schwere psychische Konflikte. Religiöse, 
ethische, hygienische Gegenvorstellungen werden von der Macht des 
Triebes überwunden. Aber nach dem Orgasmus melden sich die Hem- 
mungen als Vorwürfe und erzeugen jene Depression, die selbst er- 
fahrenen Praktikern das Bild der Neurasthenie vortäuscht, einer Krank- 
heit, die meiner Erfahrung nach gar nicht existiert und die nur so 
lange existieren kann, so lange man sich nicht bemüht, hinter ihr 
die psychogen entstandene Angstneurose oder ein ernsteres Leiden 
(Dementia praecox - Cyklothymie) herauszuschälen. Klärt man die 
Menschen über die Harmlosigkeit des autoerotischen Aktes auf oder 
haben sie diese verschiedene Hemmungen nicht erhalten, so tritt auch 
keine Depression nach der Onanie auf, ja, man kann es wiederholt hören, 
dass die Leute sich nach einem autoerotischen Akte erfrischt fühlen 
und ihre Angstzustände und Zwangsvorstellungen zurücktreten. 

Wie wären sonst die folgenden Beobachtungen zu erklären-' Ein 

dreiundzwanzigjähriger Jüngling mit allen Zeichen einer schweren Neu- 

.rose gibt an, dass er seit zwei Jahren die Onanie aufgegeben hat. Seit 

jener Zeit leidet er an Angstzuständen und Schlaflosigkeit. Bekanntlich 

hat Freud darauf aufmerksam gemacht, dass Onanisten der Angst- 

CT * O 

neu rose verfallen, wenn sie die Onanie aufgeben. Sie hätten sich un- 
fähig gemacht, ohne Onanie zu leben. Diese feine Beobachtung kann 
jeder Arzt bestätigen. Wir sehen die schwersten Neurosen, wenn die 
Leute die lange geübte Onanie aufgeben. Dann wird infolge 
eines Trugschlusses die Neurose als Folge der Onanie 
aufgefasst. Es ist aber gerade das Gegenteil wahr. Die 
Neurose ist eine Folge der Abstinenz'). 

Kehren wir zu unserem Jüngling zurück, der die Onanie auf- 
gegeben hat und schwer erkrankt ist. Wir geben ihm die Onanie frei, 
da er nicht dazu zu bringen ist, ein AVeib aufzusuchen und siehe da, 
der vorher kranke Mensch wird vollkonnnen gesund und zeigt gar keine 
Zeichen einer Neurasthenie oder einer anderen Neurose. Ein anderer 
Fall : Eine Arztesgattin, die seit dem vierten Lebensjahre fast täglich 



') Da nach Freud die Onanie die Ursache der Neurasthenie 
ist, das Aufgeben der Onanie zur Angstneurose führt, so bliebe 
den armen Neurasthenikern nur die bange Wahl zwischen Neu- 
rasthenie oder Angstneurose, es sei, sie hatten sich zu einem „nor- 
mal e n G e s c h 1 e c h t s v e r k e h r e" e n t s c h 1 o s s e n , welclier Weg, wie wir 
bald sehen werden, ihnen meistens versperrt ist. 

Wiener Diskussionen. (Heft II.) o 



34 „Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

onaniert hatte, und auch in der Ehe onanieren musste, liest im dreissigsten 
Lebensjahre in der Bibliothek ihres Mannes ein Buch, das von den 
furchtbaren Schäden der Onanie handelt. Diese Frau war ja ' der Ehe 
vollkommen frigid und hatte ihre einzige Befriedigung in einer täglich 
ausgeführten Onanie gefunden. Sie konnte erst einschlafen, wenn sie 
einen onanistischen Akt vollzogen hatte. Nach der Lektüre dieses 
Buches war sie fürchterlich erschrocken. Sie wusste nun, was ihr bevor- 
stand : Rückenmarksleiden, Auszehrung, Blödsinn, Tuberkulose. (Dabei 
sah diese Frau blühend aus und war physisch sehr gut entwickelt). Sie 
beschloss, ihrem Manne das „Laster" zu beichten und wurde von ihm 
bestärkt, die Onanie aufzugeben. Nun begann ein furchtbarer Kampf, 
in dem sie Siegerin blieb. Aber es entwickelte sich allmählich eine 
schwere Depression, die sie fast zum Selbstmord trieb. Sie machte sich 
schwere Vorwürfe, quälte sich und ihre Umgebung in der fürchter- 
lichsten Weise. Die ganze Neurose war durch das Autgeben der Onanie 
entstanden. 

Das ist eine Beobachtung, die wir immer wieder 
machen können. Die Neurose bricht erst aus, wenn die 
Menschen die Onanie aufgeben. Die Krankheit wird 
dann fälschlich als eine Folge der Onanie und nicht als 
eine Folge des Aufgebens der Onanie aufgefasst. Man 
nehme sich die Mühe, die Anamnesen schwerer Fälle von Neurosen 
durchzusehen. Man wird häutig genug linden, dass die Kranken die 
Onanie aufgegeben haben , und dass dann darnach die Neurose aus- 
gebrochen ist. In meinem Buche „Nervöse Angstzustände und ihre 
Behandlung'' und in den Büchern Janet's findet sich eine ganze Menge 
hierher gehörender Fälle. 

Dagegen kenne ich Menschen, die Jahrzehnte täglich onanieren 
und gar keine Spur eines Schadens zeigen. Ein 54jähriger Mann gestand 
mir, dass er seit seiner frühesten Jugend täglich onaniere. Manche 
Tage mehrere Male. Er ist verheiratet und übt überdies noch täglich 
den Verkehr mit der Frau aus. Seine Potenz ist vorzüglich und er 
zeigt keinerlei Zeichen, die man gebräuchlicherweise als neurasthenische 
Stigmata bezeichnet. Ein anderer Fall meiner Beobachtung betrifft einen 
Künstler, der seit seinem vierten Lebensjahre bis zum 16. Jahre täglich 
onaniert hatte. Nachher litt er an täglichen Pollutionen, die ihn fast 
zur Verzweiflung brachten , bis ihm ein Arzt den Rat gab, die Pol- 
lutionen durch häufigen Geschlechtsverkehr zu heilen. Solange er nur 
einmal in der Woche verkehrte, half das Mittel gar nichts. Erst als er 
das Glück hatte, eine Geliebte zu finden, die an ihn grosse Ansprüche 
stellte, verschwanden die Pollutionen, um nie wiederzukehren. Dieser 
Mann zeigt keinerlei Schaden an Leib und Seele und erreichte eine 









Ober Onanie. 



35 



hohe Stelle auf der sozialen Stufenleiter. Auch seine Potenz hatte 
nicht gelitten und gestattete ihm die Rolle eines bekannten Don Juans. 

Auch das Übermaß der Onanie, der sogen. „Onauismus", zu dem die 
Onanie führen kann, scheint mir nicht so gefährlich zu sein, wie wir 
es lesen und hören. Die Krankengeschichten erzählen uns immer nur 
von Menschen, die im Kampfe mit der Onanie stehen und infolo-e des 
Katzenjammers erkranken oder die nach der Abstinenz und infolo-e der 
Onanieabstinenz erkranken. Immer ist es die Reue, das Gewissen, der 
Kampf, der die Onanisten krank macht. Ich kenne einen Jüngling, der 
durch viele Monate in geradezu exzessiver Weise onaniert hatte. Er 
onanierte jede Nacht mehrere Stunden hintereinander, wobei er fünf- 
bis sechsmal ejakulierte. Er sah nicht einmal schlecht aus und zeigte 
auffallend wenig somatische und geistige Störungen. Es war ein frischer 
und munterer Junge, den Kopf voller Schelmenstreiche und allerlei 
Plänen. Er gab die Onanie auf meinen Rat auf und wurde ein Frauen- 
jäger. Er war ein sexueller Athlet und hatte grosses Glück bei Frauen 
und das Unglück, ein Mädchen zu verführen, das er heiraten musste. 
Er steUte sich mir dieser Tage als Familienvater vor. Obwohl er seit 
früher Jugend und wie gesagt, in den erwähnten Monaten exzessiv 
onaniert hatte, konnte ich keinerlei Folgen der exzessiven Onanie kon- 
statieren. Man kann ja behaupten, dieser Jüngling habe eine ausser- 
ordentlich kräftige Sexualkonstitution aufzuweisen. Sicherlich! 

Diese Konstitution hat ihn ja eben zur exzessiven 
Betätigung getrieben. Die Onanie soll leicht zur Unmäßigkeit 
führen. Ich habe das nie beobachtet. Der Geschlechtstrieb lässt sich 
nicht unterdrücken. Aber er lässt sich auch nicht so leicht künstlich 
steigern, als man gemeiniglich annimmt. Wenn die Libido abgeführt 
wird, so entfällt der Anreiz zur Onanie. Menschen, die sehr oft 
onanieren, haben ein sehr grosses Bedürfnis. Wie lächerlich 
ist es nach Martin Luther, den Menschen Regeln vorzuschreiben ! Unsere 
nach ärztlichen Imperativen hungernde Zeit verlangt durchaus Vor- 
schriften für die Häufigkeit des Verkehres. Es gibt auch da keine Vor- 
schriften. Alles richtet sich nach dem Bedürfnis. Ich kenne Ehemänner, 
die durch viele Jahrzehnte den Koitus täglich ausgeführt haben, andere 
die sein- wenig Bedürfnis haben. Ich habe auch nie beobachten können, 
dass häufiger Geschlechtsgenuss die Lebensdauer abkürzt. 1 ) Ein starker 
Trieb verlangt eine stärkere Betätigung. Ich habe immer wieder 
gefunden, dass die Menschen erkranken, wenn sie ihrer 
inneren Natur und ihren Bedürfnissen aus den verschie- 
densten Motiven Gewalt antun. 



i) Ausführliches darüber in meiner Broschüre : „Keuschheit und Gesundheit' 
(Verlag: Paul Knepler, Wien.) 



3(J „Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

Und es gibt eben Menschen, viele Menschen, die ohne die Onanie 
nicht leben können. Nimmt man ihnen die Onanie, so verliert das 
Leben für sie jeden Reiz, wie ich es in meinen Ausführungen über den 
Selbstmord ') nachgewiesen habe. 

Die Onanie ist für viele Menschen deshalb unersetz- 
lich, weil sie für sie die einzige adäquate Form der Be- 
friedigung darstellt. Freud hat uns belehrt, dass die Onanie 
immer mit Phantasien einhergeht. Diese Phantasien sind teils 
bewusst, teils unbewusst. Die begleitende Phantasie gibt der 
Onanie die psychische Wertigkeit. Diese Phantasien sind mannigfacher 
Natur. Sie können Inzestphantasien sein, oder verschiedene perverse 
Akte, Orgien, oder sich mit kriminellen Phantasien verbinden. 

Diese Phantasien machen die Onanie dem Individuum, das sich an 
sie gewöhnt hat, unentbehrlich. Sie können in den seltensten Fällen 
von der Wirklichkeit erreicht und durch eine nur einigermaßen 
befriedigende Realität abgelöst werden. So wird die Onanie zur einzigen 
adäquaten Form der Befriedigung für viele Menschen. Am klarsten 
sehen wir das an der Homosexualität. Von der grossen Bedeutung der 
Homosexualität für die Neurosen und unsere ganze Kultur lässt sich 
die Schulweisheit noch lange nichts träumen, obwohl die Arbeiten 
unserer Schule aller Welt hätten die Augen öffnen können. Wie 
viele Homosexuelle gibt es, die es selbst nicht wissen, 
deren ganze Neurose eine Flucht vor den homosexuellen 
Regungen darstellt! Für alle diese Menschen, ebenso wie 
für die bewusst Homo sexuellen, die sich vor einem homo- 
sexuellen Akte aus verschiedenen Gründen scheuen, ist 
die Onanie das einzige Surrogat, das ibnen ein gewisses 
Ausleben der Triebe gestattet. (Es ist ja eigentlich jede 
Onanie ein homosexueller Akt und dient auch beim sogenannten 
Normalen zur Befriedigung der nie fehlenden homosexuellen Kom- 
ponente.) 

Aber wie viele andere verbotene Regungen können durch die 
Onanie einen Ausdruck und eine Abfuhr finden ! Soll ich die ver- 
schiedenen Formen des Fetischismus, des Sadismus, des Masochismus, 
die kriminellen Regungen erwähnen? Nimmt man diesen Menschen die 
Onanie, so werden sie unglücklich und sterben daran. Es ist eine 
billige Phrase, solchen Kranken zu sagen, gehen sie zum 
Weibe oder suchen sie sich einen Mann. Wie viele alte 
Jungfern, keusche Witwen, einsame Hagestolze, machen sich das Leben 
nur durch die Onanie erträglich, die sie wenigstens keinen sozialen Ge- 



1 ) Über den Selbstmord. (Diskussionen. Heft I. J. F. Bergmann, Wies- 
baden.) 



Über Onanie. 37 

fahren aussetzt! Ick habe zahlreichen jungen Leuten und auch älteren 
den Rat gegeben, den normalen Geschlechtsverkehr aufzusuchen. 
In vielen Fällen ist das unmöglich, weil die Onanisten vor dem Weibe 
impotent, die Frauen beim Verkehre anüsthetisch sind. Aber nicht 
weil die Onanie sie impotent und anästhetisch gemacht hat. Nein! 
Weil sie gar nicht das Weib respektive den Mann suchen. Eman- 
zipieren wir uns einmal in sexuellen Dingen von dem 
Kanon des Normalen, der in Wirklichkeit nicht existiert! 
Der Homosexuelle kann heiraten und Kinder zeugen und trotzdem unbe- 
friedigt sein, weil er die ihm adäquate Form der Sexualbefriedigung 
nicht findet. Er erkrankt unter Umständen an einer Angstneurose, die 
er verliert, wenn er sich durch eine mäßig 1 betriebene Onanie einen 
Ersatz verschafft. 

Würde man die Onanie ganz unterdrücken können, die Zahl der 
Sexualverbrechen würde ins Unermessliche steigen. Auch die Krimi- 
nalität würde sich rapid verbreiten. Ich will hier nur ein einziges Bei- 
spiel anführen. Ich konnte bei einem Onanisten nachweisen, dass er 
mit der Phantasie onaniert, seinen Vater zu erschlagen. Wohlgemerkt 
mit der unbewussten Phantasie. Der Penis (der Gebärvater) wurde ihm 
zum Symbol des Vaters, die Ejakulation war ein Blutstrom, der dem 
Leben des „Erzeugers" ein rasches Ende machte. Das Kollabieren des 
Phallus symbolisierte das Sterben. x ) Doch diese Phantasie ist eine der 
Phantasien aus dem Rattenkönig, die diesem Kranken zu Gebote standen. 
Er spielte in der Onanie alle Rollen, ähnlich wie es der geniale Ent- 
deckerblick Freuds für den hysterischen Anfall nachgewiesen hat. Er 
war Weib und Mann zugleich (Bisexuelle Tendenzen), also aktiv und 
passiv beteiligt. Je nach der Lage konnte er die eine oder die andere 
Rolle spielen, meistens beide zugleich. Erst die Psychoanalyse konnte 
ihn von diesen Phantasien befreien, indem sie alle ans Licht des Tages 
zog und ihm so den Weg zum Weibe frei machte. 

Eine andere Patientin onanierte mit der Phantasie ihre Mutter zu 
ermorden. Sie machte sich später heftige Vorwürfe. Sie habe durch 
die Onanie ihre Gebärmutter ruiniert. Sie habe sich etwas „innerlich - 
zerrissen. Sie habe deshalb keine Kinder und sei deshalb in der Ehe 
frigid. Das sei die gerechte Strafe für die schwere Sünde der Onanie. 
Wir sehen aber, dass diese Vorwürfe sich eigentlich nicht auf den 
onanistischen Akt als solchen, sondern auf die den Akt begleitenden 
Phantasien beziehen. Das verraten uns die hypochondrischen nach dem 

!) Sein tiefes Schuldbewusstsein stammte aus dieser Quelle. Er gab die Onanie 
auf und erkrankte an einer schweren Zwangsneurose. Es gelang ihm, die Sexualität 
so zu unterdrücken, dass er keine Erektion mehr hatte. Er wurde keusch — aber 
vollkommen lebensunfähig. 






38 ..Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

Prinzipe der Talion aufgebauten Befürchtungen, sie habe ihre „Gebär- 
mutter* ruiniert usw. Wir sehen, wie kompliziert die Frage des Schuld- 
bewusstseins bei der Onanie ist. 

Bevor wir zur Analyse des Schuldbewusstseins des Onanisten über- 
gehen, müssen wir noch ein wichtiges Moment hervorheben. Die Onanie 
ist immer eine Begression (Freud) auf infantile Lustquellen. Sie er- 
setzt sogar die erste und stärkste Lust des Menschen, die Säuglingslust. 
Ich habe wiederholt bei den Onanisten Phantasien konstatieren können, 
wie, dass der Penis die Amme ist, die gemelkt wird. Der onanistische 
Akt bei Männern wird häufig als ein Melken bezeichnet. In meinem 
Buche „Die Sprache des Traumes u ') finden sich bei den Ammen- 
träumen und den Onanieträumen genügend Bestätigung für diese Be- 
hauptung. 

Wir können schon aus diesen Ausführungen ersehen, dass es 
Menschen geben wird, denen die Abgewöhnung der Onanie unmöglich 
ist. Bei anderen geht diese Entwöhnung sehr leicht vor sich. Diese 
Menschen haben schon mit Phantasien aus dem normalen Geschlechts- 
leben — wenn ich mich zur Verständigung so ausdrücken darf — onaniert. 
Die Onanie war für sie nur ein Surrogat des Erreichbaren, aber damals 
noch nicht Erreichten. 

Diese Menschen haben auch für gewöhnlich wenig Schuldbewusst- 
sein, das ja sonst im Leben der Onanisten eine so grosse Bolle spielt. 

Wir erleben da merkwürdige Überraschungen. Es kommen Kranke 
zu uns, die sich wegen der Onanie die heftigsten Vorwürfe machen. 
Man klärt sie auf und sagt ihnen : Eine mäßig betriebene Onanie ist 
unschädlich. Aber sie bleiben ungläubig und machen sich weiterhin 
Vorwürfe. Wir begreifen diesen Vorgang, wenn wir wissen, dass sich 
diese Vorwürfe auf die begleitenden Phantasien beziehen. Wir decken 
diese Phantasien in der Psychoanalyse auf und merken, dass die Vor- 
würfe noch immer nicht weichen wollen. Endlich merken wir, dass 
eine Affektverschiebung stattgefunden hat. Die Onanie hat eine 
R e i h e v o n V o r w ü r f e n übernommen, die bewusstseins f r e m d 
sind, weil sie viel peinlicher sind, als die Vorwürfe wegen 
der Onanie. Die Onanie ist ein Nährboden für alle Vor- 
würfe. Sie ist das Schuldreservoir für alle Schuld. Sie 
ist gewissermaßen das Symbol der Schuld. 

Dass die Onanie von dem einen glänzend vertragen wird, von dem 
anderen nicht, das hängt nur davon ab, ob sich mit ihr ein Schuld- 
bewusstsein verbindet oder nicht. Wo Schuld sich an die Onanie hängt, 
da treten alle jene Erscheinungen auf, die wir als Folgen der Onanie 
beschrieben bekommen. Wo die Schuld fehlt, bleiben diese Symptome 



l ) J. F. Bergmann, Wiesbaden 1911. 






Über Onanie. 39 

der Neurose aus. Es ist von grosser Bedeutung, dies Phänomen der 
Schuldverschiebung zu kennen. Wir können ja die Erfahrung fast täg- 
lich in unserer Sprechsstunde machen. Die Patienten geben die Onanie 
zu. Aber das letzte Mal vor drei Jahren und dergl. Später erfährt 
man, das der letzte autoerotische Akt vor einem Tage stattgefunden 
hat. Ähnlich verfahren die Kranken bei einer Gonorrhoe. Sie haben 
die Tendenz, den schuldigen Koitus zurückzudatieren. 

Dies Prinzip der Verschiebung in die Vergangenheit spielt eine 
grosse Bolle bei den Zwangsvorstellungen. Ein Beispiel für viele. Eine 
Dame machte sich Vorwürfe, sie hätte vor 20 Jahren einen Abortus 
ausführen lassen. Zwanzig Jahre lebte sie in Ruhe und Frieden und 
plötzlich taucht der alte Vorfall auf und macht sie schlaflos. Notabene 
hatte sie damals den Abortus auf den Bat ihres Hausarztes durchführen 
lassen. Die Analyse ergab, dass sie nach einer Krankheit ihres Mannes 
erkrankt war. Man möchte nun glauben, das sei die Folge der auf- 
opfernden Pflege und der Sorgen. Im Gegenteil! Sie hatte während 
der Krankheit des ungeliebten Mannes den unbewussten Wunsch: 
0, möchte er sterben, dass sie nun frei über sein Vermögen verfügen 
könnte. Dieser Wunsch war verdrängt worden. Der Affekt jedoch 
suchte einen Punkt, wo er sich im Bewusstsein festsetzen konnte. Die 
Schuld Hess sich nicht betäuben. Sie durchforschte die Vergangenheit. 
Hatte sie nicht einmal einen Mord begangen'? War ein Abortus nicht 
ein Kindermord? Und waren die Todeswünsche gegen den Gatten nicht 
ein Äquivalent eines Mordes? Mord für Mord. So knüpfte sich das 
Schuldbewusstseiu, das aktuellen Anlässen entsprang, an einen fast ver- 
gessenen Vorfall und füllte ihn mit den frischen Affekten. 

Ähnlich geht es den Menschen mit der Onanie. Sie suchen in 
der Vergangenheit nach einem Vorfall, der ihnen gestattet, ihr Schuld- 
bewusstseiu zu fixieren. Dazu ist die Onanie besonders geeignet. 
Denn kein zweiter Vorgang führt uns den Kampf zwischen 
Trieb und Hemmung so deutlich vor Augen. Die Onanie 
ist das Symbol für den Kampf zwischen Trieb und 
Hemmung. 1 ) Sie wird zum Verbotenen und Sündhaften 



!) Die Kranken gestehen uns diese Verhältnisse, wenn wir es verstehen, genau 
auf sie zu horchen. So sagte mir eine an Zwangsneurose leidende Dame, die an der 
Vorstellung litt, sie werde ihren Vater oder ihre Mutter umbringen, nach einem 
autoerotischen Akte folgende Worte: ,Ich habe gestern nach zehn Jahren 
das erste Mal wieder onaniert. Jetzt habe ich eine entsetzliche 
Angst. Ich denke mir, dass ich jetzt auch den Mordimpulsen nach- 
geben werde, weil ich mich bei der Onanie auch nicht beherrschen 
konnte". 

Diese Kranke war vor der Analyse arbeite- und lebensunfähig. Der ganze Tag 
verging im Kampfe gegen die Mordimpulse. Sie konnte das Zimmer nicht mehr 
verlassen und ging nie allein über die Strasse. Jetzt ist sie selbständig in einem 



-10 



„Wiener psychoanalytische Diskussionen." 



schlechtweg. Deshalb fruchten die Belehrungen über che Schad- 
losigkeit autoerotischer Vorgänge gar nicht. Die Vorwürfe entstammen 
ja anderen Quellen und können nur an diesen Quellen gefasst und in 
das richtige Strombett geleitet werden. 

Die Menschen haben ja alle einen Denkfehler, der sich nie ganz 
ausmerzen lässt. Es ist dies das teleologische Denken. Die Religion 
hat den Geschlechtsakt in den Dienst der Menschheit gestellt. Der lust- 
betonte Akt an sich ist Sünde, wenn er nicht dem höheren Zwecke der 
Fortpflanzung dient. In diesem teleologischen Sinne ist die Onanie eine 
zwecklose Vergeudung von wertvollem Material. Der Geschlechtsakt 
imitiert wenigstens den teleologisch geheiligten Akt. Die Onanie aber 
ist asozial und belastet das Gewissen des Kulturmenschen, der aus den 
Fragen Wozu? und Weshalb? nicht herauskommen kann. Das wäre 
die teleologische Quelle des Schuld bewusstseins. 

Andererseits erfüllt das Schuldbewusstsein eine wichtige Funktion 
im Dienste der Lusterhöhung. Jede Lust hat das ihr innewohnende 
Prinzip nach Steigerung zu verlangen. Nun verliert jede Lust durch 
Wiederholung einen Teil ihres Lustcharakters. Sie strebt in die Rich- 
tung der Variation oder verlangt nach einer Steigerung der Reize. 
Diese Steigerung wäre aber bei der Onanie schwer möglich. Rank 
hat es in seiner Studie „Der Künstler' (im Verlage von Heller, Wien) 
zuerst ausgesprochen, „dass wir uns die Lust durch Schaffung innerer 
Widerstünde erhöhen wollen". Alles, was wir leicht, spielend erreichen 
können, ist uns keine Lust mehr. Wir alle suchen den ewigen Kampf. 
Wir sind eigentlich alle Kämpfernaturen, denen der Kampf ein Be- 
dürfnis ist. Da unsere Kultur uns nicht Gelegenheit zum Kampfe nach 
aussen gibt, so wendet sich der Kampf nach innen. Wir schaffen uns 
künstliche Widerstände, um sie überwinden zu können und so die Bedeu- 
tung des Sieges zu vergrössern. Dadurch, dass die Onanie ver- 
boten ist, erhält sie die stärkste Lustbetonung 1 ). 



Büro tätig, wo sie tagelang allein arbeiten muss. Wie ilie Analyse ihrer Träume 
nachweisen konnte, hatte sie ilie ganze Zeit über bei Nacht onaniert. Aber sie 
wusste von der Onanie nichts und brauchte sich keinerlei Vorwürfe darüber zu 
machen. Sobald sie gesund wurde, fing sie an, hie und da bei Tage zu onanieren. 
Es war eben ein Teil ihrer Phantasien dem Bewusstsein wieder zugänglich. — Ich 
kümmerte mich bei der Analyse um die Onanie gar nicht. Ich erklärte ihr nur, dass 
die Onanie unschädlich sei und dass ihr .Schuldbewusstsein anderen Motiven ent- 
springe. Diese Krauke hatte sich in der Beherrschung der Onanie eine gewisse 
Beruhigung geholt. Wenn du nicht onanieren nmsst, so wirst du auch 
nicht, töten. Als sie infolge der Analyse ihre Mordgedanken als ein harmloses 
Spiel ihrer überhitzten Phantasie durchschaute und sich nicht mehr vor sich selbst 
fürchtete, konnte sie wieder onanieren. 

') Es scheint die .Menschheit nicht geschaffen. Lust ohne Hemmung zu ver- 
tragen. Man glaubt ganz irrtümlich, die katholische Kirche habe das Schuld- 






Über Onanie. 41 

So wird das Schuldbewusstsein bei der Onanie zu 
einem stimulierenden Faktor. Wir können auch hier die 
,.Bipo larit ät" aller seelischen Phänomene beobachten. 
Die Hern m u n g w i r d Z u m Heiz und der Heiz zur He m m n n g. 
Jeder onanistische Akt wird zu einem Kampfspiel mit einem hohen 
Einsatz. Es ist der Entwertung durch allzuhäufige Wiederholung eine 
Schranke gesetzt. Das Schuldbewusstsein funktioniert dann automatisch ; 
es steigert die Lust und schützt gegen das Übermaß. 

Wenn wir aber diese komplizierten Verhältnisse überdenken, die 
Onanie als Schuldreservoir und die Schuld als stimulierenden Faktor, 
so wird es uns klar, dass blosse Belehrung über die Unschädlichkeit 
der Onanie den an Angst vor den Folgen der Onanie Erkrankten keine 
Kühe bringt. Oder nur eine vorübergehende Kühe, wie sie der Hypo- 
chonder geniesst, wenn der Arzt ihm versichert, er wäre vollkommen 
gesund. Nach einigen Stunden oder Tagen kommt das Schuldbewusst- 
sein wieder und der Kranke beginnt neuerdings zu zweifeln und zu 
fürchten : Die Onanie müsse doch schädlich sein. Es stehe ja in den 
Büchern. Sein eigener Verstand sage es ihm usw. 

Man kann nämlich sehr häufig beobachten, dass Menschen zu 
onanieren aufhören, ohne dass sie von fremder Seite vor den Folgen 
der Onanie gewarnt wurden. Eine innere Stimme sagt ihnen plötzlich : 
Mache das nicht, es ist eine Sünde und sehr gefährlich. Manchmal 
sind es alte infantile Imperative, welche sich wieder melden und als 
neue Überlegungen imponieren. Manchmal jedoch ist es die Angst vor 
der Lust, die den modernen Kulturmenschen nie verliest. Auch hier 
klammert sich ein aus anderen Triebkräften stammendes Schuldbewusst- 
sein an die Onanie. Eine Stimme, die auch bedeutet: Du bist all die 
Lust nicht wert. Eine geheime Strafe des inneren Richters 
trifft den Menschen dort am schwersten, wo seiner die 
höchste Lust harrt: Bei der Onanie. 

Alle diese Menschen kann nur die Psychoanalyse oder eine tiefe 
Selbsterkenntnis von dem drückenden Schuldbewusstsein und von der 
Neurose befreien. Die Onanie ist nur der Boden, auf dem sich der 
Kampf zwischen Verlangtem, Begehrtem und Verbotenem abspielt. Sie 
führt dem Menschen immer wieder seine Schwäche vor Augen und führt 
ihn zu Sicherungen (Adler). Sie ist aber seine beste Sicherung gegen 
Perversionen. So lange er onaniert, kann er auf die Ausführungen 
seiner Phantasien verzichten. 



bewusstseiu geschaffen, weil sie den Sexualverkehr zur Sünde machte. Man ver- 
wechselt hier Ursache und Wirkung. Hätte sich diese Religion ausbreiten können, 
wenn sie nicht eine Notwendigkeit gewesen wäre? Der Menschheit graute vor 
ihrer eigenen Lust. Das Christentum ist das böse Gewissen des Judentums. 



42 



., Wiener psychoanalytische Diskussionen." 



Aus allen meinen Ausführungen geht also hervor, dass ein an und 
für sich harmloser Akt teils Ursache einer Neurose werden, teils in der 
Dynamik der Neurose eine grosse Rolle spielen kann. 

Ich möchte noch einige Worte über die Behandlung und Prophylaxe 
der Onanie sprechen. Erfahrungsgemäß onanieren alle Kinder. Ich 
meine die Kinderonanie in den ersten Lebensjahren. Diese Onanie hört 
selbst auf und erfordert gar kein Einschreiten von Seite der Eltern. 
Lächerlich ist es, mit Abschneiden des Gliedes, Schlägen, mit Krankheit 
zu drohen und das Kinderherz mit Angst zu füllen. Man sorge dafür, 
dass das Kind nicht zu vielen Reizungen bei der Kinderpflege ausgesetzt 
wird, obwohl ich im Gegensatz zu Sa dg er nicht der Ansicht bin. die 
Kinderpflege sei die alleinige Ursache der Onanie. Bekanntlich onaniereu 
auch Hunde und Affen und manche andere Tiere, bei denen diese 
Momente nicht in Frage kommen. Wir sorgen also dafür, dass das 
Kind keinen erotischen Reizungen ausgesetzt wird, beschäftigen es 
intensiv durch anregende Spiele und lassen die Sache sehen wie es 
Gott gefällt. 

In den meisten Fällen hören die Kinder spontan zu onanieren auf. 
Die Onanie hat hier offenbar eine wichtige Funktion. In der Säuglings- 
zeit hatte das Kind eine unerschöpfliche Quelle der Lustgefühle im 
Saugen und in der Wartung. Die Entwöhnung ist ein schweres Trauma. 
Das Kind sucht sich seine Lust, wo sie sie eben findet. 

Manche Kinder fangen jedoch schon in den ersten Lebenswochen 
zu onanieren an. Sie onanieren ohne Unterbrechung weiter. Sie zeigen 
gar keine Latenzperiode, die meiner Ansicht nach gar kein Gesetz, 
sondern nur eine häufige Erscheinung ist. Das sind Kinder mit einem 
ausserordentlich starken Geschlechtstrieb und starken (atavistischen) 
Trieben. Bei diesen Kindern wird ein komplizierter Apparat aufgeboten, 
um sie von der Onanie zu heilen. Wenn die Schreckmittel nicht helfen] 
werden Maschinen und Bandagen angewendet, welche die Hände fesseln 
und trotzdem die Onanie nicht verhindern. Denn die Kinder onanieren 
dann mit der Phantasie oder durch Zusammenpressen der Schenkel, 
selbst durch die bekannten Schaukelbewegungen. Sicherlich finden sich 
unter solchen Kindern einige psychopathische Minderwertigkeiten. 
Fälschlich hat man die Onanie beschuldigt, die Geisteskrankheit ver- 
ursacht zu haben. Aber die Onanie war nur ein Zeichen eines unge- 
hemmten Trieblebens. Aber eben so häufig, sogar viel häufiger, findet 
man unter diesen Kindern die talentiertesten Köpfe, deren Frühreife 
alle Welt in Erstaunen setzt. Auch das Genie ist eine Rückschlags- 
erscheinung und zeichnet sich durch ein übermächtiges Trieblehen aus. 
Durch allzu viele Hemmungen kann eine Verkümmerung der Anlagen 
eintreten, da das Individuum dann alle seine seelische Energien zur 



über Onanie. 43 

Bekämpfung der Onanie verbraucht und für das praktische Leben un- 
brauchbar wird. 

Wir müssen auch das Moment berücksichtigen, dass das Verbotene 
die Kinder ganz besonders reizt. Das Verbot wirkt als Lusterhöhung. 
Dagegen kann man viel leichter zum Ziele kommen, wenn man eine 
mäßige Onanie gestattet. Ich glaube überhaupt, dass die 
Onanie, wenn sie gestattet wäre, den grössten Reiz ver- 
lieren würde. l ) 

In ganz ähnlicher Weise verfahre ich mit den Erwachsenen. Ich 
kläre sie über die Ungefährlichkeit des autoerotischen Aktes auf und 
überlasse es ihrer Entscheidung, was sie weiter machen. Ich versuche 
immer, wo es nur angeht, die mir anvertrauten Kranken auf den B nor- 
malen a Weg zu bringen. Aber ohne Zwang. In einigen Füllen gelingt 
es. Aber nicht in allen. Man bedenke, welche Hemmungen Jünglinge 
haben, welche eine Infektion fürchten und mit Recht vor Lues, Gonorrhoe 
und ihren Folgen fürchten. Andere sind fromm und sehen jeden 
ausserehelichen Koitus als schwere Sünde an. Für diese Menschen ist 
die Onanie das Hilfsmittel, das sie bis zur Ehe lebensfähig und arbeits- 
freudig erhält. 

Ich habe noch niemals einen mehr als eingebildeten Sehaden von 
einer mäßig betriebenen Onanie gesehen. Manche Autoren glauben, sie 
verringere die Potenz und sei die Ursache einer ejaculatio präcox. Aber 
man macht sonderbare Beobachtungen bei den an Ejaculatio präcox 
leidenden Männern. Sie kommen eines Tages zu einer Frau, bei der sie 
ausserordentlich potent sind. Oder sie probieren irgend eine Variante, 
welche verdrängte Libidoteile freimacht und siehe da. sie sind über- 
raschend potent. Alle diese Menschen sind ausgesprochen Bisexuelle 
oder Perverse, welche an dieser Schwäche leiden, weil sie nur mit einem 
Teile ihrer Sexualität arbeiten. 

Ich will hier nur ein Beispiel erwähnen. Ich gab einem Manne, 
der über ejaculatio präcox litt und bei dem man deutliche Zeichen einer 
homosexuellen Einstellung konstatieren konnte, den Rat, den Koitus 
inversus zu machen und die Frau zu spielen. Es auch mit einer 
anderen Position zu versuchen. Der Mann kam ganz glückstrahlend zu 
mir. Die Potenz wäre so ausgezeichnet gewesen, dass seine Frau zwei- 
mal zum Orgasmus gekommen sei. Da gerade die Onanisten heimliche 
Homosexuelle sind und einer anderen Perversion verfallen sind, ihnen 
der Koitus nicht die ihnen adäquate Form der Sexualbefriedigung dar- 



*) Wir sehen ja z. B.. dass die Homosexualität in Italien, wo sie nicht bestraft 
wird, eine geringere Rolle spielt, als in Deutschland. In Italien ist die homosexuelle 
Prostitution hauptsächlich für die Fremden da und ein blühender Erwerb, zu dem 



die Deutschen am meisten beitragen. 



44 



„Wiener psychoanalytische Diskussionen."' 



stellt, so wird man naturgemäß unter ihnen viele finden, die an 
ejaculatio jiräcox oder an einer psychischen Impotenz leiden. 

Ich komme zum Schlüsse. Es ist höchste Zeit, dass die 
Legende von der Schädlichkeit der Onanie gründlich zer- 
stört wird. Die Arzte können in dieser Frage kaum klar 
sehen, weil sie Richter und Partei zugleich sind. Das 
S c h u 1 d b e w u s s t s e i n , das sich an jede Onanie knüpft, b e - 
ei n flu ss t auch die Arzte, die gleich allen anderen Men- 
schen auch einmal onaniert haben. De shalb werden so 
viele unwahre und verlogene Ansichten mit dem Brustton 
der vollen Überzeugung vorgetragen. 

OD O D 

Man kann es aber kaum ermessen, welches grenzenlose Elend 
durch diese falschen Ansichten und die sogenannten Warnungsbücher 
unter der Menschheit erzeugt wurde. Wer einmal offenen Auges die 
schweren Neurosen gesehen hat, die durch die falschen Belehrungen 
der Arzte entstanden sind, der inuss zur Einsicht kommen, dass die 
Onanie das geringere Übel ist, als das Mittel, mit dem sie bekämpft wird. 
Wir müssen unsere Ansichten über die Onanie gründlich ändern. 
Wer hätte nicht von Menschen gehört, die nach einem sogenannten 
.normalen" Akt onanieren mussten. Es gibt keinen normalen Ge- 
schlechtsakt. Es gibt nur eine dem Individuum adäquate Sexual- 
befriedigung. Und diese ist ihm häufig verschlossen. Durch seine 
Ethik, durch die Religion, durch die Gesetze des Landes. Hier gibt es 
tausend Übergänge, und wer wollte so vermessen sein zu bestimmen, 
wo das Normale aufhört und das Pathologische beginnt? (Das Patho- 
logische ist nur die Steigerung und allzustarke Fixierung des Normalen). 
Freud hat uns gelehrt, dass das Kind „polymorph pervers" ist. Aber 
gibt es beim Kinde eine Perversität? Ist am Kinde nicht alles normal? 
Mir wurde vorgeworfen, ich hätte das Kind „universell- kriminell" ge- 
nannt und es gebe kein kriminelles Kind. Es gebe nur ein Kind mit 
seinen verschiedenen Anlagen. Ja — dann darf es auch kein polymorph - 
perverses Kind geben, nur ein Kind mit allen Trieben, die wir beim 
Erwachsenen pervers und kriminell nennen. 

Die Onanie ist die Rückkehr zur infantilen Lustge- 
winnung. Sie ist ein Symptom des psychi sehen Infantilis- 
mus , an dem der Neurotiker krankt. Wenn wir aus dem 
Kinde einen Erwachsenen machen, dann kann er auf die 
infantilen Formen verzichten. Das geht aber unmöglich 
durch Verbote und Drohungen, sondern nur durch eine 
Erziehung und Befreiung, wie sie die Psychoanalyse 
leistet. 

Das Onanieproblem ist mit dem der Neurasthenie innig verbunden. 
Ich habe es wiederholt ausgesprochen und wiederhole es an dieser Stelle, 









über Onanie. 45 

dass es für mich keine Neurasthenie gibt, seit ich mich gewöhnt habe, 
beharrlich nach den psychogenen Wurzeln neurotischer Störungen zu 
forschen. Ich habe diese psychischen Wurzeln überall gefunden und 
es gelang mir. ohne mich um die autoerotischen Erscheinungen zu 
kümmern, wunderbare Heilungen zu erzielen. Im dritten Bande meiner 
„Störungen des Trieb- und Affektlebens" will ich mein diesbezügliches 
Material vorbringen. Ich betrachte die heutigen Ausführungen als 
Aphorismen über das gewaltige Thema „ Onanie". Sie sind dazu be- 
rufen, meine Stellung zu dieser Frage bekannt zu machen. Sie sollen 
Unbefangene zur Nachprüfung aneifern und Unglücklichen ein Wort 
des Trostes sein. 



V. 
Dr. Josef K. Friedjung: 

Freud selbst hat bei seiner ersten zusammenhängenden Dar- 
stellung der kindlichen Sexualität festgestellt, wie wenig ihm die 
pädiatrische Literatur bei der Aufstellung seiner Lehren zustatten kam. 
Es ist vielleicht noch seltsamer, dass die Kinderärzte seither zu seinen 
bedeutsamen und für sie sicherlich neuen Thesen noch kaum Stellung 
genommen haben. Über die Onanie im besonderen enthält ihre Literatur 
nur spärliche Auskünfte, voll von Vorurteilen. Erst das vor kurzem 
erschienene Lehrbuch von Kassowitz macht eine rühmliche Aus- 
nahme. Es stimmt Freud darin zu, dass man die Bedeutung der kind- 
lichen Sexualität bisher stark unterschätzt habe, betont die Häufigkeit 
der Masturbation selbst im frühesten Kindesalter und hebt hervor, dass 
der Verfasser „von den gewöhnlich in den schwärzesten Farben ge- 
schilderten Folgezuständen dieser Unart weder bei den jüngeren, noch 
bei den ihr viel öfter ergebenen älteren Kindern kaum jemals etwas 
habe wirklich wahrnehmen können." 

Schon vor dem Erscheinen dieses Buches hatte ich begonnen, 
Material zu dieser Frage zu sammeln. Ich konnte angesichts des 
grossen Krankenzugangs, der mir dazu diente, nicht jeden Fall nach 
dieser Richtung erforschen. Es handelte sich vielmehr um meist zu- 
fällige Nebenbefunde, die mir auffielen und dann von den Angehörigen, 
manchmal nicht ohne Widerstreben, bestätigt wurden. Ich konnte so 
in etwa 2 Jahren 35 Fälle von Kinderonanie notieren. Aus der Methode 
der Sammlung ergibt sich ohne weiteres, dass es sich dabei um eine 
Minimalzahl handelt. Bei der Mehrzahl der Kinder der ersten 3 Jahre 
fiel mir die Neigung zum Spiele mit den Genitalien während der aus 
anderen Gründen notwendigen Untersuchung auf. Ich glaube annehmen 
zu können, dass diese Neigung den Pflegerinnen gewiss öfter, anderen 



46 ..Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

Ärzten ebenso oft begegnen nmss. Wenn sie doch so selten bemerkt 
wird, so handelt es sich bei den Beobachtern vermutlich um das den 
Psychoanalytikern bekannte psychische Skotom. 

Von den 35 Kindern meiner Beobachtung waren 18 Knaben und 
17 Mädchen. Die Geschlechter sind also in gleichem Maße beteiligt. 
29 gehören den ersten vier Lebensjakren an; die zufälligen Befunde 
setzen eben noch jenen Mangel an Schamhaftigkeit voraus, der jenseits 
des 4. Jahres fast ausnahmslos bereits verloren gegangen ist. Das 
jüngste Kind meiner Beobachtung stand am Ende des 3. Monates. 

Aus Gründen, die der weitere Verlauf meiner Ausführungen recht- 
fertigen dürfte, möchte ich zuerst von den jüngeren Jahrgängen, etwa 
bis zum Ende des 3. Jahres, dann von den älteren Kindern sprechen. 
Solange die Säuglingsbekleidung verwendet wird, stellt sich die Onanie 
meist so dar, dass die Kinder bei jedem Aufpacken zum Zwecke der 
Reinigung, des Bades, der Untersuchung alsbald mit der Hand an den 
Genitalien zu spielen beginnen, in manchen Fällen so obligat, dass man 
es jederzeit demonstrieren kann. In der Mehrzahl der Beobachtungen 
waren keine grobauffälligen psychischen Begleiterscheinungen zu ver- 
merken, auch keine Erektion. Wenn man will, ein blosses Spielen. 
In einer Minderzahl beobachtete man dabei bei Knaben Erektionen, bei 
einem Mädchen ein „ vergnügtes Gesicht-, bei einigen Orgasmus bis zum 
Schweissausbruch, zur Unempfindlichkeit gegen Anruf und selbst gegen 
Kneifen. Bei 2 Mädchen beobachtete ich ähnliche Manipulationen am 
Nabel: eines bekam Wutanfälle, wenn man es hindern wollte. 

Wenn man fragt, welche Voraussetzungen zu solchen onanistischen 
Akten schon in so frühem Säuglingsalter notwendig sind, so ist es 
erstens die Erwerbung der Erfahrung, dass solch ein Tun mit Lust 
verbunden ist, zweitens die Erlernung zweckbewusster Bewegungen. So 
dürfte es sich wohl erklären, dass ich vor dem Ende des 3. Monates 
keine Onanie beobachten konnte. Jene Erfahrung dürfte dem Kinde 
wohl, wie ja bereits Freud hervorhebt, die mit der häufigen Reini°uno- 
verbundene Friktion der Genitalien vermitteln. Da die zweckbewusste 
Bewegung auf den jüngsten Altersstufen meist mit der Hand besorgt 
wird, ist es auch verständlich, dass hier die Knaben überwiegen, denen 
die Anatomie ein greifbareres Objekt zur Masturbation bietet. Die 
Methoden sind übrigens mannigfach. Wenn, wie zumeist, die Hand 
betätigt wird, geschieht das meist arythmisch, anscheinend planlos. 
Doch sah ich bei einem Mädchen im 7. Monate schon rythmische Be- 
wegungen ausführen. An zweiter Stelle steht der Druck auf die Geni- 
talien, der zumeist durch ein Überkreuzen der Beine, öfters auch da- 
durch erzielt Avird, dass die Kinder ein Spielzeug, die Bettdecke zwischen 
den Beinen, die Hände gegen den Schoss pressen. Diese Methoden 



. 



Über Onanie. 47 

treffen wir öfters bei Mädchen, aber auch bei Knaben; sie führen gleich 
der folgenden öfters zum Orgasmus als die Manipulation mit den 
Fingern. 

Endlich praktizieren Mädchen auch Schaukelbewegungen auf dem 
Topfe, auf harten Gegenständen , auf dem Boden, auf den unter- 
geschlagenen Beinen. Betonen möchte ich, dass eine Methode nicht 
etwa stets festgehalten , sondern zuweilen selbst mehrmals ge- 
wechselt wird. 

Mit dem vollendeten 3. Jahre etwa setzt die Erziehung mit besserem 
Erfolge ein — an Versuchen dazu fehlt es auch früher nicht — , es 
erfolgt der erste Verdrängungsschub. Die Onanie wird entweder auf- 
gegeben oder mit neuen psychischen Begleiterscheinungen — Scham, 
Schuldbewusstsein — fortgesetzt. Sie geschieht von da an versteckt, 
die Kinder werden bei der Untersuchung schamhaft, — meine Beob- 
achtungen spärlich. Eine gute Illustration dieser Entwicklung gibt ein 
3 3 / 4 Jahre alter Knabe meiner Privatklientel. Vor 4 Monaten bemerkte 
man, dass er mit den Genitalien spiele, besonders abends vor dem Ein- 
schlafen; er deckte sich dabei auf und wurde ganz rot (Orgasmus?). 
Er wird bestraft und erhält den Auftrag, künftig alles zu sagen. Von 
nun an deckt er sich immer rasch zu, um nicht ertappt zu werden. 
Schuldbewusst sagt er einmal: „Wenn das kitzelt, und ich mache so, 
so wird es ganz hart. Und das ist nicht gut". 

Unter den veranlassenden Momenten steht bei den Knaben obenan 
die Balanitis. Ob bei den Mädchen die Oxyuren wirklich jene Rolle 
spielen, wie in der Literatur immer wieder behauptet wird, vermag ich 
nach meiner Erfahrung nicht zu sagen. 

Die Methoden der Masturbation gleichen in meinen Beobachtungen 
an grösseren Kindern denen der ersten Lebensjahre. Bei Knaben 
scheint mir das scheinbar gedankenlose Spielen mit dem nicht immer 
erigierten Gliede von der Hosentasche aus am häufigsten zu sein. Ich 
erinnere mich von einem Flickschneider gehört zu haben, dass bei 
Knaben dieses Alters fast immer eine Hosentasche ein Loch hat. 
Zielbewusste Onanie mit Erektion und Orgasmus dürfte bei Knaben 
zwischen dem 4. und etwa 12. Jahre selten sein oder geschickter ge- 
heim gehalten werden. Bei Mädchen wurde sie mir wiederholt geklagt. 
Extragenitale Manipulationen, wie sie von Lindner in grösserer Zahl 
gesammelt wurden, sind wohl selten. Mir wurde in dem Zeitraum 
von 2 Jahren nur ein Fall bei einem 7jährigen Mädchen bekannt. 

Nicht uninteressant dürfte die Feststellung sein, dass sich unter 
den Kindern meiner Beobachtung Deutsche, Slaven, Juden etwa in dem 
Verhältnis finden, in dem mein ganzes Material zusammengesetzt ist. 
Ich könnte somit nicht bestätigen, dass z. B. jüdische Kinder eine 






48 „Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

grössere Neigung zur Onanie zeigten als andere. Und noch wichtiger 
scheint mir die Feststellung, dass sich die Kinder, über die ich diese 
Daten sammelte, im übrigen von Durchschnittskindern, wie man sie 
täglich in grosser Menge sieht, fast niemals unterschieden. Ich wäre 
in grosser Verlegenheit, sollte ich aus meinen Erfahrungen etwa den 
Typus des Onanisten abstrahieren. Daraus darf man vielleicht mit 
Vorsicht schliessen, das« die Onanie der Kinder noch häufiger ist, als 
aus meinen doch mehr dem Zufall überlassenen Feststellungen hervor- 
geht, und dass sie im allgemeinen zunächst keine auffallenden 
Folgen zeitigt. 

Bis hierher reichen meine tatsächlichen Beobachtungen. Was es 
mit den die Onanie auch schon im Kindesalter begleitenden Phantasien 
auf sich hat, wo die Onanie anlangt, pathologisch zu werden, was die 
Ursachen zu ihrer Fixation sind, darüber könnte ich nur Vermutungen 
äussern, und damit wäre der Diskussion nicht gedient. 



VI. 
Dr. Viktor Tausk: 

Die Momente, die für die Darstellung der Onanie bestimmend sind, 
lassen sich in der folgenden Disposition zusammenfassen: 

1. Die Subjekte der Onanie, 

2. Die Ursachen der Onanie, 

3. Die Veranlassungen und Formen der onanistischen Betätigung, 

4. Zweck und Wirkung der Onanie: 

a) Bedeutung der Onanie für das Individuum und die Gesellschaft. 

b) Unter welchen Bedingungen wird die Onanie schädlich? 
Diese Disposition könnte den Anschein erwecken, als liesse sich 

die Onanie wie ein geschlossen verlaufendes Phänomen deutlich und 
eindeutig darstellen und erklären. Dies ist jedoch nicht möglich. Als 
besondere Erscheinung im Geschlechtsleben der Menschen hat die Onanie, 
die in jedem Fall der Betätigung für die ganze geschlechtliche Ein- 
stellung des Subjektes repräsentativ ist, ebenso viele Beziehungen zu 
allen Lebenserscheinungen, wie die Sexualität selbst. Es kann von 
vornherein als illusorisches Unternehmen gedeutet werden, wenn es 
jemand wagen wollte, die Bedeutung der Sexualität für das Leben in 
allen Zügen darzustellen. 

Als Teilerscheinung des Sexuallebens erscheint die Onanie der 
oberflächlichen Betrachtung als besondere Form der Betätigung des 
Sexualbetriebes, die als Selbstbefriedigung, als Abfuhr der sexuellen 
Erregung ohne Inanspruchnahme eines anderen Objektes als nur des 






Über Onanie. 



49 



eigenen Körpers imponiert. Die Darstellung der Onanie, die in dieser 
populären Definition enthalten ist, erweist sich jedoch schon vor der 
Erfahrung, die jedem Menschen zugemutet werden darf, als unzulänglich 
für die Wiedergabe der wirklichen Verhältnisse. Zunächst wird die 
Onanie mindestens ebenso oft mit Hilfe von fremden Objekten aller 
Art geübt wie ohne solche. Leblose Objekte und lebende, Tiere sowohl 
wie Menschen beiderlei Geschlechts, werden zu onanistischen Akten ver- 
wendet, und diese letzten oft in einer Weise, dass ein äusseres Kriterium 
dafür nicht zu gewinnen ist, ob hier ein onanistischer Akt oder aber 
ein vollwertiger Geschlechtsakt geübt wird, der die Teilnahme eines 
Partners zur unbedingten Voraussetzung hat. Man wird von manchem 
Mann das Geständnis hören, er onaniere mit seinem Penis in der Vao-hia 
des Weibes. Und obgleich der Akt der genitalen Vereiniguno- ver- 
schiedengeschlechtlicher Individuen der einzige Typus des vollkommenen 
Geschlechtsverkehres bei Arten mit getrennter Geschlechtlichkeit ist, 
wird er als onanistischer Akt empfunden. Das Kriterium dafür, ob ein 
Geschlechtsakt als onanistischer oder als Koitus anzusehen ist, lieo-t eben 
nicht in der äusseren Form der Betätigung, sondern im psychischen 
Überbau des physischen Vorganges. 

Der Onaniebegriff ist nicht nur gegen den Koitus als vollwertigen 
Geschlechtsakt abzugrenzen, sondern auch gegen die Betätigungsarten 
des Menschen, die anscheinend den Charakter der Geschlechtlichkeit 
gar nicht besitzen. Wenn Frauen sich durch Spielen mit den Brust- 
warzen sexuelle Erregungen verschaffen oder Männer durch Friktion 
im Anus Ejakulationen herbeiführen, so werden diese Akte noch wider- 
spruchslos als onanistische anerkannt werden, obgleich sie nicht an den 
Genitalien vorgenommen werden. Wenn aber ein Mensch am Daumen 
saugt, in der Nase bohrt, unablässig an den Lippen leckt oder an den 
Ohrläppchen zupft, dann muss man gefasst sein, mit der Behauptuno-, 
dies seien onanistische Akte, abgelehnt zu werden. 

Bei den genannten Betätigungen ist auch noch der Beweis zu 
führen, dass es sich wirklich um sexuelle Aktionen handelt. Wir 
stehen einfach vor dem Problem der Grenzen des Sexuahtätsbegriffes, 
und das Onanieproblem, so weit es sich an diesen Akten wird erweisen 
lassen, wird nur als spezielle Form der sexuellen Betätiguno- 
erscheinen. 

Der meinen Ausführungen zugrunde liegende Sexualitätsbegriff ist 
der von Freud in den verschiedenen Teilen der psycho-analy tischen 
Wissenschaft festgelegte Begriff vom Wesen und Umfang der Geschlecht- 
lichkeit. Danach sind der menschlichen Art zwei Grundtriebe eio-en: 
. der Arterhaltungstrieb oder Fortpflanzungstrieb und der Selbsterhaltungs- 
trieb. Der Arterhaltungstrieb ist im einzelnen Individuum durch den 

Wiener Diskussionen. (Heft II.) . 



50 „Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

Sexualtrieb repräsentiert, der Selbsterhaltungstrieb durch alle anderen 
Triebe, durch deren Betätigung das Individuum seine Existenz sicherstellt. l ) 

Das spezifische Organ, das dem Fortpflanzungsakt dient, ist das 
Genitale. Die Sexualität betätigt sich jedoch nicht nur zum Zweck 
der Fortpflanzung; dies tut sie sogar nur im allerkleinsten Teil ihrer 
Äusserungen. Sie betätigt sich vornehmlich zur sexuellen Lustgewinnung, 
und als solche stehen ihr ausser dem Genitale noch andere Organe zur 
Verfügung, die zugleich dem Selbsterhaltungstrieb dienen. Diese 
Organe nennt Freud die erogenen oder sexuellen Nebenzonen, 
während das Genitale als Hauptzone angesprochen wird. Die Neben- 
zonen sind als solche zu unterscheiden, je nachdem sie unmittelbar zur 
Lieferung von Sexuallust in Anspruch genommen werden, als direkte 
Vermittler von Sexualerregungen, oder als solche, die im Wege der 
Symbolisierung mit sekundärer Affektbesetzung die Rolle von sexuellen 
Nebenzonen übernehmen. Zur ersten Gruppe gehören die Sinnesorgane, 
zur zweiten alle Bestandteile des Körpers. Die wesentliche Bedeutung 
dieser Aufstellung kann hier nicht weiter begründet werden. Zu ihrem 
Verständnis ist ein gründliches Studium der Psychoanalyse erforderlich. 

Für uns resultiert hier jedenfalls die Erkenntnis, dass jedes Organ, 
das sexuelle Lust vermitteln kann, zur sexuellen Betätigung, also auch 
zur Onanie geeignet ist. 

Als Sexualbetätigung ausser der genitalen ist jene Betätigung einer 
sexuellen Nebenzone zu verstehen, die im Dienste einer sexuellen Aktions- 
vor Stellung unternommen wird. Die Hand, die einen fremden Körper 
betastet, leistet nur dann sexuelle Dienste, wenn ihre Arbeit von der 
Vorstellung begleitet ist, dass der zu tastende Körper ein Objekt sexueller 
Lustgewinnung ist. Ohne diese Vorstellung leistet die tastende Hand 
nur Orientierungsdienste für die Selbsterhaltung. ' Die Psychoanalyse 
lehrt, dass die eine Aktion beherrschende Vorstellung durchaus nicht 
bewusst sein muss. Sie kann auch unbewusst sein, d. h. es kann aus 



x ) Dem Selbsterhaltungstrieb ist die Schaffung des Bewusstseins zuzurechnen, 
das als Organ für die zeitliche Feruwahrnehmung entstanden ist. Die Orientierung 
in der Zeit (in der Gleichzeitigkeit und Sukzession) ist identisch mit der Wahr- 
nehmung des Vorstellungs- und Affektablaufes, also mit der Wahrnehmung der inneren 
Zustände. Das Bewusstsein ist demnach ein Organ für die Wahrnehmung der 
eigenen psychischen Zustände. In diesem Dienste schafft es das lchbewusstsein, 
das Bewusstsein von der gegen alle anderen Individuen abgegrenzten Sonderexistenz 
als Selbsterhaltungseinheit in der Art. Das I c h ist demnach ein repräsentativer 
Begriff für alle Leistungen, vermöge deren das Individuum seine Sonderexistenz zu 
erhalten sucht. Soweit diesem Repräsentationsbegriff die Realität der Selbsterhaltung 
unterlegt wird, ist das Ich das Regulativ für alle Beziehungen des Individuums 
zur Aussenwelt. Darnach ist man berechtigt, die ganze der Selbsterhaltung dienende 
Triebgruppe im Gegensatz zum Sexualbetrieb als Gruppe der Ich triebe zu be- 
zeichnen. 



über Onanie. 



51 



der Aktion erschlossen werden, dass sie zu sexueller Lustgewinnung 
unternommen wurde, selbst wenn das sich betätigende Individuum über 
den Zweck seiner Tätigkeit keine Auskunft zu geben weiss. 

Aber auch ganz abgesehen von der Frage des Bewusstseins und 
auch bei vorhandener, auf analytischem Wege zu erschliessender sexueller 
Zielvorstellung, ist nicht jede Betätigung für die Begriffstellung der 
Onanie zu verwerten. Denn die Sexualität setzt sich auch in neurotischen 
Symptomen und in sublimierten Tätigkeiten durch. Hier aber wird die 
sexuelle Lust nur als Wunsch symbolisiert, nicht direkt und spezifisch 
gewonnen. 

Ich verstehe demnach unter Onanie jene Art sexueller Betätigung 
am Genitale oder einer sexuellen Nebenzone, die keinen Partner 
zur wesentlichen Voraussetzung hat und deren Ziel es ist, die 
sexuelle Erregung direkt zu entspannen. Nicht hierher zähle 
ich die symbolische Darstellung der sexuellen Lust (neurotisches Symptom, 
Sublimierung). Die Tatsache, ob die onanistische Aktionsvorstellung 
bewusst oder unbewusst ist, ist für den Begriff der Onanie irrevelant. 

Subjekte der Onanie sind Menschen beiderlei Geschlechts in allen 
Lebensaltern und allen Gesellschaftsklassen. Dabei ist aber der Onanie 
der Kinder im ersten Lebensjahr eine eigene Rolle zuzuweisen. Sie ist 
zunächst nicht anders zu bewerten als jede Orientierungstätigkeit des 
Säuglings am eigenen Körper, als rein triebhafte Handlung. Erst wenn 
gewisse Manipulationen, hauptsächlich am Genitale (dann etwa in 
folgender Reihe an den Lippen, am Nabel, an den Brustwarzen u.s.f.) 
die spezifische Sexuallust erregen und die Tätigkeit des Kindes bereits 
auf Gewinnung dieser als Vorstellung schon verfügbaren Lust gerichtet 
ist, kann man von -einer Onanie im wahren Sinne des Wortes sprechen. 
Die spezifische sexuelle Lustgewinnung muss der Tätigkeit als Vor- 
stellung immanent sein. 

Dieser Zustand tritt sicherlich bald ein. Er ist am besten daran 
zu erkennen, dass die Kinder mit Zielbewusstsein immer wieder, trotz 
aller Abwehr der Pflegepersonen, nach dem Genitale greifen, was eben 
zur Voraussetzung hat, dass das Kind die besonderen Empfindungen 
dieser Organe bereits erkannt hat, die sexuelle Lust als solche bereits 
sucht. Die Frage, ob die erste Kindheitsperiode überhaupt sexuelle 
Lust kennt, ist mit Freud unbedingt zu bejahen. Es wäre auch theore- 
tisch nicht einzusehen, dass ein Trieb, der zu so mächtigen Zwecken 
angeboren und für dessen zweckmäßige Betätigung im Dienste der Art- 
erhaltung und der individuellen, so ungeheuer differenzierten Lust- 
gewinnung, eine Kenntnis aller Objekte des Milieus erforderlich ist und 
geübt werden muss, nicht schon im Anfang des menschlichen Lebens 
zur Äusserung kommen sollte. Bis zu welchem Grade der Lustspannung 
und Entspannung es die Kinder in den ersten Lebensjahren bringen, 

4* 



£2 „Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

ist individuell verschieden. Es sind von manchen Autoren schon Fälle 
von orgasmusähnlicher Aufregung und darnachfolgender erhitzter 
Schläfrigkeit bei einjährigen Kindern beobachtet worden. Gewöhnlich 
aber wird die Masturbation in diesem Alter selten so weit getrieben. 
Sie dient mehr zur Erzeugung einer spezifisch betonten angenehmen 
Erregung und bescheidet sich damit. 

Die Ursache der Onanie ist einfach im Sexualtrieb zu suchen. Die 
Onanie ist zunächst nichts anderes, als die dem kindlichen Alter ent- 
sprechende Form der Übung des Sexualtriebes. 

Die Veranlassungen zur onanistischen Betätigung sind sehr mannig- 
faltig, je nach dem Alter, dem Milieu und den besonderen Eigenschaften 
des Individuums. Die ersten Veranlassungen sind sexuelle Reiz- 
empfindungen, hervorgerufen durch unbedenkliche Manipulationen das 
Kindes, die es zum Zweck der Orientierung des Tastsinnes an ver- 
schiedenen Körperstellen unternimmt. An diese vom Individuum selbst 
erzeugten Erregungen schliessen sich jene an, die vom Pflegepersonal 
durch Berührung und Friktion der sexuell empfindlichen Organe beim 
Reinigen und Kleiden der Kinder gesetzt werden. Die Manipulationen 
der Pflegepersonen sind die ersten sexuellen Verführungen, denen das 
Kind unterliegt. Es lernt auf diese Weise die Lustquelle kennen, die 
in der Berührung sexueller Zonen durch andere Personen liegt und es 
lernt sie auch auf unverdächtige Weise gebrauchen. Diese ersten Ver- 
führungen sind von allergrösster Wichtigkeit für das Leben des Menschen. 
Sie sind der Anlass dazu, dass das Kind seine Lustbedürfnisse von 
anderen Menschen abhängig macht und bei anderen Menschen zu be- 
friedigen sucht; sie sind einfach die erste und unerlässliche Bedingung 
für die Entstehung der Neigung zu Menschen, für die Entstehung 

der Liebe. 

Soweit nun die sexuellen Nebenzonen als sexuell nicht verdächtige 
dem Kinde zum Lustgebrauch freigelassen werden (und dies werden sie 
zum Glück, weil unsere, der Sexualität abgeneigte Zeit, dem Kinde 
keine „sündhaften" Gelüste zumutet), vermitteln sie den Liebesaustausch, 
die Abfuhr sexueller Erregung durch Zärtlichkeitsbezeugungen im Kontakt 
mit anderen Menschen. Der auf diesem Wege abgeführte sexuelle Er- 
regungsbetrag ist jedoch nicht zulänglich zur Entlastung des Bedürf- 
nisses. Das Kind' greift darum zur Hauptzone, die ihm die grösste 
Lust und vollkommenste Entspannung garantiert. Damit setzt es sich 
aber in Konflikt mit den Erziehern, die derart offenkundige sexuelle 
Betätigung nicht dulden und mit allen zu Gebote stehenden pädagogischen 
Mitteln zu unterdrücken suchen. Nun wird es eine Frage der Trieb- 
stärke, ob das sexuelle Lustbedürfnis oder die pädagogische Mafäregel 
den Sieg davon trägt. Aus diesem Konflikt resultiert der stärkste 
Anteil der Bedeutung, die die Onanie für das Leben des Menschen ge- 



"Über Onanie. 53 

winnen kann. Denn dieser Konflikt ist nicht etwa der Konflikt zwischen 
einer erlaubten und einer unerlaubten Form der Sexual be tat ig ung. 
Er ist der Konflikt der Sexualität in nuce, die sich ganz zeitgemäß in 
onanistischev Form zur Erscheinung bringt, und dem sozialen Gesetz, 
das sich ganz zeitgemäß im Verbot der Erzieher manifestiert und das 
später, nachdem die Erziehung von den Einzelpersonen sich abgelöst 
und auf die Gesellschaft übertragen wurde, als das alte Vei-bot unter 
dem neuen Titel „ Sittengesetz ■ auf das Kind mit Belohnung und 
Strafe wartet. 

In dem Maße, als es gelingt die sexuelle Genitalvorstellung aus 
dem Bewusstsein zu verdrängen, erwächst die Aufgabe, die freigewordenen 
Energien anderweitig zu verwenden. Ein Teil von diesen Energien 
wird als geistiges Interesse für die objektive Welt verbraucht, indem er 
zu Leistungen »höherer" Art, in anderen Funktionsformen „sublimiert" 
wird. Ein Teil aber besetzt die sexuellen Nebenzonen und wird als 
spezifische Sexuallust ohne Genitalvorstellung aktiv. Auf diesem Wege 
werden die Nebenzonen empfindlich für die ihnen konvenierenden Be- 
friedigungsobjekte und aus der Reaktion des Kindes in dieser Beziehung 
resultieren die Sympathie- und Antipathieeinstellungen zu den Personen 
der Umgebung. Eiue unbefangene Beobachtung lässt dann merken, 
dass Neigung und Abneigung des Kindes sich genau nach denselben 
erotischen lieaktionsw eisen dokumentieren, wie wir dies bei Erwachsenen 
sehen. Körpergeruch, Haarfarbe, Organformen, Zärtlichkeit etc. sind be- 
stimmend für die Einstellung des Kindes zu den Menschen. Sofern aber 
aus irgendwelchen Gründen eine oder mehrere dieser Nebenzonen über- 
empfindlich werden, etwa durch besondere Art und Häufigkeit ihrer 
Inanspruchnahme oder durch konstitutionelle Disposition, sehen wir beim 
Kinde den spontanen Gebrauch der Zone eintreten. Das Kind bohrt in 
der Nase, schleckt die Lippen, lutscht die Finger und betastet sich 
wollüstig an verschiedenen Körperstellen, sucht starke Gerüche u. s. f. 
Diese kindlichen Betätigungen imponieren als „Unarten", sind aber in 
den meisten Fällen echte onanistische Akte an den sexuellen Neben- 
zonen, die infantilen Vorläufer der Perversionen. Von besonderer 
Bedeutung als auslösendes Moment für onanistische Betätigung wird 
die sadistisch -masochistische Triebkomponente der Sexualität. Indem 
diese in Beziehung zur Strafe tritt, weckt sie Phantasien von Schmerz- 
zufügen oder Schmerzerdulden, deren sexueller Charakter dem Kinde 
nicht lange verborgen bleibt. Denn diese Phantasien sind mit unzwei- 
deutigen Genitalerregungen verbunden, und ihr Inhalt wird sehr bald, 
sofern er es nicht schon von vornherein ist, die sexuelle Vorstellung 
katexochen, die Genital vorstell ung. Die sadistisch-masochistische Onanie 
wird geübt, indem das Kind sich selbst schlägt, beisst und kratzt. Sehr 
populär ist die Form, dass das Kind sich auf den Bauch legt und sich 



54 



..Wiener psychoanalytische Diskussionen." 



mit den Fersen aufs Gesäss schlägt. Nicht minder bekannt ist das 
Nägelbeissen, das Ausreissen der sogenannten „Neidwurzeln", das Blutig- 
kratzen der Waden und Arme. 

Sobald die Phantasie genügend entwickelt ist, wird sie die be- 
wusste Begleiterin der onanistischen Akte. Dann kann sie auch als 
auslösendes Moment funktionieren, indem sie ihre durch Lektüre, durch 
Gespräche oder Anblicke gewonnene Erregung der Haupt- oder einer 
Nebenzone überträgt. Diese Bedeutung behält die Phantasie auch 
späterhin. Sie kann ihren Dienst jedoch unter Umständen so selbst- 
ständig gestalten, dass zur endgültigen Entladung der Sexualerregung 
das Phantasiespiel allein ausreichend wird und nicht noch Ton physi- 
schen Manipulationen unterstützt werden muss. Das nennt man dann 
psychische Onanie. So gut wie die sexuelle Ziel Vorstellung des 
onanistischen Aktes unbewusst sein kann, kann es auch die dem Akt 
zugrunde liegende spezielle Phantasie, d. i. eine einzelne Vorstellung 
oder eine Vorstellungskombination mit einem abgegrenzten, der äusseren 
Realität der lustgewährenden Objekte entnommenen Inhalt. Der Inhalt 
der unbewussten onanistischen Phantasie kann entweder durch das 
Individuum selbst erschlossen werden, indem die Phantasie später be- 
wusst wird und das Individuum sich eingesteht, dass es sich auch 
früher, ehe die Phantasie bewusst war, so benommen habe, als hätte 
es diese Phantasie gehabt. Oder die Phantasie wird aus der speziellen 
Art der onanistischen Betätigung im Wege der Analyse erschlossen. 

Als Inhalt der ersten onanistischen Phantasie ergeben sich Defä- 
kationsvorstellungen, Uriniervorstellungen, masochistische und sadistische 
Vorstellungen und abenteuerliche kindliche Vorstellungen von Sexual- 
akten Erwachsener untereinander, Erwachsener mit Kindern und von 
Kindern untereinander. Diese Phantasien als sexuelle zu entlarven ist 
oft nicht leicht, denn nicht immer sind die phantastisch vorgestellten 
Lustobjekte Genitalien. Den wahren Charakter dieser oft ganz abstrusen 
und unverständlichen Vorstellungen als einen sexuellen festzustellen, ge- 
lang Freud mit Hilfe der Erforschung der infantilen Sexual- 
theorien, zu deren Deutung oft die von Freud entdeckte symboli- 
sche Deutungsmethode verwendet werden muss. Als Personen, 
die in den ersten onanistischen Phantasien auftreten, sind regelmäßig, 
das Kind selbst nicht mitgerechnet, die Eltern und Pflegepersonen, dann 
die Dienstboten und Geschwister zu agnoszieren. Oft genug erscheinen 
in diesen Phantasien auch Tiere und auch manche leblose Gegenstände 
(Puppen, Nachtgeschirre u s. f.) als Objekte der Sexuallust. Ich habe 
die Personen der onanistischen Phantasie gemäß meiner Erfahrung in 
der Reihenfolge aufgezählt, in der sie nach der Häufigkeit ihrer Ver- 
wendung auftreten. Diese Reihenfolge ist gegeben durch die Intensität 
der Neigung, die das Verhältnis des Kindes zu diesen Personen be- 



Über Onanie. 55 

stimmt. Die Geschwister stehen in der Reihe zuletzt. Das hat gute 
Gründe. Die Geschwisterliebe ist ein Spätprodukt der Gewöhnung 
durch das Zusammenleben. Am Anfang der Geschwisterliebe steht 
Hass, Neid, Missgunst und Eifersucht. Sobald aber das Kind sich mit 
der Tatsache abgefunden hat, dass es Geschwister habe, treten die Ge- 
schwister wohl in den meisten Fällen an die erste Stelle in der Inzest- 
phantasie. Die Gründe hierfür sind einfach. Geschwister sind vor- 
einander ungeniert und liefern einander sexuelle Vorstellungen, die ab- 
zulehnen das Kind keinen Grund hat, da sie ihm ja mit Erlaubnis der 
Eltern geboten werden. Wenn die Kinder nicht verschüchtert sind, 
kann man von ihnen jederzeit das Geständnis dieser Phantasien be- 
kommen. Wird der Umgang der Geschwister von den Pflegepersonen 
als sexuell verdächtig gemalsregelt , so bleibt die Geschwisterinzest- 
phantasie trotzdem bestehen, denn sie ist aus realen, auf deutlichen 
Sinneseindrücken ruhenden Vorstellungen zusammengesetzt, die als Tat- 
sache einer täglich sich erneuenden unbestrittenen Erfahrung nicht 
ohne weiteres aus dem Gedächtnis gestrichen werden können. 

Geaen diese rezenten Vorstellungen treten die zeitlich weiter zu- 
rückliegenden Vorstellungen von den Eltern zurück. Der Gegenwartssinn 
der Kinder ersetzt in den Phantasien die undeutlichen, längst ver- 
gangenen Eindrücke aus dem Schlafzimmer der Eltern gern durch die 
aktuellen und deutlichen Vorstellungen aus der Kinderstube. (Bei der 
neurotischen Regression sehen wir den umgekehrten Vorgang auftreten : 
Die störende reale Gegenwart tritt in ihrem Wert für die Phantasie- 
entwicklung gegen die alten Kiuderphantasien zurück.) 

So weit aber Kinder auch später noch direkte und intensive 
sexuelle Lust von den Eltern beziehen, hat die Inzestphantasie von den 
Eltern alle Chancen fixiert zu werden. Das ist vor allem der Fall bei 
Kindern, die mit den Eltern schlafen und die dadurch auf dem Wege 
des Tast- und Geruchssinns und sicherlich nicht weniger häufig auf 
dem Wege des Gesichtes reale Vorstellungen von der Bedeutung der 
Eltern als sexueller Lustquellen bekommen. Diese Vorstellungen, eben 
weil sie einer aktuellen und deutlichen Wirklichkeit entsprechen, zeigen 
sich dann ebenso resistent gegen die Verdrängung wie die sexuellen 
Vorstellungen von den Geschwistern. Die Rolle der Dienstboten ist in 
den sexuellen Phantasien der Kinder im höchsten Mali zu würdigen. 
Es ist sicher, dass die Dienstboten viel häufiger, als wir es ahnen, 
wirkliche Verführungsakte an den Kindern begehen. Aber abgesehen 
davon benützt das Kind die Dienstboten gern zur Abfuhr seines Sadismus, 
indem es sich mit den Eltern identifiziert und die Dienstboten in ver- 
schiedenen Wutausbrüchen körperlich aggrediert. wobei es, wie Beob- 
achtungen bezeugen, mit Vorliebe die Nates, die Genitalgegend und den 
Bauch zu berühren sucht. Anderseits findet das Kind wieder bei den 



56 



„Wiener psychoanalytische Diskussionen." 



Dienstboten Zuflucht gegen die Strenge der Eltern, indem es mit 
richtigem Instinkt die Feindschaft der Dienstboten gegen die Herrschaft 
zum Bundesgenossen erwählt. Solche Kinder halten sich gern bei den 
Dienstboten auf, sie stecken immer in der Küche, schliessen innige 
Freundschaft mit dem Personal und gewinnen durch unverdächtigen 
Kontakt viele reale und sehr lustbetonte sexuelle Eindrücke. 

Die onanistische Phantasie deckt uns nicht nur die inzestuöse 
Sexualität des Kindes auf, sie verrät uns auch, dass das Kind bei der 
Zuwendung seiner sexuellen Begierde unterschiedlos lebende und leb- 
lose Dinge, gleich- und andersgeschlechtliche Menschen bedenkt. 
Gegen das fünfte bis sechste Lebensjahr ist jedoch bei den meisten 
Kindern die Vielförmigkeit de)- sexuellen Reaktionen eingeschränkt und 
die heterosexuellen Phantasien gewinnen das Übergewicht. Mit dem 
Eintritt der Latenzperiode der Sexualität, die etwa vom 6. Jahr bis 
zur Vorpubertät dauert, ist ein merkliches Abflauen der sexuellen Er- 
regbarkeit auf allen Gebieten zu bemerken. Vor allem wird die 
physische Masturbation weniger beobachtet und sie fällt bei manchen 
Kindern ganz aus (Freud). Der Eintritt in die Schule und die Be- 
schäftigung mit den Lehrgegenständen fördert diesen Rückgang der 
Sexualität in bedeutendem Maße. Wir haben es offenbar mit einer 
biologisch bedeutsamen Zeit zu tun, in der die endliche Geschlechts- 
reife, die Konzentrierung des sexuellen Begehrens auf das Genitale und 
die Objektwahl vorbereitet werden soll. 

Mit dem grossen Andrang der sexuellen Libido in der Pubertät 
tritt auch, mit vereinzelten Ausnahmen, wieder die Onanie auf. Aber 
mm hat sie ihren Charakter in der Norm gründlich geändert. Sie ist 
ein bewusster Sexualakt geworden, sie wird in der Regel als vor- 
läufige Befriedigung der Sexualbegierde geübt, als Provisorium 
bis zur Erreichung eines komplementären Geschlechtsobjektes. 

Es ist klar, dass die Onanie erst in dem Augenblick zu einem 
selbständigen Problem wird, in dem sie nicht mehr als zeitgemäße 
Übung der Sexualität, als dem spezifischen Lebensalter angepasste Form 
der sexuellen Lustgewinnung erscheint. 

Nun müssen wir uns vor Augen halten, dass „zeitgemäß" im 
Sinne der Kultur mit dem „zeitgemäß" im Sinne eines individuellen 
Entwicklungsstadiums des Menschen nicht zusammenfällt. Für den 
normal entwickelten Menschen ist sexuelle Abstinenz nach eingetretener 
Pubertät eine kulturell-pädagogische Forderung, ein artifizielles Postulat, 
das nur aus den Kulturforderungen heraus, nicht aus dem biologischen 
Moment der individuellen Entwicklung zu verstehen ist. 

Zunächst also bleibt auch für die Pubertät und bekanntlich noch 
für mehrere Jahre hinaus das Stadium der infantilen Sexualität, der 
onanistischen Befriedigung, dadurch erhalten, dass die Masturbation 



Über Onanie. 57 

auch weiterhin die einzige verfügbare Form der Sexualbetätigung 
bleiben muss. Es ist eine künstliche Prolongation der Kind- 
heit, verursacht durch die sozialen Verhältnisse. Aber auch die Be- 
friedigung der Sexualität an den Nebenzonen wird jetzt auf ein Minimum 
eingeschränkt. Alle die vielen Möglichkeiten der Abfuhr sexueller Er- 
regung, die bisher beinahe anstandslos ausgeführt werden durften: 
Küssen, herzen, sich schmiegen und verwöhnen lassen, erfahren in der 
Pubertät die umfassendsten Hemmungen sowohl von Seite der Um- 
gebung, die mit halbem Bewusstsein die Liebesforderungen des Puber 
als sexuell verdächtig eindämmt, als auch von Seite des Puber selbst, 
der sich der bewussten sexuellen Erregung bei den früher „unschuldigen'' 
Liebesbetätigungen nicht mehr erwehren kann und der sich unter dem 
Druck des „sittlichen Gebotes", dessen Bekanntschaft er inzwischen ge- 
macht hat, von allen verräterischen Aggressionen zurückhält. 



Die "Wirkungen der Onanie. 

Die Wirkungen der Onanie sind nach verschiedenen Richtungen 
zu betrachten, aber es wird nicht möglich sein, sie konsequent zu 
isolieren. Folgende Hauptmomente w erden für die Betrachtung maß- 
gebend sein : 

I. 1. Die Wirkungen des Abgewöhnungskampfes. 
2. Die Wirkungen der on. Betätigung. 

IL 1. Die somatischen Wirkungen der Onanie. 

2. Die psychischen und sozialen Wirkungen der Onanie. 

Der Abge wohn ungskampf. 

Man kann den Abgewöhnungskampf in zwei Stadien der Ent- 
wicklung feststellen. Das erste Stadium ist der Übergang zur Latenz- 
periode, das zweite die Pubertät. In beiden Momenten sehen wir zwei 
Prinzipien für die Abgewöhnung streiten: ein biologisches und ein 
pädagogisches. Das biologische Moment der Latenzperiode scheint eine 
entwicklungsgeschichtliche Notwendigkeit der partiellen Ausschaltung 
der Sexualität zum Zweck der Sozialisierung des Individuums zu sein. 
Tatsächlich sehen wir, dass Kinder, die in der Latenzperiode auf die 
sexuelle Lust nicht verzichten wollen, zu den schwer erziehbaren 
störrischen, trotzigen und launenhaften gehören. Ihre Anpassung an 
das soziale Milieu versagt in dem Maße, in dem sie die sexuelle Gruppe 
ihrer Affekte der sozialen Regulierung entziehen. Es könnte sein, dass 
die Latenzperiode nicht nur die soziale Einordnung des Ich, sondern 
auch die Verwertbarkeit der Sexualität für eine bestimmte Kultur- 
stufe vorbereiten sollte. Die Erziehung hat hier die Durchsetzung eines 



58 



..Wiener psychoanalytische Diskussionen.'' 



entwicklungsgeschichtlichen Momentes in eigene Regie genommen. Denn 
in dieser Zeit beginnt das Kind die sozialen Forderungen, die es selbst 
zu erfüllen hat, an die Umgebung zu stellen und es wertet auch die 
Sexualobjekte vom Ich aus. Ein Resultat dieser Entwicklungsperiode 
ist es, dass die Menschen auch späterhin — mit nicht sehr vielen Aus- 
nahmen — dem Sexualobjekt seinen endgiltigen Komplementärwert vom 
sozialen Standpunkt aus zusprechen. 

Das biologische Moment der Forderung nach Abstinenz von der 
Onanie in der Pubertät ist die Notwendigkeit der Objektwahl im Dienste 
der Arterhaltung. Dieses Moment wird vom pädagogischen mit einer 
dem biologischen nicht ganz angepassten Modifikation vertreten. Denn 
die Kulturforderung lautet: Abstinenz von Onanie und Aufschub der 
Objektwahl. Der Puber soll ein Mann sein, indem er auf die infantile 
Sexualbetätigung, auf die Onanie verzichtet, aber er darf kein Mann 
sein, denn er darf kein Sexualobjekt wählen. Die Gegenwart bietet 
keine Entschädigung für den Verzicht, sie hat nur Strafen für die 
Übertretung des Verbotes und sie bemüht sich, den Puber durch geistige 
Verarbeitung seiner Begierden vom Wunsch nach Betätigung des 
Sexualtriebes abzulenken. 

Da aber der Trieb einsichtslos ist und siel! auf Zukunftspläne 
nicht einlässt, muss das Individuum sich einen Grund schauen, der ab- 
gesehen von der Furcht vor Strafe und den üblen Folgen der Onanie 
die Abstinenz, das Warten ermöglichen soll. Das Individuum muss 
sich die Abstmenzforderung „razionalisieren", es muss sich die Objekte 
seines Begehrens künstlich unzugänglich machen. Das geschieht' ver- 
mittelst der Überschätzung des Sexualobjektes (Freud). 
Diese künstliche Überschätzung hat ihren stärksten Motor in der 
Qualität der Liebesobjekte selbst, die vom Puber zunächst, sei es be- 
wusst oder unbewusst, gewählt werden würden. Diese Objekte sind 
nämlich mit dem Inzestverbot ausgezeichnet. Auf diese Objekte greift 
der Puber vor allem zurück, weil es ihm verboten ist, fremde Sexual- 
objekte zu wählen, also von den infantil gewählten Objekten loszukommen. 
Er gehorcht dem Gebot ein Kind zu bleiben, indem er die kindlichen Liebes- 
werte wieder in ihre alten Rechte einsetzt, die sie im Unbewussten 
ohnehin behalten haben und deren Wirkung zu paralysieren nur da- 
durch gelingen kann, dass sie durch andere Objekte ersetzt werden, 
dass die an sie gebundene Libido auf andere Objekte „übertragen" 
werde. 

Wenn die Eltern und Geschwister jetzt nicht für „heilige Per- 
sonen" erklärt werden, sind sie vor der libidinösen Aggression des Puber 
nicht sicher. Von den Inzestpersonen wird dann die Qualität der Über- 
schätzung und damit auch die der Unerreichbarkeit auf andere Sexual- 
objekte übertragen. Der Puber hat seine Aggression nach allen Seiten 



Über Onanie. 59 

lahmgelegt. Das ist die Geburt der Lyrik. Ihr Inhalt ist Sehnsucht, 
nicht Befriedigung, ganz entsprechend dem wirklichen Zustand der 
Libido des Lyrikers. 

Aber die rationalisierte Sehnsucht reicht noch immer nicht aus, 
um die Sexualbetätigung durch Onanie überflüssig zu machen. Bei 
den meisten Individuen stellen sicli jedoch früher oder später in höherem 
oder geringerem Maß Symptome ein, die darauf schliessen lassen, dass 
die Onanie nicht gut vertragen wird. Ein gewisses haloniertes Aussehen, 
Ängstlichkeit, Zerstreutheit und Schuldgefühle gelten populariter als 
Verräter des Onanisten. 

Dass dieser Syinptonienkmnplex nur einige Jahre auffällt und ge- 
wöhnlich nicht ins Mannesalter hinübergenommen wird, ist sicher. Eine 
persistierende Schädigung durch Onanie kommt offenbar nur unter be- 
stimmten Voraussetzungen vor. 

Die somatischen Wirkungen der Onanie. 

Für die somatischen Wirkungen ist scheinbar nur die quantitative 
Frage maßgebend. Mäßige Onanie ist nach der Ansicht aller Autoren 
unschädlich oder sogar nützlich. Übermäßige Onanie liefert zum Bilde 
des geschädigten Masturbanten die toxischen Symptome. Es ist 
ferner wahrscheinlich, daß die nach übermäßiger Onanie auftretenden 
gehäuften Pollutionen auf eine organische Schwächung des Sekretions- 
und Nervensystems zurückzuführen sind und dass auf diesem Wege im 
extremsten Falle auch die sogenannte physische Impotenz zustande 
kommt. In unserer Kultur kann jedoch nach meiner Meinung eine 
reine toxische Neurose auf onanistischer Basis, die von Freud benannte 
A k t ualneurose, nicht für sich beobachtet werden. Um sie isoliert 
zu studieren, müsste man ein ganz kulturloses Milieu aufsuchen, in dem 
die Onanie exzessiv betrieben wird und wo man sicher ist, daß von 
Seiten des Sittengesetzes keine psychogenen Störungen mit den rein 
toxischen der Masturbation kompliziert werden. Es gibt auch in dieser 
Richtung bereits einiges Beobachtungsniaterial aus Negerländern, wo- 
nach die bis zum extremsten Exzess durch viele Jahre betriebene Onanie 
zur Verblöduno- führen soll. 



Die psychischen Wirkungen der Onanie. 

Von der psychischen Seite aus wird man die Wirkungen der 
Onanie teils der Betätigung der Onanie, teils dem Abgewöhnungskampfe 
zuschreiben müssen. 

Der ätiologisch und symptomatologisch auffallendste Faktor unter 
den Wirkungen der Onanie ist die Angst. 



60 



..Wiener psychoanalytische Diskussionen." 



Di e Angst. 

Angst entsteht, wenn die sexuelle Erregung quantitativ nicht voll- 
kommen oder qualitativ nicht adäquat abreagiert wird (Freud). In 
jedem Falle bleibt ein nicht verwendeter Erregungsbetrag zurück, der 
sich als Angst äussert, oder sich in Angst verwandelt oder Angst er- 
zeugt. Welche Formulierung etwa der Angstentstehung aus nicht ver- 
wendeter Libido entsprechen mag, ist hier nicht zu entscheiden. Tat- 
sache ist, dass die meisten Menschen auf unvollkommene sexuelle Be- 
friedigung oder auf Abstinenz bei zu starker Libido mit Angst reagieren. 
Das Auftreten der Angst als Folgeerscheinung der Onanieabstinenz im 
Kindesalter kann nicht als Spezifikum der Onanie angesehen werden, 
da ja die Onanie die dem Kindesalter adäquate Form der sexuellen Be- 
tätigung ist. Erst in dem Stadium, in dem adäquate und mastur- 
batorische Sexualbetätigung auseinanderfallen sollten, kann die spezi- 
tische Angstätiologie von der Onanie aus beobachtet werden. 

Da wir einen überschüssigen, nicht aufgearbeiteten Erregungs- 
betrag für die Entstehung der Angst empirisch postulieren, so steht 
nun die Frage, in wiefern ist die Onanie in der Pubertät und im späteren 
Alter geeignet, die volle sexuelle Befriedigung zu liefern? Die Antwort 
ist: das hängt davon ab, in welchem Maße die Libido bereits zur Ob- 
jektwahl geschritten ist und in wie weit die Perversionen, die sich 
im speziellen Fall herausgebildet haben, durch die Onanie befriedigt 
werden. 

Ist zur Zeit der Masturbation die Diskrepanz zwischen dem Ent- 
wicklungsstadium der Libido und der tatsächlich möglichen Art der 
Geschlechtsbefriedigung so weit gediehen, dass das Individuum mit ge- 
nügender Entschiedenheit ein fremdes Objekt zum Geschlechtsverkehr 
fordert, trotzdem aber auf das Objekt des eigenen Körpers angewiesen 
ist, dann haben wir von der Onanie keine volle Sexualbefriedigunf zu 
erwarten und die Angst wird sich als natürliche Reaktion auf die Onanie 
einstellen. 

Dort aber, wo die Pubertät die Libido im infantilen Stadium an- 
trifft, wo das Individuum zur Zeit der Pubertät psychisch noch auto- 
erotisch ist, wird die Onanie die adäquate Betätigungsfora der Sexualität 
sein, sie wird vollkommene Abfuhr der libidinösen Erregung gestatten 
und die Angstentwicklung wird ausbleiben. Dieser Fall gestattet jedoch 
zwei wichtige Ausnahmen: die Onanie kann nach der Pubertät trotz 
erhaltenem psychischem Infantilismus als adäquates Befriedigungsmittel 
versagen, wenn der Organismus durch exzessiven Missbrauch überreizt 
und die toxische Aktualneurose eingetreten ist. Ferner, wenn die sie 
begleitende Phantasie mit einer Perversion verknüpft ist, die von der 
Phantasieleistung nicht ersetzt werden kann (z. B. Geruchsperversion 
ohne Fähigkeit zu Geruchshalluzination). 



Über Onanie. 61 

Aus dem Zusammentreffen der Masturbation mit einem bestimmten 
Entwicklungsstadium der Libido ergeben sich folgende Möglichkeiten 
für den Eintritt einer Schädlichkeit der Onanie: 

Das Schuld bewussts ein. 

Die Angst, zunächst ein flottierendes Gefühl von Unsicherheit und 
Beklemmung, wird razionalisiert, d. h., sie wird an eine Vorstellung 
gebunden, deren angsterregende Bedeutung vor dem urteilenden Be- 
wusstsein Geltung hat. Diese Vorstellung ist dem Strafkomplex ent- 
nommen und steht in direkter Beziehung zu Erlebnissen der ersten 
Kindheit, die von den sadistischen Triebäusserungen des Kindes bestimmt 
waren. Die so gebundene Angst ist das Schuldgefühl. Der 
Inhalt des Schuldgefühls zerlegt sich in den von mir durchgeführten 
Analysen in eine Reihe von Formeln, in denen die bewussten Stücke 
sukzessive in einzelnen Teilen durch unbewusste (in Klammern) ersetzt 
werden konnten : 

„Ich fühle mich schuldig, weil ich etwas Hohes gemein gemacht 
habe (weil ich in der onanistischen Phantasie Inzest treibe oder die 
Heiligkeit des Weibes mit der sexuellen Phantasie herabwürdige). 

„Ich fühle mich schuldig, weil ich so schwach bin und immer 
wieder dem Reiz nachgebe (weil ich später geschwächt vor die Frauen 
treten werde und die Frauen mich verachten werden. Sie werden mich 
fragen: Wo hast Du Deine Manneskraft, auf die wir gewartet haben). • 

„Ich fühle mich schuldig ohne zu wissen warum. Ich bin ein 
Sünder (ich erwarte eine Strafe für die Übertretung des Inzestver- 
botes). • 

„Ich habe mich immer schuldig gefühlt, auch als Kind (aber nur 
wenn ich etwas Böses getan oder böse Wünsche gegen die Eltern 
phantasiert hatte. Ich hatte immer Angst, man könnte auch meine Ge- 
danken erraten und mich strafen. Ich hatte, weil ich viel solche böse 
Phantasien hatte, immer Furcht vor Strafe, und oft wusste ich gar 
nicht warum, weil ich meine Phantasien immer wieder vergass)." 

„Ich fühle mich schuldig vor der Mutter (ich wollte den Vater 
überflügeln, ihn bei der Mutter ausstechen und nun bleibt er Sieger, 
denn ich bin kein Mann, ich bin nur ein Knabe und meine Mutter 
achtet nur einen ganzen Mann)." 

„Ich fühle mich schuldig vor dem Vater (ich wollte immer dem 
Vater gleich werden. Der Vater hat es auch immer von mir erwartet. 
Ich werde seine Hoffnungen enttäuschen, -ich werde seine Stelle in der 
Familie nicht vertreten können)." 

Der Inhalt des Schuldgefühls, der sich aus diesen Formeln ergibt, 
ist also ein aus der Kindheit stammender, der sich der Onanie als Ge- 



62 



„Wiener psychoanalytische Diskussionen.' 



Iegenheit bemächtigt hat, weil die Onanie gleichwie jene Kinderver- 
gehungen, eine unerlaubte Auflehnung, eine selbstsüchtige Ausnutzung- 
höherer Werte vorstellt. Der Inhalt des Schuldbewußtseins ist eine 
wirkliche Schuld gegenüber einer unbewussten Forderung. Diese 
Forderung wurde zunächst in frühester Kindheit von den Eltern gestellt. 
Dann erfolgte die Identifizierung des Kindes mit den Eltern, wodurch 
die Forderungen der Eltern zu den eigenen Forderungen des Kindes 
wurden. Aber als Forderungen sind sie dem Kinde nicht bewusst, son- 
dern nur als Wünsche so zu sein, wie es die bereits unbewusst gewor- 
denen Forderungen der Eltern verlangen. Nachdem die Sozialisierung 
des Ich stattgefunden hat, wird die Forderung nunmehr zur „idealen 
Forderung", d. h. sie wird einer Idee zugesprochen, die nichts anderes 
ist als der im unbewussten wirkende, der persönlichen Qualität ent- 
kleidete Vater. Die im unbewussten wirkende Mutter aber wird durch 
die „ideale Liebe" ersetzt. Auch das alte Strafmoment kommt zum 
Vorschein, indem es sich als Drohung mit schädlichen Folgen für die 
unerlaubte Lust durchsetzt. Es muss aber betont werden, dass ich das 
Schuldgefühl nur dort gefunden habe, wo die Onanie keine volle Be- 
friedigung gewährt hat, wo Angst entwickelt wurde. Hingegen konnte 
ich sehen, dass sich mit der Onanie kein Schuldgefühl verband, wenn 
sie volle Lust gab. 

Die Schädigung der Objektwahl. 
Zum Wesen der Onanie gehört es, dass der Onanist den ganzen 
Lustbetrag aus dem eigenen Körper beziehe, dass sein eigener Körper 
das Objekt seines sexuellen Begehrens sei. Die Onanie ist die auto- 
erotische Form der Sexualität. Sie ist als infantile Sexualität, so 
lange nicht die Forderung nach der Sozialisierung des Geschlechts- 
triebes gestellt ist, eine normale, der Zeit angemessene Erscheinung. 
Die Forderung zur Sozialisierung der Sexualität tritt an das Individuum 
von zwei Seiten, von innen und von aussen, heran. Von innen meldet 
sie sich als Postulat einer Tierart mit getrennt geschlechtlichen Indi- 
viduen. Die Art fordert im Interesse ihrer Selbsterhaltung, dass die 
einzelnen Individuen ihre Geschlechtsbedürfnisse nicht am eigenen 
Körper, sondern im Verkehr mit komplementär geschlechtlichen anderen 
Individuen zum Zweck der Fortpflanzung befriedigen. Von aussen wird 
die Forderung zur Sozialisierung des Geschlechtstriebes dadurch reali- 
siert, dass die autoerotische Befriedigung verboten wird. Auf diese 
Weise erlangt das Individuum die unbewusste Kenntnis davon, dass 
andere Personen Anspruch auf seine sexuelle Betätigung haben, dass 
es für seine Geschlechtsbetätigung andern verantwortlich ist und dass 
es kein Recht hat, die Geschlechtslust nur zu persönlichem selbstischem 
Vergnügen zu üben. 



über Onanie. /•;> 

Die Objektwahl wird durch die Onanie verzögert oder ganz aus- 
geschlossen. Die Verzögerung liegt zunächst im Interesse der Kultur- 
forderung, aber nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt, der allerdings 
relativ zu bemessen ist, bei den meisten Menschen jedoch wohl um das 
20. Lebensjahr eintritt. Darüber hinaus muss die Verzögerung der 
Objektwahl als. abnorme Erscheinung gewertet werden Folgende 
Momente wirken bei der Verzögerung der Objektwahl zugleich oder 
alternierend mit. 

Wo die Onanie volle Befriedigung gewährt, perpetuiert, fixiert sie 
die Infantilität. Das Individuum hat keinen Anlass, sich in den Kampf 
um ein Sexualobjekt zu begeben, da es alle Lustquellen bequem in sich 
findet. Omnia sua secum portat. 

Wenn vom Ich aus später an das Individuum die Forderung der 
Objektwahl herantritt, dann kann die Aggression, die zur Erwerbung 
des Objektes notwendig ist, die aber aus Bequemlichkeit und Bedürfnis- 
losigkeit nicht geübt wurde, dermaßen geschädigt sein, dass sie zur 
Bewältigung des Werbeanspruches unzulänglich wird. 

Ist genug Aggression vorhanden, um mit Hilfe verschiedener 
Unterstützungen des Milieus ein Objekt anzugehen, dann kann es sich 
erweisen, dass die Libido trotz alledem am eigenen Körper hängt und 
dass das fremde Sexualobjekt nicht vermag die Lust zu entbinden, die 
der Onanist aus dem eigenen Körper gewonnen hat. Er vergleicht 
dann mit Recht seine Onanie dem vollwertigen Koitus und den Koitus 
der Onanie. 

Die Bedeutung der onanistischen Phantasie für die Hemmung der 
Objektwahl ist eine wesentliche: zunächst muss jede Realität, gemessen 
an der Vollkommenheit der Phantasievorstellungen, nur als unzuläng- 
liches und schlechtes Surrogat für die Onanie erscheinen. Die Phantasie 
sperrt den Onanisten von der Realität aus. Er wird, wenn er zum 
Objekt kommt, intolerant gegen die unvermeidlichen Mängel der Körper- 
lichkeit, weil er seine Libido mit der Phantasie verwöhnt hat. Dann 
aber liefert die Phantasie dem Onanisten perverse Vorstellungen, die 
die infantilen Perversionsaftekte aktivieren, so dass eine Perversion, die 
etwa durch rechtzeitige normale Sexualbetätigung gut verdrängt worden 
wäre, durch die Onanie fixiert werden kann. Die Onanie wird zur 
Brücke der Neurose. 

Die Masturbation bringt die von der Kultur der Art geforderte 
Unterordnung der Homosexualität unter die Heterosexualität zum Zer- 
fall , indem sie mit Hilfe der Phantasie jede dieser sexuellen Kom- 
ponenten zur Selbständigkeit züchtet. Dabei aber wird die Homo- 
sexualität, weü sie ein reales Betätigungssubstrat am eigenen Genitale 
findet, unbewusst hyertrophiert. Es entwickelt sich nach und nach ein 
enormes Interesse für das eigene Genitale, das in manchen von mir 



(54 ..Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

beobachteten Fällen so weit ging, dass das Genitale vollständig per- 
sonifiziert wurde, wie eine selbständige Person behandelt wurde. Manche 
Onanisten führen Zwiegespräche mit ihrem Genitale, nennen es den 
lieben Kleinen oder den lieben Sohn oder den lieben Freund, danken 
ibm für seine Treue und Freigebigkeit u. s. f. Man findet in vielen 
Fällen eine vollkommene Verliebtheit ins eigene Genitale. Dass bei der 
so intensiven infantilen Einstellung auch die Prahlerei mit dem Genitale 
zur Exhibition führt, ist nicht mehr zu verwundern. Ebenso selbstver- 
ständlich ist es, dass der Prahler auch fremde Genitalien des gleichen 
Geschlechtes sehen will, teils um sich die Befriedigung zu beschaffen, 
dass sein Genitale anderen imponiert, teils um sich zu überzeugen, dass 
seine Angst, er könnte etwa ein unzulängliches Genitale haben, unbe- 
gründet sei. Die Onanie hat in diesen Fällen mit Hilfe der exhibi- 
tionistischen und Voyeur-Komponente des Geschlechtstriebes den Nar- 
zissmus zur vollen Intensität gezüchtet. Mit dem Eintritt dieser Spät- 
form einer kindlichen Entwicklungsphase zu einer Zeit, wo eine volle 
und selbstlose Würdigung der objektiven Welt vom Menschen gefordert 
wird, ist der Onanist auch von Seiten des Ich in seiner Einstellung zur 
menschlichen Gesellschaft unzulänglich geworden. Der Narzissmus ent- 
bindet den Sadismus, der in sich Verliebte wird grausam, weil die 
Qual der andern sein Selbstbewusstsein erhöht und seiner Eitelkeit 
schmeichelt. 

Aber der von der Onanie der Pubertätszeit ausgehende Narziss- 
mus ist kein reines Produkt. Man darf nicht vergessen, dass wir eine 
Pseudoinfantilität vor uns haben, dass die kritiklose Einstellung zu sich 
selbst indessen durch die Schule und das Beispiel der Umgebung zu 
einem Teil wenigstens in eine kritische verwandelt worden ist. Wir 
finden aus diesem freien Anteil der Kritik des Autoerotikers heraus den 
masturbierenden Narziss der Nachpubertätszeit im tiefsten Herzen von 
Selbstmisstrauen, Beue und Selbstvorwürfen erfüllt. Von diesem Punkte 
aus ist die Kur des geschädigten Masturban ten anzugehen. 

Für das spätere Liebesleben des Onanisten kann auch der Um- 
stand verhängnisvoll werden, dass die Onanie dem Genitale selbst die 
ausschliessliche Aufmerksamkeit in der libidinösen Betätigung zuwendet. 
Ich habe oft von Onanisten, die ihre Form der Geschlechtsbetätigung 
nur für ein schlimmes Provisorium hielten, die Meinung gehört, sie 
könnten durch einen Koitus geheilt werden. Die Analyse ergab, sie 
meinten nur ein weibliches Genitale. Es zeigte sich, dass das ganze 
Sinnen dieser Onanisten auf die Erreichung eines weiblichen Genitales, 
nicht aber auf das Weib als Totalität gerichtet war und es zeigte sich 
später, dass diese Zentralstellung des Genitales zum bestimmenden Schicksal 
für das Liebesleben des Onanisten werden kann. Der Onanist bringt 
das Genitale zur Domination, er verliert die Beziehung zur Totalität 






Über Onanie. 



65 



des Weibes. Die Perversionen, die teils verdrängt, teils autoerotisch oder 
homosexuell durch die Phantasie fixiert wurden, stehen dem Onanisten 
beim heterosexuellen Partner nicht mehr zur Verfügun<>', sie können 
nicht ins Vorspiel gebracht werden , sie können nicht die ihnen 
gebührende Rolle als Vorlustträger erfüllen, sie können den ihnen zu 
fallenden Erregungsbetrag nicht zur Vervollkommnung des Geschlechts- 
akts Hefern. Der Onanist verträgt das Warten nicht, er ist auf das 
letzte Ziel erpicht, weil ihm der Weg zum Koitus nichts ist als eine 
gierige Freudlosigkeit. Es resultiert der onanistische Koitus als Ent- 
täuschung aller Illusionen von der Herrlichkeit des Weibes. Der uner- 
ledigte Betrag sexueller Erregung liefert Angst, Schuldbewusstsein und 
Depression, die tristitia post coitum. Ärmer als je geht der Onanist 
vom Weibe weg und wenn er zugleich die Hoffnung auf Besseruno- 
aufgibt, dann kehrt er wieder zur Onanie zurück. Diese Sucht ein 
weibliches Genitale zu bekommen und die Beziehungslosigkeit zur 
Totalität des Weibes treibt den Masturbanten zu früh zur Prostitution. 
Die razionalisierte Enttäuschung am Weibe kann ihren Ausdruck 
im Zynismus finden. Der Onanist, der ein Weib als Onanist gebraucht, 
d, h. das ganze Weib als Genitale ansieht, weil er selbst nichts anderes 
übrig hat für die Liebe als sein Genitale, welches er zur Domination 
gezüchtet hat, muss die Liebe für eine Täuschung, für eine vorgespiegelte 
falsche Tatsache erklären. Da ihm der Partner nicht mehr zu bieten 
hat, als er sich selbst bieten konnte, erklärt er den Geschlechtsverkehr 
für ein individuelles, keiner höheren Idee dienendes Vergnügen. Somit 
ist die soziale Weitung der Sexualität gefallen, das Weib ist ein Lust- 
gegenstand gleich den Befriedigungsmitteln des Fresstriebes. Dieser 
Entzug persönlicher Gefühle aus dem Verband sozialer, sublimierter 
Werte ist das Wesen des Zynismus. Derselbe Mann aber, der die Liebe 
verachtet, weil sie ihm nur als Selbstbefriedigungsmittel dient, zeigt 
damit, dass er nur soziale Werte im Unbewussten achtet, dass der 
Zynismus nur ein Symptom ist für die Unfähigkeit die höhere Syn- 
these der Triebkomponenten im Partner zu vollziehen. Als 
Gegenstück zu dieser Erscheinung hört man oft die Onanie „dumm" 
nennen, weil sie „keinem Menschen Freude bereite, als nur dem 
Onanisten selbst und es könnte doch auch ein anderer Mensch etwas 
davon haben." 

Für die menschliche Gesellschaft gibt die Onanie drei 
bedeutende Destruktionsfaktoren ab. Durch ihre Fixierung des Auto- 
erotismus und durch die Schädigung der Selbstachtung mindert sie die 
Werbekraft des Mannes. Durch die Perpetuierung des psychischen In- 
fantihsmus untergräbt sie die souveräne Stellung des Mannes im öffent- 
lichen Leben und in der Familie. Durch die von ihr bewirkte Schädi- 
gung der Potenz, die als physiologische Folge zu früh und zu oft 

Wiener Diskussionen. (Heft II.) c 



gg ..Wiener psychoanalytische Diskussionen." 









geübter Masturbation eintritt, und schliesslich durch die Schädigung 
der Perversionssynthese verarmt sie das Liebesleben und schafft den 
Frauen elementare Enttäuschungen. Man kann mit viel Wahrscheinlich- 
keit die Onanie der Männer für einen bedeutenden Faktor in der Ent- 
stehung der Frauenemanzipation erklären. 

Wir stehen nun vor der letzten Frage, unter welchen Bedingungen 
wird die Onanie dauernd schädlich. 

Gewiss ist für den Eintritt und das Maß der Schädlichkeit eine 
relativ wenig widerstandsfähige Konstitution verantwortlich zu machen. 

Dieser konstitutionelle Anteil ist vorauszusetzen und in die Ätio- 
logie der masturbatorischen Schädlichkeit einzubeziehen. Aber es ist 
weder die spezifische Art noch der Umfang seines Einflusses bei der 
Entstehung der Schädlichkeit festzustellen. Wir haben ausserdem keinen 
Grund, bei der Onanie von dem empirischen Prinzip abzuweichen, dass 
die Schwäche oder Stärke einer Konstitution nur ein relativer Begriff 
ist, gemessen an der Grösse der Ansprüche, die an die Konstitution 
gestellt werden. Eine Konstitution wird erst unzulänglich für die Er- 
haltung der individuellen Euphorie, wenn die Anforderungen des Milieus 
ihre Leistungsfähigkeit übersteigen. Auf der Basis dieser relativen Un- 
zulänglichkeit entsteht die Krankheit, wenn das Individuum sich trotz- 
dem der übergrossen Anforderung anpassen will, aber im Anpassungs- 
kampf versagt. Die Krankheit ist das Symptom der misslungenen An- 
passung. 

Wir dürfen darum die Bedingungen für die Entstehung von 
Schädlichkeiten durch die Onanie in den Milieu Verhältnissen des Indi- 
viduums suchen. Und wir werden es nicht für einen Zufall ansehen 
können, dass die 18 Fälle, deren Beobachtung die hier niedergelegten 
Anschauungen entnommen sind, alle die gleiche Milieukonstellation nach 
gewissen Richtungen zeigen. Die Erziehungsmethode in den Familien, 
von denen hier die Rede ist, zeichnete sich durch die Tendenz aus, 
den Kindern jede aufrichtige Einsicht in das Wesen und die Bedeutung 
der Sexualität zu verwehren. Einen besonderen Charakter aber hatten 
die Väter in diesen Familien : sie waren prüde, überempfindlich für jede 
Äusserung, die an die Sexualität streifte; sie waren herrisch und auf 
die Wahrung ihrer hausväterlichen Würde sehr bedacht; sie hielten es 
für dogmatische Notwendigkeit, den Kindern als unnahbare, vollkom- 
mene Personen zu imponieren. Vor allem aber trug die Erziehung in 
diesen Familien deutlich die Absicht, die Kinder über die Sexualität 
der Erwachsenen zu täuschen. 

Wenn wir auf unsere Behauptung rekurrieren, dass für die Ent- 
stehung der masturbatorischen Schädlichkeit das Eutwicklungsstadium 
der Sexualität im Verhältnis zur Ichentwicklung in der Zeit der. 
Masturbation entscheidend ist, dann haben wir in diesem Miüeu den 



Über Onanie. 67 

Paktor gefunden, der die Sexualität künstlich infantil erhält. Der Ein- 
bruch der Pubertät findet dann die Onanie mit der infantilen Inzest- 
phantasie vergesellschaftet. 

Indessen aber hat das Ich ungefähr die Entwicklung durch- 
gemacht, die für die Regulierung der sozialen Beziehungen, dem Alter 
des Kindes entsprechend, ausreicht. Für die Einordnung der Sexualität 
in das soziale Bild aber findet sich das Ich unzulänglich, denn die 
Sexualität, die ihm zu Gebote steht, ist sozial unbrauchbar, infantil. 
Damit diese rückständige Sexualität zu einer angemessenen Reife gebracht 
werde, müsste ihr vom Ich erst eine Existenzberechtigung zugesprochen 
werden. 

Wenn die Inzestphantasie unbewusst ist, versteht es sich von 
selbst, dass das Ich keine regulierende Stellung zur Sexualität einnehmen 
kann. Wird die Inzestphantasie bewusst, dann kann sie normalerweise 
vom Ich entwertet werden, denn der Puber weiss, dass die Inzest- 
schranke nicht überschritten werden kann, dass die Inzestphantasie 
nicht realisierbar ist. Damit zugleich ist die Notwendigkeit gegeben, 
auf den Inzest zu verzichten und die Libido, die nicht objektlos bleiben 
kann, wird auf andere Objekte übertragen. Nun kann auch die Selbst- 
befriedigung aufgegeben werden, denn der Puber hat, wenn auch in 
unbestimmter Zukunft, so doch immerhin eine Chance, das Liebes- 
objekt zu erreichen, und er spart sich für die reale Objektliebe auf. 
Es ist eine bekannte Tatsache, dass die Onanie in den meisten Fällen 
aufgegeben wird , sobald das Individuum sich verliebt. Man könnte 
demnach erwarten , dass mit dem Bewusstwerden der Inzestphantasie 
und noch sicherer mit der Objektwahl die Onanie aufgegeben werde. 
Nun zeigt es sich in den pathologischen Fällen, dass die Onanie trotz- 
dem weiter geübt wird und durch ihre Perseveration die 
geschilderten Schädlichkeiten hervorbringt. 

In diesen Fällen habe ich gefunden, dass die Onanie der Aus- 
druck der unbewussten Auflehnung gegen den Vater ist. 
Sie ist ein Kompromiss zAvischen Ich und Sexualität, der etwa so zu 
formulieren wäre : 

Mein Vater will, dass ich ein Kind bleibe. Ich bleibe also ein 
Kind, indem ich meine infantile Sexualität behalte. Aber mein Vater 
tut mir unrecht damit, dass er mir die Infantilität aufzwingt. Ich 
onaniere ihm zum Trotz, er mag es sich zuschreiben, wenn es mir zum 
Schaden gereicht. 

Zur Bekräftigung dieser Behauptung kann ich mich darauf berufen, 
dass die Onanie aufgegeben wurde, sobald der unbewusste Sadismus 
gegen den Vater aufgedeckt und erledigt war. Ich sah die Onanie 
nach jahrelangen Pausen wieder auftreten, wenn das Individuum wieder 
in die infantile passive Rolle gegen das autoritative soziale Milieu 

5* 



gg ..Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

geriet. Die Analyse zeigte, dass diese Passivität alle Charaktere jener 
Hilflosigkeit hatte, in der das Individuum sich seinerzeit gegen den 
Vater befand und dass auch die zwingende Situation die gleiche Ten- 
denz hatte, die der Vater gegen den Knaben durchsetzen wollte. 

Ein Milieu , das die Kinder in Angst und Unterwürfigkeit hält, 
das falsche Vorstellungen über die Existenz und Bedeutung der Sexua- 
lität gibt und pflegt und das die Naivität der kindlichen Sexualäusser- 
ung mit einer Wucht bekämpft, die mit Einsichtslosigkeit allein nicht 
mehr entschuldigt werden kann, ein solches Milieu ist es, welches ich 
in den 18 Fällen, denen die hier beschriebenen Beobachtungen ent- 
nommen sind, gefunden habe. 

Solch ein Milieu ist durchaus geeignet, die künstliche Infantilität 
zu züchten und das Kind dem libidinösen Ansturm der Pubertät hilf- 
und ratlos preiszugeben. In diesem von der Erziehung künstlich her- 
gestellten Halbdunkel gedeiht die Phantasie und die heimliche Lust am 
Verbotenen, dem man nicht entrinnen kann. Die Kommunikation mit 
den korrigierenden und regulierenden Mächten der Aussenwelt ist aus 
„ Sittlichkei tsgründen " abgesperrt. 

Die Auflehnung gegen diesen Druck der Umgebung nährt die 
sadistische Komponente, die sich aber nur gegen den Puber selbst 
kehren kann. Was sollte er, so jeder Macht beraubt, anderes tun, als 
seine Libido seinem Körper schenken ! Und wenn das nicht das richtige 
wird, wenn man dann nicht mehr von sich loskommt, wenn man die 
We°-e nicht findet, die man nicht kennen gelernt hat, was kümmert 
das die sittenstrengen, tadellosen, geschlechtslosen Erzieher? 



VII. 

Dr. Paul Federn: 

Die grosse Meinungsverschiedenheit in unserer Diskussion zeigt 
wiederum, wie schwer es ist, aus den exakten Einzelanalysen allgemeine 
Gesetze abzuleiten. Wir erhalten Gesamteindrücke der Fälle. Wir 
finden bei jedem Kranken eine Mehrzahl von individuellen Abweichungen 
von dem, was wir als Norm der psychosexuellen Entwicklung unscharf 
abgegrenzt vor Augen haben — und auf der anderen Seite ein Gesamtbild 
von Störungen als deren Folge. Wie aber die einzelnen Störungen in 
ihrer krankmachenden Wirkung zu werten sind, welche pathologische 
Erscheinung zu einer bestimmten sexuellen Ursache gehört, und 
andererseits, welche von den sexuellen infantilen und rezenten Ab- 
weichungen die conditio sine qua non für das Erkranken überhaupt 
und für ein Symptom insbesondere darstellt, das zu erkennen ist noch 






über Onanie. (J9 

immer trotz richtiger Analyse Sache der Intuition. Deshalb begreife, 
ich die Tendenz, auf solche detaillierte Ätiologie zu verzichten und all- 
gemeine Ätiologien wie Onanie, Erschöpfung, Nervenschwäche, an- 
geborene Minderwertigkeit, Aggressionshemmung, psychischen Herma- 
phroditismus, psychischen Konflikt, Schuldgefühl und Belastung als aus- 
reichend anzunehmen. — Im Gegensatz dazu steht die konsequente 
Abbauarbeit von Freud, der vorsichtig und seiner intuitiven Kenntnis 
sicher in diesem Wust von Erscheinungen und Details typische Symptomen- 
komplexe herausgegriffen und ätiologisch determiniert hat. 



Die Onanie als ätiologisches Moment anzusprechen, enthält auch 
schon als Thema eine vage Tendenz, spezielle Erscheinungen unter 
einem allgemeinen Deckmantel zu verhüllen. Auch der Ausdruck wird 
mehrdeutig angewendet. Onanie ist eigentlich das autoerotische Äqui- 
valent für den Koitus, sie muss Erregung und Vorlust, Endlust und 
Ablauf des somatischen Aktes enthalten. Wenn aber in der Diskussion 
von Onanie der unreifen Kindheit und der Säuglingsperiode gesprochen 
wurde, so ist jeder Reizvorgang an Sexualorganen und an erogenen 
Zonen inbegriffen worden. Es wurde also der gesamte entwicklungs- 
mäßige Autoerotismus , Narzismus und wenn wir die Sublimierung 
berücksichtigen, auch alle mögliche fernabliegende Phantasietätigkeit als 
Onanie bezeichnet. Durch diese, wie ich glaube, willkürliche Gleich- 
setzung von „Onanie" und „sexuellem Geschehen ohne zweite Person" 
kann man leicht dazu gelangen, die Onanie für alles verantwortlich 
zu machen, was an Neurose und Charakterstörung Objekt unserer 
Studien ist. — Wollen wir aber spezielle Ätiologien suchen, so 
ist es vorzuziehen, das Wort Onanie in möglichst engem Sinne zu 
gebrauchen. 

Wenn wir diesen engeren Begriff festhalten, so stimme ich mit 
R eitler überein, dass es bis nun nicht sichergestellt ist, dass die Säug- 
lingsonanie und die Onanie der ersten Kinderjahre ubiqitär ist, d. h. 
dass sie auch bei den nicht zur Neurose Disponierten vorkommt. — 
Ich sage absichtlich bei den „Disponierten" und nicht bei den „späteren 
Neurotikern" , weil dieselbe sexuelle Disposition nur bedingungsweise 
zur Neurose führt, sonst zur abnormen Charakterbildung oder auch zur 
hervorragenden Persönlichkeitsentwicklung, in anderen Konstellationen 
zur Entwicklung des Verbrechers oder des Perversen gehört. 

Dass die Säuglinge und die Kinder in bestimmten Perioden ihrer 
Entwicklung manifest sexuell sind, u. z. sexuell im gewöhnlichen Sinne 
des Wortes, — das ist. seitdem Freud es entdeckt hat, für jeden 
objektiven Beobachter ein Leichtes zu sehen, jede kluge Pflegerin weiss 
es und man kann es nur mit Absicht oder aus seinem Komplex heraus 



I 



70 



..Wiener psychoanalytische Diskussionen." 



ignorieren. Ob aber normale Kinder im engeren Sinne onanieren, d. h. 
eine Erregung bis zur Orgasmus-ähnlichen Akme haben, das scheint 
mir sehr fraglich. Meist verrät sich der Autoerotismus für den Laien 
nur durch eine intensive ßerührungstendenz, einen Hingreifreiz zu den 
Genitalien, durch Exhibitionismus und durch lustvolle Betätigung an 
den erogenen Zonen. — Der psychoanalytisch geschulte Beobachter 
findet in den Fehl- und Symptomhandlungen, in den Phantasien und 
Reden der Kinder, im Benehmen, in all ihrem Tun und Wünschen den 
Autoerotismus ebenso wie die sich vorbereitende Objektliebe. 

Unsere psychoanalytische Schulnieinung geht dahin, dass es sich 
zwischen neurotischer und normaler Disposition bloss um quantitative 
Unterschiede handelt. Der Unterschied zwischen blosser zeitweiser 
Reizung und aktähnlicher Onanie, wie wir ihn bei Disponierten finden, 
wäre aber ein solcher, wo die Quantität einen Unterschied in der Qualität 
bedingt. Die Akme wird beim Kinde an plötzlicher Veränderung des 
Gesichtsausdruekes und an vasomotorischen Erscheinungen erkannt. 
Oft treten auch zum Abschluss zuckende Bewegungen des Penis oder 
der Klitoris auf. Wie bekannt, ist die Enuresis diurna ein häufiges, 
die Darmentleerung ein seltenes Äquivalent der Onanie, die Enuresis 
nocturna oft ein Äquivalent der Pollution. 

Es wird noch Sache lang dauernder Beobachtungen sein, zu 
erfahren, wie verbreitet echte Onanie in dem ersten Lebensdezennium 
tatsächlich ist. Schlüsse über ihre prognostische Bedeutung werden 
aber ei - st möglich sein, wenn die spätere Entwicklung der erwachsen 
gewordenen Kinder, deren sexuelle Erscheinungen seinerzeit notiert 
wurden, abgewartet wurde. Dann wird sich zeigen, wie die normale 
Onanie im Kindesalter sich verhält, wie häufig und in welchen Fällen 
sie nur quantitativ gesteigert ist, respektive ob typische Qualitätsunter- 
schiede bestehen. 

Nach diesen Vorbehalten werde ich auch von Onanie schlecht- 
weg sprechen. Das tangiert nicht meine weiteren Ausführungen, weil 
auch im weitesten Sinne genommen die Onanie ein Nachgeben gegen- 
über dem sexuellen Reize oder der Libido bedeutet und wenigstens 
einen Befriedigungsversuch des Sexualdranges markiert, wozu wohl 
auch ein somatischer Vorgang am Organ gehört, sei es eine unvoll- 
kommene Schwellkörperfüllung, eine -Muskel- oder Drüsentätigkeit, oder 
eine Turgorveränderung. 

Durch die vorangegangenen Ausführungen habe ich darauf hin- 
gewiesen, wie verschieden die kindliche Onanie sich dem Grade und der 
Art nach gestaltet. Deshalb ist es unmöglich, über die Bedeutung der 
Onanie als Schädlichkeit und Krankheitsursache ein allgemeines Urteil 
abzugeben. Ich will aber versuchen, einige Gesichtspunkte hervor- 



über Onanie. 71 

zuheben, nach denen in jedem speziellen Fall die Onanie eingeschätzt 
werden muss. 

Ich will, um verständlich zu sein, ein Beispiel bringen: Aus der 
Analyse eines schweren Falles von Hysterie ergab sich, dass die 
Patientin in ihrem vierten oder fünften Lebensjahre eine intensive 
Sexualperiode mitmachte, in welcher sie bis zum Auftreten von Muskel- 
kontraktionen an der Klitoris onanierte. Im selben Alter bekam sie 
aber auch einen Orgasmus bei manchen Defakationen, wobei Muskel- 
kontraktionen anderer Art. wahrscheinlich des Constrictor Cunni oder 
des Levator ani aufgetreten sind. 

Zunächst beweist diese manifeste kindliche Onanie einen starken 
angeborenen — in anderen Fällen eventuell durch exogene Accidentien 
gesteigerten — kindlichen Sexualtrieb. Die Wahrscheinlichkeit, dass 
aus solch einem Kinde ein sich gewöhnlich entwickelndes leicht lebendes 
Dutzendindividuum werden wird, ist gering. Die von der landläufigen, 
auch guten Erziehung gewährte geistige Hygiene ist für solche Kinder 
unzulänglich. Die rationelle Pädagogik des Kindes mit ungewöhnlichen, 
starken Manifestationen des Sexualtriebes wird erst auf Grund der 
psychoanalytischen Forschung entstehen. Sie wird die geistige Hygiene 
des Genies ebenso ergeben, wie die Prophylaxe gegen Neurose und 
zukünftige Kriminalität und Perversität fördern. — Es wäre aber ober- 
flächlich, diese ungewöhnliche spätere Entwicklung, die gleichfalls 
Manifestation des abnorm starken Sexualtriebes und als solche der 
Onanie koordiniert ist, als deren Folge zu bezeichnen. Vielleicht sind 
im Gegenteile gerade solche stark sexuelle Kinder, welche onanieren, 
eher einer weniger abnormen Entwicklung fähig, als solche, die 
nicht onanieren. Dafür spricht, dass die Analyse grade der schwersten 
Neurosen oft ergibt, dass sie bei starker kindlicher Sexualität gar nicht 
oder fast nicht manifest onaniert haben. 

Ich will zu meinem Beispiel zurückkehren. Das betreffende Kind 
hatte im gleichen Alter noch eine dritte Form der sexuellen Betätigung. 
Es hatte die Gewohnheit, mit einer Peitsche oder dergleichen um sich 
herumzuschlagen und allen möglichen grausamen blutigen Bildern nach- 
zuhängen, mit Vorstellung von Sieg und Grösse und hatte dabei starke 
lokale sexuelle Empfindungen. Nach solchen „ Spielen" war es sexuell 
erregt und zur körperlichen Onanie disponiert. — Was ist nun aus 
diesen drei infantilen Quellen geworden? — Von der analen und 
sadistischen Wurzel war im Charakter manches nachweisbar, worauf 
ich hier nicht eingehe, hingegen im reifen Sexualleben nichts, d. h. 
nichts Ungewöhnliches geblieben. Die Organonanie wurde kurz darauf 
durch eine sexuelle Aggression durch einen Knaben betont, oder viel- 
mehr sie provozierte eine solche, denn die äusseren Umstände hätten 
leicht die Verhinderung erlaubt. Nach diesem Trauma erfolgte eine 



72 



„Wiener psychoanalytische Diskussionen."' 



tiefe Erschütterung und ein mehrjähriges asexuelles Intervall, aul 
welches später noch mehrmals Zeiten intensiver und lange dauernder 
Onanie folgten. Die dazu gehörigen Phantasien gipfelten im normalen 
Verkehr, die einleitenden Vorlustphantasien waren in den Grenzen des 
normalen weiblichen Masochismus. 

Ich kann nicht behaupten, dass die Onanie dem Kinde damals 
geschadet hat. Es war lernfähig und wurde nicht psychisch isoliert, 
und es hatte keine Kinderneurasthenie. Wohl war es reizbar und liebes- 
durstig. Aber es wäre falsch, die Erregbarkeit und die eifersüchtige 
Liebe zu verschiedenen Personen als Folge der Onanie hinzustellen, sie 
war gleichfalls Manifestation des ungewöhnlichen Sexualtriebes. — Hin- 
gegen bin ich auf Grund der sehr genauen Analyse zur Ansicht 
gekommen, dass die normal ausgeführte Genitalonanie das Kind vor der 
Fixierung seiner analen und sadistischen Komponente bewahrt hat. Und 
so ist es mehr als fraglich, ob eine Bewachung des Kindes von Seiten 
der sehr liebevollen Eltern, wodurch die Onanie ihm unmöglich gemacht 
worden wäre, für das Kind ein Segen gewesen wäre. Statt dessen 
hätte es ungestillte sexuelle Phantasien, die unkontrollierbar sind, 
bekommen, und die perversen Richtungen seiner Sexualität hätten sich 
bis zur Akme gesteigert. Gerade die Onanie hat verhindert, dass die 
Neurose eine jener unträtablen geworden wäre, die nicht onaniert 
haben, aber statt dessen regelmäßig pollutionsartige Enuresis hatten. — 
Freilich jeder Einfluss, der imstande gewesen wäre, den Sexualtrieb 
selbst zu vermindern, hätte günstig gewirkt. Und da kommen nach all- 
gemeiner Erfahrung auch körperliche Arbeit, fleisch- und reizlose Kost 
in betracht, vor allem aber das Fernhalten der von Freud hervor- 
gehobenen Nebenquellen der Sexualität. 

Als Gegenstück diene ein Fall, bei welchem die Onanie sozusagen 
nicht gelang. Sie wurde so ausgeführt, dass das Mädchen sich auf 
seine Ferse setzte. Sie setzte diese Methode von ihrem 4. bis zum 
mindestens 10. Lebensjahr' fort. Sie tat es im Beisein ihrer ahnungs- 
losen Erzieher mit ganz unzulänglicher Befriedigung und ohne spezielle 
Phantasie. Eine zweite Onanieart war mit dem Reiz der Harnzurück- 
haltung gegeben. Das Kind war unerträglich nervös, ehrgeizig, 
empfindlich und trotzig. Es hatte Fluor, war Bettnässerin und schlief 
schlecht. Später wurde sie schwer hysterisch. Ihr Sexualleben blieb 
auf die Klitorisonanie beschränkt und unbefriedigend. 

Zwischen beiden Fällen steht ein jetzt zu erwähnender, der gleich- 
falls seit früher Kindheit durch lange Zeitperioden regelmäßig onanierte, 
indem sie an Ereignisse anknüpfende masochistische Phantasien ausspann 
und dabei mit manueller Hilfe bis zur Befriedigung onanierte, worauf 
sie einschlief. Als Kind war sie nicht nennenswert nervös und hatte 
kein an die Onanie bewusst anknüpfendes Schuldgefühl. Die masochistische 






Über Onanie. 73 

Onanie blieb ihr Sexualtypus, bis dass sie vor ihrer Ehe mit Erfolg 
psychoanalytisch behandelt wurde. Im Leben hatte sich ein über- 
feinertes Schuld- und Verantwortungsgefühl entwickelt. — Ich könnte 
ebenso Beispiele von Männern einander gegenüberstellen, um zu zeigen, 
dass oft die intensivste Onanie ohne Schaden vertragen wurde, und 
dass auch hier die konkurrierenden Methoden der Onanie, je nach der 
Wirkung der sexuellen Partialtriebe, vorkommen. So hatte ein Knabe 
drei wohl separierte Onaniemethoden: eine anale, eine den Penis hinab 
zu drücken, eine mit sadistischen Phantasien. Alle mit Ejakulation 
Die dritte blieb als arge Perversität erhalten. Die beiden ersten 
wurden unterdrückt und es resultierte Impotenz gegenüber der Frau. 

Eine Reihe von Fällen kenne ich hingegen, die sich in früher 
Kindheit mit Voyeurphantasien erregten, aber nie onanierten. In ihren 
Pollutionen traten die Voyeursträume wieder auf. Sie kamen später 
zur Verdrängung ihrer Perversität mit schweren hysterischen Symptomen, 
in mehreren Fällen mit ungestörter Potenz. 

Wenden wir uns zurück zu den weiblichen Beispielen, so haben 
das erste und dritte gemeinsam, dass die Onanie eine relativ befriedigende 
war. Bei beiden Kindern war dementsprechend der Schlaf nicht gestört 
und das Allgemeinbefinden vorzüglich. Sie unterscheiden sich von- 
einander darin, dass im ersten Falle die eigentliche Befriedigungs- 
methode ohne Perversität vor sich ging, während im zweiten Falle die 
Perversität zur Befriedigung führte. Dementsprechend blieb auch die 
Perversität im zweiten Falle fixiert. Die sexuelle Lust im Koitus war 
bei allen drei Fällen später gestört, bei dem ersten am wenigsten, bei 
dem zweiten am meisten. 

So scheint es möglich für die Beurteilung der Onanie zwei Seiten 
auseinanderzuhalten, zunächst die Frage, wie beeinflusst sie das gleich- 
zeitige Befinden in physischer und psychischer Hinsicht? und dann 
die Frage: Wie beeinflusst sie die spätere Sexualbetätigung des Indi- 
viduums? Und so betrachtet zeigt sich die Onanie mitunter in der 
einen Richtung direkt günstig, in der andern zwar hemmend, aber oft 
gerade dadurch eher von Nutzen. 

In beiden Richtungen hängt ihre Wirkung vor allem davon ab, 
ob sie den Sexualreiz für einige Zeit befriedigt und dadurch eine Ruhe- 
pause für das störend gesteigerte Verlangen setzt. Immer ist der 
Sexualtrieb diskontinuierlich, auf eine Phase zunehmender, schliesslich 
übermächtiger Begierde folgt in der- Norm irgend eine Form von 
Lösung und darauf eine Ruhepause. Bei geringem Triebe kommen 
Ruhepausen auch ohne Onanie zustande. Bei starkem Triebe wirkt die 
Onanie wie ein Ventil an der rechten Stelle. Dieses Ventil ist um so 
notwendiger, je geringer die Widerstandsfähigkeit des Individuums 
gegenüber der gesteigerten Sexualität ist und je abnormer die sonstigen 



74 



„Wiener psychoanalytische Diskussionen.' 



Manifestationen des Sexualtriebes bei dem Individuum sind. Eine Onanie 
mit relativ normaler Methode wird daher bei Kindern mit stark per- 
versen Komponenten wohltuend wirken, wenn sie Befriedigung bringt 
und nicht bloss erregt und reizt. Je länger die Sexualpause nach der 
Onanie anhält, desto eher ist diese als nützlich anzusehen. 

Deshalb scheint mir, entsprechend den ersten Ausführungen 
Freuds, die schädliche Wirkung der sexuellen Traumen und der Ver- 
führung eine grosse zu sein, weil die spontan gefundene Onanie dem 
Reifezustand des Individuums entsprechen muss und deshalb Befriedigung 
verschaffen kann, während gelernte Onanie eine künstliche Steigerun»- 
des Sexualtriebs bedingt. Es ist auch anzunehmen, dass der nicht von 
aussen angeregte Sexualgenuss dem Rhythmus des Individuums ent- 
sprechend verlangt und ausgeübt wird, während die Verführung ebenso 
wie die aufgezwungene Askese geeignet ist, ununterbrochene, respektive 
überflüssige Sexualspannung zu setzen. So mag der intensive spätere 
Hass gegen den Pubertätsverführer seine Berechtigung haben. 

Es verhält sich mit der Onanie des Kindes und Pubertätsalters 
nicht anders als mit der Frage der Askese beim Erwachsenen. Stark 
sexuelle Menschen, die aus berechtigten Gründen abstinent leben, er- 
fahren oft die Nachteile der kontinuierlichen Sexualspannung dadurch, 
dass perverse Vorstellungen, von deren Existenz sie vorher nichts 
wussten, zuerst in den Träumen, später auch im Wachen auftreten. 
Sobald sie die Abstinenz aufgeben, verlieren diese Richtungen ihre er- 
borgte Macht und tauchen wieder unter in das Schattenreich des Un- 
bewussten. — Andere Asketen werden nicht pervers, aber arbeitsunfähig 
und von normaler Sexualität verfolgt. 

Ganz analog ist die Onanie im Kindesalter für viele Individuen 
eine Notwendigkeit, weil viele Kinder die volle Intensität ihrer Sexualität 
nur mit Schaden aushalten, während sie mit der herabgesetzten ganz 
gut fertig werden. Das liegt daran, dass zum mindesten bei unsenn 
Krankenmateriale die Sublimierung der Sexualkomponenten bei zu grosser 
Intensität unmöglich wird, sie daher völlig beherrscht werden müssen. 
Während der Behandlung von Neurotikern mit Perversionen ist das 
oft zu beobachten, dass ganz starr erscheinende sadistische und andere 
perverse Richtungen sublimiert werden , sobald durch Ermöglichung 
einer sexuellen Befriedigung die Gesamtspannung der Libido nachlässt. 
Auch die früher erwähnten Fälle von Neurosen, die bei starker Sexualität 
nicht onaniert haben, sprechen dafür, dass die Sublimierung nicht da- 
durch eintritt, dass die Intensität des Triebes übermäßig gross wird 
und der Überschuss kulturellen Zwecken dient, sondern dass die Herab- 
setzung des Triebes seine sublimierte Verwendung erleichtert. 
Wenn man Kinder fragt, was sie beim Onanieren denken, so ant- 
worten sie meistens: „Dass ich es nicht tun soll." Diese Frage erledigt 



über Onanie. 75 

natürlich nicht die Frage nach den Phantasien, die die Onanie be- 
gleiten. Sie zeigt, dass die Onanie Schuldgefühl und moralischen 
Widerstand auslöst. Es ist anzunehmen, dass bereits die sexuellen Ten- 
denzen und Regungen bei vielen Kindern von ablehnenden moralischen 
Gedanken begleitet werden. Aber im allgemeinen wird erst durch die 
Onanie ein intensives Schuldgefühl ausgelöst, weil die Onanie eine 
Aktivität in das sexuelle Blieben bringt. Irgendwie muss das Kind 
willkürlich die Onanie bewerkstelligen, selbst in den Fällen, in denen 
es nur die Phantasietätigkeit bis zur onanistischen Steigerung an- 
wachsen lässt, hat das Kind das Sichverstecken und Geheimhalten ge- 
wollt. So ist die nächste Wirkung der Onanie ein Ersatz einer sexuellen 
Erregung durch eine moralische. Die Onanie macht so die Kinder bereit, 
sich Vorwürfe zu machen und sich welche von Anderen machen zu 
lassen. Das sexuelle Schuldgefühl wird durch die Onanie gesteigert. 
oft erst durch sie erweckt. Es ist natürlich unmöglich, darüber ein 
Urteil abzugeben, ob das ein Vorteil ist oder nicht. Es hängt ebenso 
von der Weltanschauung des Beurteilers als davon ab. was das Indi- 
viduum mit einem robusteren Gewissen angefangen hätte. 

Als innere Widerstände gegen die Onanie entstehen Scham und 
andere sittliche Tendenzen, deren Verletzung Schuldgefühle und Streben 
nach Selbstbeherrschung immer wieder auslöst. Dieser intensive Abwehr- 
kampf gegen die Sexualität richtet sich gegen die manifeste Onanie. 
Nun ist es leichter, ein wirkliches Geschehen zu unterdrücken, als blosse 
Gefühle und Gedanken. Von letzteren muss man die Aufmerksamkeit 
ablenken, davon wegdenken, was bei so intensiv lust- und interesse- 
vollen , von allen Seiten geförderten Gedankenrichtungen gewöhnlich 
unmöglich ist. Gelingt es doch, so wird dadurch die Leistungsfähigkeit 
des Kindes übermäßig in Anspruch genommen und es kommt oft zur 
Störung auf anderen psychischen Gebieten. Hingegen gelingt es in 

der Regel, die Onanie zu unterdrücken, wobei die Libido selbst die 
früher genannten Reaktionsstrebungen verstärkt. Das Kind hindert die 
Bedingungen der Onanie und das gelingt ihm auch deshalb leichter, 
weil die Onanie peinliche Erinnerungen hinterlassen hat. 

So vermittelt die Onanie grade, weil sie in gewissem Sinne eine 
Steigerung des sexuellen Erlebens ist, die schliessliche Beherrschung 
der Sexualität und ermöglicht das Auftreten einer längeren Ruhezeit, 
sowie sie nach jedem einzelnen Male kurze sexuelle Pausen gebracht hat. 

Die Unterdrückung der Sexualität durch das Aufgeben der Onanie 
ist aber meistens mit einer Herabsetzung der Libido verbunden. Auf 
dem Wege der Onanieunterdrückung werden ganze Triebkomponenten 
eliminiert, was mitunter sehr vorteilhaft sein kann. Freilich vermittelt 
so die bis zur Onanie gesteigerte infantile Sexualität mitunter die Elimi- 
nierung des normalen oder des psychisch mit Perversitäten verknüpften 



76 



..Wiener psychoanalytische Diskussionen." 



Sexualaktes und bedingt psychische Impotenz und An- resp. Hypästhesie. 
Man kann direkt feststellen, wie die Teile des Sexualapparates, die unter- 
drückten und verdrängten onanistischen Zwecken gedient haben, in 
schweren Fällen beim Erwachsenen an- oder hypästhetisch sind. Ich 
habe anfangs geglaubt, dass es sich in solchen Fällen, in welchen z. B. 
nur das Perineum empfindlich war, während der Penis beim Koitus gar 
keine Lustempfindung hatte, um angeborene oder erworbene organische 
bedingte Empfindungsanomalien handelte. Aber im Verlauf der Analyse 
gelang es regelmäßig, durch Aufhebung der Verdrängung die normale 
Lustempfindlichkeit wiederherzustellen. Auf einem zweiten Wege führt 
die Onanie zur psychischen Impotenz, wenn sie nicht unterdrückt wird, 
vielmehr das Individuum bei der onanistischen Sexualmethode, meist mit 
fixiertem Objekt und perversem Beitrage verharrt. Aber auch in diesen 
Fällen ist nicht direkt die Onanie an den sexuellen Störungen des Er- 
wachsenen schuld, sondern die Sexualablehnung, deren Steigerung sie 
allerdings provoziert hat. 

Ich habe bis jetzt die Wirkung der gelungenen Onanie auf das 
Befinden der Kinder und auf die sexuelle Entwickelung besprochen und 
kam zu dem Resultat, dass sie eine Art Selbststeuerung oder Selbst- 
hemmung der sexuellen Entwickelung ist. Es ist daher sehr fraglich, 
ob die Onanie in der Kindheit im allgemeinen bekämpft werden soll. 
Die bisherige Methode der Drohung und des Verbotes ist unbedingt 
schädlich. Sie vermehrt nur den psychischen Kampf im Kinde und ver 
stärkt die zu vermeidende Sexualablehnung. Durch Freuds Darleg- 
ungen, dass ein Trieb trotz seiner Unterdrückung unverändert bleiben 
kann, ist unsere ganze Sexualpädagogik ad absurdum geführt. Diese 
Frage erscheint auch uns, die in der Onanie kein Verbrechen, sondern 
ein notwendiges, meist harmloses Geschehen erblicken, sehr wichtig, 
weil es eben sehr viele Fälle gibt, in welchen sich die Onanie als 
Ventil unzulänglich erweist und sofort auf das Kind manifest un- 
günstig wirkt. 

Das zeigt sich in mehrfacher Art. Ein regelmäßiges Zeichen ist 
Schlaflosigkeit, Erregtheit und Fehlen der Beruhigung nach der Onanie. 
Diese Symptome können sich zur kindlichen sexuellen Neurasthenie 
steigern. Zweitens gibt es eine Reihe von Fällen, in welchen die Onanie 
überhaupt keine Befriedigung setzt, sondern direkte Verstimmungen 
provoziert. Da diese anamnestische Tatsache regelmäßig bis in die 
früheste Kindheit bei solchen Individuen gefunden wird, bei welchen 
später Depressionen auftreten, beweist es eine abnorme, gesteigerte 
Stimmungsempfindlichkeit der Individuen, womit nicht gesagt werden 
soll, dass alle .solche Kinder später depressiv erkranken ; aber es weist 
doch darauf hin, dass diese Individuen sexuelle Unbefriedigtheit schlechter 
vertragen, und da die kindliche Sexualität immer mangelhaft befriedigt, 



Über Onanie. 77 

sollten sie vor derselben geschützt werden, und die daraus resultierenden 
psychischen Konflikte ihnen erleichtert werden. Die Methode dazu ist 
analog der von Freud und Jung in ihren Kinderanalysen mitgeteilten 
analytischen Pädagogik. 

Eine dritte ernste Gruppe von ungünstiger Onaniewirkung sind 
die Fälle, in welchen die. Onanie eventuell befriedigt, oder es auch 
nicht tut, aber jedenfalls keine Ruhepause auslöst, sondern gehäuft, 
exzessiv auftritt. Die Häufigkeit hat oft auch Kinderneurasthenie zur 
Folge. Darunter sind Fälle, in denen moralische Reaktionen ausgelöst 
werden, aber ohne Erfolg, und solche, die überhaupt nicht mit Schuld- 
gefühl oder Scham reagieren. Die letzten grenzen an Moral insanity etc. 
oder leiten neben anderen Erscheinungen schwere Geistesstörungen ein. 

Zu den Gründen, weshalb Individuen der exzessiven Onanie ver- 
fallen, so dass die Verlängerung der Sexualpause nicht erreicht wird, 
gehören die von Freud neuerdings wieder hervorgehobene angeborene 
Quantität des Triebes und unbewusste Verstärkungen desselben. Eine 
banale, aber sehr wichtige Rolle spielen hier somatische Störungen, 
Phimosis, Paraphimosis, abnorme Stellung des Gliedes, Würmer, Ekzeme 
und Pruritus. Ich habe aber auch Fälle gesehen, bei denen die Phi- 
mosis rechtzeitig operiert wurde, und nichtsdestoweniger intensiver 
Juckreiz sich einstellte und zur exzessiven Onanie führte. Die Phimose 
war ebenso wie in anderen Fällen eine Varikozele oder Kryptorchismus 
Zeichen der Organmiuderwertigkeit im Sinne Alfred Adlers, als deren 
funktionelle Zeichen Überempfindlichkeit und sexuelle Reizbarkeit auf- 
traten. Als dritte Ursache für exzessive Onanie ist alles hervorzuheben, 
was die Kinder unzufrieden und unglücklich macht. Es ist längst be- 
kannt, dass Individuen jeden Alters aus den Herabsetzungen und De- 
mütigungen des Tages zur Selbstbefriedigung flüchten. Dasselbe bewirkt 
auch Selbstquälerei und jedes Minderwertigkeitsgefühl. Auf diese 
Momente hat Adler gleichfalls mit Recht hingewiesen, und ist ihre 
pädagogische und charakterologische Wichtigkeit sehr gross. 

Aus welchen Gründen immer nun die Onanie exzessiv betrieben 
wird, wobei der Exzess bei individuell variablen Graden beginnt, sie hat 
unter bestimmten Bedingungen sexuelle Neurasthenie zur Folge. Ich 
stimme hier ganz mit Freud, Hits ch mann, Steiner, Ferenczi u. a. 
überein, dass die sexuelle Neurasthenie auf einem Reizzustand des 
sexuellen Apparates beruhe. Die schädliche Wirkung der Onanie scheint 
mir aber nicht sowohl in den Vorgängen bei dem Akte, als in der 
Reaktion nach dem Akte zu beruhen. Wir wissen, dass die Onanie um 
so eher neurasthenische Beschwerden hervorruft, je weniger befriedigend 
sie verläuft. Deshalb schadet die präpubere Onanie umsomehr, mit je 
untauglicheren Mitteln sie versucht wird. Bei keinem Organ ist der 
wohltuende Einfluss seiner rhythmusgemäßen Funktion auf den Gesamt- 



78 



..Wiener psychoanalytische Diskussionen.' 



Organismus so wahrnehmbar wie bei dem Sexualapparat. Das zeigt schon 
die Beziehung zur Schlafstörung. Lässt nun die Onanie, wie so oft, 
aus genugsam erörterten psychischen und physischen Gründen unbe- 
friedigt, so verliert der Apparat dadurch den Vorteil der wirklichen 
Untätigkeit mit der entsprechenden Erholung und ungestörten Vor- 
bereitung für die nächste Welle. Die Veränderung der rhythmischen 
Ablaufkurve, welche normal einen steilen Abfall zur Abszisse zeigt, 
stört die Funktion des Sexualapparates dahin, dass er sich in einem 
partiell gereizten Zustand gleichzeitig erneuern muss: die dadurch ver- 
änderten Organgefühle und sekretorischen Vorgänge wirken irritierend 
auf den Gesamtorganisrnns und die psychische Unzufriedenheit und 
Ruhelosigkeit stören ihrerseits die Funktionsruhe durch psychische Reize, 
während nach sexueller normaler Befriedigung die Psyche sich von der 
Sexualität abwendet. 

Da diese Schädlichkeiten erst summiert zur Geltung kommen und 
keine essentiellen sind, so sind sie auch prognostisch günstig zu be- 
urteilen. Das Volk hat Recht, die Onanie zu beschuldigen. Sie bewirkt 
Gesundheitsstörungen. Wir können aber nicht aus „Psychodiplomatie", 
sondern mit Überzeugung den Patienten erwidern, dass die gesetzten 
Störungen reparabel sind. Die Erfahrung lehrt, dass das Schuldgefühl 
die Neurasthenie steigert 1 ). Ebenso wenig als dem Kinde gegenüber 
sind drohende Verbote dem erwachsenen Onanisten gegenüber am Platze. 
Bei dem Nicht-Neurotiker, der aus der von Witt eis so prägnant dar- 
gestellten , sexuellen Not" onaniert, dem wird gerade das Aufheben der 
Drohungen und Verbote helfen, die Onanie einzuschränken oder besser 
zu vertragen. Bei der Pubertätsonanie sind die Vor- und Nachteile viel 
deutlicher zu erkennen. Ich kann in dem sofortigen pflichtlosen Sexual- 
verkehr des mannbar Gewordenen keinen idealen Zustand erblicken. 



') Dementsprechend gelingt es oft, was besonders St ekel hervorhebt, durch 
moralische Befreiung eines Patienten die Neurasthenie wie durch ein "Wunder zu 
heilen. Daraus darf man aber nicht schliessen, dass die Neurasthenie keine Aktual- 
neurose sei und auf einem ausschliesslich psychischen Mechanismus beruhe. Die 
Bedeutung des organischen Reizzustandes ist durch zu viele Beobachtungen erwiesen. 
Der Zusammenhang scheint mir der zu sein, dass die Vorgänge in den Sexualorganen, 
besonders in der Prostata von der psychischen Hemmung beeinflusst werden und 
dann anders verlaufen. Das Schuldgefühl und andere nnbewusste und bewusste 
psychische Hemmungen des Sexualtriebes wirken eben an dem Sexualapparate, der 
unter diesen tatsächlichen T Hemmungen" schwerer funktioniert. Deshalb werden 
viele sexualneurasthenische Symptome als Ermüdungs- und Erschöpfungsempfind- 
ungen beschrieben. Wenn Ehrgeiz Pollutionen auslösen kann, warum sollte Scham 
und Schuld nicht direkt umgekehrt wirken? Die sexuelle Neurasthenie kommt so 
in Analogie zur psychischen Impotenz, bei welcher psychische Faktoren auf den 
Erektionsvorgang Einfluss haben. Diese Annahme erklärt die psychische Ver- 
ursachung der sexuellen Neurasthenie und stellt mit ihren somatischen Bedingungen 
nicht im Widerspruch. 



Über Ouuuie. 79 

Selbst wenn die Abstinenz nicht gelingt, und etwas Abstinenten-Angst, 
Unruhe und mäßige Onanie de facto damit verbunden sind, ist eine Zeit 
von Askese für das Verständnis feinerer und individueller Menschlichkeit 
und Erotik ebenso notwendig wie zu ihrer Entwicklung. Gerade weil 
wir erkannt haben, dass jede Art von Altruismus und Idealismus subli- 
mierte Libidio benötigt, dürfen wir nicht die wahllose und ungehemmte 
Abfuhr der heterosexuellen Libidio als hygienisches Prinzip aufstellen. 
Wir werden aber auch nicht die Askese auf Kosten der Gesundheit 
verlangen. 

Nachdem ich die Wirkung der Onanie prinzipiell durchgesprochen 
habe, will ich mich speziell mit dem „sexuellen Schuldgefühl" beschäftigen, 
von dessen Bedeutung wiederholt die Rede war, und seine mehrfachen 
Quellen kurz darlegen. Manche der Diskussionsredner haben das sexuelle 
Schuldgefühl so aufgefasst, als hätte es nur im Konflikt des Triebes 
mit dem verdammenden Urteil des Milieus, der Gesellschaft, der Familie, 
der Religion seinen Ursprung. Dieses Urteil braucht gar nicht direkt 
dem Kinde gegenüber ausgesprochen worden zu sein , es wird ihm 
durch Geheimhaltung, Verhüllung, durch das ganze gesellschaftliche 
Benehmen, durch ungezählte Symptomhandlungeu der Kultur mitgeteilt. 

Aber so wie diese antisexuelle Kultureinstellung als Reaktion 
gegen die Sexualität unter Benutzung ihrer eigenen Kräfte entstanden 
ist, so enthält auch heute die sexuelle Spannung selber, die jedes Indi- 
viduum infolge der hinausgeschobenen Reife durchmachen muss, die 
Hauptwurzel des Schuldgefühls in sich. Es ist die Ang.stentbindung, 
die durch die Inanspruchnahme der unfertigen Psyche durch die sexuelle 
Erregung mit inadäquater Befriedigung entstellt. Diese Angst liegt im 
Wesen der kindlichen Sexualität und führt nicht zu Angstsymptomen, 
wenn die Onanie immer wieder zeitweise Entspannungen bringt. Aber 
sie erzeugt ein Schuldgefühl im Sinne der Furcht vor bösen Folgen und 
von Misstrauen gegen sich selbst. Soweit sexuelles Schuldgefühl ohne 
äusseres Verbot entstehen kann, entspringt es vielleicht der endo- 
psychischen, unbewussten Wahrnehmung vom Zusammenhang zwischen 
Sexualität und Angst. Die bewusste Aufklärung dieses Zusammenhanges 
durch Freud bedeutet, abgesehen von ihrer wissenschaftlichen Grösse, 
eine nicht absehbare Erlösung des Menschen von unklarer Schuld- 
bereitschaft. 

Da heute der ideale Fall, dass gar kein Sexualverbot dem Kind 
gegenüber erfolgen würde, nicht mehr möglich ist, kommt natürlich 
immer eine Steigerung des Schuldgefühls durch die Angst zustande, 
welche Folge der sozialen Unterdrückung des Sexualtriebes ist. Eine 
weitere Quelle des Schuldgefühls liegt in den Bedingungen des Auf- 
wachsens in der Familie, da die inzestuösen Richtungen auf besonderen 
Widerstand stossen müssen. Ebenso unterliegen die perversen Phan- 



30 „Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

tasien, auch ohne dass sie jemals geäussert werden, einer intensiven 
Ablehnung. In dieser Beziehung gibt es grosse Unterschiede, indem 
manche Kinder gewohnt sind, ihr Phantasiespiel mit den unerhörtesten 
Taten zu füllen, aber dabei ständig der Irrealität, des Spielhaften be- 
wusst bleiben und sich deshalb keine Vorwürfe machen, während anderen 
die Grenze zwischen Phantasie und Realität lange Zeit beinahe fehlt. 

Das aus diesen Quellen stammende Schuldgefühl wurde aber erst 
dadurch so mächtig und furchtbar und heftet sich deshalb speziell an 
die Onanie, das dem Triebe Nachgeben, weil die Befriedigung einen 
Grenzzustand setzt, der zwei ganz verschiedene, ja entgegengesetzte 
Zustände der Psyche scheidet. Durch die grosse Veränderung, welche 
jeder Sexualakt in die Psyche bringt, war die Sexualität befähigt, die 
Hauptquelle des Schuldgefühls und damit der moralischen Entwicklung 
zu werden. 

Was vor dem sexuellen Akte ersehnt war und alle Teile der Psyche 
beherrschte und als körperliche Sensation dominierte, wird plötzlich 
wertlos und bleibt es durch einige Zeit. An den onanistischen Akt 
schli essen sich dazu noch oft peinliche körperliche Sensationen und, wie 
wir uns erinnern, bei vielen Individuen psychische Misstimmungcn an. 
Auch kommt sofort die. Diskrepanz zwischen dem onanistischen Akte 
und der sonstigen Wertung des Körperlichen und der Kloakenorgane 
insbesondere zum Bewusstsein. 

Diese beiden durch die Onanie von einander geschiedenen, einander 
konträr entgegengesetzten psychischen Zustände sind durch das Ge- 
dächtnis und durch das Ichgefühl miteinander verbunden. Das Ge- 
dächtnis bewahrt ausgezeichnet die Geschehnisse, den Gedanken- und 
Vorstellungsinhalt, aber sehr unvollkommen den emotionellen Zustand 
des Ichs. Die asexuell gewordene Psyche lehnt das sexuelle, eben Ge- 
schehene ab, sie begreift es nicht mehr und verspricht sich, es nicht 
mehr zu erleben und fürderhin den Trieb zu beherrschen. Und das 
Schuldgefühl hat eben diese Stimmung der Ablehnung des früher Er- 
wünschten zum Inhalt; es wird bis zur Gewissensqual verstärkt da- 
durch, dass die Triebunterdrückung immer wieder misslingt. Dem Ich 
in der Reaktionszeit sind auch die perversen und inzestuösen Tendenzen, 
die das libidinöse Ich beherrscht haben, unverständlich und fremd. So 
entsteht das Gefühl „etwas gesollt und nicht vermocht zu haben" und 
wird durch die oben erörterten Angst- und Verstimmungsquellen vertieft 
und mit dem peinlichen und unheimlichen Gefühlston versehen. 

Auch der Koitus enthält nur zu oft gleichfalls starke Beding- 
ungen zur Entstehung des Schuldgefühls. Aber das von ihm bewirkte 
Schuldgefühl ist in der Regel viel geringer, denn jedes befriedigende 
Sexualerlebnis lässt durch die Intensität des Lusterlebnisses die Jüngst- 









L 



Über Onanie. 81 

Vergangenheit vergessen, ja es setzt ein bewusstseinsarmes, oft ganz 
bewusstseinsleeres Intervall. Ferner gibt die wohltuende psychische Kühe 
und Befriedigung keinen Anlass zu Retrospektion, sondern sie führt 
zum Schlafe oder zu anderen Interessegebieten. Auch kommt eine andere 
mächtige Sexualkomponente beim Koitus zur Befriedigung, die bei der 
Onanie ungestillt bleibt. Es ist die aggressive Tendenz der Sexualität, 
der normale oder gesteigerte Drang, etwas zu erobern und zu überwinden. 
Dieser findet bei der Onanie des Mannes kein Objekt und wendet sich 
mit seiner nicht abreagierten Energie gegen das Subjekt, autosadistisch 
als Selbstquälerei und Selbstvorwurf. Beim Weibe ist die korrespon- 
dierende passive Komponente bei der Onanie gleichfalls unerledigt ge- 
blieben und hat einen analogen Effekt. Das Verlangen, überwältigt zu 
werden und machtlos zu sein verwandelt sich in die Erwartung, dass ihm 
etwas geschehen werde, dass es verurteilt und verloren sei und Strafe 
und Schande verdient. 

Das Schuldgefühl ist um so grösser, je grösser der Unterschied 
zwischen dem prä- und postsexuellen Ich in kultureller Beziehung be- 
reits ist. Das gilt sowohl von dem Entwicklungsgrad des Einzelnen 
als auch von der Höhe der allgemeinen Kulturstufe der Gesellschaft. 
Die Intensität des Unterschiedes wird aber um so grösser, je mehr das 
Ich von seinen Trieben bereits sublimiert hat und trotzdem auch un- 
sublimierte intensive Triebe bewahrt hat. In diesem Falle wird das 
kulturelle Werturteil von grosser sublimierter Energie getragen und 
hat ein mächtiges unsublimiertes Trieberlebnis zu verdammen. Das 
Schuldgefühl wird also um so grösser, je grösser bereits die Distanz 
zwischen .Mensch" und „Tier" im Ich geworden ist. Darum war auch 
das Entstehen der asketischen Moral und der Religio neu, die auf dem 
Schuldgefühl beruhen, an eine gewisse Kulturhühe geknüpft. 

Die Sublimierung der Triebe erfolgt allmählich und zunächst in 
den Intervallen geringer Sexualität; sie wird in den Zeiten stärkeren 
Triebes durch eine Äusserung des primitiven Triebes durchbrochen. 
Auf diesem Wege gibt auch jede Trieb k om p o nente ihren Anteil 
zum Gegensatz zwischen dem Trieb und seinen Derivaten und trägt so 
seinen Teil zum Schuldgefühl bei. Man kann diese Partialschuld- 
gefülüe bei der Analyse auf die Partialtriebe zurückführen und bei den 
Fällen, in denen man Perverse beeinfiusst, die Entstehung des sexuellen 
Schuldgefühls beobachten. 

Ich hoffe, trotz der gedrängten Darstellung eines grossen Gebietes 
gezeigt zu haben, dass die Onanie und ihre Reaktionen dadurch eher 
verständlich werden, wenn man auf die Rhythmik des Sexuallebens 
Rücksicht nimmt. Freud hat seinerzeit ausgeführt, dass durch die 
Kultur und die Erziehung Scham und Moral als Dämme gegen die 

Wiener Diskussionen. (Heft II.) (; 



82 ..Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

kindliche polymorph perverse Sexualität aufgeführt werden. Die Onanie 
stellt Durchbrüche durch diesen Damm dar. Wir wissen aber, dass oft 
bei übergrosser Stauung ein Daramdurchbrucb an der rechten Stelle 
notwendig ist und grössere und wertvollere Gebiete vor der Zerstörung- 
bewährt. 



vni. 

Gaston Rosenstein: 

Von den hier behandelten Problemen steht die nach den Schädlich- 
keiten der Masturbation in erster Reihe. Bei der Erörterung dieser 
Frage wurde die Alternative gestellt: toxisch oder psychogen; mir er- 
scheint diese Fragestellung ungenau, ja ich glaube sogar, dass gerade 
der Alternativstandpunkt, der hier eingenommen wurde, die Ursache 
der einander ganz widersprechenden Auffassungen war, die wir hier 
gehört haben. 

Für die Angstzustände wurde das gleichzeitige Bestehen 
funktioneller Störungen teils psychischen, teils toxischen Charakters 
nachgewiesen. Es ist zunächst naheliegend , ähnliches auch bei den 
Störungen nach gehäufter Masturbation zu vermuten. Wir werden 
gleich sehen, in welchem Sinne die „ doppelte Ursache" verstanden werden 
kann. Zuvor müssen wir uns aber frageu, wie überhaupt der Zusammen- 
hang zwischen innerer Sekretion und Psyche möglich wird. St ekel 
meint, dass durch die Toxine Hemmungen beseitigt werden und dass 
dadurch das Individuum zur Wahrnehmung seiner starken sexuellen 
und kriminellen Triebe gelangt, vor denen es sich durch eine um so 
stärkere Verdrängung schützen muss. Neben diesem an sich wahr- 
scheinlich richtigen Zusammenhange scheint mir aber ein anderer Vor- 
gang die Hauptrolle zu spielen. Es geht nämlich aus gewissen Tat- 
sachen hervor, dass die Hyperfunktion innersekretorischer Drüsen gerade 
durch vom Zentralnervensystem ausgehende Hemmungen ausgelöst werde. 
Dass zwischen Gehirn und Schilddrüse ein inniger Zusammenhang 
existiert, war schon im Altertum bekannt, die B a s e d o w sehe Krankheit 
gibt ein gutes Beispiel für das Zusammenwirken von Hypersekretion 
und Psyche. Bekanntlich tritt nach psychischen Aufregungen eine Ver- 
schlimmerung der Basedowschen Symptome auf; auch die Therapie 
beschränkt sich manchmal auf die Beseitigung psychischer Schädlich- 
keiten und erzielt somit auf rein psychischen Wegen Besserungen, also 
Herabsetzung der innersekretorischen Funktion. Die Natur dieser 
psychischen Momente ist vornehmlich die einer psychischen Hemmung. 
Die toxische Wirkung von Affekten ist ja lange bekannt, man spricht 
bezeichnender Weise im Volksmunde davon, dass man „sich giftet 8 , 



über Onanie. 



83 



dass man »grün und gelb" vor Arger wird usw. Wichtig ist dabei, 
dass man mit diesen Aussprüchen nicht etwa z. ß. den zornigen, aber 
impulsiven und gewalttätigen Menschen versteht, sondern im Gegenteil 
jemanden , der seinem Zorn aus inneren oder äusseren Gründen nicht 
Luft machen kann, sondern die Wut „in sich verbeisst" usw. Der 
Affekt ist ja an sich schon der Ausdruck eines gehemmten psychischen 
Ablaufes. Je leichter die Möglichkeit einer adäquaten motorischen 
Abreaktion ist, desto weniger wird naturgemäß der Affekt als rein 
psychisches Phänomen imponieren. 

Der Zornafiekt als Ursache der Gallensekretion ist bei Hunden 
experimentell nachgewiesen. (Der Volksmund kennt einen „galligen 
Menschen 1 '). Erinnern wir uns auch, dass die Dementia praecox nach 
Jung, unbeschadet der psychischen Determinierung ihrer Symptome, 
auf toxische Wirkung des Affektes in letzter Linie zurückgeführt wird. 
Die Affekte der Dementia praecox sind unerledigte Affekte par 
excellence. Aus allem Gesagten wird es wahrscheinlich, dass durch die 
Hemmung einer psychischen Tendenz statt der Innervation des motori- 
schen Apparates die sekretorische Innervation erfolgt. 

Gehen wir nun auf das spezielle Gebiet der Sexualität über, so 
stellen wir in erster Linie die von Freud erkannte und von St ekel 
mit zahlreichen Beispielen belegte Ähnlichkeit der Angstneurose mit 
dem Morbus Basedowi fest. Einige Formes frustes der Basedowschen 
Erkrankung sind ja bekanntlich von Neurosen überhaupt schwer zu 
unterscheiden. Als Ursache der Angstneurose wird von Freud das 
„frustrane" (in allen möglichen Formen) der sexuellen Erregung be- 
zeichnet. Stellen wir aber gegenüber, dass psychische Erregungen 
es sind, die sehr häufig die Basedow-Symptome veranlassen, so 
müssen wir doch jenen Ansichten mehr Gewicht geben, die auch bei 
der Angstneurose das psychogene Moment nicht unberücksichtigt lassen 
wollen. Die toxische Ursache bei der Angstneurose einmal festgestellt, 
muss die Frage erörtert werden, inwieweit die innersekretorische Störung 
aus der Natur der Sexualfunktion unmittelbar erklärt werden kann und 
inwieweit die von der Psyche ausgehenden Hemmungen mitbeteiligt 
sind. Das Problem ist für die Auffassung der Aktualneurosen von der 
grössten Wichtigkeit und hängt auch mit der uns hier beschäftigenden 
Frage der Masturbation innig zusammen, kann aber in der heutigen 
Diskussion explizite nicht behandelt werden. Ich will bloss zeigen, dass 
die Feststellung des toxischen Ursprunges der Aktualneurosen die 
psychogene (und möglicherweise primäre) Ursache nicht ausschliesst. 

Aus allem, was ich bisher von den psychischen Hemmungen und 
ihren Wirkungen gesagt habe, geht ohne weiteres hervor, dass es bei 
der Masturbation durchaus nicht gleichgültig sein kann, ob sie mit 
Hemmungsvorstellungen oder ohne diese erfolgte; trotz Abfuhr 

C* 



g4 „Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

der Libido müssen die entgegengesetzt wirkenden Vorstellungen der 
Ablehnung des Aktes Veränderungen in dem normalen Verhalten der 
Drüsen mit sich bringen. 

Hier ergibt sich nun die wichtige Frage nach der Art dieser 
störenden Vorstellungen und damit auch nach der möglichen Beheb- 
barkeit der Hemmungen für alle jene Personen, die infolge sozialer 
Hindernisse auf die onanistische Befriedigung angewiesen sind. 

Die Grenzen der Psychoanalyse sind ja klar umrissen. Die Psycho- 
analyse kann nur unbewusste Vorstellungen bewusst machen, irrige, 
durch soziale Suggestionen entstandene Auffassungen richtigstellen. Alle 
aus Schuldbewusstsein, nach Verbotstraumen entstandenen Hemmungen 
können beseitigt werden, am leichtesten jene, welche absurde Vor- 
stellungen zum Inhalte haben, z. B., dass schwere Erkrankungen, wie 
Tabes, Paralyse etc. die masturbatorische Vergangenheit bestrafen. 
Schwierigere Aufgaben stellen natürlich jene von Rank erwähnten 
Hemmungen dar (deren Existenz allerdings noch zweifelhaft ist), die 
sozusagen konstitutionell sind und die Ablehnung einer dem aktuellen 
Entwicldungszustande nicht konformen Betätigung vorstellen. 

Für die weitere Klärung dieser Vorgänge wird die Beantwortung 
der Frage fundamental sein, inwieweit die Wirkungen der bewussten 
von denen der unbewussten Hemmung verschieden sind. 

Es gibt nämlich einen Grenzfall, wo das Psychische und Organische 
sich berühren. Denken wir uns nämlich alle Hemmungsvorstellungen 
weg, deren Inhalt die moralische Verwerfung des masturbatorischen 
Aktes an sich aus irgend einer Ursache enthalten , so erübrigt noch 
folgendes : 

Die Onanie ist eine inadäquate Befriedigung. Wir wissen, dass 
der Sexualtrieb nicht bloss nach dem Orgasmus tendiert, sondern dass 
zum »Sexualtriebe eine Anzahl präformierter Strebungen gehört (z. B. 
der Kontrektationstrieb , der bei der Masturbation ganz wegfällt), und 
dass der normalen Entspannung beim Sexualakte eine Anzahl willkür- 
licher und Reflexbewegungen vorangehen. Diese Vorgänge sind prä- 
formiert; wird der Sexualtrieb geweckt und durch die masturbatorische 
Reizung auf eine gewisse Höhe gebracht, so entstehen eine Anzahl von 
Strebungen nach Realisierung dieser Situationen, bezw. Bewegungen '). 
Diese Realisierungstendenzen sind nun durch die Realität gehemmt. 
Die Realität ist eine unüberwindliche Hemmung und wird durch 
die Phantasie mehr oder weniger unvollkommen ersetzt. 



!) Das ganze psychische Leben beruht auf Realisierungstendenzen und ihren 
Hemmungen. (Pikler.) Siehe Gaston Ro s enstein „Julius Piklers dynamische 
Psychologie und ihre Beziehungen zur Psychoanalyse", Zentralblatt für Psycho- 
analyse, I, 7—8. — Hier ist die Realisierungstendenz durch die grosse Energie des 
Sexuahvunsches enorm gesteigert. 



Über Onanie. 



85 



Der gehemmte Wunsch lautet: Die inadäquate Realität durch eine 
adäquatere zu ersetzen. Das sich hier ergehende Problem aber formu- 
lieren wir folgendermaßen : Kann das volle , klare Bewusstsein dieser 
Tatsache die schädliche Wirkung abwenden? Findet die sekretorische 
Störung auch dann statt, wenn die Hemmungsvorstellungen klar und 
deutlich ins Bewusstsein gerückt sind oder ist es gerade das Wesen der 
unbewussten oder halbbewussten Vorstellungen, die das Gleichgewicht 
der innersekretorischen Funktion bedrohen? Wenn die motorische Aktion 
durch die sekretorische Innervation ersetzt werden kann, so muss noch 
gefragt werden, ob die intellektuelle Verarbeitung beides ver- 
treten kann, auch dort, wo es sich um vom Organischen direkt her- 
stammende Tendenzen handelt. (Unter intellektueller Verarbeitung 
könnte man in diesem Falle die Überlegungen des Verzichtes, der 
Resignation , der Vertröstung usw. verstehen.) Sie sehen, es ergehen 
sich hier wichtige, noch ungelöste Probleme, die den Zusammenhang 
von Triebleben und Psyche, die Unterschiede kortikaler und subkorti- 
kaler Funktionsweise, endlich das tiefere Verständnis der psycho- 
analytischen Behandlung zum Gegenstande haben. 

Jedenfalls glaube ich gezeigt zu haben, dass es nicht ohne weiteres 
richtig ist, von toxischer oder psychogener Ursache zu sprechen. Es 
scheint mir auch nach allem Gesagten klar, dass selbst wenn die 
St ekel sehe Auffassung einer gänzlichen Unschädlichkeit des mastur- 
batorischen Aktes nicht richtig sein sollte, dem Schuldgefühle eine sehr 
wichtige Rolle bei Entstehung der nach Masturbation auftretenden 
Symptome zugeschrieben werden muss. 



IX. 

Dr. Rudolf Reitler: 

Meine Herren ! Ich werde aus den mannigfachen Problemen, die 
uns hier beschäftigen, nur ein einziges wählen, vielleicht das intei- 
essanteste, sicher aber auch das schwierigste. Ich will nämlich die schon 
oft ventilierte Frage zu beantworten versuchen, wie es komme, dass, 
wenn tatsächlich alle Menschen zu einer gewissen Zeit ihrer Sexual- 
entwicklung onanieren, dies für die Mehrzahl ohne schädliche Folgen 
bleiben kann, während eine Minderheit durch dieselbe Form der Sexual- 
betätigung psychoneurotisch erkrankt. 

Zuerst einige Bemerkungen über die akuten Schädigungen, die 
nicht als psychogene, sondern als organische Folgen der Masturbation 
aufzufassen sind. Bezüglich dieser, der Neurasthenie, sei ausdrücklich 
betont, dass sie autotoxischen Charakter zu haben scheint, und psychisch 
unbeeinflussbar ist. 



gß ,. Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

Kollege Dr. Stekel behauptet zwar in verschiedenen Publikationen 
das Gegenteil und versichert, typische Onanieneurastheniker ausschliess- 
lich durch Psychotherapie von ihren Beschwerden geheilt zu haben. Es 
gehöre also auch die Neurasthenie zu den psychogenen Erkrankungen. 
Dieser Behauptung Stekels liegen sowohl Denk- als auch Beobachtungs- 
fehler zu Grunde. Es ist sicher ein Denkfehler, wenn mit Hinweis auf 
die psychische Beeinfiussbarkeit geschlossen wird, irgend ein Leiden 
könne nicht toxisch, nicht organisch sein. 

Es ist ja bekannt, dass Berauschte, also toxisch Erkrankte, durch 
psychische Affekte ernüchtert werden können, dass ein sicher rein 
organischer Zahnschmerz im Wartezimmer des Zahnarztes häufig ver- 
schwindet. Es ist verwunderlich, dass gerade Dr. Stekel, der beinahe 
fanatische Verteidiger aller nur erdenklichen Psychogenitäten, dass 
gerade er die Grösse seelischer Einwirkungsmöglichkeiten auf organische 
Zustände so sehr unterschätzt, dass er sich zu dem Denkfehler ver- 
leiten lässt, dass alles was psychisch beeinflussbar ist, einzig und allein 
nur psychogen sein könne Die angeführten Beispiele der Alkohol- 
vergiftung und der organischen Zahnschmerzen beweisen das Gegenteil. 

Dr. Stekel hat sich aber auch eines beträchtlichen Beobachtungs- 
fehlers schuldig gemacht. Er hat nämlich nur den psychischen Überbau 
gesehen, der wohl bei keinem Onanieneurastheniker fehlt, der mit hohl- 
umränderten Augen, schuldbewusst und angstbeklommen im Ordinations- 
zimmer seine Beichte ablegt. Durch dieses eindrucksvolle Bild fasziniert, 
— wenn es auch nicht immer solch groteske Formen annimmt, - hat 
Dr. Stekel die unter diesem psychischen Jammer liegenden, echten 
neurasthenischen Beschwerden übersehen, und er hat auch des weiteren 
übersehen, dass reale, organische Leiden, wenn sie durch psychische 
Belastung verstärkt sind, im selben Momente, in dem der seelische 
Druck behoben wird, viel weniger empfunden werden, als ihrer Inten- 
sität tatsächlich entsprechen würde. 

Wenn zum Beispiel ein Hypochonder in den Beinen Rheumatismus 
bekommt und sich einbildet, er habe Tabes, so wird er nach der tröst- 
lichen Aufklärung des Arztes sich dermaßen erleichtert fühlen, dass ei- 
sernen rheumatischen Schmerzen — für den Moment wenigstens — 
keine Beachtung weiter schenkt. Und genau ebenso wird sich auch 
ein Neurastheniker verhalten, dem die trostreiche Versicherung gegeben 
wird, dass er durch die Onanie nicht verblöden, nicht rückenmarkkrank, 
nicht magen- und darmleidend werden könne. Auch er wird sich er- 
leichtert, wie neugeboren fühlen, aber von einer Dauerheilung kann in 
keinem Falle die Bede sein. Sehr bald wird der Rheumatiker, der von 
seiner Todesfurcht befreit wurde, seine ehrlichen Schmerzen in den 
Beinen wieder spüren und auch der Neurastheniker wird binnen kurzem 
wieder an Mattigkeit, Kopfdruck, Magenhyperazidität Koliken, Ver- 






Über Onanie. 87 

stopfung, Knieweichheit, etc. leiden, und dies trotz aller ärztlichen Ver- 
sicherungen, dass Onanie „nichts schade". 

Ich möchte übrigens dem Kollegen Dr. Stekel absolut nicht 
unrecht tun und ihm etwa zumuten, dass er derart suggestiv erzeugte 
Momentanbesserungen für ehrliche, wirkliche Heilungen gehalten hat. 
Ich setze voraus, dass wenn er erklärt, er habe in derselben AVeise, wie 
es Prof. Freud für die Psychoneurosen gelehrt hat, auch die Neurasthenie 
mittels Psychoanalyse durchforscht und geheilt, dass er damit keines- 
falls momentane Erfolge durch tröstende Yerbalsuggestion gemeint 
haben kann, ich bin vielmehr überzeugt, dass sich Stekel auf wirklich 
gründliche und usque ad finem durchgeführte Analysen zu berufen 
imstande ist. 

Wenn das aber der Fall ist, dann muss allerdings von ihm die 
präzise Antwort auf die Frage verlangt werden, ob seine Patienten 
nach der psychoanalytischen Heilung noch weiter onaniert haben oder 
nicht. Haben sie der Onanie entsagt, so ist damit der psychogene 
Charakter der Neurasthenie nicht nur nicht erwiesen, sondern im Gegen- 
teile der Eindruck verstärkt, dass eben durch das Aufgeben der Mastur- 
bation die Heilung der Neurasthenie erfolgt ist. Dass dieser Onanie- 
verzicht in sehr vielen Fällen nur auf psychotherapeutischem Wege 
erzielt werden kann, hat selbstverständlich mit der Frage der Neurasthenie- 
ätiologie nicht das geringste zu tun. 

Sollte aber der zweite mögliche Fall zutreffen, dass nämlich die 
Patienten weiter fort onaniert haben, so wird wohl Dr. Stekel selbst 
zugeben müssen, dass so lange die normale heterosexuelle Betätigungs- 
möglichkeit fehlt oder aus inneren Gründen stark gehemmt ist, von 
einer psychotherapeutischen Heilung überhaupt nicht gesprochen werden 
kann. Die Sache steht also so, dass Dr. Stekel s Patienten entweder 
von ihrer Onanie geheilt und damit auch von der Ursache ihrer 
Neurasthenie befreit worden sind, oder es wird weiter onaniert, und 
dann ist es eben der Steke Ischen Psychoanalyse nicht, oder noch 
nicht gelungen, alle jene entwicklungsstörenden Komplex klar zu legen, 
welche einst den Übergang vom autoerotischen Onanieakt zur normalen 
Sexualbetätigung hemmten und noch jetzt wirksam sind. Ein solcher 
Patient kann noch nicht als psychoanalytisch durchforscht und geheilt 
betrachtet werden, und da Dr. Stekel die Neurasthenie zu den Psycho- 
neurosen rechnet, so folgt, dass solche, noch ungeheilte Fälle überhaupt 
nicht zu irgend einem Beweise herangezogen werden können. Die 
Argumentation hat allerdings nur für jene Fälle Geltung, bei denen die 
Masturbation als psychoneurotisches Symptom aufgefasst werden darf, 
das heisst nur durch innere und nicht etwa durch äussere soziale Gründe 
bedingt erscheint. Nun ist aber die Neurasthenie hauptsächlich eine 
Erkrankung des männlichen Geschlechtes und beim geschlechtsreifen 






8S 



„Wiener psychoanalytische Diskussionen." 






Manne, ebenso wie bei der verheirateten Frau dürfte wohl nur recht 
selten aus äusseren Gründen die Zwangslage eintreten, dass der Koitus 
unmöglich und statt seiner die Onanie den Ersatz bilden müsste. 

Wird nun trotz der gegebenen Sexualfreiheit raasturbiert, so darf 
ohne weiteres eine Psychoneurose angenommen werden und überdies 
beinahe ebenso sicher das Vorhandensein einer Onanieneurasthenie. Wie 
verhalten sich aber unverheiratete Patientinnen, die durch die Psycho- 
therapie allerdings die Abwehr gegen den normalen Sexualverkehr ver- 
loren haben, ihn aber aus sozialen Gründen nicht ausführen dürfen 
und deshalb trotz Heilung ihrer Psychoneurose auf die Ersatzonanie 
angewiesen bleiben? Die bleiben eben auch Xeurasthenikerinnen. 
Allerdings geht es ihnen unvergleichlich besser als vordem, da ihre 
neurasthenischen Beschwerden durch den Druck der darüber lastenden 
psychopathologischen Komplexe ins maßlose gesteigert worden waren. 
Aber immerhin, wer die Existenz dieser nunmehr gemilderten neurastheni- 
schen Zustände übersehen würde, wer es ferner übersehen würde, dass 
mit der Verheiratung und dem dadurch ermöglichten Aufgeben der 
Masturbation, binnen kurzer Zeit auch dieser Rest nervöser Symptome 
verschwindet, der würde sich wohl eines recht grossen Beobachtungsfehlers 
schuldig machen, wie eben ein solcher, der Behauptung Dr. Stekels, 
die Neurasthenie sei eine Psychoneurose, tatsächlich zugrunde liegt. 

Ich habe mich von meinem eingangs gestellten Thema ziemlich 
weit entfernt und will nunmehr das Gebiet der Aktualneurosen ver- 
lassen und mich der viel interessanteren Präge zuwenden, wie es zu 
erklären wäre, dass die Masturbation so auffallend verschiedene psychische 
Wirkungen nach sich zieht. 

Ein Sprichwort sagt: „Wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht das- 
selbe". Damit ist offenbar gemeint, dass die Differenz der Resultate 
in der Ungleichheit der handelnden Person begründet ist. Auf das 
Onanieproblem bezogen, würde das bedeuten, dass in der individuell 
verschiedenen psychosexuellen Konstitution die Ursache zu suchen sei, 
weshalb die Masturbation bei den meisten Menschen keine psycho- 
pathologischen Folgen nach sich zieht, während ein kleiner Teil auf 
dieselbe Handlung mit den bekannten, schweren seelischen Störungen 
reagiert. 

Ausser dieser individuellen Ungleichheit der handelnden Personen 
kann aber noch ein anderes Moment in Betracht kommen. Es wäre 
nämlich auch möglich, dass „die Zwei" des Sprichwortes nur scheinbar 
„dasselbe" tun, dass also unter dem Sammelnamen „Onanie" vielleicht 
die allerverschiedensten Dinge sprachlich vereinigt werden, die nur die 
Form der autoerotischen Sexualbetätigung gemeinsam haben, sonst aber 
im innersten Wesen und daher in ihrer psychischen Bewertung gänzlich 
divergieren. 



Über Onanie. 89 

Ich will nun darzulegen versuchen, dass die Vereinigung beider 
Erkliirungsmöglichkeiten uns die Lösung des Onanieproblems ergibt, 
dass also sowohl die Verschiedenheit der psychosexuellen Konstitution, 
als auch die von ihr abhängige innere Verschiedenheit des Onanieaktes, 
die so auffällige Differenz der psychischen Folgezustände ätiologisch 
bestimmt. 

Zuerst eine Bemerkung über den Begriff der „psychosexuellen 
Konstitution", den Prof. Freud als erster in die Psychologie eingeführt 
hat, Er versteht darunter jene Veranlagung des Individuums, durch 
welche die Quellen seiner sexuellen Erregungen bedingt sind. 

Es ist also ein synthetischer Begriff, zu dessen Konstruktion vor 
allem die sexuellen Erregungen, deren Entwicklungsgang und Äusserungen 
klar gelegt werden müssen. 

Alles was wir über die Sexualentwicklung an gesichertem Wissen 
besitzen, ist in den „drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" Prof. Freuds 
enthalten. Ich bedauere unendlich, an dieser Stelle allbekanntes, wenn 
auch nur in Schlagworten, rekapitulieren zu müssen, allein ich sehe 
keinen kürzeren Weg. 

Die Säuglingszeit ist charakterisiert durch die Erregbarkeit aller 
erogenen Körperzonen und des Genitaltraktes selbst. Die Sexual- 
äusserungen dieser Lebensperiode bestehen also nicht nur in polymorpher 
Perversionsbetätigung, sondern auch in direkter Genitalonanie, 

In der darauffolgenden von Flies und Freund als „sexuelle 
Latenzperiode" bezeichneten Entwicklungsphase behalten die extra- 
genitalen Zonen zwar ihre erogene Betonung, stehen aber schon im 
Kampfe mit seelischen Gegenkräften, die der Perversionsverdrängung 
dienen. 

Der Genitalapparat ist im Dienste der Sublimierung scheinbar 
asexuell geworden, doch „ bricht zeitweise ein Stück Sexualäusserung 
durch, oder es erhält sich eine sexuelle Betätigung durch die ganze 
Dauer der Latenzperiode bis zum verstärkten Hervorbrechen des Sexual- 
triebes in der Pubertät" '). An einer anderen Stelle der Freudschen 
.Abhandlungen zur Sexualtheorie" heisst es: „Irgendeinmal in den 
Kinderjahren, nach der Säuglingszeit, pflegt der Sexualtrieb der Genital- 
zone wieder zu erwachen und dann wiederum eine Zeitlang bis zu einer 
neuen Unterdrückung anzuhalten oder sich ohne Unterbrechung fort- 
zusetzen. Die möglichen Verhältnisse sind sehr mannigfaltig und können 
nur durch genaue Zergliederung einzelner Fälle erläutert werden. Aber 
alle Einzelheiten dieser zweiten infantilen Sexualbetätigung hinterlassen 
die tiefsten (unbewussten) Eindruckspuren im Gedächtnis der Person, 



') Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie von Prof. Freud, 2. Auflage, S. 39. 






90 ..Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

bestimmen die Entwicklung ihres Charakters, wenn sie gesund bleibt, 
und die Symptomatik ihrer Neurose, wenn sie nach der Pubertät 
erkrankt" '). 

In der letzten gewaltigsten Umgestaltungsphase, der Pubertät, wird 
der Sexualtrieb endgütig in den Dienst der Fortpflanzung gestellt, die 
erogenen Zonen unterwerfen sich der Oberherrschaft des Genitalapparates, 
aus dem autoerotischen Kinde wird der altruistische Sexualmensch. 

Die Kenntnis dieses Entwicklungsganges verdanken wir beinahe 
ausschliesslich den psychoanalytischen Forschungen Freuds, der diese 
an pathologischem Materiale gewonnenen Einsichten auch für das normale 
Sexualverhalten der Kinderzeit verwertbar halt. Diese Annahme scheint 
einer ausgiebigen Korrektur zu bedürfen und ich habe sie für unhaltbar 
gehalten schon lange bevor noch Dr. Löwenfeld in seinem 1911 
erschienenen Buche „Über die sexuale Konstitution" gegen diese Ver- 
allgemeinerung Einspruch erhoben hat. 

Löwenfeld sagt (S. 8): „Freud hat nach seiner eigenen Er- 
klärung seine Behauptungen über die infantile Sexualität in erster Linie 
auf die Ergebnisse seiner psychoanalytischen Forschungen bei erwachsenen 
Neurotikern gestützt, indem er von der Annahme ausging, dass die 
Kinderjahre der späteren Neurotiker in Bezug auf die Sexualität nicht 
wesentlich von denen später Gesunder abweichen dürften. In den letzten 
Jahren hat er durch die Analyse einzelner Fälle nervöser Erkrankungen 
im zarten Kindesalter auch direkten Einblick in die infantile Sexualität 
zu gewinnen versucht. Die Schlüsse, die er aus der Psychoanalyse 
Erwachsener zog, fand er hierbei bekräftigt. Zu diesem durch Psycho- 
analyse gewonnenen Beweismaterial kommen noch die Deutungen mancher 
direkter Beobachtungen an Kindern wie z. T. schon aus dem vorstehend 
Mitgeteilten ersichtlich ist. Wenn man nun auch zugiebt" — fährt 
Löwenfeld fort, - - „dass die aus der Psychoanalyse erwachsener 
Xeurotiker bezüglich der infantilen Sexualität gewonnenen Schlüsse 
genügend begründet sein mögen, so muss doch die Verallgemeinerung 
dieser Schlüsse auf entschiedene Bedenken stossen. Auch die durch 
Psychoanalyse gewonnenen direkten Einblicke in die Sexualität einiger 
nervös erkrankter Kinder sind nicht geeignet, diese Bedenken zu be- 
seitigen. Die Annahme dass die infantile Sexualität gesunder Erwachsener 
nicht wesentlich von der der Neurotiker abweichen dürfte, kann jedenfalls 
nicht ohne weiteres als haltlos zurückgewiesen werden, sie mag sich 
im Fortgange der Forschung als richtig erweisen. Vorerst fehlt es aber 
an Tatsachen, auf welche dieselbe sich stützen liesse und es können 
daher die aus derselben gezogenen Schlüsse nur als hypothetisch be- 
trachtet werden •; L ö w e n f e 1 d hält also die Identifizierung der Sexual- 
ly Ebenda, S. 47. 






Über Onanie. 91 

entwicklung Neurotischer mit der Gesunder für zwar nicht erwiesen, 
aber immerhin für möglich. 

Ich gehe noch viel weiter. Ich bestreite die Möglichkeit über- 
haupt, und dies aus einer Erwägung, die aus den grundlegenden, für 
mich felsenfest stehenden Lehren Freuds über die Ätiologie der Psycho- 
neurosen geschöpft ist. 

Je fester wir nämlich von der Überzeugung durchdrungen sind, 
dass die Ursachen der Psychoneurosen in Störungen der infantilen 
Sexualentwicklung gelegen sind, desto weniger sind wir berechtigt, die 
Tatsachen einer von uns als pathogen erkannten Sexualität auf das 
Geschlechtsleben gesunder Kinder ohne weiteres und beinahe unverändert 
anzuwenden. Und dies tut Prof. Freud, indem er auf Grund der 
analytisch erforschten Kindheitserinnerungen ein Bild von dem normalen 
sexualen Verhalten der Kinderzeit zu entwerfen versucht, dem er aller- 
dings die einschränkende Anmerkung beifügt, dass das auf diese Weise 
gewonnene Material nur durch die „berechtigte Erwartung" verwertbar 
sei, „dass die Kinderjahre der späteren Neurotiker hierin - - nämlich 
in dem sexuellen Verhalten — nicht wesentlich von denen später Ge- 
sunder abweichen dürfte". 

Man sieht, hier liegt ein Widerspruch vor, der mich zwingt, den 
Erforscher der Neurosenätiologie gegen den Sexualtheoriker zu ver- 
teidigen. 

Vielleicht wäre es aber doch möglich, aus den pathologischen Ver- 
hältnissen auf das noch unbekannte "Normale zu schliessen, wenn wir 
nur wüssten, an welchen Stellen beide sich annähernd decken, und an 
welchen sie von einander abweichen, wo wir also Korrekturen und Ein- 
schränkungen vornehmen müssten. 

Nehmen wir den Fall an, die medizinische Chemie wüsste von der 
normalen Eiweissverdauung gerade so viel oder so wenig, wie wir von 
der normalen Sexualentwicklung durch direkte Beobachtung. 

Und nun stünde dem Chemiker ausschliesslich pathologisches 
Material, z. B. nur der Inhalt von karzinomatösen Magen zur Verfügung. 
Natürlich dürfte er von vornherein nicht in den Fehler verfallen, etwa 
die Milchsäure, weil sie in besonders grosser Menge vorgefunden wird, 
auch schon ohne weiteres den Bestandteilen der normalen Magensekrete 
zuzurechnen. Nicht die Häufigkeit und Quantität ist das Maßgebende, 
sondern die Verwendbarkeit und Zweckmäßigkeit zur Erreichung des 
von der Natur angestrebten normalen Zieles. Es müssten also vor 
allem Pepsin und Salzsäure, wenn sie im Karzinommagen auch nur in 
geringen Mengen vorkommen, letztere gelegentlich sogar ganz fehlen 
kann, trotzdem als eiweissverdauende Körper für zweckmäßige Bestand- 
teile nicht nur der pathologischen, sondern auch der normalen Magen- 
sekrete erklärt werden. 



92 



„Wiener psychoanalytische Diskussionen." 



Alles was hingegen au nutzlosen oder direkt verdauungsstörenden 
Subtanzen gefunden wird, wie Sarzine, Blut und Schleimmassen, Milch-, 
Butter- und Essigsäure usw., all das wird als zweckwidrig vom Nor- 
malen getrennt und als pathologisch anzusehen sein. 

Wenn wir nun in gleicher Weise auch aus dem uns bekannten 
pathologischen Sexualleben der Neurotiker alle zwecklosen und ziel- 
widrigen Elemente herausheben könnten, so bliebe vielleicht ein an- 
nähernd richtiges Bild der Sexualentwicklung des normalen Kindes übrig. 
Entscheidend für die Auswahl kann nur die Zweckmäßigkeit sein, und 
wir sind gezwungen, uns bei diesen Untersuchungen auf den rein teleolo- 
gischen Standpunkt zu stellen, über dessen wissenschaftliche Berechtigung 
später noch gesprochen werden soll. 

Betrachten wir in diesem Sinne zuerst die Säuglingszeit. Hier 
spielen, wie wir wissen, die Erregungen der erogenen Zonen eine hervor- 
ragende B.olle, und wir müssen zugeben, dass der Lustgewinn, der aus 
den Reizungen all dieser verschiedenen Körperregionen gezogen wird, 
uns verständlich, sinnvoll und zweckentsprechend erscheint. 

Die Natur hat die sexuelle Lustprämie an gerade jene Organe 
verteilt, welche im Dienste der Nahrungsaufnahme, des Stoffwechsels 
und der Ausscheidung stehen. Es sind also gerade die lebenswichtigsten 
Funktionen, welche eine Verstärkung von Seite des Sexualtriebes er- 
fahren, und wir werden demgemäß die Erregbarkeit dieser erogenen 
Zonen, und selbst auch die durch sie bedingten masturbatorischen 
Manipulationen an ihnen zwar für Überschreitung halten, sie aber doch 
für recht zweckmäßig und im höchsten Lebensinteresse des Kindes ge- 
legen ansehen müssen. Sie dienen nicht bloss zweckloser Lust, sie dienen 
der Lebenserhaltung und sind demnach sicher der normalen vita sexualis 
zuzurechnen. 

Ganz anders aber steht es mit den Erregungen und der Onanie 
am Genital trakt der Säuglinge. Prof. Freud hält nun auch diese 
Sexualbetätigung für eine normale und fühlt sich demgemäß verpflichtet 
dieselbe irgendwie zweckmäßig zu erklären. Dieser, wie mir scheint, 
missglückte teleologische Erklärungsversuch lautet folgendermaßen' 
(S. 47). 

„Durch die anatomische Lage, die Überströmung mit Sekreten, 
durch die Waschungen und Reibungen der Körperpflege und durch ge- 
wisse akzidentelle Erregungen (wie die Wanderungen von Eingeweide- 
würmern bei Mädchen), ist dafür gesorgt, dass die Lustempfindung, 
welche diese Körperstelle zu ergeben fähig ist, sich dem Kinde schon 
im Säuglingsalter bemerkbar mache und ein Bedürfnis nach ihrer 
Wiederholung erwecke. Überblickt man nun die Summe der vor- 
liegenden Einrichtungen und bedenkt, dass die Maßregeln zur Rein- 
haltung kaum anders wirken können, als die Verunreinigung, so kann 



über Onanie- 93 

man schwerlich die Absicht der Natur verkennen, durch 
die Säuglingsonanie, der kaum ein Individuum entgeht, 
das künftige Primat dieser erogenen Zone für die Ge- 
schlechtstätigkeit festzulegen". 

Dieser Versuch, die Normalität der Präpubertäts-Onanie aus ihrer 
Zweckmäßigkeit zu erklären, kann beim besten Willen nicht als ge- 
lungen bezeichnet werden. 

Die Beweise sind von zu vielen Seiten herbeigeholt, als dass sie 
überzeugend wirken könnten. Manche machen einen bei Freud ganz 
ungewohnt gezwungenen Eindruck. Wir kennen z. B. die in so vielen 
Fällen äusserst zweckmäßige Symbiose niederer mit höheren Organismen. 
Dass aber durch die sonst höchst unerfreuliche Symbiose von Ein- 
geweidewürmern bei Mädchen „ dafür gesorgt« ist, wie Prof. Freud 
sich ausdrückt, dass die Säuglinge schon frühzeitig auf ihr Genitale 
aufmerksam gemacht werden, jdass also diese doch ausserhalb des Nor- 
malen liegende und doch nur vereinzelt vorkommende Erkrankung unter 
anderem auch als eine planmäßige Einrichtung der Natur aufgefasst 
werden soll, die damit die Absicht verfolgt, das Primat der Genitalzone 
schon beim Säugling festzulegen, - dies zu akzeptieren, kann ich mich 
wirklich nicht entschliessen. Und zudem benimmt sich die Natur höchst 
inkonsequent Zuerst reizt sie das Säuglingsgemtale, um dessen Primat 
festzulegen, und gleich darauf gibt sie diese Absicht wieder auf denn 
es folgt nunmehr eine fast zehnjährige Latenzpenode, wahrend der das 
Genitale an seine künftige Herrscherbestimmung vergessen darf. Aller- 
dings finden auch zu dieser Zeit häufig Durchbrüche der Genitalonanie 
statt und diese Sexualerregungen können unter Umständen von der 
Säuiingszeit bis zur Pubertät anhalten und dadurch der „ Latenz «periode 
eigentlich das Recht entziehen, diesen Namen führen zu dürfen. Diese 
Ausnahmefälle müssten aber gerade das erwünschte und höchst zweck- 
mäßige Verhalten sein, wenn es sich dabei wirklich um die Festlegung 
des Genitalprimates handeln würde. Zumeist benimmt sich aber die 
Natur ganz gegenteilig und zeigt sich in Verfolgung ihrer Absicht 
derart widerspruchsvoll, dass man an der Zweckmäßigkeit der Genital- 
onanie vor der Geschlechtsreife berechtigten Zweifel hegen darf. Dieser 
Zweifel wird zur Gewissheit, wenn man bedenkt, dass die Natur die 
Genitalonanie einerseits zu einem bestimmten Zwecke protegieren soll, 
andererseits sie sofort mit Aktualneurosen bestraft und zwar schon bei 
unreifen Kindern, wie wir alle — (vielleicht mit Ausnahme Dr. Stekels) 
— gesehen haben. 

Und diese akuten Schädigungen fallen um so stärker aus, je mehr 
das Kind die von der Natur gewünschte Festlegung des künftigen 
Genitalprimates betreibt. Nein ! Da steckt doch gar zu viel des Wider- 
spruches darin, als dass das möglich sein könnte. 



1 



94 



„Wiener psychoanalytische Diskussionen." 






Ich behaupte demnach: Die vor der Pubertät ausgeübte Genital- 
oname ist sinn- und zwecklos, sie beruht, um mit Metschnikoff zu 
sprechen, auf einer Disharmonie in der Natur des Menschen, welche die 
Genitalempfindung in einer allzufrühen Zeit entwickelt und vor der Reife 
der geschlechtlichen Elemente eintreten lässt. Sie gehört also nicht 
dem normalen Sexualleben an, sie ist pathologisch. 

Als Stütze dieser Behauptung kann sogar der biogenetische Be- 
weis erbracht werden, dass die Natur — ganz im Gegensatz zur An- 
schauung Prof, Freuds - sogar eigenartige Schutzvorrichtungen ge- 
schaffen hat, um eine vorzeitige Betätigung des Genitalapparates °zu 
verhindern, wobei das überaus wichtige Moment gewürdigt werden 
muss, dass die Schutzvorrichtungen ausschliesslich der Spezies „Mensch" 
eigentümlich sind. 

Kein weibliches Säugetier, auch nicht die menschenähnlichen Affen, 
besitzen ein Hymen, während andererseits dem menschlichen Manne der 
Penisknochen fehlt, der in der Ahnenreihe nicht nur bei den Nagern 
und Carnivoren, sondern auch noch bei den höchst stehenden anthro- 
poiden Affen durchwegs zu finden ist. Eine derartig wesentliche Um- 
gestaltung gerade der stammeserhaltenden Organe, eine Umgestaltun 



g. 



die ganz plötzlich erst auf der höchsten Stufe der Entwicklungsreihe 
einsetzte und sich bis heute erhalten konnte, die muss doch ganz ent- 
schieden einem wichtigen Zwecke dienen. 

Es sei allerdings zugegeben, dass in den letzten Jahrzehnten die 
teleologische Betrachtungsweise einen grossen Teil ihres wissenschaft- 
lichen Kredites eingebüsst hat, und zwar mit Recht, soweit es sich um 
vielfache Übertreibungen in der Anwendung der Zweckmäiäigkeitslehre 
handelte. 

Wir wissen heute, dass die Welt noch lange nicht die beste aller 
denkbaren ist, wir wissen, dass es Organe gibt, die in aufsteigender 
Entwicklung begriffen, ihrem Zwecke noch nicht vollständig entsprechen 
und dass andererseits Bildungen persistieren, die ihre funktionelle Auf- 
gabe schon längst überlebt haben. Und doch müssen diese heute zweck- 
losen, rudimentär gewordenen Organe einst eine wichtige Rolle gespielt 
haben, zu jener Zeit nämlich, als sie gerade neu erworben waren. Das 
Stadium der Neuerwerbung ist es vor allem, auf das — wenn überhaupt, 
so gerade hier, — die teleologische Denkmethode mit Berechtigung an- 
gewendet werden darf. Und in diesem Stadium befindet sich eben das 
Jungfernhäutchen beim Menschen. Es muss also im Hinblick auf seine 
Funktion wesentliche Vorteile bieten. Die Aufgabe des Hymen besteht 
nun zweifellos darin, den Koitus zu erschweren, — eine andere Funktion, 
als diese allgemein anerkannte, kennen wir nicht, — und da fragt es 
sich, was für ein Nutzen damit verbunden sein kann? Für den er- 
wachsenen Menschen selbstverständlich gar keiner; der Vorteil kann 






Übel 1 Onanie. 95 

nur in einem Schutze des noch unreifen Kindergenitales bestehen. Auch 
manche Pflanzen tragen in ihren Kelchen modifizierte Blütenblätter, 
welche das Eindringen der Pollenstaub tragenden Insekten so lange 
hindern, als der Stempel vor Befruchtung noch geschützt weiden soll; 
es sind das also Bildungen, welche mit dem menschlichen Hymen in 
Parallele zu stellen sind. 

In gleicher Weise bietet der Verlust des Penisknochen dem Er- 
wachsenen sicher keine Vorteile. Mann wie Weib entbehren dieses, die 
Einführung erleichternde Organ, oft recht schmerzlich, und wenn dieser 
Verlust erklärlich sein soll, so bleibt einzig und allein die Annahme 
übrig, dass durch dieses Versteifungsdefizit in analoger Weise, wie durch 
die Verengerung des Scheideneinganges, der infantile Geschlechtsverkehr 
möglichst hintangehalten werden soll. Eine andere Erklärung für diese, 
erst von den Menschen erworbene, sicher also bedeutungsvollen Genital- 
veränderungen kann meines Erachtens nicht gegeben werden, und so 
viel mir übrigens bekannt, hat überhaupt noch kein Forscher je irgend 
eine, geschweige denn eine plausible Lösung dieses — eigentlich doch 
sehr einfachen - Problemes versucht. Man konnte sich eben nicht 
vorstellen, dass Koituserschwerungen auch von Nutzen sein könnten, 
weil man unbegreiflicherweise die so überaus wichtige Zeitgrenze nicht 
berücksichtigte, innerhalb deren der Geschlechtsverkehr tatsächlich 
naturwidrig und demgemäß mittelst eigenartiger Genitalumformungen 
möglichst verhindert werden soll. 

Es fragt sich nur, ob diese Verhinderungstendenz im individuellen 
Interesse oder in dem der Arterhaltung liegt und zwar letzteres in dem 
Sinne, dass einer eventuellen Degeneration der Nachkommenschaft, er- 
zeugt, von allzu jugendlichen Eltern, vorgebeugt werden soll. Letztere 
Annahme muss aus dem Grunde abgelehnt werden, weil der mit Erfolg 
ausgeführte Zeugungsakt die vollendete Geschlechtsreife zur Voraus- 
setzung hat, demgemäß keineswegs naturwidrig ist und schon ausserhalb 
der Schutzzone liegt. 

Im Oriente heiraten die Menschen vielfach schon mit 9 oder 
10 Jahren. Nach unseren Begriffen sind es noch Kinder, da sie aber 
schon geschlechtsreif sind, schadet weder der Koitus den jugendlichen 
Eltern, noch die Geburt der Mutter, und ebenso wenig sind Degene- 
rationszeichen der Nachkommenschaft nachweisbar. Nur der prämature 
Geschlechtsakt soll verhindert werden, und nur deshalb hat das Mädchen 
das Hymen bekommen und der Knabe den Penisknochen verloren. 

Und nun ziehen wir aus diesen Ergebnissen die Konsequenzen für 
das Onanieproblem. 

Einerseits soll die Natur — so lautet die Lehre — die unreifen 
Kinder zur Genitalonanie anreizen, damit sie auf den späteren Geschlechts- 
verkehr hingelenkt werden, andererseits hat aber eben dieselbe Natur 



96 



..Wiener psychoanalytische Diskussionen." 



das Hymen an- und den Penisknochen abgeschafft, damit die so gereizten 
Kinder nur ja nicht koitiereu können, also gerade jenes Ziel, zu dem 
die Onanie führen soll, — vorläufig wenigstens — nicht zu er- 
reichen imstande sind. Und wie gerne würden diese Kinder, statt zu 
onanieren, den regelrechten Koitus ausführen, und wie oft versuchen 
sie es tatsächlich, aber wegen der bekannten, organischen Hindernisse 
können sie es eben noch nicht, und wie ganz egal wäre es im Grunde 
genommen, ob die Kinder ihre Sexualbetätigung in Form der Onanie 
ausübten, die ja nur eine Präparation für den Koitus darstellen soll, 
oder ob sie gleich „in medias res" gingen. 

Auf sittliche Bedenken und soziale Konstruktionen, wie z. B. 
„Mädchenehre" etc., hat die Natur sicher noch nie Rücksicht genommen, 
und es ist wirklich nicht einzusehen, warum die Kinder nicht gleich den 
Penis in die Scheide einführen dürfen, wenn das der Zukunftszweck der 
prämaturen Onanie sein soll. Aber sie hat eben weder diesen noch 
irgend einen anderen Zweck, sie stellt eine sinnlose Disharmonie der Ent- 
wicklung dar, die dem normalen, infantilen Sexualleben absolut fremd ist. 
Aus dieser Erkenntnis ergibt sich die Notwendigkeit, den eingangs 
aufgestellten Satz: „Alle Menschen onanieren", wesentlich einzuschränken 
und präziser zu fassen. 

Er hat nunmehr zu lauten: 

Wohl onanieren wahrscheinlich alle Menschen , aber vor der 
Pubertät tut das der Normale nur an seinen erogenen Zonen, nie am 
Genitale, während umgekehrt der mit abnormer Sexualkonstitution be- 
haftete Mensch noch vor der organischen Keife Genitalonanie betreibt, 
und dafür die Sexuallust der erogenen Zonen schon frühzeitig durch 
psychische Gegenreaktionen verdrängt, wodurch statt der normalen 
polymorphen Perversion der Kinderzeit, später das „hysterische Negativ" 
derselben zustande kommt. 

Die Genitalonanie nach vollendeter Geschlechtsreife, ist psycho- 
genetisch unschädlich, sie erzeugt wohl Aktual- aber keine Psychoneurosen. 
Ich habe im Vorliegenden den Versuch unternommen, aus dem uns 
analytisch bekannt gewordenen gestörten Sexualleben der Psycho- 
neurotiker das Zweckwidrige, d. h. das Anormale herauszuheben und 
auf diese Weise ein Bild der normalen Sexualentwicklung zu gewinnen. 
Wenn dieser Versuch gelungen sein sollte, dann wäre auch, das 
Problem gelöst, wie es komme, dass die Onanie so verschiedene Folgen 
hat. Es ist eben durchaus nicht „dasselbe", ob an den erogenen Zonen 
oder am Genitale onaniert wird und ob das vor oder nach der Pubertät 
geschieht. Und diese Onanievariationen sind wieder in letzter Linie 
konstitutionell bedingt, wobei ich als das wichtigste Kriterium einer 
abnormen Veranlagung die psychosexuelle Frühreife bezeichnen möchte, 
welche der organischen Genitalentwicklung disharmonisch" vorauseilt. 



Über Onanie. 



97 



X. 



Dr. Hanns Sachs: 



Wenn ich mich zu unserem Thema äussere, obgleich mir die 
Möglichkeit, selbständiges Material einzusammeln nicht gegeben war 
kann dies nur in der Hoffnung geschehen, für den systematischen 
Überblick Brauchbares zu leisten, indem ich die hier vorgebrachten 
Anschauungen sichte, formuliere und vereinheitliche. 

Ein Dilemma, das von dem ersten Redner an in unserer Debatte 
stets wiederum hervortrat und nie völlig erledigt wurde, scheint mir 
diese systematische Behandlung besonders herauszufordern: ich meine 
den Widerspruch, in welchem die allgemein akzeptierte Behauptung 
des ubiquitären Vorkommens der Onanie mit der Tatsache steht, dass 
ihre schädlichen Folgen nur in Einzelfällen und keineswegs durchgängig 
nachweisbar sind; dass diese Schädlichkeiten untereinander sehr ver- 
schieden sind, und deshalb nicht schlechtlmi auf eine einheitliche 
Ursache zurückgeführt werden könuen, ist die Konsequenz jenes ersten 
Widerspruches. 

Die von Dr. St ekel beigebrachte Lösung, dass jene Wirkungen 
nicht von der Onanie herstammen, sondern von anderen, akzidentell mit 
ihr in Verbindung geratenen Faktoren, insbesondere von Warnungen 
und Verboten, hat zwar viel Verlockendes, kann aber doch nicht als 
endgültige Deutung des Rätsels hingenommen werden; denn es ist aus 
der Literatur und durch Beobachtung unschwer nachweisbar, dass die 
Onanie an sich schädlich, die trotz Verbotes geübte Onanie indifferent 
sein kann. 

Der Ausweg, den ich im folgenden vorschlage, soll nur dazu 
dienen, den Widerspruch so weit von uns weg zu rücken, dass er uns 
nicht bei jedem Schritte in unserer Untersuchung hindert; es soll also 
nur eine Arbeitshypothese gegeben werden, die jederzeit bei Seite 
gelegt werden kann, wenn sich ein brauchbareres Werkzeug findet. 

Diese Hypothese schreibt der Onanie zwei Wirkungsweisen zu, 
nämlich: 

I. Eine allgemeine, die sie überall und immer, von den be- 
sonderen Eigenschaften des Falles abgesehen, vermöge ihrer 
konstitutionellen und notwendigen Charakterzüge entfalten 
muss. Da diese Wirkungen sich keineswegs immer bis zum 
Ausbruch einer Krankheit oder Auftauchen einer Abnormität 
steigern, müssen wir annehmen, dass sie im wesentlichen 
latente, zur Erkrankung (im weitesten Sinne) disponierende 
sind; daneben wohl auch feinere seelische Veränderungen, 
die nicht mehr in das Gebiet der Psycho-Pathologie, sondern 
' in jenes der Charakter-Psychologie fallen. 

Wiener Diskussionen. (Heft II.) r 



gk „Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

II. Eine besondere, nicht im Vorhinein bestimmbare, die aus der 
Disposition die manifeste Krankheit oder Anomalie schafft. 
Der Eintritt dieser speziellen Wirkung und die Form, in der 
sie sich äussert, hängen von der Eigenart des Falles ab. 
die von verschiedenen Gesichtspunkten aus gewürdigt werden 
kann. 
Ad I. Über die notwendige und immanente Wirkung der Onanie 
wurde bereits viel Wertvolles vorgebracht. Ich will nach einem Hin- 
weis auf die, wie mir scheint, grundlegende und unbedingt überzeugende 
Beobachtung Freuds 1 ), dass die leichte. Erreichbarkeit des Sexual-Zieles 
bei der Onanie infolge der Vorbildlichkeit des Sexual-Lebens zu all- 
gemeiner Energielosigkeit führe, zwei Punkte eingehender erörtern. 

a) Wir wissen, dass die Symptome der Neurotiker nicht zum 
Ausdrucke einer einzigen Phantasie, resp. des in dieser Phantasie 
dominierenden Triebes dienen , dass vielmehr eine Reihe verdrängter 
Triebkomponenten, die miteinander in keiner engeren Verbindung stellen 
müssen, darin nach Realisierung streben. Wir haben weiters einsehen 
gelernt, dass die neurotischen Symptome nur ein tiefer ausgeprägtes 
und verdeutlichtes Abbild normaler Seelenvorgänge sind. Einmal auf 
diesen Umstand aufmerksam geworden, kann es uns kaum entgehen, 
dass diese Befriedigung mehrerer Triebe in einem einzigen Akte der 
psychischen Ökonomie sehr förderlich sein muss. Bei einigen sehr 
komplizierten und hochstehenden psychischen Produkten lässt sich leicht 
erkennen , dass ein Teil des Lustgewinnes , den sie vermitteln, auf 
Rechnung dieses Phänomens kommt, so z. B. bei Religion und Kunst. 
Es wird dadurch auch verständlich, warum das eine oder andere dieser 
Verdichtungsprodukte voneinander unabhängiger Trieb- 
regungen bei jedem neuen Verdrängungsfortschritt für die Menschheit 
an Wert und Bedeutung gewinnt. Denn je mehr Äusserungsmöglich- 
keiten dem Triebleben genommen werden, desto sorgsamer und inten- 
siver wird jede Übrigbleibende ausgenützt und dabei sogar in den 
Dienst ihr ursprünglich fremder Tendenzen gestellt. Es sei hervor- 
gehoben, dass auf den Terminus „ Verdichtungsprodukt" bei seiner An- 
wendung in der Trieblehre in dem hier vertretenen Sinne nur solche 
Phänomene Anspruch haben, an denen sich weit auseinanderliegende, 
ja sogar disparate Triebregungen beteiligen, nicht jene, wo nur ver- 
wandte, ambivalente oder nach Adlers Ausdruck „verschränkte" Triebe 

mitwirken. 

Betrachten wir nun das Verhältnis von Koitus und Masturbation 
unter diesem Gesichtspunkte, so finden wir, dass der normale Koitus 
— und als normal im vollen Sinne kann ich nur jenen gelten lassen, 



J ) Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre, II. Folge, S. 192—193. 



Ober Onanie. 



99 



bei welchem beiden Teilen die Erreichung des Sexualzieles Hauptzweck 
ist, also nicht den Koitus mit Prostituierten — jenem Ideal der „Ver- 
dichtung" viel näher kommt, als die Onanie. 

Fast sämtliche „Partialtriebe" kommen, wie Freud 1 ) ausgesprochen 
hat, als Quellen der Vorlust dabei mit ins Spiel. Heizung der erogenen 
Zonen, Exhibitionismus und sexuelle Neugierde, koprophile Neigungen, 
insbesondere die aktive und passive Aggressions-Erotik (Sadismus und 
Masochismus) werdeu, bevor die Endlust am Genitale selbst erreicht 
wird, ausgiebig betätigt. Bei der Onanie dagegen ist die effektive An- 
teilnahme auf die Genitalien, resp. eine andere erogene Zone, die ihre 
Rolle übernommen hat, beschränkt, alles andere bleibt — in der 
Realität wenigstens — ausser Betracht. Es findet also z. B. die 
Aggressions-Erotik, die der im normalen Geschlechtsverkehr Stehende 
mühelos abreagiert, bei dem Masturbanten in der Sexualbetätigung keine 
Verwendung. Sie bleibt ihm für seine sonstigen Lebensäusserunfen 
verfügbar und macht ihn mürrisch, zänkisch und zu Wutausbrüchen 
geneigt. Der allen Kriminalisten wohlbekannte , Zuchthausknall " der 
Sträflinge ist wohl als explosives Abreagieren der Aggressions-Erotik 
bei Individuen, denen jede andere sexuelle Befriedigung, ja nahezu über- 
haupt jede Lust ausser der Onanie versagt bleibt, zu verstehen. 

b) Neben der mit realen Mitteln erzielten Endbefriedigung spielt 
für die Onanie die Phantasie als wichtigster Teil ihres eigentüm- 
lichen Lustmechanismus eine Rolle. Diese fast ausschliessliche Be- 
tätigung des Trieblebens an und in Phantasien ist aus zwei Gründen 
als minderwertig zu betrachten: 

1. Der Geist wird, statt entspannt, stärker angespannt, da er 
das Phantasiebild des Sexualobjektes, resp. der Situation aus 
sich heraus erzeugen und festhalten muss. Ist das Sexual- 
Objekt tatsächlich vorhanden, so entfällt diese intensive, fast 
bis zum Halluzinatorischen sich steigernde Inanspruchnahme 
des Vorstellungsvermögens (die statt dessen zu leistende 
körperliche Anstrengung ist sogar vorteilhaft). Wei- 
den normalen Geschlechtsverkehr ausübt, verhält sich also 
zum Masturbanten etwa so, wie einer, dem ein Witz erzählt 
■wird, zu dem, der durch Grübeln einen Witz herzustellen 
sucht. Dem einen wird eine geistige Anspannung plötzlich 
erlassen — daher das Lachen als Zeichen der Befreiung *) — 
während bei dem anderen im besten Falle ein Ausgleich 
zwischen der aufgewandten Mühe und der erzielten Lust 
eintritt. 



J ) Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie S. 26. 

2 J Freud, Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten. 



100 „Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

2. Die Erzeugung von Phantasiebildern geschieht auf dem Wege 
der Regression '), also durch die Abwendung von der Aussen- 
weit. Die Tendenz des Sexualtriebs ist auf die Äusserung 
am Sexualobjekt, d. h. auf Abgabe nach aussen gerichtet. 
Durch die Masturbation werden also zwei Strömungen mit 
entgegengesetzter Richtung entfesselt; das Resultat einer 
völligen Trieb - Befriedigung kann deshalb auch nicht 
annähernd erreicht werden. 
Ad IL Wenn wir nun die Onanie mit Rücksicht auf die Einzel- 
fälle betrachten, so sehen wir eine verwirrende Mannigfaltigkeit, die uns 
Typenbildung und Überblick fast unmöglich zu machen scheint. 
Masturbation wird, wie meine Vorredner mitgeteilt haben, auf die ver- 
schiedenste Art und Weise betrieben. Aber auch wo äusserlich kein 
Unterschied sichtbar wird, kann im Wesen die grösste Divergenz ob- 
walten. Wir kennen die Säuglings-Onanie als rein autoerotischen Akt; 
je stärker der Anteil der Phantasie wird, desto mehr verliert die Onanie 
den autoerotischen Charakter und nähert sich der Objektliebe. In 
Fällen, wo das Sexualobjekt bei der Onanie gegenwärtig ist oder sogar 
dazu benutzt wird, ist die Grenzlinie zwischen Koitus und Onanie er- 
reicht. Schliesslich muss in Betracht gezogen werden, dass der Masturbant 
von den Einflüssen seiner Umgebung keineswegs unabhängig ist; es 
wird deshalb die Art, wie jene zu seiner Onanie Stellung nimmt, für 
die Resultate der Onanie bedeutsam sein. 

Wir unterscheiden also 3 Gesichtspunkte, die für jeden Fall ge- 
sondert geprüft Averden müssen. 

1. Die Manipulation bei der Onanie. 

2. Ihr psychischer Inhalt. 

3. Die Stellungnahme der Umgebung. 
Ad 1. Zum leichteren Vergleich der Feststellungen verschiedener 

Forscher wäre ein gemeinsames Schema vorteilhaft. Als Grundriss 
hierfür seien folgende vier Punkte vorgeschlagen: 

a) Der Körperteil, an welchem onaniert wird; 

b) die angewandte Manipulation : 

c) Intensität; 

d) Quantität (Zahl der onanistischen Akte innerhalb einer be- 
stimmten Zeit). 

Besonders die 3. Frage scheint mir noch zu wenig beantwortet zu 
sein. Wir nennen ein streichelndes, kitzelndes Berühren der Genitalien 
ja ebenso Onanie, wie jene heftigen Attacken, bei denen manchmal 
Fremdkörper eingebohrt und Selbstbeschädigungeu schweren Grades zu- 
gefügt werden. Offenbar gibt es hier eine sehr nuancenreiche Skala. 



i) Freud, Die Traumdeutung, III. Aufl., S. 363. 



Ober Onanie. 101 

Ad 2. Der psychische Inhalt der Masturbation besteht, wie schon 
gesagt, hauptsächlich in Phantasien, welche bewusst oder imbewusst 
sein können. Die grössere Schädlichkeit der unbewussten Phantasien 
ist leicht einzusehen. Ihr Mechanismus, sowie die Frage, ob die be- 
wussten Phantasien nicht meist nur Deckmantel der unbewussten sind, 
gehört nicht mehr zu den Onanie-Problemen. Auch kann von diesem 
Gesichtspunkt aus die Wirkung der Onanie kaum völlig klargestellt 
werden, da dieselben Phantasien bei zwei verschiedenen Personen oder 
auch bei einer Person zu verschiedenen Zeiten keineswegs gleichförmige 
Wirkungen auslösen. Die Lösung ist vielmehr in Zusammenhang mit 
der von Dr. Tausk mit Recht hervorgehobenen Tatsache zu suchen, 
dass die bei der Onanie festgehaltenen Phantasien resp. die Trieb- 
regungen, die sich in jenen Phantasien manifestieren, infolge der durch 
die Masturbation gewährten bequemen Befriedigungsmöglichkeit die 
Tendenz bekommen, sich im Seelenleben zu fixieren, d. h. als dauernde 
Bildungen trotz der sonstigen Veränderungen ihren Platz zu behalten. 
Wenn wir hierzu die Annahme fügen, dass jedes Stadium der psychi- 
schen Entwicklung eine von dem vorhergehenden verschiedene Quanti- 
tätsverteilung der Libido 1 ) fordere, können wir den Grund der 
Schädlichkeit einer solchen Fixierung leicht verstehen. Es stimmt gut 
dazu, dass oft eine bisher gut vertragene Onanie mit einem neuen Eut- 
wicklungsschube, z. B. mit Eintritt oder nach Vollendung der Pubertät, 
schädlich wird. Unlustgefühle aus endopsychischen Quellen sind Signale, 
durch die der psychische Apparat anzeigt, dass seine Arbeit gestört 
sei, d. h. dass er nicht mehr ökonomisch arbeiten könne. Eine solche 
Störung bedeutet es offenbar, wenn die Libido nicht an jenem Teile 
arbeitet, wo sie nach dem momentanen Zustand der Entwicklung ge- 
braucht wird, sondern an einem andern, wo sie bereits überflüssig ist. 

Ad 3. Die Gesichtspunkte für die Konsequenzen der sozialen Ein- 
stellung der Masturbanten haben zahlreiche Vorredner, ich nenne nur 
Rank und Stekel, eingehend besprochen, so dass ich hier nichts 
nachzutragen habe. 

Ich will bloss hervorheben, dass die Onanie der frühen Kinderjahre 
meist den Eltern oder Pflegepersonen Anlass zu der bekannten Kastrations- 
drohung gibt. Dadurch tritt die Onanie in inhaltliche Beziehung zu 
einem , Kernkomplex ■ der Psycho-Neurosen und vielleicht des Seelen- 
lebens überhaupt. 



>) Cfr. Freud, Über neurotische Erkrankungstypen. Zentralblatt f. Psycho- 
Analyse II. Jahrgang, Nr. 6, S. 300. 



102 



..Wiener psychoanalytische Diskussionen.' 



XL 



Dr. Bernhard Dattner: 



Meine Herren! Wie eigentlich nicht anders zu erwarten steht, 
habe ich heute, gegen Schluss der Onaniedebatte nur wenig Neues zu 
sagen und bitte Sie daher um Entschuldigung, wenn unvermeidliche 
Wiederholungen die Folge meiner Ausführungen sein werden. 

Ich habe mir vorgenommen , die Schicksale der Onanie von der 
frühesten Kindheit an bis in die Reifejahre zu verfolgen, wobei ich 
mich auf die von Prof. Freud in den drei Abhandlungen niedergelegten 
Theorien — soweit ich ihren Sinn voll erfassen konnte — gestützt 
habe. 

Sodann schien es mir geboten , in jedem der von Freud ge- 
schaffenen Zeitabschnitte, in der ersten Sexualepoche, in der Latenz- 
periode und in der Pubertät auf die physiologische Bereitschaft und 
die psychische Entwicklung der onanierenden Person , auf die Art 
und Häufigkeit des masturbatorischen Aktes und dessen Folgen Bedacht 
zu nehmen. 

Wenden wir unsere Aufmerksamkeit in diesem Sinne der infantilen 
Sexualität zu, so beobachten wir, dass das Kind schon in den frühesten 
Zeiten seines Lebens eine Reihe von Sexualbetätigungen übt, die wir 
als masturbatorische im wahrsten Sinne des Wortes zu bezeichnen be- 
rechtigt sind. Dagegen finden wir in dieser Epoche die Sexual- 
funktionen unzureichend, die spezifischen Sexualdrüsen ausser Tätigkeit, 
sodass man mit Grund von einer geringen physiologischen Beteiligung 
des Sexualapparates an dieser „wahrscheinlich durch ein Spannungs- 
gefühl und durch eine zentral bedingte, in die peripherische erogene 
Zone projizierte Juck- und Reizempfindung hervorgerufenen u Sexual- 
manipulation sprechen kann. 

Auch die Psyche des Kindes sehen wir in den ersten Jahren in 
einer wenig komplizierten Verfassung, die Lustgewinnung vollzieht sich 
ohne Hemmung und ohne innere Schranken, sodass jede von der 
erogenen Zone ausgehende Lustempfindung unmittelbar zur Hebung 
des Wohlbefindens geleitet wird. 

Die Arten dieser kindlichen Masturbation sind, der polymorph 
perversen Anlage des kindlichen Organismus angemessen, das Lutschen 
an den verschiedensten Körperstellen, die Auslösung heftiger Muskel- 
kontraktionen beim Durchpressen absichtlich verhaltener Kotmassen, 
das Betasten des Genitales, das zuweilen auch zu Friktionen gesteigert 
wird, kurz, es wird der ganze Sexualmechanismus — genitale wie extra- 
genitale Zonen — in Gang gebracht, um förmlich seine Leistungs- 
fähigkeit zu erweisen und zu sichern. 



Über Onanie. 103 

So betrachtet steht die masturbatorische Betätigung" im Dienste 
biologischer Interessen und kann daher — ausser etwa exzessiv be- 
trieben oder durch ein mächtiges Verbotstrauma gehemmt — kerne 
schädlichen Wirkungen üben. 

Aus dieser ersten, sehr regen Sexualepoche tritt das Kind in die 
Latenzperiode ein. Ganz schematisch gesprochen ist dies jene Zeit, wo 
sich die Organe des Menschen in steter Entwicklung befinden, ohne 
ihre endgültige Gestaltung zu erfahren, „wo auch der Zufluss der in- 
fantilen Sexualregungen nicht aufgehört hat, deren Energie aber ganz 
oder zum grössten Teile von der sexuellen Verwendung abgeleitet oder 
anderen Zwecken zugeführt wird". 

„Während dieser Periode totaler oder bloss partieller Latenz 
werden die seelischen Mächte aufgebaut, die später dem Sexualtrieb als 
Hemmnisse in den Weg treten und gleichwie Dämme seine Richtung 
beengen werden. (Das ist der Ekel, das Schamgefühl, die ästhetischen 
und moralischen VorsteUungsmassen.)" 

Aus dieser Zeit stammen natürlich auch die Hemmungen, die sich 
der Masturbation entgegenstellen und in der Folgezeit eine so unge- 
heuere Bedeutung erlangen. 

In dieser Zeit unterbleiben in der Regel die masturbatorischen 
Betätigungen, setzen aber dort, wo sie dennoch betrieben werden, be- 
reits die ersten sichtbaren Zeichen der physischen und psychischen 
Schädigung. Die Kinder werden scheu, reizbar und grantig und ver- 
raten so, wie sehr sie unter ihren den Hemmungen entgegenarbeiten- 
den Sexualbedürfnissen leiden. Nur wo der Organismus kräftig genug, 
der psychische Aufbau noch nicht vollendet ist, wird die Onanie auch 
dieser Zeit ohne Schaden überwunden werden. 

Somit kommen wir zur wichtigsten Stufe der menschlichen Ent- 
wicklung überhaupt, zur Pubertät. 

Ich will nur kurz darauf hinweisen, dass sich um diese Zeit rein 
äusserliche Veränderungen am kindlichen Organismus vollziehen, die 
der Pubertät ihr Gepräge geben ; die als sekundäres Geschlechtsmerkmal 
auftretende Behaarung, die leichte Rundung der Formen bei Frauen, 
die bei Knaben durch Verknöcherung des Kehlkopfknorpels hervor- 
gerufene Stimmwandlung u. dgl. m. 

Wichtig jedoch ist die Entwicklung der Keimdrüsen und der gleich- 
zeitige Schwund der Thymus, „ein Antagonismus, den erst neuere Unter- 
suchungen aus scheinbarer Bedeutungslosigkeit in wesentlich anderes 
Licht gesetzt haben" '). 



l ) Dr. W. v. Holst: Über das Entwicklnngsalter vom neurolog. Standpunkt. 
St, Petersburger mediz. Zeitschrift, 37. Jahrg.. Nr. 4. 



104 „Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

Hendersen beobachtete, dass die Thymusdrüse bei jungen Stieren 
und Kühen um so schneller verschwand, je früher sie zur Zucht benutzt 
wurden, womit ein wichtiger Zusammenhang zwischen generativer und 
sekretorischer Funktion der Genitaldrüsen aufgedeckt erscheint. Biedl 
meint, dass die Thymus auf die Entwicklung der Keimdrüsen einen 
wahrscheinlich hemmenden Einfluss ausübt und dass anscheinend auch 
die Keife der Keimdrüsen auf die Involution der Thymus bestimmend 
einwirkt. Es ist leicht einzusehen, dass eine von aussen eingreifende 
Störung dieser organischen Wechselwirkungen bedeutsame Schädigungen 
zur Folge haben wird. 

„Dass auch die Hypophysis im Zusammenhange mit Wachstums- 
und Geschlechtsvorgängen an Grösse zunimmt, ist erst in neuester Zeit 
beobachtet worden. So wenig man von der normalen Funktion dieser 
Drüsen wusste, der Umstand, dass eine Veränderung ihrer Tätig- 
keit zu hochgradigen Störungen führte, sprach deutlich für ihre Wichtig- 
keit im Haushalte des Organismus" '). 

Es ergibt sich schon aus diesen zwei Beispielen, wie verwickelt 
die wechselseitigen Beziehungen der Drüsen mit innerer Sekretion gerade 
während der uns hier beschäftigenden Reifezeit sind. 

Wie einschneidend die sich zu dieser Zeit abspielenden psychischen 
Umwälzungen sind, hat bereits der Volksmund durch die Bezeichnung 
„Flegeljahre" ausgesprochen. Wir alle kennen das dreiste und freche 
Wesen, das oft mit Verlegenheit und Zerstreutheit gepaart ist, die 
sonderbare, alles umfassende Sehnsucht, die diese allgemeine Evolutions- 
periode kennzeichnet. 

Es. ergibt sich daraus, dass alle körperlichen und geistigen Ab- 
weichungen von der Regel während der Entwicklungsjahre ganz be- 
sondere und nachhaltige Wirkungen entfalten, dass sie aber auch von 
einem Sondergesichtspunkt beurteilt werden müssen, „da die geistio-e 
Unausgeglichenheit mitbedingt ist durch den Mangel an endgiltig ge- 
regelter körperlicher Ökonomie und an vielen wichtigen Punkten noch 
eine wechselseitige Anpassung unter dem ordnenden Einfluss des selbst 
noch unfertigen Gehirns zu erwarten steht." 

Dass die Masturbation in dieser Zeit allerhand Störungen auslöst, 
ist also eigentlich selbstverständlich. Auch wenn wir nur daran 
denken, dass eine vorzeitige Beteiligung der unreifen Sexualdrüsen auf 
den oben angedeuteten Wegen eine Erschütterung des ganzen Organis- 
mus zur Folge haben kann, da ja die Drüsenprodukte ins Blut ge- 
langen, von dort anderen Zellarten zugeführt werden, die infolgedessen 
ihr spezifisches Produkt nicht mehr liefern können, und somit eine all- 
gemeine Sekretionsstörung nach sich ziehen werden. Dieser Prozess 



') Siehe dieses und auch das folgende Zitat wie oben. 



über Onanie. 



10b 



weist obenhin auf die toxische Natur der durch vorzeitige Sexualübung 
hervorgerufenen Schädlichkeiten hin. 

Die Arten dieser Sexualmanipulationen sind natürlich verschieden 
und setzen dementsprechend verschiedene Wirkungen. 

Die gewöhnlichste ist wohl die manuelle Friktion der Genitalzone, 
die anscheinend die günstigere Prognose neben der psychischen Onanie 
erlaubt. Aber auch die Auslösung von Lustempfindungen durch Reizung 
extragenitaler Zonen werden wir zur Masturbation zuzurechnen haben, 
was übrigens auch von unbefangenen Autoren — ich zitiere nur 
Buch holz, der in Friedreichs Blättern für gerichtliche Medizin 
und Hygiene in einer Arbeit über Mastdarmverletzungen ein gleiches 
bezüglich der Analmasturbation ausgesprochen hat — mehr oder minder 
anerkannt wird. 

Welche von beiden Formen, die genitale oder extragenitale Mastur- 
bation, die schädlichere ist, wird sich schwer sagen lassen, wiewohl ich 
persönlich den Eindruck habe, als ob die erschöpfende Entziehung von 
Sexualstoffen durch das Ejakulat für das Gleichgewicht des Körpers 
nicht ganz ohne Bedeutung wäre, und als ob dieses Manko einen 
spezifischen Symptomenkomplex setzen würde, den wir als den neura- 
sthenischen bezeichnen und der durch Müdigkeit, Mattigkeit, Unlust zur 
Arbeit etc. charakterisiert ist. 

Ferner scheint es mir, als ob diese physische Onanie umso weniger 
schädlich wäre, je mehr sie sich dem normalen Koitus nähert. Es ist, 
als ob zur befriedigenden Entspannung der Libido ein harmonisches 
Zusammenwirken aller Sexualdrüsen notwendig wäre und als ob sich 
dieser Zusammenklang nur unter den günstigsten Bedingungen ein- 
stellen würde. Für diese Bedingungen halte ich die Heizung sämt- 
licher erogener Zonen, wie des Auges, der Haut, die Betätigung 
des Sadismus, hauptsächlich aber den Ausschluss jeder psychischen 
Tätigkeit. 

Das leitet uns zur psychischen Onanie über, die bekanntlich in 
der Mehrzahl der Fälle schwerere Symptome erzeugt, als die manuelle. 
Ich möchte hier nur kurz einschalten, dass wahrscheinlich schon die 
mechanisch hervorgerufene Beförderung der Sexualstoffe einen gewissen 
Vorzug gegenüber der psychisch erfolgten verdient. Andererseits scheint 
die psychische Dissoziation jenem erforderlichen idealen Zusammenwirken 
der Drüsenfunktionen recht abträglich zu sein, was ich durch ein Bei- 
spiel erhärten möchte. Es ist eine bekannte Tatsache, dass die intensive 
geistige Beschäftigung während des Essens eine Störung der Ver- 
dauungstätigkeit zur Folge hat. Diese kann nur durch eine Hemmung 
der Drüsenfunktion zustande kommen, welche wiederum der Dissoziation 
zuzuschreiben ist. So ähnlich stelle ich mir den Vorgang bei der 



106 



„Wiener psychosinalyrisehe Diskussionen.' 



Masturbation vor und zwar scheint die Störung- umso empfindlicher zu 
sein, je intensiver die Vorstellungsarbeit am Werke ist. 

An dieser Stelle möchte ich einen Hinweis auf die von Rosen- 
stein letzthin hier ausgesprochene Ansicht von der Funktionshemmung 
als Folge psychischer Widerstände nicht unterlassen, weil ich der Über- 
zeugung bin, dass Scham, Ekel und Moral die Drüsenfunktion sehr gut 
bestimmen können. Dass Lust und Unlustgefühle die Zusammen- 
setzung der Drüsensekretion verändern, lässt sich an dem bekannten 
Beispiel erweisen, dass sich nämlich bei Hunden das Speicheldrüsen- 
sekret, je nachdem, ob man ihnen Brot oder Fleisch zum Frasse vor- 
setzt, in seinen Bestandteilen verwandelt. 

Dass sowohl bei der physischen, wie auch bei der psychischen 
Onanie eine unbewusst mitschwingende Komponente, nämlich die 
instinktive Erkenntnis der Artzweckwidrigkeit dieses Sexualgenusses, 
den glatten Ablauf des Sexualaktes hemmt, scheint mir sehr nahe- 
liegend. 

Auch auf die Häufigkeit der Sexual- resp. Masturbationsbetätigung 
wird ein gewisses Gewicht zu legen sein, wenn wir auch eingestehen 
müssen, dass gerade in dieser Beziehung einer objektiven Beobachtung 
durch das verschiedene Individualmaß erhebliche Schwierigkeiten in 
den Weg gelegt werden. Dass aber exzessive Onanie relativ ebenso 
schädlich wirkt, wie übertrieben häufiger Koitus lehrt die tägliche Er- 
fahrung. 

Lenken wir nun unsere Aufmerksamkeit noch einmal auf die durch 
jede Art der Masturbation hervorgerufene Störung der inneren Sekretion, 
so können wir von hier aus zum Teil durch den Hinweis auf die 
Alkaloid- und Alkoholintoxikation die Erklärung für die Persistenz 
dieses Übels geben. Es stellt sich wahrscheinlich ebenso wie nach 
Genuss von Alkaloiden nach kurzer Zeit wieder der Reizhunger ein, 
der sich nur wieder durch dasselbe oder ein ähnliches Alkaloid aus- 
reichend befriedigen lässt, und es ist übrigens auch hier eine fest- 
stehende Tatsache, dass der Schwellenwert der anfangs zulänglichen 
Dosis immer mehr und mehr absinkt, sodass es schliesslich zur uner- 
sättlichen Einverleibung des Giftstoffes und damit zum entsprechenden 
— ismus kommt. • — Halten wir noch eine Analogie daneben, dass 
nämlich — wie Kraepelin ausführt — die Alkoholintoxikation das 
Wollen erleichtert, andererseits auf Willenserregung regelmäßig eine 
Willenslähmimg erfolgt u. ■/.. umso früher und stärker, je erheblicher 
die Menge des genossenen Alkohols war und erinnern wir uns daran, 
dass wir von der Voraussetzung eines gewissen Parallelismus von 
Alkohol- und Sexualstoffintoxikation ausgegangen sind, so wird uns 
auch in dieser Hinsicht der willenschwache, unverbesserliche Mastur- 
bant verständlich. Ist doch übrigens der Masturbant ebenso wie der 



Über Ouanie. ]Q7 

Alkoholiker stets bereit, auftauchende Unlustgefühle im Rausche zu 
ersäufen und so wenigstens für kurze Zeit an sein Leid zu vergessen. 
Nun blieben uns noch einige Worte über die Spätmasturbation 
zu sagen. Es wird wohl den Eindruck gemacht haben, dass ich nach 
dem Ausgeführten die Masturbation mehr als ein notwendiges Übel des 
Entwickluugsalters betrachtet haben wollte und der Meinung bin, dass 
ihr in diesem Pantarrhei der Entfaltung keine so überragende Be- 
deutung zukommt. Denn schliesslich wird sie ja in der Mehrzahl der 
Fälle restlos überwunden und es steht die Frage, ob nicht, wie 
Dr. Steiner ausgeführt hat, die minderwertige Anlage an der Schäd- 
lichkeit am meisten beteiligt ist. Denn wo die Onanie noch in sputen 
Jahren auftritt, handelt es sich wohl in der Regel um Neuropathen, 
die infolge unlöslicher Fixierungen ihre Libido in der von Freud 
als normales Sexualziel bezeichneten Art zu entladen nicht im- 
stande sind. 



XII. 
Dr. Rank: 

Von wie grosser praktischer Bedeutung bei der Masturbation die 
Frage nach der Schädlichkeit auch sein mag. die in fast allen wissen- 
schaftlichen Diskussionen dieses Themas zum Ausgangs- und Kernpunkt 
genommen wird, so scheint sie doch einem derart komplizierten Problem 
gegenüber völlig unangemessen und allgemein nicht zu beantworten. 
Das anscheinend einheitliche Bild der Masturbation erweist sich bei 
näherem Zusehen als ein Mosaikgebilde aus den verschiedensten sexuellen 
Regungen, Betätigungen. Yorstellungs- und Gefühlskomplexen, so dass 
es, wenn man die Verschiedenheiten der einzelnen sexuellen Konsti- 
tutionen hinzunimmt, begreiflich wird, wieso die Onanie bei dem einen 
für gewisse Störungen seines Sexual- oder Gemütslebens verantwortlich 
werden kann, dem andern vielleicht gar zum Verhängnis wird, während 
sie in einer ebenfalls nicht geringen Anzahl von Fällen ohne besondere 
Schädigung vertragen wird, ja unter gewissen Voraussetzungen sogar 
von einer Art späterem Nutzen dieses vorzeitigen sexuellen Lust- 
mechanismus gesprochen werden kann. Dazu kommt die durch Freuds 
Untersuchungen über die Kindersexualität nahegelegte Erwägung, dass 
die masturbatorische Befriedigung als eine der Formen autoerotischer 
Betätigung bis zu einem gewissen Ausmaße im Kindesalter als normales 
Entwicklungsstadium anzusehen ist, das allerdings durch übermäßige 
Ausdehnung und Fixierung ebenso schädlich wirksam werden kann, 
wie jede andere Entwicklungsstörung der Psychosexualität. Ist es unter 
diesen Verhältnissen unmöglich, die Masturbation in ihren Folgen allge- 



- 



108 ..Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

mein zu werten, so wird auch bei individuellem Eingehen auf einzelne 
Fälle oder abgesonderte Teilprobleme des weitverzweigten Onanie- 
komplexes die Frage nach der Schädlichkeit zurückzutreten haben hinter 
der von utilitaristischen Voraussetzungen unbeeinflußten Erforschung 
der Tatsachen und der ihnen zugrunde liegenden psychosexuellen Zu- 
sammenhänge. Es wird dann vielleicht in einem tieferen Sinne als der 
Gesichtspunkt der Schädlichkeit und Unschädlichkeit gestattet von der 
Bedeutung der Onanie nicht nur für das Sexualleben des Individuums, 
sondern für dessen gesamte psychische und Charakterentwicklung zu 
sprechen sein. 

Über die allgemeinen Ursachen, den weiteren Entwicklungs- und 
Ausgang sowie über gewisse Begleiterscheinungen und Folgen der 
masturbatorischen Sexualbetätigung haben uns die psychoanalytischen 
Untersuchungen manches Neue gelehrt. Wir wissen, dass die , physio- 
logische" Säuglingsonanie, die natürlich nicht dem bewussten mastur- 
batorischen Akt des Erwachsenen gleichzusetzen ist, dazu dient, das 
künftige Primat der Genitalzone festzulegen s ) , dass dieser vorwiegend 
reflektorische Lustmechanismus nach einer gewissen Latenzzeit in der 
Masturbationsbetätigung der Kinderjahre als offenkundige Sexual- 
betätigung wieder auflebt, die dann in der Regel mit weiteren Unter- 
brechungen, nicht selten aber auch kontinuierlich bis in die Pubertäts- 
zeit fortgesetzt wird, womit nach Freud bereits die erste grosse 
Abweichung von der für den Kulturmenschen anzustrebenden Entwicklung 
gegeben sein kann. Aus der mehr oder minder langen und kontinuier- 
lichen Fortsetzung der Selbstbefriedigung, die natürlich wieder ihre be- 
sonderen Ursachen hat, erklärt sich zum Teil die widerspruchsvolle 
Tatsache, dass sie mitunter ohne besondere Schwierigkeiten von der 
normalen Sexualbetätigung abgelöst wird, während in vielen Fällen 
heftige innere Kämpfe vorausgehen, in denen nicht immer das Individuum 
siegreich bleibt. Aus dem Studium der Triebregungen und ihrer Ver- 
drängungsvorgänge glauben wir jedoch erkannt zu haben, dass der oft 
fürchterliche und in seinen psychischen Folgen gewiss lange noch nicht 
voll gewürdigte Abwehrkampf gegen die Masturbation zunächst nicht 
— wie man annimmt — durch äussere Einflüsse der Erziehung und 
Abschreckung eingeleitet zu werden braucht, sondern sich unter ge- 
wissen Bedingungen als spontane psychische Reaktion einstellen kann. 
Es kann sich hier natürlich nicht um die Vertretung der kaum beweis- 
baren Behauptung handeln, dass das masturbierende Individuum in 
solchen Fällen zu keiner Zeit und in keiner Form eine warnende äussere 
Einwirkung erfahren hätte, obwohl ich auch solche Fälle beobachtet zu 
haben glaube. Das Problem bleibt im Grunde unverändert bestehen, 

] ) Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (2. Aufl. 1910). 



Über Onanie. 109 

wenn wir die grosse Zahl von Fällen hinzunehmen . wo eine zufällig 
aufgefangene oder harmlos gemeinte Bemerkung die gleichen schweren 
psychischen Folgen nach sich zu ziehen vermag, wie wir sie sonst nur 
von den schwersten, bald intensiv verdrängten, Drohungen (Kastration, 
Todsünde, gesundheitliche Schädigung) autoritativer Personen (Vater, 
Priester, Arzt) ausgehen sehen. Anderseits brauchen selbst so schwere 
Drohungen, wie uns Freuds Analyse des ä jährigen Hans 1 ) gezeigt hat, 
nicht unmittelbar zu wirken, weil sie es eben nur dann vermögen, wenn 
sich das Individuum selbst bereits in der entsprechenden psychischen 
Verfassung (Verdrängungsstadium) befindet und also dem Trauma ent- 
o-esrenkommt, das somit nicht durch die im Erfolg so wechselvolle 
äussere Einwirkung, sondern durch die entsprechende psychische Kon- 
stellation — eventuell auch ohne Einwirkung von aussen — geschaffen 
wird. Die ersten Anzeichen dieses rein innerlichen Konfliktes sind die oft 
schon recht frühzeitig auftretenden S c h u 1 d g e fü h 1 e und Selbst vorwürfe, 
die zunächst unklar und ganz allgemein die masturbatorische Befriedigung 
verwerflich erscheinen lassen, recht bald aber diese Abwehrtendenz zu 
rationalisieren suchen durch die bekannten Befürchtungen zu verblöden, 
dauernd organisch zu erkranken, die Zeugungsfähigkeit zu verlieren, 
von jedem als Onanist erkannt und verachtet zu werden etc. Bei diesem 
Prozess der bewussten Rechtfertigung unverstandener Ablehnungsgefühle 
spielen die äusseren, durch Erziehung, Verkehr und Lektüre gegebenen 
abschreckenden Einflüsse, die man für das Movens des ganzen Zustandes 
ausgegeben hat, die Rolle von willkommenen Anlässen zur Rationali- 
sierung der instinktiven Abwehrtendenzen. Ihre mächtige, aber nur 
scheinbar autonome Wirkung erklärt sich eben daraus, dass sie auf 
einen in jeder Hinsicht bereits vorbereiteten Boden fallen. Nach den 
wenigen mir in diesem Punkte zu Gebote stehenden Erfahrungen scheint 
es, dass selbst eine bis über die normale Altersgrenze lange fortgesetzte 
Onanie so lange und so weit sie als vollwertige Sexualbefriedigung 
wirkt und nicht als unbefriedigender und unzureichender Akt empfunden 
oder erkannt wird, ohne besondere Schuldgefühle einherzugehen pflegt, 
während das Schuldbewusstsein in jenen Fällen am schwersten empfunden 
wird, wo die masturbatorische Befriedigung dem Individuuni, meist unter 
der Tendenz nach dem normalen Sexualakt, zu einer inadäquaten ge- 
worden ist. Mitunter äussert sich das in krasser Weise darin, dass dem 
Individuum die ehemalige Sexualbefriedigung direkt zu einer Unbe- 
friedigung wird, von der es aber doch nicht ablassen kann. Diese so 
paradoxe Erscheinung würde aber gerade aus der unvollkommenen Be- 
friedigungsmöglichkeit des einzelnen onanistischen Aktes verständlich, die 
das Individuum nötigt, zur Erlangung einer vollständigeren Befriedigung 



4 Jahrb. f. Psa. 1, 1909, S..3 und 23. 



110 



.Wiener psychoanalytische Diskussionen." 



den Akt immer wieder und in gehäufter Weise auszuführen, wodurch 
es — ein entsprechend verstärktes Sexualbedürfnis vorausgesetzt — zur 
exzessiven Onanie gelangt, die dann als Ursache des Schuldgefühls 
erscheint, während sie doch ebenso wie dieses selbst nur als Folge der 
inadäquaten und unvollkommenen Befriedigung auftritt. Nehmen wir 
noch hinzu die häufigen und oft schweren Angstzustände, die sich fast 
immer im Gefolge exzessiver Masturbation beim Kinde einstellen, so 
müssen wir uns das Schuldgefühl entstanden denken, ähnlich wie die 
von Freud 1 ) aufgeklärte Angst bei der Angstneurose, aus psychisch 
nicht voll bewältigten Sexualerregungen, die im Kindesalter trotz exzessiver 
Masturbation nicht restlos verarbeitet werden können, weil der psychische 
Apparat der vorzeitigen intensiven Sexualbetätigung entsprechend noch 
nicht hinlänglich entwickelt ist, während im späteren Pubertätsalter 
wieder ein Teil der bereits voll entwickelten dem Objekt geltenden 
Sexualerregungen im Masturbationsakt unbefriedigt bleibt und auf diese 
Weise zur Angstentbindung mittels des gleichen Mechanismus führt. 
Eine dritte Quelle der Angstentwicklung auf der Basis der Masturbation 
ergibt sich nach Freud (1. c), wenn der Erwachsene die bis dahin 
geübte Onanie aus Schuldbewusstsein aufgibt ohne den Geschlechts- 
verkehr aufnehmen zu können. Es kann in diesem Falle der im Kindes- 
alter bereits vorgebildete und späterhin in Funktion erhaltene Mechanismus 
der Angstentwicklung zur Angstneurose führen, weil infolge der Abstinenz 
nicht einmal mehr eine relative Befriedigung zustande kommt, während 
die Sexualerregung immer wieder entsteht. Das Auftreten der Angst 
im Gefolge der Kinderonanie hängt mit der Entstehung der Angst im 
Kindesalter überhaupt zusammen, ebenso wie ja die Onanie sich mit 
der infantilen Sexualbetätigung im allgemeinen deckt und nur der 
deutlichste Ausdruck derselben ist. Während nun dem Kinde diese 
Angst meist als solche bewusst wird und sich — wo sie nicht zur 
Phobie führt — von anderen Komplexen beeinflusst als Todesangst 
manifestiert, bewirken die beim reifen Individuum bereits entwickelten 
moralischen Hemmungen die psychische Verkleidung der Angst in das 
Schuldgefühl. In diesem Sinne wäre also das Schuldgefühl selbst — 
und nicht bloss sein Inhalt — schon eine rationalisierte, psychisch 
verkleidete Angst, und die Tatsache, dass es die Schädlichkeit des 
onanistischen Aktes in irgend einer Form zum Inhalt hat, erscheint 
von diesem Gesichtspunkte als wohlberechtigter Ausdruck wirklich 
bestehender psycliischer Verhältnisse, die natürlich in den rationalisierten 
Motivierungen (Verblödung etc.) nur mehr entstellt zum Vorschein 
kommen können. Wie die Angst bei der Onanie zusammenfällt mit 

*) Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten Symptomen- 
komplex als „ Angstneurose " abzutrennen (1895). In Sammlung klein. Schriften zur 
Neurosenlehre, 2. Aufl. 1909. 






Über Onanie. II J 

der aus sexuellen Quellen stammenden Angst im Kindesalter überhaupt, 
so das Schuldgefühl im Gefolge der Onanie mit dem kindlichen Schuld- 
hewusstsein im allgemeinen, das nicht immer und ausschliesslich von 
der Masturbationsbetätigung erzeugt sein muss, aber fast regelmäßig mit 
ihr verknüpft und von ihr rationalisiert wird. — In dem rationalisierten 
Stadium des Konfliktes und als Folge desselben taucht auch erst die deutlich 
bewusste Verwerfung der Masturbation und der entschiedene Vorsatz 
ihrer Abgewöhnung auf, den man bisher konsequent im Sinne der 
Überschüt7,ung der äusseren Momente für den Ausgangspunkt halten 
musste. Dieser bewusste Abwehrkampf ist in der Regel von einem 
ersten Erfolg begleitet: die Masturbation wird seltener geübt — was 
aber anderseits der früheren Abstumpfung gegenüber eigentlich zunächst 
nur neuen Genus.s bedeutet — bis die Gegenvorstellungen mächtig 
genug geworden sind, um das Schuldbewusstsein von der Häufigkeit 
des Aktes auf diesen selbst zu übertragen. Der so verschärfte Ab- 
wehrkampf lässt sich normalerweise nur durch den Übergang zum 
Geschlechtsverkehr beenden, „denn das einmal geweckte und durch 
eine geraume Zeit befriedigte Sexualbedürfnis lässt sich nicht mehr zum 
Schweigen bringen, sondern bloss auf ein anderes Objekt verschieben" 
(Freud). Ist die Erreichung des normalen Sexualzieles infolge innerer 
Hemmungen oder äusserer Schwierigkeiten nicht möglich, so muss der 
aussichtslose Kampf zu neuen Verschärfungen des Konfliktes führen, 
die dann in der Form nervöser Störungen, neurotischer Symptome und 
verschiedener bis zur Lebensunlust gesteigerter Verstimmungszustände 
manifest werden können. In diesem Abwehr- und Verdrängungskampf 
der Masturbationsneigung kommt, wie neuere psychoanalytische For- 
schungen gezeigt haben, den Phantasien, welche in der Regel den mastur- 
batorischen Akt begleiten, eine entscheidende Bedeutung zu. Nicht nur, 
wie Freud gezeigt hat 1 ), als Vorstufe einer Reihe von hysterischen 
Symptomen, die sich bei Aufgeben der onanistischen Befriedigung als 
konvertierter Ersatz der ins Unbewusste verdrängten Befriedigungs- 
phantasie einstellen können, sondern auch als Agens der normalerweise 
zu leistenden Verdrängungsarbeit, da von Inhalt, Intensität und Aft'ekt- 
besetzung der Phantasien die Tiefe des Schuldbewusstseins und der 
Erfolg des Abwehrkampfes zum guten Teile abhängt. Diese den Akt 
einleitenden und begleitenden Phantasien sind nämlich wegen ihres 
meist anstössigen Inhalts an sich schon zur Verdrängung disponiert 
und die nicht selten perverse Befriedigungssituation, welche sie an- 
streben , macht nicht nur die Höhe der Lustempfindung begreiflicher, 
sondern spezialisiert und verstärkt damit das Schuldgefühl bei jenen 
Individuen, die die perverse Befriedigung nicht als vollwertig empfinden 

') Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität (1908). In 
„Sainmlg. kl. Sehr. z. Neurosenlehre, 2. Folge (2. Aufl. 1912). 



112 



..Wiener psychoanalytische Diskussionen.' 



können. Ein grosser Teil der pathogenen Bedeutung fällt so auf die 
den Akt begleitenden oder ihn vertretenden Phantasien, die übrigens 
nicht nur durch ihren unverträglichen Inhalt, sondern ebensosehr durch 
ihre häufig unverkennbare Tendenz nach einem Sexualobjekt die Ab- 
neigung gegen die Selbstbefriedigung verstärken. Nehmen sie doch 
fast immer geliebte Personen der Umgebung, wenn auch mit Vorliebe 
verbotene oder unerreichbare (inzestuöse), zum Ziele der Befriedigung, 
wodurch das Individuum eben auf den masturbatorischen Akt angewiesen 
bleibt, der sich aber doch auf die Dauer zur vollen Befriedigung unzu- 
länglich erweist, wie er sich auch in seiner Ausführung nicht selten 
den Formen des Geschlechtsverkehrs anzunähern pflegt. Es offenbart 
sich darin der spontane Einfluss der erwachenden Objektliebe auf die 
Verdrängung der autoerotischen Betätigung sowie auf die Entstehung 
der Schuldgefühle; und einen Beweis für die Innigkeit dieser Beziehung 
bietet die Tatsache , dass zur Pubertätszeit , wo die Forderung des 
Liebestriebes nach dem Objekt in ihrer vollen Stärke hervortritt, auch 
der Abwehrkampf gewöhnlich akute Form anzunehmen beginnt. 

Die einzelnen Phasen dieses langen und vielfach komplizierten 
Entwicklungsganges der Masturbationsbetätigung und ihrer Verdrängung 
sind in ihren Beziehungen zu späteren neurotischen Störungen und 
Leiden Gegenstand psychoanalytischen Studiums geworden und stehen 
ja zum Teil heute noch in Diskussion. Es scheint aber berechtigt, das 
Problem einmal von anderer Seite im psychoanalytischen Sinne anzugehen 
und zu fragen, ob eine so frühzeitig auftretende, intensiv betriebene und 
so stark gefühlbetonte Betätigung, wie es die Masturbation so häufig 
wird, nicht auch bei jenen Personen, die von ausgesprochen nervösen 
oder neurotischen Erscheinungen verschont geblieben sind, irgendwelche 
nachweisbaren Spuren hinterlassen müsse, die sich als Folgen dieser 
Sexualbetätigung darstellen '). Auf Grund unserer bisherigen Kenntnis 
der Verdrängungsvorgänge müssen wir erwarten, dass dies in ausgiebigem 
Maße der Fall sein wird und auch eine einfache Überlegung muss uns 
ja sagen, dass ein im Verlauf der Entwicklung ausgebildeter Be- 
friedigungsmechanismus, der zur Quelle so hochge werteter Lustempfind- 
ungen und so deprimierender Schuldgefühle geworden ist, nicht plötzlich 
in seinen Folgen aufgehoben und zum spurlosen Verschwinden gebracht 
werden kann. Die Forschungsergebnisse Freuds haben uns im 
Gegenteil darauf vorbereitet, dass die Unterdrückung einzelner asozialer 
Triebregungen und -Befriedigungen zur Gestaltung einer Reihe sozial 
bedeutungsvoller Charakterzüge führt, die „entweder unveränderten Fort- 



] ) Die folgenden Ausführungen hissen auf einem im April 1909 in der „Wiener 
psychoanalytischen Vereinigung' gehaltenen Vortrag „Zur Psychologie des lügen- 
haften Charakters". 



über Onanie. 113 

Setzungen der ursprünglichen Triebe, Sublimierungen derselben oder 
Reaktionsbildungen gegen dieselben" entsprechen '). 

Wollen wir nun die mit nachhaltigen psychischen Wirkungen 
geübte masturbatorische Befriedigung der Genitalzone in ihren nicht- 
neurotischen Folgeerscheinungen für die Psyche, insbesondere mit Rück- 
sicht auf die spätere Ausprägung einzelner auffälliger Charaktereigen- 
tümlichkeiten. würdigen, so genügt es nicht, in landläufiger Weise auf 
die offenkundigen Züge von Schüchternheit , Gesellschaftsscheu und 
Errötungsneigung der Masturbanten hinzuweisen, die sich leicht aus 
ihrem Schuldbewusstsein und dem autoerotischen Sexualleben ergeben, 
das kaum Libido zur Herstellung einer positiven Gefühlsbeziehung zur 
Ausscnwelt verfügbar lässt. Das sind Züge, die zwar ohne weiteres 
den Masturbanten verraten, aber bei normaler Gestaltung des Sexual- 
lebens bis auf gewisse Rudimente zu schwinden pflegen. Dagegen 
scheint es dauernde, vom Pathologischen ins Normale abklingende 
Charakterzüge zu geben, die sich nicht so sehr als Begleit- wie als 
Folgeerscheinungen der überwundenen Masturbation 
erweisen und die festzustellen sowie genetisch aus dem Onaniekomplex 
abzuleiten im Folgenden versucht werden soll. 

Ich darf dabei von einer Beobachtung ausgehen, die ich häufig 
genug machen konnte, um sie nicht für zufällig halten zu müssen. 
Jugendliche Personen beiderlei Geschlechtes, bei denen sich ein auf- 
fälliger Mangel an Wahrheitsliebe bemerkbar machte, den man vielleicht 
schon als pathologisch ansehen durfte, zeichneten sich bei näherem Ein- 
gehen auf ihr Sexualleben auch durch eine in früher Kindheit begonnene 
und bis in die Jahre der Reife fast kontinuierlich in exzessiver Weise 
fortgesetzte Masturbation aus, die von intensiven Schuldgefühlen begleitet 
zu einem heftigen Abwehrkampf geführt hatte. Gestattete die Art 
dieses Zusammentreffens jede Zufälligkeit dabei auszuschliessen, so war 
anderseits ein kausaler Zusammenhang dieser beiden Erfahrungstatsachen 
zunächst nicht ersichtlich. Zwar konnte man sich sagen, dass die Aus- 
übung einer verpönten und jahrelang in beständiger Heimlichkeit und 
Furcht vor Entdeckung fortgesetzten Sexualhandlung zur Verstellung 
und Unaufrichtigkeit führen müsse; allein das zwingende Moment, wie 
es sich in der pathologischen Lügenhaftigkeit ausprägt, war damit 
nicht erklärt. Es konnte also nicht die abnorme Masturbation als 
solche, die sich übrigens auch weit häufiger findet als pathologische 
Lügenhaftigkeit, den zwanghaften Charakterzug bedingen, sondern seine 
Gestaltung musste nach Analogie der uns bei der Bildung anderer 
Charakterzüge bekannten Vorgänge von der Art der Überwindung der 

J ) Freud: Charakter und Analerotik. In: Sammlung kleiner Schriften zur 
Neurosenlehre. 2. Folge, 1909 (2. Aufl. 1912), S. 132 u. ff. 

Wiener Diskussionen. (Heft II.) 8 



114 „Wiener psychoanalytische Diskussionen. - ' 

Masturbation und dem Erfolg der Verdrängung der dazu gehörigen 
psychischen Mechanismen abhängen. Es ist beachtenswert und für das 
frühzeitige und spontane Auftreten der sexuellen Schuldgefühle aus dem 
Rahmen der Sexualsphäre selbst beweisend, mit welch raffinierter Heim- 
lichkeit das Kind und das heranwachsende Individuum die Masturbation 
sowie deren etwaige Anzeichen und Folgen zu verbergen sucht. Zu- 
meist gelingt dies auch so gut, dass kaum der Kundige, geschweige die 
weniger scharfsichtige und durch Vorurteile mancher Art geblendete 
Umgebung etwas von den Vorgängen merkt. Ob sich innerhall) dieser 
allgemeinen Sphäre von Heimlichkeit, mit welcher die Masturbation von 
Haus aus umgeben ist, für das Kind eine direkte Nötigung zur Lüge 
zum Zwecke der Verheimlichung der Masturbation ergeben hat oder 
nicht scheint weniger von Bedeutung als die Tatsache, dass diese «-anze 
psychische Konstellation durch ihre Verankerung im Sexuellen einer- 
seits zur späteren Verdrängung mit allen ihren Folgen disponiert wird 
anderseits sich der so fixierte Mechanismus der Verheimlichung infolge 
des „psychosexuellen Parallelismus " sowie zur Verhüllung seines Ur- 
sprungs allmählich auf die verschiedensten Beziehungen überträgt. So 
halten diese Menschen bald auch ihre Phantasien, selbst wenn sie in 
keiner direkten Beziehung zum Mastnrbationsakt mehr stehen, mit einer 
oft erstaunlichen Schamhaftigkeit und Hartnäckigkeit geheim, werden 
verschlossene Naturen und Heimlichkeitskrämer, die auch in ihre nor- 
malen Liebesbeziehungen immer ein Stück Heimlichkeit hineinzutragen 
wissen a ), die alles sorgfältig verschliessen, sich immer überrascht fühlen, 
in Gesellschaft allerlei Unzulänglichkeiten und Unfälngkeiten zeigen, 
die mitunter in Form neurotischer Störungen übermächtig werden 
(besonders Ess- und Sprechstörungen). Ergeben sich diese oft zu 
dauernden Eigenschaften fixierten Züge als direkte Folgen der Mastur- 
bationverheimlichung und ihrer Ausbreitungstendenz, so müssen wir 
zum Verständnis des zwangslügenhaften Charakters die Verdrängungs- 
vorgänge innerhalb des Masturbationskomplexes heranziehen. Dabei kann 
die frühzeitig begonnene und lange fortgesetzte Masturbation mit ihrer 
innerlichen das Schuldgefühl fixierenden Nötigung zur Verheimlichung 
sowie der Erfolg derselben, das Unentdecktbleiben, nur als Vorbedingung 
für das Zustandekommen der besonderen Charakterbildung, gelten. 
Es muss hier nachdrücklich darauf hingewiesen werden, dass es sich 
bei der im Folgenden aufgezeigten Charakterentwicklung ganz im Sinne 
der spontanen Entstehung des Schuldgefühls, um den Fall handelt, wo 

') Diese Beziehung auf die Masturbation hat Kollege R.Wagne r zur Aufklärung 
der für eine Sageiigruppe typischen Feengestalten verwertet, die dem Helden unter 
der Bedingung strengster Geheimhaltung immer und überall und für andere unsicht- 
bar auf seinen Wink zur Liebesumarnmng erscheinen. (R. Wagner: Versuch einer 
Deutung von Stuckens „Lanval". Zentralbl. f. Psa. I. Jhg. S. 518). 



Über Onanie. ] ] 5 

die Onanie des Individuums Geheimnis geblieben ist, also nicht entdeckt 
und demgemäß auch nicht verboten oder bestraft werden konnte. Wird 
die Onanie des Kindes entdeckt und dementsprechend mit einem Verbot 
belegt, so ergeben sich andere psychische Folgen für das Individuum, 
die hier nicht erörtert werden können; es mag jedoch erwähnt sein, 
dass in vielen Fällen späterer neurotischer Erkrankung derartige Ver- 
bottraumen aus der Verdrängung pathogen wirksam werden. 

In diese Sphäre der Unaufrichtigkeit vor sich und vor anderen 
greifen der Abwehrkampf und die Verdrängungsvorgänge mächtig ein. 
Wie dies im Detail vor sich geht, liesse sich tiberzeugend nur am aus- 
führlich mitgeteilten psychoanalytischen Material zeigen; doch kann 
man sich auf Grund gewisser typischer Erfahrungen etwa folgende 
schematische Vorstellung davon machen. In dem lange schwankenden 
und wechselvollen Kampf, dessen Erfolg die bewusste Verheimlichung 
des „Lasters" entbehrlich machen soll, kommt es gelegentlich der un- 
vermeidlichen Häufung von Rückfällen zur Verdrängung der aufdring- 
lichen und störenden Selbstvorwürfe sowie des bewussten Abstinenz- 
vorsatzes, die sich schliesslich im Unbewussten fixieren kann. Es tritt 
dann an Stelle der bewusst gewesenen psychischen Abwehreinstellung, 
die sich etwa in der Forderung ausdrücken liesse : du darfst nicht mehr 
masturbieren (weil es schädigend, entwürdigend, verwerflich ist) im 
Bewusstsein der Zwang zur Ableugnung, zur Verheimlichung — der 
Wahrheit — ein, gleichsam als Antwort auf den aus der Verdrängung 
wirkenden Vorwurf des Schuldgefühls, dass die Masturbation doch nicht 
überwunden sei. Wir würden also sagen: der „pathologische" (= unbe- 
wusste) Zwang zum lügen, spezieller zur Verheimlichung der Wahrheit, 
stellt sich ein als Reaktion aiff den missglückten Abwehrkampf gegen 
die unerträglich gewordene Masturbationsgewohnheit , die das Indivi- 
duum endgültig, doch nicht aufzugeben vermag. Die Verschiebung des 
Wahrheitsbegriffes vom Sexuellen auf anderes Gebiet, welche der ver- 
hüllenden Verallgemeinerung der Zwangsneurose gleichkommt 1 ), wird 
erleichtert durch die psychoanalytisch erwiesene Tatsache, dass auch 
der ursprüngliche Erkenntnis- und Wahrheitsdrang des Kindes sich aus 
der sexuellen Neugierde entwickelt, ein Zusammenhang, der seinen 
Niederschlag nicht nur in verschiedenen Redewendungen und Gleich- 
nissen gefunden hat (die nackte Wahrheit-), den Schleier der Wahr- 
heit lüften, die Wahrheit enthüllen, erkennen == beischlafen etc.), son- 
dern auch in der Neurose deutlich zum Vorschein kommt. :| ) Das 

U Siehe Freud im Jahrb. f. psa. Forschungen, Bd. I., 1909, S. 419. 

2) Vgl. die Mitteilung Dr. Furtmüllers: Nuda veritas im Zentralbl. f 
Psa. I. Jahrg.. 1911, S. 273. 

8) L. B ins wangers Patientin Irma, mit der wir uns noch beschäftigen 
•werden, identifiziert direkt Wahrheit mit sexuellem Wissen (Versuch einer Hvsterie- 
analysc. Jahrb. f. psa. Forschg. I. S. 262). 



116 



..Wiener psychoanalytische Diskussionen.' 



Zwang mäßige im lügenhaften Charakter wird auf Grund des psychi- 
schen Mechanismus der Reaktionsbildung x ) verständlich, demzufolge 
einem unvollkommen ver drängte n Gedankenzug eine überwertige Ein- 
stellung m eist entgegen gesetzten Inhalts im Be wusstsein das Gleich- 
gewicht zu halten hat 2 ). Die Nötigung zur Verheimlichung oder Ab- 
leugnung der Wahrheit erklärt sich so als beständige aufs intellektuelle 
Gebiet verschobene Abwehr des beschämenden Selbstgeständnisses der 
Sexualwahrheit, als kontinuierlich aufrechterhaltene Beruhigung der aus 
der Verdrängung wirkenden Selbstvorwürfe und Schuldgefühle, sowie 
als stete Selbstversicherung der gelungenen Verheimlichung der nicht 
völlig überwundenen Masturbationsneigung. 

Es muss jedoch hervorgehoben werden, dass der supponierte Ver- 
drängungsvorgang zu einer ganz bestimmten Form der Lügenhaftigkeit 
führt, die sich in den mir bekannt gewordenen Fällen übereinstimmend 
fand und auch auf Grund unserer theoretischen Erwägungen verständ- 
lich wird. Es ist ohne weiteres klar, dass wir von den landläufigen 
Not- und Gelegenheitslügen hier vollkommen absehen, die wir als ein 
notwendiges soziales Übel zu betrachten gelernt haben. Ebenso von 
den gelegentlichen Lügen der Kinder, die sie — wie so vieles andere — 
einfach von den Erwachsenen lernen. Auch die psychologisch inter- 
essantere, manchmal schon pathologisch zu nennende Lügensucht (Auf- 
schneiderei), die in gewisse paranoische Wahnbildungen übergeht, 
müssen wir trotz naher Beziehungen zu unserem Thema zunächst aus- 
schliessen. Diese Lügengewebe, die sich als streng determiniert erweisen 
und als wunscherfüllende Korrekturen des realen Lebens meist Kom- 
promisse zwischen der Wirklichkeit und der Unerreichbarkeit her- 
zustellen suchen, sind nicht nur, wie Delbrück 3 ) ausgeführt hat, mit 
der „Phantasie'' eng verwandt, sondern erweisen sich bei psychoana- 
lytischer Betrachtung direkt als zum Bewusstsein zugelassene zensurierte 
Phantasien des Unbewussten. Die Sicherheit und Geschlossenheit, mit 
der das Lügengespinst (Roman) scheinbar spontan produziert wird, ver- 
raten uns schon rein formal, das längst fertige Phantasien oder Bruch- 
stücke von solchen nach Art der Traumarbeit zusammengeschmolzen 
und nach entsprechender Bearbeitung nicht bloss zum Bewusstsein, 
sondern zur Mitteilung zugelassen werden. Was subjektiv den Charakter 
der Phantasie aufweist, erscheint objektiv und kritiklos mit dem An- 



i) Freud: Kleine Schriften z. Neurosenlehre, 2. Folge, 1909; S. 47. 

2 ) In der Diskussion hat Dr. Federn darauf hingewiesen, dass der zwang- 
haftc Zug von einer frühzeitig und intensiv erwachten, hald verdrängten Kinder- 
onanie verstärkt wird, die — in der Pubertät aufgefrischt — bei dem neuerlichen 
Verdrängungsversuch im Sinne des Reaktionsinechanismus aus dem Unbewussten 
nachwirkt. 

3) Die pathologische Lüge etc. Stuttgart 1891. 






Übet Onanie. 117 

sprach uuf Glaubwürdigkeit vorgebracht als leicht zu durchschauendes 
Lügengewebe. Auch dieser Hang zur pathologischen Aufschneiderei, der 
das sexuelle Gebiet deutlich bevorzugt, scheint mit dem Masturbations- 
komplex zusammenzuhängen, da ja gerade die ehemals zur Herstellung 
der Befriedigungssituation verwendeten Phantasien der intensivsten Ver- 
drängung und Nachwirkung - aus dem Unbewussten fähig sind. Bei 
dem in Rede stehenden Spezialfall des lügenhaften Charakters handelt 
es sich jedoch weniger um diese aufdringliche Form der Lügensucht, 
als vielmehr um ein sozusagen passives Verheimlichen oder trotziges 
Ableugnen der geforderten Wahrheit. Das Wesentliche daran scheint 
die Verheimlichung zu sein und auch wo es zur aktiven Lüge kommt, 
scheint sie weniger dem Zweck der (wunschgemäßen) Entstellung von 
Tatsachen als dem Bedürfnis nach Verleugnung eines psychischen Tat- 
bestandes zu dienen. Unsere Auffassuug, dass es sich bei dieser Form 
der pathologischen Lügenhaftigkeit um den aus dem Unbewussten 
wirkenden Zwang der fortgesetzten Verheimlichung eines abgelehnten 
Komplexes handle, wird gestützt durch die auffällige und eigentlich 
pathologische Widerstandskraft dieser Lügen. Sie sitzen fest wie ein 
AVahn, werden wiederholt als Wahrheit beteuert und sind logischen 
Einwendungen unzugänglich. Werden sie unter dem Zwang von Gegen- 
beweisen endlich eingestanden, so erfolgt das unter Äusserungen von 
Scham ; die Entdeckung der Lüge wirkt wie die Aufdeckung eines 
sexuellen Geheimnisses. Die hier charakterisierte Eigenart dieser Form 
der Zwangsliige vermöchte am besten ein Beispiel zu illustrieren, das 
wir seines allgemeinen Interesses und der besonderen Beweiskraft wegen 
jedem anderen Material vorziehen müssten, wenn uns die notwendige 
ausführliche Mitteilung desselben nicht zu weit von unserem Thema 
abbrächte. Doch sei nicht versäumt, wenn auch nur in flüchtiger Weise 
auf das jedem leicht zugängliche Grimmsche Märchen (Nr. 3) vom 
„Marienkind" hinzuweisen, wo ein Hjähriges Mädchen ihr Vergehen, 
das in der Öffnung einer verbotenen Türe besteht, schamhaft zu ver- 
heimlichen und dann mit einer Hartnäckigkeit abzuleugnen sucht, die 
sich wie die „funktionale Darstellung" ') der Entwicklung des hier 
geschilderten lügenhaften Charakters ausnimmt. Die Treffsicherheit, mit 
der hier alle Charaktere dieser aus dem Zwang zur Verheimlichung 
hervorgegangenen Lügenhaftigkeit geschildert werden, vermag nur der 
voll zu beAvundern, der Ähnliches wirklich gesehen und sich davon 
überzeugt hat. Der beständig aufrechterhaltene und durch Jahre fort- 
wirkende Zwang zur Ableugnung des längst entdeckten Vergehens, die 
Zwecklosigkeit und Hartnäckigkeit der Lüge also , ferner die Unem- 
pfindlichkeit gegen die schwersten Strafen und schliesslich das aus dem 

') Diesen Begriff hat Herbert Silberer aufgestellt und an reichem Material 
erläutert. (Arbeiten im Jahrb. f. psa. Forschg. und im Zentralbl. f. Psa.) 



118 ..Wiener psychoanalytische Diskussionen. " 

Schuldbewusstsein mächtig hervorbrechende Gefühl der Reue, ist als 
charakterologische Schilderung so scharf beobachtet und so echt dar- 
gestellt, dass wir es kaum mehr wunderbar finden können, wenn das- 
selbe Märchen, zwar nicht in einer psychologischen Formel, aber in 
deutlicher symbolischer Einkleidung auch die ätiologische Bedingung 
für die Entstehung dieses lügenhaften Charakters verrät. Das von der 
reinen Jungfrau ausgehende Verbot, die Heimlichkeit der Ausführung, 
die unmittelbar folgenden Angstzustände und Schuldgefühle, die Furcht, 
man könnte ihr die Sünde anmerken , sowie die Art ihrer weiteren 
hartnäckigen Ableugnung und endlichen reumütigen Einbekennung, 
weisen unzweideutig auf die symbolische Darstellung eines sexuellen 
Vergehens hin, dessen Art bei dem Alter des Mädchens sowie auf 
Grund der verwendeten Symbole (Türe, Schloss; Schlüssel, Finger: 
Stummheit etc.) dem Psychoanalytiker nicht zweifelhaft sein kann 1 ). 
Glauben wir so psychologisch verständlich gemacht zu haben, wie 
eine besondere Art des lügenhaften Charakters aus dem Abwehrkampf 
gegen die Masturbation entstehen kann, so ist dies doch nicht der 
einzig mögliche Ausgang dieses Konfliktes. Muss der beständige Zwang 
zur Verheimlichung der Wahrheit, auch wenn er üusserlich als Charakter- 
zug fixiert erscheint, als Erfolg des ungelösten Konfliktes ange- 
sehen werden, so kann derselbe Mechanismus unter den gleichen Vor- 
bedingungen bei endlich gelungener Überwindung der Masturbation zu 
einer Charaktergestaltung führen, die der ersten direkt entgegengesetzt 
ist. Diese befremdende Tatsache verliert durch eine ganze Reihe ähn- 
lich überraschender psychoanalytischer Befunde nicht nur ihre Paradoxie, 
sondern ordnet sich damit einer erkannten Gesetzmäßigkeit des 
psychischen Lebens unter, für welches der Satz les extremes se touchent 
wie für nichts anderes Geltung zu haben scheint 2 ). Wir werden daher 
auch beim Eingehen auf diese konträre Charakterentwicklung zunächst 

J ) Zu dieser typischen Masturbationssymbolik vergl. man den „Traum der 
sich selbst deutet" im Jahrb. f. psa. Forschg. Bd. I], S. 486 u. fg. 

2 ) Diesem Gesetz ordnet sich auch die Bemerkung von Ellis (Geschl. Trieb 
u. Schamgefühl, 3. Aufl. S. 354) unter, der als häufigstes und charakteristischestes 
Zeichen übertriebener Masturbation ein krankhaft gesteigertes Selbstbe wusst- 
sein als Gegengewicht gegen die mangelnde Selbstachtung anführt. Als Gegen- 
stück dazu braucht nur auf die bekannte. Schüchternheit und Bescheiden- 
heit vieler Onanisten hingewiesen zu werden. Spitz ka (nach Ellis) bemerkt 
direkt, dass die Masturbation beim Weibe zuweilen Selbstvorwürfe und Schüchtern- 
heit hervorrufen könne, dass sie aber häufig auch dreist zu machen scheine. Diese 
scheinbar so paradoxen und doch richtigen Beobachtungen werden verständlich auf 
Grund der psychoanalytischen Erkenntnis, dass übertriebene Bescheidenheit und 
Schüchternheit mühsam errungene Verdriingungsprodukte eines gesteigerten Selbst- 
bewusstseins und Aggressionsdranges sind. Der Verdrängungserfolg der Mastur- 
bation dürfte mit entscheiden, ob sich die positive oder negative Seite dieses 
Charakterzuges fixiert. — Es wird hier klar, dass der relativ späte, aber gerade zur 









Über Onanie. 119 

nur eine extreme Ausgestaltung zu berücksichtigen haben und müssen 
das weit abgesteckte Gebiet des normal zu heissenden ausschalten. So 
ist dieser vielleicht nicht pathologisch zu nennende aber doch abnorme 
Zwang zur Wahrheit wohl zu unterscheiden von jener rücksichts- 
losen Aufrichtigkeit gewisser Flegel- und Backfisch jähre (vgl. Sadgers 
Ausführungen), die ihren Stolz darein setzt, sich mit revolutionärer 
Hinwegsetzung über alle diplomatischen Höflichkeitsphrasen und die 
konventionellen Formen des gesellschaftlichen Verkehrs, unliebsam zu 
machen. Während jedoch diese vorübergehende Erscheinung mit Ablauf 
der kritischen Jahre der sozialen Einordnung weicht, handelt es sich 
bei dem völlig verschiedenen Typus, mit dem wir es hier zu tun haben, 
um den von der sozialen AVertung verschieden eingeschätzten Wahr- 
heitsfanatiker, der es als seine Lebensaufgabe betrachtet, der 
Wahrheit: in jeder Form und mit allen Mitteln zu ihrem Rechte zu 
verhelfen gegen eine Gesellschaft, welche diesen Opfermut zwar oft 
genug bewundern, seinen Erfolg aber fast niemals wünschen kann. 
Auf Grund unserer bisherigen Einsichten wird uns die Entwicklung 
dieses Charakterbildes leicht verständlich. Konnten wir den Hang zur 
Heimlichkeit in seinen verschiedenen Formen im Sinne Freuds 
als direkte Folge der geheim gehaltenen Sexualbetätigung, die 
Fixierung des Zwanges zur Ableugnung der Wahrheit als Reaktions- 
bildung gegen den verdrängten Selbstvorwurf der Masturbation auf- 
fassen, so ist der Umwandlung zum Wahrheitsfanatismus der Charakter 
einer Sublimierung nicht abzusprechen. Wie jedoch die Fixierung 
des lügenhaften Charakters erst mit dem Unbewusstwerden (der Ver- 
drängung) der Abwehrgedanken möglich wird, so scheint mit dem end- 
lichen Gelingen ihrer bewussten Festhaltung und der dadurch erreichten 
Unterdrückung der Masturbationsgewohnheit die Bedingung für die 
Sublimierung zum Wahrheitshang gegeben. Es bleibt hier gleichsam 
die Forderung: du darfst nicht mehr mastubieren, bewusst und führt 

Zeit der endgiltigen Charaktergestaltung (in der Pubertät) aktuell werdende Ver- 
drilngungsprozess des Masturbationskomplexes seinen eharakteriologischen Einfluss 
nicht bloss in der Bildung neuer Züge offenbart, sondern auch auf die endgültige 
Gestaltung bereits vorgebildeter Charakterzüge entscheidend oder modifizierend 
wirken kann, wie beispielsweise im Folgenden (oben) an einzelnen Zügen des „Anal- 
charakters' : gezeigt werden soll. 

Zutreffend ist auch die Bemerkung von Ellis (S. 352 1, dass exzessive Mastur- 
bation bei Frauen im späteren Leben zu einer Trennung der physischen, sinnlichen 
Triebe und der idealen Empfindungen, man möchte sagen von Sexualität und Erotik, 
führe. Nur gilt sie, und vielleicht sogar in weit grösserem Ausmaße, auch für den Mann, 
bei dem es auf diesem Wege oft zu einer völligen erotischen Unfähigkeit kommt, die 
ein auffallendes Gegenstück zu der in den Phantasien wuchernden Hypererotik bildet. 
Diese Männer verlieren unmittelbar nach dem Sexualakt sofort jedes Zärtlichkeits- 
gefühl und -Bedürfnis für das Objekt und zeigen dieses autoerotische Verhalten auch 
in gewissen Temperaments- und Charaktereigentümlichkeiten. 



120 „Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

schliesslich zu einem gewissermaßen übertriebenen Erfolg, der sich auch 
auf die früheren Konsequenzen des Abwehrkampfes zu erstrecken sucht. 
Dieser abermäßigen Bewussthaltung der Abwehr- und Reueimpulse 
entspricht gleichsam ein unbewusstes Gebot : Du darfst auch nicht mehr 
lügen 1 ), das sich bewussterweise als Zwang zur Wahrheit kundgibt. 
Der Abgewöhnungskampf zeigt sich oft direkt von der bereits auf- 
gegebenen Masturbation auf die noch bestehende Lügenhaftigkeit über- 
tragen. In diesem Sinne erscheint der Wahrheitsfanatismus bereits als 
lieaktionsbildung gegen den lügenhaften Charakter, wie dieser selbst 
sich als Folge der missglückten Abwehr der Masturbationsgewohnheit 
einstellte. Zu dieser Auffassung stimmt auch die Tatsache, dass der 
Entwicklung des Wahrheitsfanatismus nach meiner Erfahrung fast immer 
eine Periode der Lügenhaftigkeit vorausgeht, die uns als Übergangs- 
stadium des noch unerledigten Abwehrkampfes die für eine gewisse Ent- 
wicklungszeit typische Lügenhaftigkeit auch der Individuen verständlich 
macht, bei denen sie späterhin zu keinerlei abnormen Ausgestaltung 
und charakterologischen Fixierung führt. 

Wenn wir dem Zusammenhang der abnormen Masturbations- 
betätigung und ihres Abgewöhnungskampfes mit dem Aufbau der später 
so genannten Charakterzüge weiter nachgehen, so können wir auf diesem 
Wege vielleicht zu einer Psychologie und Charakterologie des Mastur- 
banten gelangen. Im Gegensatz zu dem im allgemeinen sozial wert- 
vollen „ Analcharakter ■ weisen jedoch die charakterologischen Spuren 
der Masturbation, entsprechend der Betätigung selbst, vorwiegend asoziale 
Züge auf. Denn neben der Lügenhaftigkeit, die nicht allzu häufig zum 
Wahrheitsfanatismus führt, erscheint als bedeutsamster Charakterzuo- 
übermäßiger onanistischer Betätigung und ihrer unvollkommenen Ver- 
drängung der Aneignungs- oder Stehltrieb, nicht selten in der patho- 
logischen Ausprägung der Kleptomanie, die schon äusserlich in 
ihren Charakteren der pathologischen Lüge durchaus entspricht und 
insbesondere bei Frauen häufig neben dieser zu finden ist. Wie die 
pathologische Lüge so pflegt auch die kleptomanische Handlung sich 
nicht durch zwingende äussere Motive zu rechtfertigen, sondern erfolgt 
aus einem unwiderstehlichen Zwang um der Tat selbst willen, die nicht 

J ) Es sei hier erwähnt, dass diese knappen Formulierungen der ganzen psychischen 
Abwehreinstellung des Individuums nicht bloss logische Fiktionen zum Zwecke 
der vereinfachten Darstellung sind, sondern oft genug auch im speziellen Falle selbst 
dem Bewusstsein die Abwehrtendenz repräsentieren. So zeigt die bereits erwähnte 
Patientin Binswangers direkt den Vorsatz: „Du darfst nicht mehr lügen" als 
Ersatz der unbewussten Masturbationsabwehr im Bewusstsein fixiert. 

Auch hier tritt wieder die schon hervorgehobene Bedeutung der „Wahrheit" 
im Sinne der Lösung des Sexualgeheimnisses hinzu, die der Masturbant ja eigentlich 
sucht, während erst die intellektuelle Verkleidung dieses Wahrheitsdranges seine 
Fixierung im Bewusstsein ermöglicht. 















Ober Onanie. 121 

bloss uus Furcht vor Bestrafung geheimgehalten, hartnäckig abgeleugnet 
und schliesslich unter Äusserungen von Scham zugegeben wird. Wie 
wir als das Wesentliche an der pathologischen Lüge die Verheimlichung 
hervorhoben, so hat Otto Gross 1 ) die Kleptomanie allgemein so auf- 
gefasst, dass es sich darum handle, „ etwas Verbotenes heimlich zu 
tun". Mit Rücksicht darauf, dass diese meist von Frauen begangenen 
Delikte nicht selten ziemlich wertlose oder unnütze Dinge betreffen-), 
die jedoch auffällige sexualsymbolische Bedeutung zeigen, hat nach ihm 
Stekel „die sexuelle Wurzel der Kleptomanie" a ) nachdrücklich betont. 
Er fand in seinen Fällen, dass unbefriedigte und im Konflikt der Ehe- 
bruchsversuchung kämpfende Frauen diese meist offensichtlichen Penis- 
symbole gleichsam als eine Art Ersatzbefriedigung an sich nehmen. 
Die symbolische Bedeutung sowie der Ersatzcharakter der entwendeten 
Dinge sind kaum zweifelhaft und die Motivierung der Tat aus dem 
aktuellen psychischen Konflikt der Untreue erscheint wohl zutreffend, 
wenngleich nicht ausreichend, um das Zustandekommen eines derartigen 
Zwangsimpulses zu erklären. Es ist dazu neben dem aktuellen Konflikt 
ein bereits aus der Verdrängung wirksamer nötig, der den Impuls erst 
zwanghaft und damit pathologisch macht. In zwei Fällen, von denen 
der eine ein pathologischer Lügner geblieben, der andere später zu 
einem mit peinlichem Rechtsgefühl ausgestatteten Wahrheitsfanatiker 
o-eworden ist, konnte ich nun tatsächlich den Zusammenhang des patho- 
logischen Stehltriebes mit dem Abwehrkampf gegen die Masturbation 
deutlich ersehen und getraue midi, ihn auf Grund der entwickelten 
psychologischen Zusammenhänge für gesetzmäßig zu halten. Mit der 
St ekel sehen Auffassung liesse sich dieser Befund sehr gut in Einklang 
bringen, wenn man annimmt, dass der psychische Konflikt der Untreue 
nur den Anlass zur Entfaltung einer tiefer wurzelnden Verknüpfung 
bietet. Der Zwang, etwas Verbotenes heimlich zu tun, ist in letzter 
Linie ein Ersatz der im Abwehrkampf zurückgedrängten Masturbation 
und der Kampf gegen die Versuchung der Untreue kann nur darum 
zu einem „psychischen Konflikt" führen, weil er nichts anderes ist als 
der auf heterosexuellem Gebiet fortgesetzte Kampf gegen die seiner- 
zeitige Versuchung des Verbotenen, der Masturbation '). Es darf hier, 
ebensowenig wie bei den andern entwickelten Charakterzügen, der Vor- 

i) Das Freud sehe Ideogenitätsmoment und seine Bedeutung im manisch- 
depressiven Irresein Kraepelins. Leipzig 1907. 

2) So ist mir ein exzessiv onanierender Knabe bekannt, der zwei grosse dicke 
Malerpinsel zu stehlen versuchte, ohne für sie Verwendung ZU haben, obwohl er 
das Geschäft mit dieser impulsiven Absicht betreten hatte. 

3) Zeitschr. £ Sexualwissenschaft 1908, Nr. 10. 

') Dazu stimmt, dass gerade die Frauen, die in der Ehe unbefriedigt und darum 
zur Untreue geneigt sind, nicht selten eine Anästhesie als Folge früherer exzessiver 
Klitorisonanie aufweisen (Freud). 



122 „Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

stellungsinkalt, der die verschiedensten Dinge betreffen kann, verwechselt 
werden mit dem psychischen Mechanismus, von dem natürlich allein 
die .Rede ist. Wie beispielsweise der Wahrheitsfanatiker irgend eine 
Sache aus den verschiedensten und kompliziertesten Motiven vertreten 
kann, so wird sich bei der Analyse auch die Versuchung des Klepto-- 
manischen auf die verschiedensten verbotenen Sexualakte übertragen 
zeigen (Stekel erwähnt Untreue, Homosexualität, Minderjährige etc.); 
bei tieferem Eindringen ergibt sich aber, dass der Mechanismus, der 
natürlich verschiedenen Inhalten dienen kann, aus dem Abwehrkampf 
der Masturbation stammt. Das Suchen oder Greifen nach dem verbotenen 
Pems(-Symbol) scheint mir sowohl beim männlichen als auch heim weib- 
lichen Geschlecht eher der Abwehr der Masturbation in Form einer 
Ersatzhandlung als beispielsweise der Ehebruchsversuchung zu entsprechen. 
Von unserem Standpunkt aus erscheint es auch einer tieferen Begründuno- 
fähig, dass sich pathologische Lügenhaftigkeit und kleptomanisclie 
Neigung, insbesondere bei Frauen, so häufig beisammenfindet. Wie die 
pathologische Lügenhaftigkeit aus dem Zwang zur Verheimlichung der 
schlecht verdrängten Masturbationsneigung entspringt, also der Abwehr 
dient, so verrät die zwangsmäßige Symptomhandlung der Kleptomanie 
dass das Individuum doch das Verbotene heimlich tun, d. h. mastur- 
bieren will. Pathologische Lügensucht und pathologischer Stehltrieb 
sind also komplementäre Äusserungen der missglückten Verdrängung 
des gleichen Komplexes, die zu Abwehrhandlungen und Ersatzbildungen 
der verdrängten und verdrängenden Instanz führen: Die missglückte 
Abwehr der verpönten Sexualhandlung schafft den aus dem Unbe- 
wussten stammenden Zwang zur Lüge, die Sexual handlung selbst 
äussert sich bei missglückter Verdrängung als Ersatzhandlung°in Form 
des Stehlzwanges, wobei natürlich auch die eigensüchtigen Regungen 
und die Bemächtigungslust bis zu einem gewissen Grade auf ihre Rech- 
nung kommen. Die Fixierung zum pathologischen Charakterzug setzt 
jedoch sexuelle Bahnungen voraus, die wir in der verstohlenen Aus- 
führung des masturbatorisfhen Aktes und den entsprechenden Ver- 
drängungsvorgängen vorgebildet fanden '). 

Von den übrigen, bald mehr, bald minder deutlich ausgeprägten 
Charakterzügen oder psychischen Eigentümlichkeiten, die dem unter 
Schwierigkeiten von der Masturbation frei gewordenen Individuum ver- 

') Die allgemeine Andeutung Stekels (]. c. S. 596), dass solche Kinder, die 
stehlen, „mit ihren Begierden schon früh aufs Unerlaubte gerichtet sind", behauptet 
den hier dargelegten kausalen Zusammenhang ebensowenig wie Ri kl ins Bemerkung 
hinsichtlich einer Beziehung der Masturbation zur Kleptomanie in einem bestimmten 
Falle („Eine Lüge", Zentralbl. f. Psa. I, 197). Auf eine Beherrschungsmüglichkeit des 
Stehltriebes hat Stekel dagegen mit der Bemerkung hingewiesen, dass solche 
Kinder im späteren Leben oft Menschen werden, die sich durch ein peinliches 
Itechtsgefühl auszeichnen. 



Über Onanie. 123 

bleiben können, seien schliesslich einige genannt, die auffallenderweise 
gänzlich ungesuchte Beziehungen zu den von Freud gefundenen Zügen 
des Analcharakters aufweisen Aber nicht bloss in der Weise, dass sich 
die aus verschiedenen Quellen stammenden Charakterzüge gegenseitig 
unterstützten, wie etwa zum hartnäckigen Festhalten an der Lüge eine 
tüchtige Portion Trotz gehört, die aus dem Analcharakter stammt, 
sondern einzelne Charaktere des einen Komplexes überschneiden sich 
gleichsam mit anderen Zügen des zweiten Charakterbildes, wobei der 
früher und konstanter ausgebildete Analcharakter durch die spätere 
Gestaltung der Masturbationscharaktere weniger modifiziert als erweite- 
rungsfähig und gleichsam schmiegsamer gemacht wird. Die zur Paral- 
lelisierung von Anal- und Masturbationscharakter erforderliche Gleich- 
artigkeit der beiden erogenen Zonen ist keineswegs bloss in der Tatsache 
gegeben, dass auch die anale Zone der masturbatorischeu Befriedigung 
im Sinne Freuds dient (Afterbohren), sondern auch durch die bis zu 
einem gewissen Grade parallel verlaufende Sexualverdrängung an diesen 
beiden erogenen Zonen. Diese ist bei aller zeitlichen und organischen 
Verschiedenheit zwischen der Betätigung der kulturell unverwendbaren 
Analerotik und der für das spätere soziale Leben so bedeutsamen 
Erogenität der Genitalzone, doch so weit identisch, als auch zur kul- 
turellen Einfügung der Genitalerogenität jedenfalls die Verdrängung jedes 
Übermaßes von Autoerotik an dieser Zone erforderlich sein wird. Be- 
sonders deutlieh zeigt sich dies beim Weibe in dem von Freud (Sexual- 
theorie) sogenannten Verdrängungsschub der Pubertät. Charakteristischer- 
weise fanden sich in der Mehrzahl der mir bekannt gewordenen Fälle 
neben einer Reihe charakterologischer Masturbationssymptome deutlich 
ausgeprägte Züge des Analcharakters, was jedenfalls eine Periode ge- 
steigerter Autoerotik voraussetzt, die sich nacheinander der verschiedenen 
Zonen zur Befriedigung bedient hat. Dieser Parallelisierung scheinen nun 
einzelne auffallige Ähnlichkeiten der beiden Charakterbilder zu entsprechen. 
So ist nach Freud eine der pathologischen Abwehrformen der Mastur- 
bation der insbesondere den Händen geltende neurotische Waschzwang, 
der sich aber auch bei sonst gesunden Personen in der milderen Form 
des Reinlichkeitsfanatismus inbezug auf den eigenen Körper 
findet (Baden, besonders Waschen der Genitalien) ') und sich der den 
Objekten geltenden Ordnungs- und Sauberkeitsliebe des Analcharakters 

i) Ein dem Pubertätsalter nahestehender Jüngling, der im Abgewöhmmgskampf 
der Masturbation nach jedem „letzten" onanistischen Akte das Bedürfnis nach einem 
.reinigenden" Bade hatte, gestand, der mit der Waschung (Seife) der Genitalien 
verbundene Kitzelreiz sei dabei oft so gross geworden, dass er im Bade wieder 
onanieren musste. Hier zeigt sich deutlich, wie in der Abwelnhandlung (Waschen) 
der ursprünglich zurückgedrängte Impuls sich wieder durchzusetzen weiss (vergl. 
die Ausführungen bei der Kleptomanie); hier vermutlich in Anlehnung an die bei 
der Säuglingspflege erlebte friihinfantile Befriedigung. 



124 „Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

angliedert und einordnet. Dieser Parallelismus macht es weiterhin ver- 
ständlich, wie sich eine bestimmte Form der Sparsamkeit, die aus dem 
Masturbationskomplex stammt, mit dem entsprechenden Analcharakter 
des Geizes und der Filzigkeit assoziieren kann. Der Abgewöhnungs- 
kampf gegen die Masturbation kann mit Unterstützung anderer Trieb- 
komponenten über die Brücke der Samensparung zu einer allgemeinen 
Sparsucht fuhren, welche die verschiedensten Dinge betreffen kann — 
der anale Geiz bezieht sich bekanntlich auf Geld — und den Übergang 
bildet zu gewissen Formen der Sammelwut, die nicht selten Gegen- 
stände mit unzweifelhaft sexualsymbolischer Bedeutung betreffen, was 
als Gegenstück zur Kleptomanie, die sich ja häufig bei leidenschaft- 
lichen Sammlern findet, Hervorhebung verdient r ). Zur charakteristischen 
Unterscheidung vom analen Geiz sei hier der merkwürdigen „Sparsamkeit" 
eines jungen Neurotikers aus wohlhabendem Hause gedacht, der niemals, 
wenn er ausging, sein Taschengeld zu sich steckte, um nicht, wie er 
sich ausdrückte, „der Versuchung der Ausgabe zu verfallen «. Er selbst " 
machte seine lange fortgesetzte Masturbation mit Recht für eine Reihe 
seiner neurotischen Erscheinungen verantwortlich, ohne natürlich die 
"Verschiebung der Onanieversuchung auf die der Geldausgabe zu kennen, 
an der ihm zunächst nur die Beziehung auf die Prostitution bewusst 
wurde. Diese auf das Geld bezügliche, ursprünglich anale Sparsamkeit 
wird im Dienste der Masturbationsentwöhnung häufig in der Weise 
sekundär verwendet, dass die im Unbewussten der Samensparung gleich- 
gesetzte Geldersparnis einerseits zur Enthaltung von Genüssen zwingt 
und in dieser Richtung sich bis zur Busse und Selbstpeinigung steigern 
kann (siehe später die Enthaltung vom Essen), anderseits einen zu er- 
wartenden Ersatz für die momentan aufgegebene Befriedigung insofern 
bieten soll, als ja das gesparte Geld den Übergang zur Prostitution 
ermöglicht. Wenn aber unser Neurotiker auch dieser Versuchung zu 
entgehen strebt, so verrät er damit nur, dass er den alten Kampf gegen 
die verpönte Selbstbefriedigung nunmehr auf das heterosexuelle Gebiet 

') In einem Falle war es weniger das wechselnde Objekt als die Art der 
Sammellust was mir einen überzeugenden Eindruck verschaffte. Der Junge, von 
dem ich den Pinseldiebstahl berichtete, war ein eifriger Sammler und hat im Ver- 
laufe seiner Kinder- und Knabenjuhre die verschiedensten, meist unnützen Dinge 
gesammelt. Unter anderem hat er auch versucht, seine Briefmarkensammlung 
durch Diebstahlsversuche zu bereichern. Von Interesse ist die Tatsache, dass er 
zur Zeit, wo der Verdrängungskampf gegen die Masturbation akut zu werden begann, 
seine recht stattliche und liebgewonnene Sammlung plötzlich weggab, da er alle 
Lust daran verloren hatte. Nach völliger Überwindung der Masturbation hat sich 
diese Sammellust in ihrer Maßlosigkeit und Intensität bedeutend eingeschränkt, aber 
nicht gänzlich verloren, da sie aus der Sparsamkeits- und Ordmmgskomponente' der 
verwandelten Analerotik bestündig gespeist blieb; er hat aber späterhin mehr nütz- 
liche Dinge zum Gegenstand seines sozial eingeordneten Sammelinteresses gemacht 
(Bibliophilie). 



Über Onanie. 125 

verschoben und sieb dadurch wieder die Rückkehr zur Masturbation 
ermöglicht hat. 

Im Zusammenhang mit dieser Sparsucht darf ich eine Äusserung 
Professor Freuds heranziehen, welche die Aufklärung für einen eigen- 
artigen, bei Kindern häufig zu beobachtenden Zug gebracht hat; nämlich 
die ^Gewohnheit, Gescheuke, und zwar meist Näschereien, die ja dem 
Verderben ausgesetzt sind, sich für einen späteren Zeitpunkt aufzuheben, 
aufzusparen. Professor Freud konnte dieses Verhalten als typischen 
Masturbations-Charakterzug agnoszieren und meint, dass darin einerseits 
der Zug zur Enthaltsamkeit zum Ausdruck komme, andererseits das 
Schuldbewusstsein, das sich des Geschenkes nicht würdig fühle »). Wir 
stossen hier auf einen spezieilen Zug der Sparsamkeit, der sich auf das 
Essen richtet und gleichfalls dem Abwehrkampf gegen die als Laster 
empfundene Masturbationsgewohnheit entspringt. So ist mir ein Student 
bekannt, der angeblich aus Geldersparnis, wie sich später herausstellt 
aber aus einem unbewussten Busszwang wegen semer Unfähigkeit, die 
Masturbation aufzugeben, an mehreren Tagen der Woche fastete. Die 
Enthaltung vom Essen sollte die vergeblich angestrebte Enthaltsamkeit 
von dem verpönten Laster ersetzen und zugleich die Unfähigkeit dazu 
bestrafen. Die Verlegung des Abgewöhnungskampfes auf die Mundzone 
fanden wir bereits in der Stummheit des sündigen Marienkindes an- 
gedeutet (Lügenmaul), haben sie in der Kindergewohnheit des Aufhebens 
von Näschereien wieder erkannt und sehen sie in mannigfachen neuro- 
tischen Ess- und Sprechstörungen am Werke. So ist bei Binswangers 
Patientin, die auch an Waschzwang litt (1. c. S. 253), „neben den Anfüllen 
die interessanteste und wichtigste Symptomengruppe Irmas Verhalten 



i) In dem Roman: „Der Knabe Wlass" von Ossip Dymow (Berlin, Paul 
Cassierer 1910), den ich wegen seines psychoanalytischen Interesses an anderer Stelle 
(„Imago" I. Jhg. 1912, Heft 2, Mai) besprochen habe, findet sich (S. 160) eine in diesem 
Sinne aufzufassende Stelle. Ein junges Mädchen bricht angesichts der zu seinem 
Geburtstag eingelangten Glückwünsche und Geschenke in Weinen aus und erklärt 
auf die Frage der Mutter: „Wofür lieben mich alle so sehr? Ich hab es mit nichts 
verdient. Verschliesse alle meine Geschenke und wenn ich dann das ganze Jahr 
brav gewesen bin gib sie mir wieder." 

Die gleiche Knabengeschichte enthält übrigens noch andere komplexmäliige 
Andeutungen des Masturbationskampfes : „Ich schlafe bis halb neun, ich habe eine 
Insektensammlung, ich zeichne, ich werde berühmt werden. Und während ich so 
dachte wusste ich, dass ich immer tiefer in einen Abgrund versank und sagte zu 

mir selbst: Keiner hat eine Ahnung davon Nun in der Tat dachte ich 

nicht, ich deckte vielmehr mit diesem Gedanken alle übrigen" (S. 76). r Er ist gut — 

schrie etwas auf in meinem Innern, er ist gut — ich aber bin verdammt 

Weshalb sammle ich Käfer? Ich vergifte die Schmetterlinge mit Benzin — das 
soll man nicht, mau darf es nicht, alles muss leben. Morgen werfe ich meine ganze 
Sammlung hinaus. Vielleicht werde ich Maler, doch ein berühmter wohl kaum." 
(S. 179). 



126 „Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

gegenüber der Nahrungsaufnahme, dem Essen. Wir hörten von voll- 
standiger Nahrungsverweigerung (Fasttage!) infolge Ekels vor dem 
Essen, und dem Gegensatz, enormem Heisshunger, ferner von einer 
starken Gene, mit anderen Menschen zu essen ; sie nimmt ihre Mahl- 
zeiten allein ein" (Jahrb. f. psa , Forsch. I, S. 205). All das sind 
charakteristische Masturbationssymptome, was bereits der Bericht der 
Mutter wie (he Auffassung der Patientin selbst verrät. Auf einer Er 
holungsreise mit der Mutter verlangt sie schon in den ersten Ta-en 
die Erlaubnis „ein paar Tage fasten zu dürfen, da sie sich dann wohler 

fühle, sie würde später ganz pünktlich essen Sie stellte mehr 

fach das Ansinnen an mich (heisst es in dem Bericht der Mutter) ihr 
Essen wegzuschliessen, da ihr Wille nicht stark genug 

SG \' . es i z » verSchmähen " (l c - P- 185 > deutlicher lässt sich der 

verdrängte Wunsch nach zwangsmäßiger Abgewöhnung der unerträglich 
gewordenen Masturbationsneigung der für das Sexuelle gänzlich °ver 
schlossenen Umgebung kaum mehr ins Gesicht schreien. Erscheint so 
das Fasten als Ersatz der Onanieabstinenz, so ist der abwechselnd damit 
auftretende Heisshunger ein Äquivalent des neuerlich hervorbrechenden 
Befaedigungswunsches. In diesem Sinne ist Irmas Erklärung zu ver- 
stehen der Heisshunger „sei ein tierischer Zug bei ihr, der unter- 
drückt werden müsse und nun fing sie wieder zu fasten an« (S. 186)') 
Weiter berichtet die Mutter: „Am Tage vor ihrem Eintritt in die 
Anstalt sagte sie plötzlich, sie wolle mir noch mitteilen, weshalb sie 
oft trotz grossten Hungers nicht gegessen habe, es sei eine selbst- 

habe- GS. 88) Und obwohl die Mutter pseudologische Anwandlungen 
erst seit dem 20. Lebensjahre bemerkt haben will (S. 181 u 265^ 
berichtet Irma doch in der Hypnose, „wie sehr sie darunter gelitten 
habe, dass sie oft nicht bei der Wahrheit blieb, Dinge anders wiedergab 
als sie waren. An ihrem Konfirmationstage habe sie nur eine 
Bitte gehabt, nämlich, dass sie nicht mehr lügen möchte oder dass 
sie eher am selben Tage sterben sollte *) (Janets manie des pactes) • 
Und ich habe es felsenfest geglaubt, dass das eine oder andere eintreten 

!) Hinter dem Heisshunger deckt die Analyse bei Irma den Hunger nach 
L ie be auf (S. 233). Vergl. dazu auch B ins wangers Anmerkung auf S 228 und 
seine Ausführungen auf den dort folgenden Seiten. 

2) Hier zweigt ein häufiges Motiv jugendlicher Selbstmorde ab, die oft durch 
das unbewusste Selbstgeständnis der Unfähigkeit zur Überwindung der Masturbation 
veranlasst werden. Vergl. das I. Heft dieser Diskussionen. Über Irmas Suizid 
gedanken siehe 1. c. S. 262. Der für diese Fälle typische Wechsel von Todessehnsucht 
und Todesangst entspricht vollauf dem Wechsel von Heisshunger und Fasten von 
Sexualbefriedigung und Sexualablehuung, also einem für die Masturbation typischen 
Mechanismus, der ,n der ursprünglichen Angstentbindung im Gefolge des mastur- 
batonschen Aktes sein Urbild hat. 






über Onanie. 127 

würde. Als nun nichts eingetreten war, glaubte ich mich erlöst" 
(S. 315). Sie habe schon früh angefangen, sich für das Lügen selbst 
zu strafen, zuerst durch Fasttage. Sie habe dann drei Tage überhaupt 
nichts gegessen (315). In ihren Phantasien drängt sich vielfach der 
Wahrheitsbegriff in verschiedenen Bedeutungen und Auffassungen 
hervor, die jedoch durch die Analyse zunächst auf einen einzigen Sinn, 
den der sexuellen Wahrheit, reduziert werden können. 

Dass der Abwehrkampf bei ihr sehr früh und intensiv eingesetzt 
haben muss, geht daraus hervor, dass sie „sich schon als Kind ekelte 
(oder entsetzte S. 227), wenn sie unschön essen sah" (S. 205). Die 
Herkunft der Bedingung des Alleinessens aus dem Masturbationskoinplex 
verrät sich ausser als Zug der charakteristischen Heimlichkeitskrämerei 
auch darin, dass selbst die Mutter der Pat. das Zimmer verlassen musste, 
während diese ihre Mahlzeiten einnahm (S. 182). In einem Falle konnte 
ich die gleiche Scheu, die sich gerade auf die nächsten Angehörigen 
bezog, auf die Furcht zurückführen, sich bei dem nahen und längeren 
Beisammensein, wie es die gemeinsame Mahlzeit bedingt, sei es durch 
das Aussehen, sei es durch Erröten beim Gespräch zu verraten. Doch 
zeigt das voll ausgeprägte Symptom bei Irma, dass es sich dabei um 
eine direkte Identifizierung des Essens mit dem ebenfalls heimlich und 
allein ausgeführten Sexualakt handelt. Wie bei der Entwicklung des 
Wahrheitsfanatismus der Abgewöhnungskampf vom eigentlichen Sexual- 
akt auf die ebenfalls verbotene Lügensucht verschoben erschien, so ist 
er hier auf den Akt der Nahrungsaufnahme verschoben, was sich auch 
in der Bestrafung der Masturbation durch Fasten (verschobene Enthalt- 
samkeit) äussert. Bewusst ist der Pat. allerdings nur, dass sie sich für 
das Lügen straft, welches sie also ebenso für das sexuelle Vergehen, die 
Masturbation, einsetzt wie das Fasten für die sexuelle Abstinenz. Dass 
sie auf eine direkte Frage des Arztes die Ausübung des autoerotischen 
Sexualaktes ableugnen und ohne verräterischen Affektausbruch ruhig 
behaupten kann, „mit Masturbation niemals etwas zu tun gehabt zu 
haben" (S. 303), ist uns selbstverständlich als Folge der gelungenen 
Verschiebung auf den Ess- und Lügen-Komplex, der sich eben in ver- 
dächtiger Weise vordrängt. Anderseits erfahrt der bei diesem Thema 
naturgemäß vorauszusetzende psychische „AViderstand" der Kur eine 
besondere Verstärkung durch den lügenhaften Charakter, der ja gerade 
aus der Verheimlichung des Masturbationskoniplexes genährt wird. 

Die Patientin B i n s w a n g e r s zeigt uns endlich noch eine weitere 
für den Masturbanten typische Eigentümlichkeit, die sich „in den letzten 
2 Jahren bei ihr geltend gemacht hat" und die den Indizienbeweis für 
die überragende Bedeutung des Masturbationskoniplexes in ihrem Krank- 
heitszustand schliesst. Die Mutter berichtet: „ Anfang 1905 fing sie an, 
einzelne Tage auf dem Kalender mit Strichen zu bezeichnen; auf meine 






128 „Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

Frage, was das bedeute, schwieg sie. Nach und nach wurden mehr 
Tage bezeichnet und auch mit Zahlen versehen. Sie legte sich kleine 
Taschenkalender zu, die auch gezeichnet wurden, und ihre ständige Bitte 
war, ihr einen solchen zu kaufen. Mir war das ganze lange Zeit rätsel- 
haft, bis ich merkte, dass sie mit den Strichen ihre Fasttage 
bezeichnete, und zwar auf Wochen voraus. Hatte ich sie durch 
irgend eine Ursache veranlasst, an einem solchen Tage zu essen, gabs 
danach eine heftige Szene" (S. 188). Nun kennen wir diese Bestimmung 
von Zwangsterminen, die der Masturbation ein Ende setzen sollen. 
als häufige Erscheinung des Abwehrkampfes '). Auch gewisse geheime 
Zeicheu in Tage- oder Notizbüchern sind oft in diesem Sinne aufzu- 
fassen, und ich möchte auf Grund meiner Erfahrungen die auch von 
anderer Seite zu stützende Behauptung aussprechen, dass eine der 
Wurzeln für eine gewisse Form des Tagebuchführens überhaupt in 
dieser Richtung zu suchen ist (geheimgehaltene Beichte, Termine). Auch 
diese zeitliche Form des Abwehrkampfes mittels der Zwangstermine 
kann bei günstigem Erfolg der Verdrängungsarbeit zu einer charaktero- 
logisch bemerkenswerten Eigenart führen, nämlich zu einer übertriebenen 
Pünktlichkeit, die sich einerseits der Pedanterie und Ordnungsliebe 
des Analcharakters anschliesst, anderseits aber dem Zug des Anal- 
charakters, alles erst im letzten Moment zu machen 2 ), insoferne wider- 
spricht, als sie es vorsorglich niemals auf den äussersten Termin an- 
kommen lässt in dem kompensatorischen Bestreben, ja keinen Termin 
mehr zu versäumen. Doch werden dies nicht selten auch Menschen, 
die bei besonderen Zeitabschnitten neue Epochen beginnen und gute 
Vorsätze fassen — häufig eine unmotivierte oder schlecht rationalisierte 
Alkohol-, Raucher- oder geschlechtliche Abstinenz betreffend — , die sie 
aber auf die Dauer selten durchführen, weil eine gewisse Lässigkeit und 
Unfähigkeit zu konsequentem Handeln ihnen als Niederschlag der ewigen 
Rückfälle verblieben ist. Diese Menschen gelangen in der Reo-el sehr 
spät zur sozialen Selbständigkeit, weil sie nach grossen Anläufen die 
Erreichung des Endziels immer hinauszuschieben versuchen. Autfallend 
war auch in fast allen Fällen psychisch folgenschwerer Masturbation, 
die ich gesehen habe, ein langes Schwanken in der Berufswahl und oft 
auch späterer • Berufswechsel oder zumindest die Sehnsucht danach als 
Ausdruck einer allgemeinen Unzufriedenheit mit sich selbst und der 
Welt. Anderseits befähigt diese Menschen gerade ihre lange psychische 
Unselbständigkeit oft, in der rücksichtslosen und energischen Verfolgung 

x ) In manchen Fällen mögen einem Termin szwang, wie Freud gelegentlich 
hemerkte, auch die Menstruationszeiten zu Grunde liegen, was aber hier, trotz Irmas 
Ekel vor der Periode (S. 205) mit Rücksicht auf die Häufung der Termine und die 
dominierende Stellung der Maturbation nicht der Fall sein dürfte. 

-) J. Sadger, Analerotik und Analcharakter. (Die Heilkunde, Febr. 1910). 



Über Onanie. I^q 

eines Zieles Grosses zu leisten, sobald es ihnen gelingt, ihrem zwischen 
Hoffnung und Verzweiflung immerfort schwankenden Verhalten durch 
eine bis zum Fanatismus getriebene Einseitigkeit zu entrinnen. 

In einem leider nicht gründlich analysierten Falle hatte ich aus 
dem Umstand, dass der Tag des Selbstmordversuches auf einen solchen 
Zwangstermin verlegt erschien, den überzeugenden Eindruck, der Ab- 
wehrkampf gegen die Masturbation, der überhaupt von entscheidender 
Bedeutung für die weitere psychische Entwicklung des Individuums zu 
sein scheint, habe auch an den Selbstmordversuchen jugendlicher Per- 
sonen einen noch bedeutsameren Anteil, als wir heute schon anzunehmen 
geneigt sind. 

Es konnte nicht in meiner Absicht liegen, die psychischen Folge- 
erscheinungen der Masturbation erschöpfend zu behandeln ; insbesondere 
musste ihre enge Beziehung zur künstlerischen Phantasietätigkeit gänzlich 
unerwähnt bleiben. Ich wollte nur auf das auffällige Zusammentreffen 
gewisser Eigentümlichkeiten im späteren Charakterbild mit einer unter 
psychischen Schwierigkeiten überwundenen Masturbationsbetätigung hin- 
weisen, wenn es mir auch nicht gelungen sein sollte, diese Zusammen- 
hänge in völlig befriedigender Weise aufzuklären. 



XIII. 

Dr. Maximilian Steiner: 

Wir müssen von vornherein feststellen, dass wir mit dem Worte 
Onanie keinen Krankheitszustand, ja kaum einen Symptomenkomplex 
begrifflich fassen und dass es daher eigentlich gar nicht gerechtfertigt 
ist, sie zur Diskussion zu stellen. Ganz besonders aussichtslos aber 
erscheint es mir, den Typus des Onanisten zu fixieren, da es meiner 
Ansicht nach nicht erlaubt ist, aus einem Symptom, aus einer noch so 
häufigen Beschäftigung oder Gewohnheit einen Charakter zu konstruieren. 
Es ist ebensowenig möglich, den Charakter des Alkoholikers oder des 
Rauchers aufzustellen, ein abgerundetes Charakter- oder Krankheitsbild, 
wie wir es z. B. ohne weiteres vom Prostatiker oder dem Paranoiker 
zu tun in der Lage wären. Ich weiss, dass ich mich dabei im Wider- 
spruch mit der herrschenden Auffassung befinde, die ein allerdings im 
Vordergrunde der Erscheinungen stehendes und handgreifliches Symptom 
über Gebühr hervorhebt, es mit allzu grosser Selbständigkeit ausstattet 
Dies vorausgesetzt, will ich über Onanie diskutieren und den Be-riff 
möglichst weit fassen. Ich rechne alles dazu, was an Geschlechtsbetäti- 
gung ausserhalb des normalen Koitus liegt, gleichgütig ob diese Betäti- 
gung mehr körperlich oder mehr geistig ist. Hier hat also alle Per- 

Wiener Diskussionen. (Heft II.) 






130 „Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

version Platz, alle über Gebühr verlängerte Vorlust, der Coitus protractus 
ebenso als der Coitus interruptus, die Masturbation im engeren Sinne, 
ob sie selbständig oder mutuell, im letzteren Falle wieder homo- oder 
heterosexuell betrieben wird. Auch die gehäuften Pollutionen möchte ich 
dazu rechnen. Denn auch diese sind eigentlich nur der Abschluss einer 
Kette von vorhergegangenen sexuellen Aufregungen. 

Ist die Onanie schädlich? Für den nervengesunden Menschen 
gewiss nicht. Für ihn ist die Onanie eine Betätigung, die beliebig oft und 
in jeder möglichen Form erfolgen kann, ohne einen nennenswerten Schaden 
zu hinterlassen. Die Aufmerksamkeit wird in der Pubertätszeit stets auf 
das Genitale gelenkt mit und ohne Verführung von dritter Seite, und 
die Masturbation wird nach jeweiligem Temperament, mehr oder weniger 
häufig geübt, jedenfalls solange, bis durch irgend ein äusseres Moment 
der Übergang zum anderen Geschlechte erfolgt, von da an aber so gut 
wie für immer aufgegeben. 

Anders steht die Sache beim Sexualneu rastheniker. Dieser ist 
von vorneherein als Mensch von sexueller Frühreife zu betrachten, d. h wir 
müssen uns nach dem heutigen Stande der Wissenschaft vorstellen, dass 
bei ihm die innere Sekretion der Genitaldrüsen weit früher und in 
einem höheren Grade als beim normalen Menschen einsetzt. Die Frage 
der inneren Sekretion ist ja noch keineswegs abgeschlossen, soviel ist 
aber heute schon sicher, dass Wechselbeziehungen zwischen dem Schild- 
drüsenapparat, der Hypophysis, den Keimdrüsen und den Nebennieren- 
systemen bestehen, deren Existenz den normalen Chemismus des Stoff- 
wechsels bedingt. Durch eine vorzeitige Funktion, beziehungsweise 
durch eine relative Hyperfunktion der innersekretorischen Tätigkeit der 
Keimdrüsen, die wir bei sexueller Frühreife anzunehmen berechtigt sind, 
erfährt der normale Chemismus eine Änderung, die, wenn nicht die 
alleinige, so doch sicherlich die wichtigste Veranlassung des Zustandes 
ist, den wir gewöhnlich als Sexualneurasthenie bezeichnen. Die vor- 
zeitig gesteigerte innere Sekretion gibt Impulse im Sinne einer Anregung 
der äusseren Sekretion der Keimdrüsen zn einer Zeit, da sie noch 
unentwickelt und solchen Ansprüchen in keiner Weise gewachsen sind. 
Dieses Missverhältnis kann uns allein eine befriedigende Erklärung für 
den so häufigen Typus des kindlichen Sexualneurasthenikers geben, der 
vom normalen Kinde so wesentlich verschieden ist. Es ist weiterhin 
klar, dass die durch vorzeitige innere und auch äussere Reize erschöpften 
Keimdrüsen des Neurasthenikers auch bei der Pubertät ein von der Norm 
abweichendes Verhalten aufweisen. Tritt der normale Organismus in 
die Pubertät ein, so vollzieht sich eine fast plötzliche Hypertrophie 
eines bis dahin nahezu rudimentären Organs. Beim Neurastheniker 
erfolgt die Entwicklung mehr verlangsamt, während wir den normalen 
Menschen fast „über Nacht" zum Jüngling resp. zur Jungfrau werden 



Über Onanie. 



131 



sehen. Der Neurastheniker war nie ein Kind, er wird auch nie ein 
Mann. Die Pubertät ist bei ihm gewissermaßen protrahiert (verlang- 
samtes Wachstum der Scham- und Barthaare, verlängertes Mutieren etc.). 
Die Flegeljahre dauern bei ihm länger, er ist ungeschickt und reizbar, 
ein Kind mit den Allüren, Begierden und Neigungen eines Mannes. 

Die chronisch hyperämisierten Genitaldrüsen des Neurasthenikers 
versagen demnach in der Pubertätsperiode sowohl in bezug auf die 
Funktion als auch in bezug auf die Hormonenbildung. Der gestörte 
normale Antagonismus der Hormone macht sich namentlich im Bereiche 
des sympathischen Nervensystems bemerkbar. 

Es ist nach diesen Voraussetzungen ohne weiteres klar, dass die 
Onanie für den Sexualneurastheniker eine eminente Schädlichkeit ist. 
Allerdings verträgt er den normalen Koitus ebenso schlecht. Während 
der Sexualakt für den Normalen überhaupt ohne Störung des Allo-emein- 
befindens verläuft, ergibt sich beim Neurastheniker eine Störung von 
mehrstündiger bis mehrtägiger Dauer. Daher halte ich den von Ferenczi 
geprägten Terminus der „Eintagsneurasthenie'' für überaus glücklich. 
Jeder Sexualakt ruft beim Neurastheniker eine Revolutionierung des 
ganzen Organismus hervor teils durch direkte Schädigung der chronisch 
hyperämisierten Genitalien, teils durch die obenerwähnten durch Störung 
der innersekretorischen Vorgänge verursachten Anomalien im Bereiche 
des sympathischen Nervengeflechtes. Daher die fast niemals fehlenden 
Magendarmbeschwerden, Spasmen in den gemeinschaftlich innervierten 
Sphinkter urethrae und Sphinkter ani, infolgedessen Harnbeschwerden 
und spastische Obstipation, Symptome, die im Bilde der Sexualneurasthenie 
oft so dominieren, dass sie selbständige Erkrankungen vortäuschen. 

Wenn ich also meine Ansicht kurz zusammenfasse, ergibt sich 
folgende Formulierung : Die Onanie ist für den Normalen gänz- 
lich unschädlich, für den Neurastheniker dagegen sehr 
nachteilig. Die Onanie erzeugt nicht die Neurasthenie, 

doch ist sie imstande, eine schon vorhandene Neurasthenie 
in hohem Grade zu steigern. 

Bei der Frage der Schädlichkeit der Onanie kommt auch der 
jeweils angewandten Methode der Betätigung eine gewisse Bedeutung 
zu. Am wenigsten schädlich ist zweifellos die mutuelle Onanie (infolge 
der Realität des Sexualobjektes), sowie alle Methoden, die eine gewisse 
Ähnlichkeit mit dem normalen Koitus haben, schädlicher diejenigen, die 
von diesem Typus wesentlich abweichen, z. B. die Reizung der Pars 
prostatica vom Peno-Scrotalwinkel her beim Manne oder die Friktion 
der Klitoris, das Saugen an den Brustwarzen beim Weibe; am schäd- 
lichsten ist sicherlich die Masturbation mit fehlender manueller Betäti- 
gung resp. mechanischer Reizung, weil in diesem Falle längere Zeit 
bis zum Orgasmus verstreicht und daher die körperliche und geistige 



132 



„Wiener psychoanalytische Diskussionen." 



Irritation den höchsten Grad erreicht. Doch ist zu bemerken, dass der 
ewig ungestillte Sexualhunger des Onanisten eine stete Variation der 
Methoden mit sich bringt. 

Da nach dem oben Gesagten nur die Onanie des Sexualneurasthe- 
nikers das Interesse des Arztes in Anspruch nimmt, kommen bei 
Prognose und Therapie auch nur die diesen Krankheitszustand betref- 
fenden Gesichtspunkte zur Geltung. Therapeutisch kommen alle Maß- 
nahmen in Betracht, die in frühester Jugend der Entstehung und 
dem Fortschreiten dieses Übels steuern könnten, Abhärtung, zweck- 
mäßige Diät und nicht zu allerletzt eine vernünftige, nicht nervöse 
Umgebung. Bei den neurasthenischen Zuständen der Nachpubertätszeit 
kann man durch entsprechende lokale Behandlung die chronische 
Hyperämie der Urethra und Prostata, die sich oft zum regelrechten Katarrh 
steigert, heilen und dadurch auch den Allgemeinzustand günstig beein- 
flussen. Vielleicht wäre auch die Organotherapie zur Verbesserung 
der innersekretorischen Verhältnisse in grösserem Maße heranzuziehen, 
als es bisher der Fall war. 

In der Praxis komplizieren sich die Verhältnisse allerdings noch 
meist dadurch, dass bei den entsprechend disponierten oder in frühester 
Jugend neurasthenisch gewordenen Individuen nach den in Freuds 
klassischen Arbeiten aufgezeigten Mechanismen als „psychischer Ober- 
bau" die verschiedenartigsten Neurosen zur Entwicklung kommen. In 
diesen sicherlich äusserst zahlreichen Fällen wird die Freudsche Psycho- 
analyse für sich allein oder in Kombination mit den oben angeführten 
Methoden die souveräne Behandlungsmethode sein. 



XIV. 



Professor Freud: 



Meine Herren! Die älteren Mitglieder dieses Kreises werden sich 
zu erinnern wissen, dass wir schon vor mehreren Jahren den Versuch 
einer solchen Sammeldiskussion — eines Symposion nach dem Aus- 
druck amerikanischer Kollegen — über das Thema der Onanie unter- 
nommen haben. Damals ergaben sich so bedeutende Abweichungen der 
geäusserten Meinungen, dass wir uns nicht getrauen konnten, unsere 
Verhandlungen der Öffentlichkeit vorzulegen. Seither haben wir — die- 
selben Personen wie auch neu hinzugekommene -- in unausgesetzter 
Berührung mit den Tatsachen der Erfahrung und in fortlaufendem 
Gedankenaustausch unter einander unsere Ansichten soweit geklärt und 
auf gemeinsamen Boden gehoben, dass uns das damals unterlassene 
Wagnis nicht mehr so gross erscheinen muss. 



Über Onanie. 



133 






Ich habe wirklich den Eindruck, dass die Übereinstimmungen unter 
uns über das Thema der Onanie jetzt stärker und tiefgehender sind als 
die — sonst nicht zu verleugnenden — Uneinigkeiten. Mancher Anschein 
eines Widerspruches wird nur durch die Vielseitigkeit der Gesichtspunkte, 
die Sie entwickelt haben, hervorgerufen, während es sich in Wahrheit 
um Ansichten handelt, die gut nebeneinander Raum finden. 

Gestatten Sie mir, dass ich Ihnen ein Resume vorführe, über 
welche Punkte wir einig oder uneinig zu sein scheinen. 

Einig sind wir wohl alle: 

a) über die Bedeutung der deu onanistischen Akt begleitenden 
oder ihn vertretenden Phantasien, 

b) über die Bedeutung des mit der Onanie verknüpften Schuld- 
bewusstseins, woher immer dieses stammen mag, 

c) über die Unmöglichkeit, eine cpualitative Bedingung für die 
Schädlichkeit der Onanie anzugeben. (Hierüber nicht ohne Aus- 
nahme einig). 

Unausgeglichene Meinungsverschiedenheiten haben 
sich gezeigt: 

a) in Betreff der Leugnung des somatischen Faktors der Onanie- 
wirkung, 

b) in Betreff der Abweisung der Onanieschädlichkeit überhaupt, 

c) in Bezug auf die Herkunft des Schuldgefühls, das die einen 
von Ihnen direkt aus der Unbefriedigung ableiten wollen, während 
andere soziale Faktoren oder die jeweilige Einstellung der Per- 
sönlichkeit mit heranziehen, 

d) in Bezug auf die Ubiquität der Kinderonanie. 
Endlich bestehen bedeutungsvolle Unsicherheiten: 

a) über den Mechanismus der schädlichen Wirkung der Onanie 
falls eine solche anzuerkennen ist, 

b) über die ätiologische Beziehung der Onanie zu den Aktual- 
neurosen. 

In den meisten der zwischen uns strittigen Punkte danken wir 
die Infragestellung der auf starke und selbständige Erfahrung gestützten 
Kritik unseres Kollegen W. Stekel. Gewiss haben wir einer künftigen 
Schar von Beobachtern und Forschern noch sehr viel zur Feststellung 
und Klärung übrig gelassen, aber wir wollen uns damit trösten, dass 
wir ehrlich und nicht engherzig gearbeitet und dabei Kichtungen ein- 
geschlagen haben, auf denen sich auch die spätere Forschung bewegen wird. 

Von meinen eigenen Beiträgen zu den uns beschäftigenden Fragen 
dürfen Sie nun nicht viel erwarten. Sie kennen meine Vorliebe für 
die fragmentarische Behandlung eines Gegenstandes zu Gunsten der 
Hervorhebung jener Punkte, die mir die gesichertsten scheinen. Ich 






134 „Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

habe nichts Neues zu geben, keine Lösungen, bloss einige Wieder- 
holungen von Dingen, die ich schon früher einmal behauptet, einige 
Verteidigungen dieser alten Aufstellungen gegen Angriffe aus Ihrer 
Mitte, und dazu noch wenige Bemerkungen, wie sie sich dem Zuhörer 
bei Ihren Vorträgen aufdrängen mussten. 

Ich habe bekanntlich die Onanie nach den Lebensaltern geschieden 
in 1. die Säuglingsonanie, unter der alle autoerotischen, der sexuellen 
Befriedigung dienenden Vornahmen verstanden sind, 2. die Kinderonanie, 
die aus ersterer unmittelbar hervorgeht und sich bereits an bestimmten 
erogenen Zonen fixiert hat, und Ü. die Pubertätsonanie, welche entweder 
an die Kinderonanie anschliesst oder durch die Latenzzeit von ihr 
getrennt ist. In manchen der Darstellungen, die ich von Ihnen gehört 
habe, ist diese zeitliche Scheidung nicht ganz zu ihrem Recht gekommen. 
Die durch den medizinischen Sprachgebrauch nahegelegte angebliche 
Einheit der Onanie hat manche allgemeine Behauptung veranlasst, wo 
die Differenzierung nach jenen drei Lebensepochen eher berechtigt 
gewesen wäre. Ich habe es auch bedauert, dass wir die Onanie des 
Weibes nicht in ähnlichem Maße wie die des Mannes berücksichtigen 
konnten, und meine, die weibliche Onanie sei eines besonderen Studiums 
wert, und gerade bei ihr fiele ein starker Akzent auf die durch das 
Lebensalter bedingten Modifikationen. 

Ich komme nun zu den Einwendungen, die Reitler gegen mein 
teleologisches Argument für die Ubiquität der Säuglingsonanie gerichtet 
hat. Ich bekenne, dass ich dies Argument preisgebe. Wenn die „Sexual- 
theorie'' noch eine Auflage erleben sollte , so wird diese den bean- 
standeten Satz nicht mehr enthalten. Ich werde darauf verzichten, die 
Absichten der Natur erraten zu wollen, und werde mich damit 
begnügen, den Sachverhalt zu beschreiben. 

Auch Reitlers Bemerkung, dass gewisse nur dem Menschen 
eigentümliche Einrichtungen am Genitalapparat die Hintanhaltung des 
Sexualverkekrs im Kindesalter anzustreben scheinen, muss ich für sinn- 
reich und bedeutsam erklären. Aber hier knüpfen meine Bedenken an. 
Der Verschluss der weiblichen Sexualhöhlung und der Wegfall des die 
Erektion versichernden Penisknochens sind doch nur gegen den Koitus 
selbst gerichtet, nicht gegen die sexuellen Erregungen überhaupt. 
Reitler scheint mir die Zielstrebigkeit der Natur allzu menschen- 
ähnlich zu erfassen, als handle es sich bei ihr wie bei Menschenwerk 
um die konsequente Durchführung einer einzigen Absicht. Soviel wir 
sehen, gehen aber in den natürlichen Vorgängen meist eine ganze Reihe 
von Zielstrebungen neben einander her, ohne einander aufzuheben. 
Wenn wir schon in menschlichen Terminis von der Natur sprechen, 
müssen wir sagen, sie erscheine uns als das, was wir beim Menschen 
inkonsequent heissen würden. Ich glaube meinerseits, Reitler sollte 



über Onanie. 135 

nicht soviel Gewicht auf seine eigenen teleologischen Argumente legen. Die 
Verwertung der Teleologie als heuristische Hypothese hat ihre Bedenken ; 
man weiss im einzelnen Falle nie, ob man an eine „Harmonie" oder 
an eine „Disharmonie" geraten ist. Es ist, wie wenn man einen Nagel 
in eine Zimmerwand einzuschlagen hat; man weiss nicht, trifft man 
auf eine Fuge oder auf den Stein. 

In der Frage des Zusammenhanges der Onanie und der Pollutionen 
mit der Verursachung der sog. Neurasthenie befinde ich mich wie viele 
von Ihnen im Gegensatz zu St ekel und halte gegen ihn meine 
früheren Angaben mit einer später anzuführenden Einschränkung auf- 
recht. Ich sehe nichts, was uns nötigen könnte, auf die Unterscheidung 
von Aktualneurosen und Psychoneurosen zu verzichteu, und kann die 
Genese der Symptome bei den ersteren nur als eine toxische hinstellen. 
Kollege St ekel scheint mir hier die Psychogeneität wirklich sehr zu 
überspannen. Ich sehe es noch immer so, wie es mir zuerst vor mehr als 
fünfzehn Jahren erschienen ist, dass die beiden Aktualneurosen — Neu- 
rasthenie und Angstneurose — (vielleicht ist die eigentliche Hypo- 
chondrie als dritte Aktualneurose anzureihen) das somatische Entgegen- 
kommen für die Psychoneurosen leisten, das Erregungsmaterial liefern, 
welches dann psj'chisch ausgewählt und umkleidet wird, so dass, allge- 
mein gesprochen, der Kern des psychoneurotischen Symptoms — das 
Sandkorn im Zentrum der Perle — von einer somatischen Sexual- 
äusserung gebildet wird. Dies ist für die Angstneurose und ihr Ver- 
hältniss zur Hysterie freilich deutlicher als für die Neurasthenie, über 
welche sorgfältige psychonalytisehe Untersuchungen noch nicht ange- 
stellt worden sind. Bei der Angstneurose ist es, wie Sie sich oftmals 
überzeugen konnten , im Grunde ein Stückchen der nicht abgeführten 
Koituserregung, welches als Angstsymptom zum Vorschein kommt oder 
den Kern einer hysterischen Symptombildung abgibt. 

Kollege St ekel teilt mit mehreren ausserhalb der Psychoanalyse 
stehenden Autoren die Neigung, die morphologischen Differenzierungen, 
die wir innerhalb des Gewirres der Neurosen statuiert haben , zu ver- 
werfen und sie alle unter einen Hut — etwa den der Psychasthenie — 
zu bringen. Wir haben ihm darin oftmals widersprochen und halten an 
der Erwartung fest, dass sich die morphologisch-klinischen Differenzen 
als noch unverstandene Anzeichen wesensverschiedener Prozesse wertvoll 
erweisen werden. Wenn er uns — mit Recht — vorhält, dass er bei 
den sog. Neurasthenikern regelmäßig dieselben Komplexe und Konflikte 
vorgefunden hat wie bei anderen Xeurotikern, so trifft dies Argument 
wohl nicht die Streitfrage. Wir wissen längst, dass wir die nämlichen 
Komplexe und Konflikte auch bei allen Gesunden und Normalen zu 
erwarten haben. Ja wir haben uns daran gewöhnt, jedem Kultur- 
menschen ein gewisses Maß von Verdrängung perverser Regungen, von 






136 „Wiener psychoanalytische Diskussionen." 

Analerotik, Homosexualität, u. dgl., soAvie ein Stück Vater- und Mutter- 
komplex und noch andere Komplexe zuzumuten, wie wir bei der 
Elementaranalyse eines organischen Körpers die Elemente: Kohlenstoff, 
Sauerstoff, Wasserstoff', Stickstoff und etwas Schwefel mit Sicherheit 
nachzuweisen hoffen. Was die organischeu Körper von einander unter- 
scheidet, ist das Mengenverhältnis dieser Elemente und die Konstitution 
der Verbindungen, die sie mit einander eingehen. So handelt es sich 
bei den Normalen und Neurotikern nicht um die Existenz dieser Kom- 
plexe und Konflikte, sondern um die Frage, ob dieselben pathogen 
geworden sind, und wenn, welche Mechanismen sie dabei in Anspruch 
genommen haben. 

Das Wesentliche meiner seinerzeit aufgestellten und heute ver- 
teidigten Lehren über die Aktualneurosen liegt in der auf den Versuch 
gestützten Behauptung, dass deren Symptome nicht wie die psycho- 
neurotischen analytisch zu zersetzen sind. Also dass die Obstipation, 
der Kopfschmerz , die Ermüdung der sog. Neurastheniker nicht die 
historische oder symbolische Zurückführung auf wirksame Erlebnisse 
gestatten, sich nicht als sexuelle Ersatzbefriedigungen, als Kompromisse 
entgegengesetzter Triebregungen verstehen lassen wie die (eventuell 
selbst gleichartig erscheinenden) psychoneurotischen Symptome. Ich 
glaube nicht, dass es gelingen wird, diesen Satz mit Hilfe der 
Psychoanalyse umzustürzen. Dagegen räume ich heute ein, was ich 
damals nicht glauben konnte, dass eine analytische Behandlung indirekt 
auch einen heilenden Einfluss auf die Aktualsymptome nehmen kann, 
indem sie entweder dazu führt, dass die aktuellen Schädlichkeiten besser 
vertragen werden, oder indem sie das kranke Individuum in den Stand 
setzt, sich durch Änderung des sexuellen Regimes diesen aktuellen 
Schädlichkeiten zu entziehen. Das sind ja gewiss erwünschte Aussichten 
für unser therapeutisches Interesse. 

Sollte ich aber in der theoretischen Frage der Aktualneurosen am 
Ende des Irrtums überwiesen werden, so werde ich mich mit dem Fortschritt 
unserer Erkenntnis, der den Standpunkt des Einzelnen entwerten muss, 
zu trösten wissen. Sie werden nun fragen , warum ich bei so lobens- 
werten Einsichten in die notwendige Begrenztheit der eigenen Unfehl- 
barkeit nicht lieber gleich den neuen Anregungen nachgebe und es 
vorziehe, das oft gesehene Schauspiel des alten Mannes zu wiederholen, 
der starr an seinen Meinungen festhält. Ich antworte, weil ich die 
Evidenz noch nicht erkenne, der ich nachgeben soll. In früheren Jahren 
haben meine Ansichten manche Veränderungen erfahren, die ich vor der 
Öffentlichkeit nicht verheimlicht habe. Man hat mir aus diesen Wand- 
lungen Vorwürfe gemacht, wie man sie heute aus meinen Beharrungen 
machen wird. Nicht, dass mich diese oder jene Vorwürfe abschrecken 
würden. Aber ich weiss, ich habe ein Schicksal zu erfüllen. Ich kann 



Über Onanie. 137 

ihm nicht entkommen und brauche ihm nicht entgegen zu gehen . Ich 
werde es abwarten und mich unterdess gegen unsere Wissenschaft so 
verhalten, wie ich es von früher her erlernt habe. 

Ungern nehme ich Stellung zu der von Ihnen viel behandelten 
Frage nach der Schädlichkeit der Onanie , denn dies ist kein ordent- 
licher Zugang zu den Problemen, die uns beschäftigen. Aber wir müssen 
es wohl alle. Die Welt scheint sich für nichts anderes an der Onanie 
zu interessieren. Wir hatten, wie Sie sich erinnern, an unseren ersten 
Diskussionsabenden über das Thema einen distinguierten Kinderarzt dieser 
Stadt als Gast in unserer Mitte. Was verlangte er in wiederholten An- 
fragen von uns zu erfahren? Nur, in wiefern die Onanie schädlich sei, 
und warum sie dem einen schade, dem anderen nicht. So müssen wir 
denn unsere Forschung nötigen, diesem praktischen Bedürfnis Rede zu 
stehen. 

Ich gestehe es. ich kann auch hierin nicht den Standpunkt 
Stekels teilen, trotz der vielen tapferen und richtigen Bemerkungen, 
die er uns über diese Frage vorgetragen hat. Für ihn ist die Schäd- 
lichkeit der Onanie eigentlich ein unsinniges Vorurteil, welchem wir 
nur infolge persönlicher Beengung nicht gründlich genug abschwören 
wollen. Ich meine aber, wenn wir das Problem sine ira et studio — 
soweit es uns eben möglich ist — ins Auge fassen , müssen wir eher 
aussagen, dass solche Parteinahme unseren grundlegenden Ansichten 
über die Ätiologie der Neurosen widerspricht. Die Onanie entspricht 
im Wesentlichen der infantilen Sexualbetätigung und dann der Fest- 
haltung derselben in reiferen Jahren. Die Neurosen leiten wir ab von 
einem Konflikt zwischen den Sexualstrebungen eines Individuums und 
seinen sonstigen (Ich-)Tendenzen. Nun könnte jemand sagen : für mich 
liegt der pathogene Faktor dieses ätiologischen Verhältnisses nur in 
der Reaktion des Ich gegen seine Sexualität. Er würde damit etwa 
behaupten, jede Person könnte sich frei von Neurose halten, wenn sie 
nur ihre sexuellen Strebungen ohne Einschränkung befriedigen wollte. 
Aber es ist offenbar willkürlich und sichtlich auch unzweckmäßig, so 
zu entscheiden und nicht auch die Sexualstrebungen selbst an der 
Pathogeneität teilnehmen zu lassen. Geben Sie aber zu, dass die 
sexuellen Antriebe pathogen wirken können, so dürfen Sie diese Be- 
deutung nicht mehr der Onanie streitig machen, die ja nur in der Aus- 
führung solcher sexuellen Triebregungen besteht. Gewiss werden Sie in 
jedem Falle, der die Onanie als pathogen zu beschuldigen scheint, die 
Wirkung weiter zurückführen können, auf die Triebe, die sich in der 
Onanie äussern, und auf die Widerstände, die sich gegen diese Triebe 
richten ; die Onanie ist ja weder somatisch noch psychologisch etwas 
Letztes , kein wirkliches Agens , sondern nur ein Name für gewisse 
Tätigkeiten, aber trotz aller Weiterführungen bleibt das Urteil über die 



1/ 



138 



„Wiener psychoanalytische Diskussionen." 



Krankheitsverursachung doch mit Recht an diese Tätigkeiten geknüpft. 
Vergessen Sie auch nicht daran, die Onanie ist nicht gleichzusetzen der 
Sexualbetätigung überhaupt, sondern ist solche Betätigung mit gewissen 
einschränkenden Bedingungen. Es bleibt also auch möglich, dass gerade 
diese Besonderheiten der ouanistischen Betätigung die Träger ihrer 
pathogenen Wirkung seien. 

Wir werden also vom Argument weg wieder an die klinische 
Beobachtung gewiesen, und diese mahnt uns, die Rubrik: Schädliche 
Wirkungen der Onanie nicht zu streichen. Jedenfalls haben wir es bei 
den Neurosen mit Fällen zu tun, in denen die Onanie Schadeu 
gebracht hat. 

Dieser Schadeu scheint sich auf drei verschiedenen Wegen durch- 
zusetzen : 

a) als organische Schädigung nach unbekanntem Mechanismus, 
wobei die von Ihnen oft erwähnten Gesichtspunkte der Maß- 
losigkeit und der inadäquaten Befriedigung iu Betracht kommen. 

b) auf dem Wege der p s y c h i s c h e n V o r b i 1 d 1 i c h k e i t, i nsoferne 
zur Befriedigung eines grossen Bedürfnisses nicht die Ver- 
änderung der Aussenwelt angestrebt werden muss. Wo sich 
aber eine ausgiebige Reaktion auf diese Vorbildlichkeit ent- 
wickelt, können die wertvollsten Charaktereigenschaften ange- 
bahnt werden. 

c) durch die Ermöglichung der Fixierung infantiler Sexual- 
ziele und des Verbleibens im psychischen Infantil ismus. Damit 
ist dann die Disposition für den Verfall in Neurose gegeben. 
Als Psychoanalytiker müssen wir für diesen Erfolg der Onanie 
— gemeint ist hier natürlich die Pubertätsonanie und die über 
diese Zeit hinaus fortgesetzte — das grösste Interesse auf- 
bringen. Halten wir uns vor Augen, welche Bedeutung die 
Onanie als Exekution der Phantasie gewinnt, dieses Zwischen- 
reiches, welches sich zwischen dem Leben nach dem Lust- 
und dem nach dem Realitätsprinzip eingeschaltet hat, wie die 
Onanie es ermöglicht, in der Phantasie sexuelle Entwicklungen 
und Sublimierungen zu vollziehen, die doch keine Fortschritte, 
sondern nur schädliche Kompromissbildungen sind. Derselbe 
Kompromiss macht allerdings nachSteke ls wichtiger Bemerkung 
schwere Perversionsneigungen unschädlich und wendet die ärgsten 
Folgen der Abstinenz ab. 

Eine dauernde Abschwächung der Potenz kann ich nach meinen 
ärztlichen Erfahrungen nicht aus der Reihe der Onaniefolgen aus- 
schliessen, wenngleich ich St ekel zugebe, dass sie in einer Anzahl 
von Fällen als bloss scheinbare zu entlarven ist. Gerade diese Folge der 
Onanie kann man aber nicht ohne Weiteres zu den Schädigungen 



Über Onanie. 139 

rechnen. Eine gewisse Herabsetzung der männlichen Potenz und der 
mit ihr verknüpften brutalen Initiative ist kulturell recht verwertbar. Sie 
erleichtert dem Kulturmenschen die Einhaltung der von ihm geforderten 
Tugenden der sexuellen Mäßigkeit und Verlüsslichkeit. Tugend bei 
voller Potenz wird meist als eine schwierige Aufgabe erfunden. 

Wenn Ihnen diese Behauptung zynisch erscheint, so nehmen Sie 
an, dass sie nicht als Zynismus gemeint ist. Sie will nichts sein als 
ein Stück dürrer Beschreibung, dem es gleich gilt, ob es Wohlgefallen 
oder Ärgernis erwecken kann. Die Onanie hat eben auch, wie so vieles 
andere, les defauts de ses vertus und umgekehrt les vertus de ses 
defauts. Wenn man einen komplizierten sachlichen Zusammenhang in 
einseitig praktischem Interesse auf Schaden oder Nutzen zerfasert, 
wird man sich solche unliebsame Funde gefallen lassen müssen. 

Ich meine übrigens, dass wir mit Vorteil von einander trennen 
können, was man die direkten Schädigungen durch die Onanie heissen 
kann, und was sich in indirekter Weise aus dem Widerstand und 
der Auflehnung des Ich gegen diese Sexualbetätigung ableitet. Auf 
diese letzteren Wirkungen bin ich hier nicht eingegangen. 

Nun noch einige notgedrungene Worte zur zweiten der an uns 
gerichteten peinlichen Fragen. Vorausgesetzt, dass die Onanie schädlich 
werden kann, unter welchen Bedingungen und bei welchen Individuen 
erweist sie sich als schädlich? 

Ich möchte mit der Mehrzahl von Ihnen eine allgemeine Beant- 
wortung dieser Frage ablehnen. Sie deckt sich ja zu einem Teil mit 
der anderen umfassenderen Frage, wann die sexuelle Betätigung über- 
haupt für ein Individuum pathogen wird. Ziehen wir dieses Stück ab, 
so erübrigt eine Detailfrage, welche sich auf die Charaktere der Onanie 
bezieht, insoferne sie eine besondere Art und Weise der Sexual- 
befriedigung darstellt. Hier gälte es nun, Bekanutes und in auderem 
Zusammenhange Vorgebrachtes zu wiederholen, den Einnuss des quanti- 
tativen Faktors und des Zusammenwirkens mehrfacher pathogen wirk- 
samer Momente zu würdigen, vor allem aber müssten wir den sogenannten 
konstitutionellen Dispositionen des Individuums einen grossen Platz ein- 
räumen. Gestehen wir es aber nur: es ist eine üble Sache, mit diesen 
zu arbeiten. Wir pflegen die individuelle Disposition nämlich ex post 
zu erschliessen ; nachträglich, wenn die Person bereits erkrankt ist, 
schreiben wir ihr diese oder jene Disposition zu. Wir haben kein Mittel 
zur Hand, sie vorher zu erraten. Wir benehmen uns da wie jener 
schottische König in einem Roman von Victor Hugo, der sich eines 
unfehlbaren Mittels rühmte, um die Hexerei zu erkennen. Er Hess die 
Beschuldigte in heissem Wasser abbrühen, und dann kostete er die 
Suppe. Je nach dem Geschmack urteilte er dann: Ja, das war eine 
Hexe, oder: Nein, das war keine. 



> 









140 



„Wiener 'psychoanalytische Diskussionen.''' Über Onanie. 















Ich könnte Sie noch auf ein Thema aufmerksam machen, welches 
in unseren Besprechungen zu wenig behandelt worden ist, das der sog. 
unbewussten Onanie. Ich meine die Onanie im Schlafe, in abnormen 
Zuständen, in Anfallen. Sie erinnern sich , wieviel hysterische Anfälle 
den onanistischen Akt in versteckter oder unkenntlicher Weise wieder- 
bringen, nachdem das Individuum auf diese Art der Befriedigung ver- 
zichtet hat, und wieviel Symptome der Zwangsneurose diese einst ver- 
botene Art der Sexualbetätigung zu ersetzen und zu wiederholen suchen. 
Man kann auch von einer therapeutischen Wiederkehr der Onanie 
sprechen. Mehrere von Ihnen werden bereits wie ich die Erfahrung 
gemacht haben, dass es einen grossen Fortschritt bedeutet, wenn der 
Patient sich während der Behandlung wiederum der Onanie getraut, 
wenngleich er nicht die Absicht hat , dauernd auf dieser infantilen 
Station zu verweilen. Ich darf Sie dabei auch daran mahnen, dass eine 
ansehnliche Zahl gerade der schwersten Neurotiker in den historischen 
Zeiten ihrer Erinnerung die Onanie vermieden hat, während sich durch 
die Psychonalyse nachweisen lässt, dass ihnen diese Sexualtätigkeit in 
vergessenen Frühzeiten keineswegs fremd geblieben war. 

Doch ich denke, wir brechen hier ab. Wir sind ja alle in dem 
Urteil einig, dass das Thema der Onanie schier unerschöpflich ist. 



Verlag von J. F. BERG- MANN in Wiesbaden. 



Über den Selbstmord 

insbesondere den 

Schüler-Selbstmord. 

Dr. Alfred Adler, Prof. S. Freud, Dr. J. K. Friedjung, Dr. Karl Molitor, 
Dr. R. Reit ler, Dr. J. Sadger, Dr. W. St ekel, Onus nvultoriun. 

Diskussionen des Wiener psychoanalytischen Vereins. 

Herausgegeben von der Vereinsleitung. 



I. Heft. - Preis Mk. 1.35. 



Die aufsehenerregenden Forschungen Freud 's und seiner Schüler stehen 
jetzt im Mittelpunkte des öffentlichen Interesses. Diese kleine Schrift ist nicht nur 
für Ärzte hochinteressant. Jeder Pädagoge sollte sie lesen, um die wirklichen 
Zusammenhänge zwischen dem Liebesleben der Menschen und ihrem Selbst- 
vernichtungtrieb kennen zu lernen. Auch gebildete jeden Standes, besonders Juristen, 
Seelsorger, Richter u. s. w. werden gewiss grossen Nutzen und neue Erkenntnisse 
ziehen. Die Form der Diskussionen verleiht dem kleinen Bündchen einen frischen, 
vorwärtsdrängenden Zug, der gewiss viel zu seiner Verbreitung beitragen wird. 



Ueber den Traum. 

Von 

Prof. Dr. Sigm. Freud in Wien. 

■■ Zweite Auflage. - Preis Mk. 1.60. = 



Die kleine inhaltsreiche Arbeit ist jetzt in zweiter, modern ergänzter Auflage 
erschienen. Sie bietet eine auch dem Nichtpsychologen leicht fassliche Darstellung 
der Grundprobleme der wissenschaftlichen Traumdeutung, die von Freud 
inauguriert wurde, erörtert sie an einfachen Beispielen und gewährt Ausblicke auf 
die Bedeutung der Wissenschaft vom Traume für Neurosologie. Psychiatrie, Mytho- 
logie und Psychologie. 

Jeder Gebildete sollte den Widerstand überwinden, der ihn abhält, die 1 räume 

der Beachtung und Untersuchung zu würdigen und diese Schrift lesen 

Wiener klinische Rundschau. 



Sexualleben und Nervenleiden., 

Die nervösen Störungen sexuellen Ursprungs. 

Von 

Hofrat Dr. L. Loewenfeld in München. 

Vierte, völlig umgearbeitete und sehr vermehrte Auflage. 

Mk. 7.—, gebunden Mk. 8.—. 

Das Werk ist ein Trost für alle, deren Nervensystem durch 
falsches Handeln und durch falsche Vorstellungen namentlich ge- 
litten haben. Die Empfehlung seiner Lektüre dürfte geradezu mit als ein Mittel 
für die Heilung von manchem verständigen Arzte verwendet werden. Noch 
wünschenswerter aber erschiene es, dass aus solchen Werken junge — und alte — 
Leute ihr Wissen schöpfen, ehe sie Schiffbruch gelitten. Sie würden 
sich nicht nur vor unnötigen Geldversehwendereien, wie z. B. für die 
mit so aufdringlicher Reklame an gepriese neu, durchaus nicht immer un- 




Quiiiuii sciiuizen unu eine uauu-ncue uuu veiai>aiuuge aiuiooouug 
machen, deren Wert für das Nervensystem ein ganz ausserordentlicher ist. 

Münckener Neueste Nachrichten, 



Verlag von J. F. BERGMANN in Wiesbaden. 






Im III. Jahrgang beginnt zu erscheinen : 

Zentralblatt für Psychoanalyse. 

Medizinische Monatsschrift für Seelenkunde. 

Organ der internationalen Psychoanalytischen Vereinigung 

Herausgeber: Prof. Dr. Sigm. Frend. 

Schriftleiter: Dr. Wilhelm Stekel, Wien, C4onzagagasse 21. 

Im Sommer: Bad Ischl. 

Jahrgang I enthielt u. a. neben den reichhaltigen Abteilungen: Mitteilungen 
— Referate und Kritiken — Varia — Literatur folgende Originalarbeiten: 

Adler: Die psychische Behandlung der Trigeininusneuralgie. 
„ Beitrag zur Lehre vom Widerstand. 
„ Syphilidophobie. 
Brill: Ein Fall periodischer Depression psychogenen Ursprungs. 
Ferenczi: Über obszöne Worte. 

„ Anatole France als Analytiker. 

Freud: Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie. 
„ Über wilde Psychoanalyse. 
„ Nachträge zur Traumdeutung. 
Friedmann: Eduard Mürike. 

Juliusburger: Über einen Fall von akuter autopsychischer Bewusstseins- 
störung, ein Beitrag zur Lehre von Kriminalität und Psychose. 
Jung: Ein Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes. 
Luzenberger: Psychoanalyse in einem Falle von Errötungsangst als 

Beitrag zur Psychologie des Schamgefühls. 
Maday: Der Begriff des Triebes. 

Mae der: Znr Entstehung der Symbolik im Traum, in der Dementia 
praecox etc. 

Nepal leck: Analyse einer scheinbar sinnlosen infantilen Obsession. 

Pf ister: Zur Psychologie des historischen Madonnenkultus. 

Hysterie und Mystik bei Margaretha Ebner (1291—1351). 

Putnam: Über Ätiologie und Behandlung von Psychoneurosen. 

„ Persönliche Erfahrungen mit Freud's psycho-analytischer 

Methode. 

Rank: Das Verlieren als Symptomhandlung. 

Riklin: Eine Lüge. 

„ Über einige Probleme der Sagendeutung. 

Rosenstein: Julius Piklers «dynamische Psychologie" und ihre Be- 
ziehungen zur Psychoanalyse. 

Rosenthal: Karin Michaelis: «Das gefährliche Alter" im Lichte der 
Psychoanalyse. 

Sadger: Ist das Asthma eine Sexualnenrose. 
Silbeier: Vorläufer Frciid'seher Gedanken. 

Stegmann: Ergebnisse der psychischen Behandlung einiger Fälle von 
Asthma. 

Stekel: Die psychische Behandlung der Epilepsie. 



Jährlich erscheinen 12 Hefte im Gesamt-Umfang von 36 bis 
40 Druckbogen zum Jahrespreis von Mk. 18. — . 



Verlag von J. F. BERGMANN in Wiesbaden. 



Sadismus und Masochismus 

von Dr. .A.. Eulenburgr, 
Geh. Med.-Rat, Professor in Berlin. 

Zweite zum Teil umgearbeitete Auflage. 



Preis Kk. 2.80. 

.... Eulen bürg gehört zu den wenigen Autoren, die über diese Kunst 
verfügen. Er versteht es, diese Fragen aus dem Gebiete der sexuellen Psychopathologie 
vom wissenschaftlichen Standpunkte des Arztes und Psychologen aus, dabei in 
literarisch vollendeter und für jeden Gebildeten verständlicher Form zu behandeln. 
Darum ist die Lektüre des vorliegenden Essays recht interessant Im Mittel- 
punkt der ganzen Darstellung stehen die biographischen Charakterschilderungen des 
Marquis de Sa de und des Schriftstellers Leopold v. Sa eher -Mas och. 

All gem. Medizinische Central -Zeitung. 



Berühmte Homosexuelle. Von Dl Albert Mo11 iu Berli ; k ^ 
Über psychopathischTPersönlichkeiten. J^t^. 

Von Dr. Carl Birnbaum in Buch-Berlin. Mk. 2.50. 



Homosexualität und Strafgesetz. 



Von Hofrat Dr. L. Loewenfeld 

in München. Mk. 1. — . 



Über die sogen. Moral insanity. 



Von Medizinal-Rat Dr. Naecke 
in Hubertusburg. Mk. 1.60. 



Qavnala+hiL Von ^ ir - T * Ekreiitfels, o. Professor der Philosophie an der 
OeXUdieUIIK. ünivers ität in Prag, Mk. 2.80. 

Liebe und Psychose. 

Von Dr. Georg Lomer, 

IL Arzt an der Heilanstalt Nordend in Nieder-Schönhausen bei Berlin. 

Mk. 1.60. 

Unter den naturwissenschaftlichen Betrachtungen der Liebe dürfte diese 
besondere Beachtung verdienen, da in derselben die Beziehungen der Liebe zu 
Geistesstörungen in sehr interessanter Weise dargelegt werden. Der Autor schildert 
die Entwicklung der Liebe in allen ihren Phasen und zeigt, dass die seelischen Ver- 
änderungen eine gewisse Verwandtschaft mit der als Paranoia (Verrücktheit) be- 
zeichneten geistigen Störung aufweisen, so dass mau von einer physiologischen 
Paranoia sprechen könnte. Er betont jedoch zugleich, dass die Liebe andererseits 
in sozialer Beziehung etwas durchaus Zweckdienliches und Physiologisches darstellt. 
Anschliessend bespricht der Autor in knapper Weise die abnormen Richtungen des 
Liebestriebes und die pathologische Steigerung normaler Liebessymptome. 



Verlag von J. F. BERGMANN in Wiesbaden. 



Das Erwachen des Geschlechtsbewusstseins 
und seine Anomalien. 

Eine psychologisch-psychiatrische Studie. 

Von Dr. med. L. M. Kötscher in HubertusDurg. 



Mk. 2.—. 



I n h alt: 

I. Hunger und Liebe. — II. Zellleben und Sexualität. — III. Die Differenzierung 
von Mann und Weib als C4escklechtswesen. ßisexuulität. HeteroSexualität und 
Homosexualität. — IV. Die Faktoren des Geschlechtstriebes. — V. Die psychische 
Entwickelung der Sexualität aus dem neutralen kindlichen Zustand. Das Scham- 
gefühl. Homosexuelle Kinder. — VI. Die Sclinierzerregung als Erwecker der 
Sexualität. — VII. Das Gefühlsleben in der Pubertätszeit. Hemmung und Über- 
schwang desselben. Monoerotismus und sexuelle Phantasien. Erotischer Symbolismus. 
— VIII. Die erste Liebe. Selbstmorde aus verletztem Ehrgeiz und Liebeskummer. 
Das Heimweh. Abenteuerlust und Jugendstreiche. — IX. Pubertät und jugendliches 
Verbrechertum. Pubertätspsychosen. — X. Prophylaxe und Behandlung der Gefahren 

der Pubertätszeit. 

Einer Erhöhung des allgemeinen Verhältnisses einer der kritischsten Zeiten 
in dem Leben des Individuums soll die vorliegende Schrift dienen. Während man 
früher nur in Dichtung und Kunst das Liebesproblem behandelte, hat die Not der 
Zeit sowohl, wie auch eine neue Werte schaffende naturwissenschaftliche Denk- 
richtung gewagt, auch das sexuelle Problem unter die Lupe der Forschung zu 
nehmen. Hier ist es für die vorurteilslose Naturwissenschaft die allerhöchste Zeit, 
die Führung zu übernehmen, kann sie die sehende Führerin sein durch das Tor der 
Erkenntnis in das Land der Gesundheit und der möglichsten Zufriedenheit. Wer 
offene Augen hat für die Schäden auf sexuellem Gebiete, wer sieht, wie die Jugend, 
Knaben und Mädchen, von tausenderlei Gefahren umlauert ist, wie die Psychopathien 
unter ihr sich vermehren, wie das jugendliche Verbrechertum auch bezüglich der 
Leidenschaftsverbrechen, der Verbrechen aus ungestilltem Geschlechtshunger wächst, 
der wird das Aktuelle der Kötscherschen Schrift ermessen, die mit psychologischer 
und psychiatrischer Fachkenntnis in die feineren seelischen Regungen der jugend- 
lichen erwachenden Seele hineinleuchtet, welche zum ersten Male von der gewaltigen 
Regung der Liebe, diesem überwältigenden Naturtriebe, dem wir allein die Erhaltung 
der Art verdanken, ergriffen wird. 

Der Umschwung in der Syphilisbehandlung 

im ersten Jahrzehnt des XX. Jahrhunderts 

und die jetzige Lage. 



Zur raschen Orientierung für den Praktiker 



dargestellt von 



Prof. Dr. Toutou und Dr. Feiidt. 
Preis Mk. 2.—. 

^Z^T Persönliche Prophylaxe und Praventivbehandluiig, Abortiv- und 
energische Frühbehandlung, Elnppcnhckaiidliiiig. — (Juecksilber-, Jod- und 
Arsentherapie; Schutzimpfung und Seruinthcrapie. — Mobilisierende Therapie 
(Bade-, Trink- und Schwitzkuren : Vorkuren). — Das Salvarsan. 









Verlag von J. F. BERGMANN in Wiesbaden. 



Aeskulap als Harlekin. 

Humor, Satire und Phantasie aus der Praxis. 



Von 

Dr. med. Serenus. 
- Preis Mk. 2.SO. - 



Wenn je ein Pseudonym zutreffend gewählt wurde, so ist es bei vorliegendem 
Buche der Fall, welches in der Tat jene anmutige und würdige Heiterkeit atmet, 
welche der Römer mit diesem Begriff zu verbinden pflegte. Eine Satire, die tapfer 
zugreift und sicher trifft und doch durch göttlichen Humor gemildert durch un- 
widerstehliche Komik selbst den Getroffenen auf die Seite der Lacher zwingt, das 
ist es, was wir alle brauchen. Das ist es, was der Arzt braucht, der sich von des 
Tages Mühen und Last erholen, der sich wirklich auffrischen will. Das ist es, was 
der Laie braucht, um im Arzt den „Erzieher" kennen zu lernen. 

Der Frauenarzt. 

In unserer humorarmen Zeit sollte eine Gabe echten Humors aller Welt mit 
Posaunenstössen bekannt gemacht werden. Das feinsinnige Buch Serenus' hat 
diese Reklame nicht nötig: es erobert sich unaufhaltsam einen begeisterten Leser- 
kreis. Wer nach des Tages Mühe sich eine erquickende Stunde bereiten will, der 
nehme das Buch in die Hand und wird dem Autor dankbar sein. Es führt uns in 
den Bann eines überlegenen Geistes, der die moderne Medizin mit eigenen Augen 
sieht und von der höheren Warte verstehenden Empfindens die Leiden der Menschheit 
ansieht. Es ist schwer, aus den zahlreichen Kapiteln ein besonderes hervorzuheben. 
Das „ Tagebuch des Tuberkelbazillus" packt unser Interesse, das Schicksal des „ ver- 
lorenen Gedankens" spannt uns, wir lächeln über die „Arzte als Patienten" und wir 
folgen mit Staunen den an Verne gemahnenden Zukunftsphantasien eines medi- 
zinischen Künstlers. Mit einem Wort, das Buch solle jedermann lesen, der zu den 
Leiden der modernen Menschheit befreiende Stellung nehmen will. 

Österreich. Volkszeitung, Wien. 

Aeskulap, sonst ein ernster Kämpfer, der seine besten Kräfte im Ringen mit 
dem Tod verbraucht, hat hier einmal Faschingsgelüste, will ein Narrenkleid anziehen 
und als 1 Harlekin seine Schellen klingen lassen. Steht das mit seines Gewerbes 
Stimmung und der ihm würdigen Haltung in Einklang? Aber der Autor beruft 
sich auf den grossen Menschenkenner Shakespeare, der Totengräber immer als 
humorvolle Philosophen schildert. Der arme Mann müsste ja in den Tränen der 
Leidtragenden ertrinken, wenn ihn nicht sein gesunder Humor vor Todesangst und 
Spintisieren schützen würde. Die Tragikomödie, die sich aus der Tragödie des Kranken- 
bettes und der Krankenstube, besonders aber der Ordinationsstunde herausschälen 
lässt, in geistvoller Weise literarisch verwertet zu haben, ward so des lustigen und 
dabei doch tief beobachtenden Verfassers Verdienst. Das Tagebuch eines Tuberkel- 
bazillus, der Streik der Bakterien, Bazillen der Liebe, Bazillen des Tratsches 
Phantasien eines Geimpften sind köstliche Produkte medizinischer Launen. Und 
auch die anderen Nummern des manchmal recht tollen Buches wirken auf das 
ZwerchfelL Pester Lloyd. 



Verlag von J. F. BERGMANN in Wiesbaden. 



Über den 

nervösen Charakter, 

Grundzüge 
einer vergleichenden Individual- 
Psychologie und Psychotherapie. 

Von 

Dr. Alfred Adler, 

Wien. 
Preis Mk. 6.50, gebunden Mk. 7.70. 



Aus dem Inhalt. 

Praktischer Teil : 1. Geiz. — Misetrauen. — Neid. — Grausamkeit. — Neu- 
rotische Apperzeption. — Formen- und Intensitätswandel der Fiktion. — Organ- 
jargon. — 11. Neurotische Grenzerweiterung durch Askese, Liebe, Reisewut, Ver- 
brechen. — Simulation und Neurose. — Minderwertigkeitsgefühl des weiblichen 
Geschlechts. — Zweck des Ideals. — Zweifel als Ausdruck des psychischen 
Hermaphroditismus. — Masturbation und Neurose. — Das Wesen des Wahns. — 
III. Nervöse Prinzipien. — Mitleid, Koketterie, Narzissismus. — Psychischer 
Hermaphroditismus. — Halluzinatorische Sicherung. — Tugend, Gewissen, 
Pedanterie, Wahrheitsfanatisinus. — IV. Entwertungstendenz. — Trotz und 
Wildheit. — Symbolische Entmannung. — Gefühl der Verkürztheit. — Der 
Lebensplan der Manngleichheit. — Simulation und Neurose. — Ersatz der 
Männlichkeit. — Ungeduld, Unzufriedenheit, Verschlossenheit. — V. Grausam- 
keit,. — Gewissen. - - Perversion und Neurose. — VI. Oben — Unten. — Berufs- 
wahl. — Mondsucht. — Gegensätzlichkeit des Denkens. — Erhöhung der Persön- 
lichkeit durch Entwertung Anderer. — Eifersucht. — Denken in Gegensätzen und 
männlicher Protest. — Zögernde Attitüde und Ehe. — Die Attitüde nach aufwärts 
als Symbol des Lebens. — Masturbationszwang. — Nervöser Wissensdrang. — 
VII. Pünktlichkeit. — Homosexualität und Perversion als Symbol. — Schamhaftig- 
keit und Exhibition. — Treue und Untreue. - Eifersucht. — VIII. Furcht vor 
dem Partner. — Das Ideal in der Neurose. — Schlaflosigkeit und Schlalzwang. 
— Neurotischer Vergleich von Mann und Frau. — IX. Selbstvorwürfe, Selbst- 
quälerei, Bussfertigkeit und Askese. — Flagcllation. - X. Familiensinn des 
Nervösen. — Trotz und Gehorsam. — Schweigsamkeit und Geschwätzigkeit. — 
Die Umkelirungstendenz. 



V 



Aus Besprechungen. 

Jedenfalls mussten Charcot und Janet, Breuer und Freud gewirkt 
haben, damit dies Buch Adlers kommen konnte, das darum unser Interesse 
fesselt, weil es. von der Neurose ausgehend, eine grundlegende neue 
Theorie der Nervosität entwickelt, die eine grosse Zukunit haben mag. 

Ohne jetzt, bald nach dem Erscheinen dieses bedeutsamen Werkes, 
ein Endurteil auszusprechen idenn neue Ideen iu der Wissenschaft wollen lange 
geprüft und sorgfältig verifiziert sein) mögen diese Zeilen, kurz referierend, nur 



die Aufmerksamkeit weiterer Kreise der Gebildeten anregen, wobei viel höchst 

interessante Detailanweudungen unerwähnt bleiben müssen 

Frankfurier Zeitung. 



Verlag von J. F. BERGMANN in Wiesbaden. 



Über das 

Eheliche Glück 

Erfahrungen, Reflexionen und Ratschlage eines Arztes. 

Von 

Hofrat Dr. med. L. Loewenfeld in München. 

Dritte Auflage. — Biegsam gebunden. 

Preis Mk. r>.—. 



Der Münchener Arzt unternahm liier den Versuch, die Gesamtheit der 
äusseren und inneren Bedingungen des ehelichen Glücks klarzustellen und 
baut auf diesen Endergebnissen eine Reihe von Ehereformvorschlägeii auf. 
Wertvoll ist die schon erwähnte Klarstellung der ehelichen Glücksbedingungen, 
dieses scharfsichtige Aufspüren der Quellen aller jener Leiden, die zu Ent- 
fremdung und Zerwürfnis führen müssen und tausendmal geführt haben. Den 
Massen soll dieses schwierigste aller Probleme deutlich gemacht werden. Und 
nun folgt die Aufzählung und Erklärung aller solcher Faktoren. Der Arzt 
spricht hier als Arzt und Mensch überhaupt, spricht von den körperlichen 
Vorzügen, den Gesundheitsverhältnissen der Eheleute, streift Stand, Ver- 
mögen, Religion, Erziehung, sexuelles Vorleben und Motive zur Ehe- 
schliessung beider Gatten : zieht eingehend die seelischen Eigenschaften der 
Eheleute in Betracht und widmet ein Viertelhundert Seiten dem geschlecht- 
lichen Verkehr in der Ehe. Aber während er so die intimsten Vorgänge des 
ehelichen Lebens streift, berührt er doch niemals auch nur mit einem einzigen 
Wort abstossend. Sein flüssiger, klarer Stil gleitet über alles Gemeine glatt 
hinweg, wir lernen durch sein Glas die Natürlichkeiten des Lebens als etwas 
Selbstverständliches erkennen. Der Verfasser möchte „den Leser mit Er- 
fahrungsmaterial bekannt machen, aus dem sich die für die Gattenwahl und das 
Ehelehen erforderlichen Schlüsse ziehen lassen." Ich möchte da zusagen, 
man lese dieses Buch je eher, desto hesser. 

Hamburger Correspondent. 



Eugen Albrecht 

Gedichte und Gedanken. 

Zweite Auflag e. 

Elegant gebunden Mk. 3.60. 

Aus Besprechungen der ersten Auflage. 

Eugen Albrecht, nicht der Gelehrte, sondern der unvergessliche Mensch 
tritt aus diesen Blättern voll erschütternder Bekenntnisse vor uns hin — der 
ganze Mensch mit der Weite und Klarheit seines Geistes, der stahlharten 
Geschlossenheit seines Charakters und dem goldenen Überftuss seiner grossen 
Seele. Möge sein Vermächtnis, der zum Kunstwerk verklärte Ausklang eines 
reichen Lebens, viele Gleichgestimmte finden. 

Aus der Deutschen Medizin. Wochenschrift. 



Verlag von J. F. BERGMANN in Wiesbaden. 



Über geschlechtliche Sterilität 
und ihre Ursachen 

nebst einem Anhange 

über künstliche Befruchtung bei Tieren 
und beim Menschen. 

Ein Vortrag von 
Dr. med. Ivar Broman, 

o. Professor der Anatomie an der Universität Lund. 



< 



Preis 60 Pfge. 



Die bei den niederen Geschöpfen im allgemeinen sehr grosse Fruchtbarkeit 
wird bei den höheren Tieren normalerweise immer stärker reduziert. Die Quantität 
der Nachkommen der höheren Tiere wird für die Qualität derselben geopfert. 

Beim Menschen und bei gewissen höheren Tieren liegt nun die restierende 
Fruchtbarkeit schon der Sterilitätsgrenze so nahe, dass sie — unter dem Einflüsse 
von Faktoren die die Fruchtbarkeit noch weiter herabsetzen — diese Grenze relativ 
leicht überschreiten. 

Diese Faktoren, die Sterilitäts Ursachen, werden (um auch dem auf 
diesem Gebiete weniger Bewanderten einen Überblick darüber zu ermöglichen) vom 
Verfasser tabellarisch zusammengestellt und zwar in drei Hauptabteilungen, nämlich: 
I. Kopulationshindernisse, d. h. solche, die die normale Be- 
gattung unmöglich machen: 
11. Iniprägnatioushindernisse, d. h. solche, die das Eindringen 

des Spermiums in das Ei verhindern ; und 
III. Graviditätshindernisse, d. h. solche, durch welche die 
Schwangerschaft unterbrochen wird, ehe das neue Individuum noch 
extrauterin lebensfähig ist. 

Im übrigen werden in dem Vortrage einzelne der mehr rätselhaften und 
interessanten Sterilitütsi'ragen eingehender besprochen; so z. B. ob unter sich un- 
fruchtbare Ehegatten in anderen Ehen fruchtbar sein können ; ob es normal 
menstruierende Frauen gibt, deren Eierstöcke keine Eier abgeben; ob der Begattungs- 
trieb des Mannes vorhanden sein kann, auch wenn er keine befruchtungsfähige 
Geschlechtszellen mehr besitzt; ob es heilbare Formen von Sterilität gibt etc. 

Zwischen der oft schon innerhalb der drei ersten Generationen einer Ober- 
klassfamilie eintretenden Sterilität und der Gefangenschaftssterilität 
der Tiere wird eine interessante Parallele gezogen. In diesem Zusammenhang 
werden auch die für die Erhaltung der Fruchtbarkeit ungünstigen 
Lebensverhältnisse der Oberklassfamilie besprochen. 

Zuletzt gibt Verfasser in einem Anhang eine kurze Historik über die bisher 
bei Tieren und beim Menschen mit Erfolg ausgeführten künstlichen Befruchtungen.